INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT Französische und chinesische Studierende gewinnen neue kulturelle Einblicke mittels 3D basierter Arbeit

Mit Chinas wachsendem Einfluss auf die Weltwirtschaft steigt für westliche und chinesische Studierende in Ingenieursfächern zugleich auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann während ihrer Laufbahn zusammenarbeiten werden. Die Tsinghua-Universität und das französische Ministerium für Hochschulwesen und Forschung haben daher ein Innovationszentrum in Peking gegründet, in dem sich chinesische und westliche Studierende der Ingenieursfächer in Zusammenarbeit üben und die Stärken der verschiedenen Kulturen schätzen lernen.

Ein Dutzend französischer angehender Ingenieure hat kürzlich ein Sommer-­Camp in China besucht, wo sie für zwei Wochen zusammen mit ihren chine­sischen Kommilitonen an Projekten arbeiteten und dabei ebenso viel über die Stärken kultureller Vielfalt lernten wie über das Ingenieurswesen selbst. Ermöglicht wurde dies durch ein Austauschprogramm, das gemeinsam vom französischen Institut AIP-PRIMECA und der chinesischen Tsinghua-Universität finanziert wird.

ZWEI KULTUREN, ZWEI ANSÄTZE

Während des zweiwöchigen Programms arbeiteten Teams zusammengesetzt aus chinesischen und französischen Stud­ieren­­den gemeinsam an der Konstruktion von Tretrollern, ein Projekt aus dem Bereich der fortgeschrittenen Konstruktions- und Fertigungstechnik. Der Gruppe mit der innovativsten und originellsten Konstruktion wurde ein Preis verliehen.

Für die ersten zwei Tage übten die Studierenden den Umgang mit ihren 3D-PLM-Tools, gefolgt von Vertiefungs-kursen in mechanischer Teile-und Baugruppenkonstruktion. Dabei wurde alles, von Modellierung, Konstruktionsmethodik, Fertigung und Simulation bis hin zu Konstruktions-herausforderungen bestimmter Teile angesprochen.

„Es war sehr interessant, multikulturelle Arbeitsgruppen zusammenzustellen und die Studierenden an einem einfachen Projekt zusammenarbeiten zu lassen“, sagte Dr. Nabil Anwer, der französische Leiter des PLM Innovation Center an der Tsinghua-Universität und Vertreter von AIP-PRIMECA. „Studierende aus unterschiedlichen Kulturen vor eine gemeinsame Aufgabe zu stellen, führte zu echter internationaler Zusammenarbeit. Es war sehr aufschlussreich, wie sie alle gemeinsam ein konkretes Ergebnis erarbeiteten. Jede Gruppe hatte detaillierte technische Spezifikationen sowie die Vorgabe, etwas aus ihrer eigenen Kultur in die Konstruktion einzubringen. Das Ergebnis waren Tretroller mit einer Mischung aus chinesischen und französischen Stilelementen.“

UNTERSCHIEDE, DIE SICH ERGÄNZEN

Die chinesischen Studierenden hatten einen starken wissenschaftlichen und technischen Hintergrund und tendierten dazu, sich auf jedes Detail zu fokussieren, die französischen befassten sich dagegen mehr mit dem großen Ganzen. „Die Fragen der französischen Studierenden bezogen sich auf die Machbarkeit oder Herstellbarkeit des Produkts“, so Dr. Anwer, „während die chinesischen mehr die technischen Aspekte des Tretrollers im Blick hatten. Wenn bei chinesischen Studierenden Zweifel über die Vorschläge ihrer französischen Kommilitonen aufkamen, so äußerten sie diese Zweifel lieber nicht direkt, um die Franzosen nicht zu verärgern. Das ist ein charakteristischer Aspekt chinesischer Kultur, der für die französischen Studierenden wirklich ungewöhnlich war.“

Dennoch demonstrierten die Studierenden beider Länder durch die Zusammenarbeit, dass sich kulturelle Unterschiede überwinden lassen. Die von den Studierenden verwendeten 3D-PLM-Lösungen waren entscheidend für die gelungene Zusammenarbeit, weil sie die gemeinsame Nutzung von Informationen vereinfachten.

