DIGITAL VERSIERT Die Ausbildung der ersten Internet-Generation sorgt für neue Herausforderungen

Mit ihrer Begeisterung für Hightech-Produkte und soziale Medien unterscheiden sich die Studierenden von heute deutlich von früheren Generationen. Compass schaut sich an, was dieser neue Typ vernetzt Lernender den Bildungseinrichtungen und der Wirtschaft zu bieten hat... und was er im Gegenzug erwartet.

Dank der weiten Verbreitung von Konsumgüter-Technologien und sozialer Medien ist die heutige Generation mobiler und besser sozial vernetzt als jemals zuvor; ein neuer Umstand, der sowohl für Hochschulen wie auch für künftige Arbeitgeber enorme Auswirkungen mit sich bringt. 

„Die Hochschulen bringen derzeit eine neue Art Akademiker hervor, den man vielleicht den ‘globalen Absolventen’ nennen könnte. Vor allem handelt es sich um Persönlichkeiten, die sich selbständig weiter entwickeln“, sagt Olga Kovbasyuk, Präsidentin der International Higher Education Teaching and Learning Association (HETL). „Daher haben sie Erfahrungen mit globalem Lernen und sind in der Lage, globales Wissen und entsprechende Fähigkeiten für die effek tive Interaktion und Zusammenarbeit mit den Kulturen der Welt einzusetzen. Sie nehmen sich und die Welt bewusster wahr und können Probleme der Weltpolitik und der Wirtschaft aus mehreren Perspektiven betrachten.“

MODERNE STUDIERENDE ZUFRIEDENSTELLEN

Junge Erwachsene mit guter Ausbildung und technologieaffiner Lebensweise (die sogenannte „Generation Y“) sind stärker weltweit vernetzt und haben Zugang zu mehr Daten und Kontakten als alle Vorgängergenerationen – und das jederzeit und an jedem Ort. Für sie ist es selbstverständlich, Technologien wie Smartphones, Tablets und Videospielkonsolen zu verwenden, um mit zahlreichen Communities und sozialen Netzwerken zu interagieren, unter anderem auf Facebook, Twitter oder dem chinesischen Pendant Weibo. Hochschuleinrichtungen müssen diesen Wandel berücksichtigen und integrieren solche Technologien daher in ihre Lehrpläne.

„Die Studierenden müssen uns zeigen, wie es geht“, sagt Dr. Agnes Kukulska-Hulme, Associate Director für Lernen und Unterricht am Institute of Educational Technology Professoriat der britischen Open University. „In Bezug auf die Nutz­ung der Technologie sind sie ‘uns’ oft voraus. Wir müssen ihr Wissen nutzen – nicht nur über die Technologie, sondern auch über die verschiedenen Arten des Lernens.“

„Immer wenn sich die Art und Weise, wie die Menschen miteinander kom munizieren, grundlegend verändert, hat dies enorme Auswirkungen für das Bildungssystem“, so Daniel Clark, Leiter des ‘Bachelor of Science’-Programms im Fach ‘Leadership, Enterprise and Management’ an der BPP Business School in London. Insofern erwarten die Studierenden der Zukunft Zugang zu Bildungsressourcen von jedem beliebigen Ort aus, zu jeder beliebigen Zeit. „Viele werden dann schon jahre­- lange Erfahrung mit der Erstellung und Verteilung von Inhalten gemacht haben, vielleicht sehr komplexe, vielleicht auch bildungsbezogene“, so Clark. „Werden sie Lust auf Unterricht im Klassenzimmer haben und darauf, sich durch Vorlesungen zu sitzen?“

In seinem Artikel „Social Media: Why It Matters to Everyone in Education“ (Soziale Medien: Warum sie für alle im Bildungssystem von Bedeutung sind) erläutert Clark, dass die Nutzung sozialer Medien in der Bildung über die Zeit verschiedene Phasen durchlaufen hat. „In Phase 1 begannen die Lehrkräfte, das Potenzial sozialer Medien zur gegenseitigen Unterstützung und für ihre persönliche und berufliche Entwicklung zu nutzen“ erklärt Clark. In der zweiten Phase wurden soziale Medien von den Lehrkräften vor allem dafür genutzt, Ressourcen füreinander und für die Studierenden bereitzustellen.

Phase 3, laut Clark seit kurzem im Gange, „bedeutet, dass die Studierenden anfangen, selbst Bildungsinhalte zu erstellen“. Beispielsweise betreiben die Studierenden von heute „soziales Lernen“ mit Blogs sowie direkten Kontakten auf den verschiedenen Sozialen Medien.

SOZIALES UND MOBILES LERNEN

Und wie können nun die künftigen Arbeitgeber dieser Studierenden von deren Vernetzung und intelligentem Umgang mit sozialen Medien profitieren? „Diese neuen Unterrichts- und Lernmethoden stärken die Kompetenzen in interkultureller Kommunikation. Und das hilft wiederum dabei, internationale Beziehungen zu verbessern und interkulturelles Kapital zu erzeugen“, so Kovbasyuk von der HETL. Sie können auch die Wahrnehmung der eigenen Rolle in der Welt vertiefen (siehe Textkasten); dank solcher Methoden werden Studierende schneller und umfassender zu ausgereiften Persönlichkeiten.

Clark zitiert ein Beispiel von Monica Rankin, einer Lektorin für Geschichte an der Universität von Texas, die mit Twitter experimentierte, um das Teil­- nahmeverhalten bei Diskussionen in einem Kurs mit 90 Studierenden zu verbessern. „Ich wollte eine Möglichkeit finden, mehr studentenorientierte Lerntechniken in meinen Unterricht zu integrieren und die Studierenden so weit wie möglich in das Material einzubinden“, berichtet Rankin. Obwohl Twitter nicht mehr als 140 Zeichen pro ‘Tweet’ zulässt, hat das Experiment “Studierende, die andernfalls passiv geblieben wären, dazu gebracht, sich ebenfalls einzubringen.“ Durch die Verwendung mobiler Technologien innerhalb und außerhalb der Hörsäle und Seminarräume sind Studierende zudem viel flexibler, weil sie ihre Studien um andere Aktivitäten herum planen können, ein Trend, der auch auf das lebenslange Lernen Auswirkungen hat. „Mobiles Lernen ist flexibler in Bezug auf Zeit, Ort und Ressourcen sowie anpassungsfähiger an den eigenen Lebensstil“, so Kukulska-Hulme. „Die Lernenden sind freier in ihrer Entschei­d­ung, was sie wann wie lernen möchten, sie bestimmten also selbst über ihre Aktivitäten, den geeigneten Zeitpunkt und Ort.“

DIE GENERATION Y AM ARBEITSPLATZ

Genauso wie Studierende die Einführung neuer Technologien in den Hörsälen und Seminarräumen vorantreiben, erwarten sie auch am Arbeitsplatz gleichwertige – oder sogar bessere – Zugangs­möglich­keiten zu solchen Technologien.

„Androids, iPads, Google Docs, Dropbox – diese und weitere Technologien sind heute überall in Unternehmen anzutreffen“ stellt Accenture in seinem 2011 veröffentlichen Bericht „The Genie Is Out of the Bottle: Managing the Infiltration of Consumer IT into the Workforce“ (Der Geist aus der Flasche: Beherrschung des Einzugs von Consumer-IT in die Arbeitswelt) klar. „Oft kommen (solche Geräte) mit den Mitarbeitern an den Arbeitsplatz, abseits der Aufsicht des Unternehmens“, stellt der Bericht weiter fest. „Sie mögen aufschrecken, doch sie bieten auch wert­- volle Chancen für denjenigen, der sie erfolgreich zu nutzen weiß.“

Accenture befragte mehr als 4.000 Angestellte in 16 Ländern auf fünf Kontinenten und fand heraus, dass sie der Ansicht sind, die von ihnen verwendeten Technologien stärkten die Innovationsfähigkeit, Produkt­iv­ität und Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Mehr als ein Viertel (27%) gab an, sie würden, um ihre eigenen Geräte und Anwendungen am Arbeitsplatz zu verwenden diese lieber selbst bezahlen, als ohne sie auskommen zu müssen.