„Die Idee ist das Herz des Produkts“, sagte Dong Huidong, Student an der Tsinghua-Universität. „Effektive Kom­-
munikation ist dabei am wichtigsten; die unterschiedlichsten Entwurfsideen gemeinsam zu entwickeln und anderen mitzuteilen.“

Kulturelle Unterschiede wirkten sich nicht als Schwäche aus, sondern stellten im Gegenteil einen Mehrwert für das Projekt dar. „Wir ergänzen uns in vielen Bereichen“, sagte Thibaud Germain, ein französischer Student. „Beispielsweise verfügen chinesische Studierende über gute Kenntnisse in grundlegender Mechanik; daraus ergab sich für uns eine große Bandbreite an Lösungen. Perfekte Voraussetzungen für Innovation. Für französische Studierende sind eher die Machbarkeit und die Herstellungskosten wichtig. So können wir durch unsere Zusammenarbeit ein paar sehr interessante Lösungen ausarbeiten.“ Xianjun Qu, Studentin an der Tsinghua-Universität, fügte hinzu: „Französische Studierende haben meist eine andere Denkweise als wir. Sie sind sehr kreativ. Durch die Arbeit mit französischen Studierende konnte ich mir viele neue Denkweisen aneignen.“

Es gab ein gemeinsames Problem für alle: auf Englisch miteinander kommunizieren zu müssen – für alle Studierenden eine Fremdsprache, die aber die meisten zu einem gewissen Grad beherrschten. Die 3D-basierte Arbeit trug dazu bei, Hürden zu überwinden, denn 3D wurde für alle zur gemeinsamen Sprache.

POSITIVE ERFAHRUNG

In den zwei Wochen an der Tsinghua-Universität hatten die französischen Studierenden auch die Gelegenheit zum Besuch der Konstruktions- und Produkt­ionsräume der Hochschule, wo Prototypen von Produkten zu besichtigen waren, die die chinesischen Studierenden selbst entwickelt hatten. Zudem hielten noch Vertreter von AIP-PRIMECA, EADS, Dassault Systèmes, Systematic (einem Unternehmenscluster der Informations- und Kommunikationstechnik in der Pariser Region), Spring Technology sowie des Büros für Wissenschaft und Technik der französischen Botschaft in China Vorträge über Strategie-, Visions- und Innovationsmanagement in Wissenschaft und Technik, mit besonderem Augenmerk auf den Luft- und Raumfahrtsektor. Die Studierenden durften sogar das Entwicklungsbüro von Airbus Beijing besuchen.

Die Erfahrung erwies sich sowohl in technischer wie auch in kultureller Sicht als bereichernd für die Studierenden. „Wir haben nicht nur 3D PLM im industriellen Umfeld kennen gelernt, sondern konnten auch mehr über die vielen Facetten chinesischer Kultur und Tradition erfahren“, sagte der französische Student Mathieu Bernier. „Es war ein sehr spannendes Projekt“, fasst Germain zusammen. „Mir war zum Schluss gar nicht mehr bewusst, dass ich mit chinesischen Studierenden zusammenarbeitete. Wir waren ein echtes Team.“

AIP-PRIMECA

AIP-PRIMECA ist das französische akademische Netzwerk für Maschinenbau und Produktionstechnik, das auf nationaler Ebene Hochschuleinrichtungen zusammenbringt und vom französischen Ministerium für Hochschulwesen und Forschung finanziert wird.

Es hat sich zum Ziel gesetzt, durch gemeinsame Ressourcen, Wissensaustausch und die Stärkung von Kompetenzen zwischen den verschiedenen Mitgliedsorganisationen Synergien zu erzeugen. AIP-PRIMECA fördert zudem die Entwicklung innovativer Ausbild­ungsmethoden auf der Basis neuer Informations- und Kommunikationstechnologien.

AIP-PRIMECA arbeitet schon seit vielen Jahren mit chinesischen Universitäten zusammen. Die Gründung des PLMIC, eines gemeinsamen franko-chinesischen Innovationszentrums für Product-Lifecycle-Mangement (PLM) an der Tsinghua-Universität, unterstreicht diese Partnerschaft für integrierte Konstruktion und Fertigung, sowie die Innovation durch 3D-PLM-Technologien.

von Dora Laîné Zurück zum Seitenbeginn