Von dieser Begeisterung für Technik wollen auch Unternehmen profitieren, und so nutzen einige von ihnen soziale Medien, um private Netzwerke aufzubauen, die für engere Bindungen mit ihren Angestellten sorgen und zugleich jedem Mitarbeiter einen besseren Einblick in die verschiedenen Aktivitäten im gesamten Unternehmen ermöglichen. Ein Beispiel ist Miguel Zlot, der Befürworter unternehmensorienierter sozialer Netzwerke bei der Bierbrauerei und Vertriebsgesellschaft Molson Coors. Er führte in seinem Unter- nehmen Yammer ein, ein professionelles Social Media Tool für Unternehmen. „Es bietet nicht nur großartige Möglichkeiten, mit Kollegen aus verschiedenen Ländern in Kontakt zu bleiben, sondern ich lerne auch jeden Tag etwas Neues über unser Unternehmen“, sagt Zlot. „Das kann zum Beispiel eine Geschichte unseres Vertriebsteams über einen neuen Kunden sein, oder das Neueste über eine Marketingkampagne, die gerade an Fahrt aufnimmt, oder sogar ein Video einer neuen Fertigungslinie für Dosen in einer unserer Brauereien.“

27%

Für eine Studie von Accenture gab mehr als ein Viertel (27%) der befragten Mitarbeiter an, sie würden, um ihre eigenen Geräte und Anwendungen am Arbeitsplatz zu verwenden, diese lieber selbst bezahlen, als ohne sie auskommen zu müssen.

Eine weitere Firma, die bei der Nutzung von Consumer-Technologie am Arbeitsplatz ganz vorn mitmischt, ist das Internetunternehmen Yahoo!. Als CEO Marissa Mayer das Programm Yahoo! Smart Phones, Smart Fun! vorstellte, unterstrich sie vor allem den Gedanken, dass die Mitarbeiter des Unternehmens die gleichen Geräte benutzen sollten wie seine Kunden, um besser verstehen zu können, wie die Nutzer von Yahoo! denken und arbeiten.

DAS UNVERMEIDLICHE WILLKOMMEN HEISSEN

Globalisierung und Technologie formen weiter unsere Zukunft, und so müssen Unternehmen versuchen, Schritt zu halten, wenn sie heute und morgen für die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter sorgen und von ihren Fähigkeiten profitieren möchten.

„Der zunehmende Einfluss der Verbraucher-IT auf die Unternehmens-IT wird in den nächsten fünf Jahren zu einer der größten Prüfungen für Unternehmen werden. Ihr jedoch einfach zu widerstehen ist keine Lösung, sondern kommt eher einer Kapitulation gleich“, sagt Jeanne Harris, leitende Forschungsbeauftragte und Senior Executive am Accenture Institute for High Performance. „Ein guter erster Schritt wäre es herauszufinden, wie weit Verbraucher-IT bereits unter Ihren Mitarbeitern verbreitet ist. Überlegen Sie, wie sich die ergebenden Risiken und Chancen kontrollieren lassen, und probieren Sie Möglichkeiten aus, die Begeisterung der Mitarbeiter für Verbrauchertechnologie in nutzbare Kanäle zu leiten.“

Interkulturelles virtuelles Lernen

Im Jahr 2009 erstellten Olga Kovbasyuk von der Staatsakademie für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften in Khabarovsk in Russland, Anders Eriksson von der Universität Örebro in Schweden und Alyssa O’Brien von der Stanford University in den USA eine gemeinsame Plattform zum virtuellen Lernen, auf der sich Studierende Fähigkeiten in interkultureller Kommunikation (IKK) aneignen können, indem sie über Kulturen und geopolitische Grenzen hinweg in einen Dialog treten.

„Insgesamt stellten wir fest, dass die weltweit verteilte Teamarbeit über Blogs sowie IKK-moderierte Diskussionen die Menschen dazu bringen kann, kulturenübergreifende Kommunikation mit größerer Sensibilität, tieferem Verständnis und ethischem Bewusstsein anzugehen“, sagt Kovbasyuk. So stimmten zum Beispiel 96% der Studierenden der Aussage zu, dass sie sich „bei der Entwicklung kultureller Sensibilität und Rücksichtnahme auf andere Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund“ verbessert hatten. Fast 90% waren der Ansicht, dass sie „eine tiefere Selbstwahrnehmung erreicht und persönliche Verantwortungsbereitschaft entwickelt hatten und so besser gerüstet sind, um ihr Leben selbstbestimmt aufzubauen und zu erfüllen“, während 98% der Studierenden zustimmten, dass sie „ein besseres Verständnis von Menschen mit anderem kulturellem Hintergrund entwickelt hatten“.

von Amber Stokes Zurück zum Seitenbeginn