BIOINTELLIGENZ MEISTERN Herausforderungen in der Pharmabranche durch Zusammenarbeit lösen

Das 2010 gegründete BioIntelligence Konsortium vereint Pharmaunternehmen, Software-Firmen und öffentlich-rechtliche Forschungsinstitute, um mittels digitaler Technologie miteinander die Verfahren zur Entdeckung und Entwicklung neuer Arzneimittel zu beschleunigen. Ipsen, ein weltweit aktives spezialisiertes Pharmaunternehmen, ist Gründungsmitglied des Konsortiums. Für Compass sprach Patrick Johnson, Science & Corporate Research Vice President bei Dassault Systèmes, mit Christophe Thurieau, Senior Vice President für wissenschaftliche Fragen bei Ipsen und Präsident von Ipsen Innovation, über den aktuellen Stand des Programms.

COMPASS: Weltweit sieht sich die Pharmabranche vielen Herausforderungen gegenüber. Können Sie uns einen Überblick geben? 

C. THURIEAU: Die Pharmabranche durchläuft aufgrund einer aktuellen „Innovationskrise“  gerade grundlegende Veränderungen. Die Produktivität der Forschung und Entwicklung lassen stark nach, ebenso die Entdeckung neuer Moleküle. Ein neues externes wirtschaftliches Umfeld, Druck von Kassen und Aufsichts­behörden sowie der wachsende Markt­anteil generischer Arzneimittel ziehen die kurz- und langfristige Performance von Pharmaunternehmen in Mitleidenschaft. Dieser Trend hat sich über die letzten zwei Jahre drastisch verschärft und die Akteure der Branche dazu ge-bracht, ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten strategisch zu verändern. Dies ist beispielsweise an einem neuen Modell der Zusammenarbeit zu sehen, bei dem externe Partner eine zunehmend wichtige Rolle entlang der Wertschöpfungskette einnehmen.  

Wie reagiert Ipsen auf diese Heraus­forderungen?

C.T.:  Über die letzten Jahre hat Ipsen eine Strategie implementiert, seine Forschung und Entwicklung zu opti­mieren, damit das Unternehmen sein Produktportfolio in ausgesuchten Therapiefeldern erweitern kann.

Die internen Forschungs- und Ent­wick­lungsbemühungen bei Ipsen werden auch gestützt durch die aktive Suche nach Partnerschaften auf jeder Stufe des Forschungszyklus, von der Grund­lagenforschung bis hin zur klinischen Entwicklung. Die Mitarbeiter in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Ipsen sind zwar Top-Fachleute in ihren jeweiligen Themenbereichen, aber sie bilden nur einen Bruchteil des gesam­ten Fachwissens ab, das weltweit in unseren Spezialgebieten vorhanden ist. Das heißt, es ist unerlässlich, mit anderen führenden Unternehmen an der vordersten Front von Forschung und Entwicklung Synergien zu finden.

Die Gruppe hat die Bildung einer Reihe bedeutender Partnerschaften auf Forsch­ungs­­ebene angestoßen. Mit dem namhaften Salk Institute (La Jolla, Kalifornien) arbei­ten wir seit 2008 in der Grundlagenforschung zusammen. Wir sind Partnerschaften mit innovativen Biotech-Unternehmen eingegangen, darunter Syntaxin, Dicerna, Oncodesign und Active Biotech. So haben wir Zugang zu neuen, vielversprechenden Technologien erhalten, um Kandidaten für neue Arzneimittel zu entwickeln. Bei Biomarkern und In-Vitro-Diagnostik haben wir einen Rahmenvertrag mit bioMerieux geschlossen, und in der medizinischen Onkologie hat sich Ipsen mit dem Institut de Cancérologie Gustave Roussy zusammengetan. Nicht zuletzt sind wir auch an neuen Ansätzen und Disziplinen wie denen des BioIntelligence Konsortiums interessiert, um den Forschungs- und Entwicklungsprozess zu beschleunigen.

„Die Leistungsfähigkeit der digitalen Welt kann dazu beitragen, die aktuellen Methoden der Branche fundamental zu verändern.“

CHRISTOPHE THURIEAU IPSEN

Sie haben das BioIntelligence Konsortiumerwähnt. Können Sie uns etwas über das Ziel dieses Programms erzählen, und welche Rolle Ipsen dabei spielt?

C.T.: BioIntelligence als Konsortium und Programm entwickelte sich aus einem strategischen Treffen zwischen Dassault Systèmes (3DS) und Ipsen heraus. Der Nutzen virtueller Zusammenarbeit, Modellbildung und Simulation innerhalb einer von 3DS entwickelten weltweiten Struktur für das Product-Lifecycle-Manage­ment (PLM) hat eine tiefgreifende Umwand­lung in Bezug auf die Handhabung komplexer Themen und auf verkürzte Forsch­- ungs-, Entwicklungs- und Produktionszeiten ermöglicht, die in Dutzenden anderer Sektoren zu beobachten ist. Für 3DS hatte die Anwendung von PLM auf die Biowissenschaften strategische Priorität, mit der sich die Ressourcen und die Errungenschaften nutzen lassen, die für andere Sektoren entwickelt wurden.

Die Vision dieses innovativen Programms ist, dass die Leistungsfähigkeit der digitalen Welt dazu beitragen kann, die aktuellen Methoden der Branche fundamental zu verändern. Während unserer Diskussionen wurde jedoch schnell klar, dass die An­­- wend­ung dieser Systeme auf die Bio­wissenschaften nur durch Zusammenarbeit mit den Entscheidern im öffent­lichen und industriellen Gesundheits­- wesen erreicht werden kann.

So wurde die Idee dieses Programms geboren, und das Konsortium nahm Form an. Ipsen arbeitet in diesem Pro- gramm an zwei Projekten: erstens in der Onkologie an der Modellierung und Simulation komplexer biologischer Phänomene, die als „Tumormigration und Angiogenese“ bekannt sind, sowie in der Immunologie an der Modellierung und Prognose der Immunogenität thera­peutischer Proteine.

Macht das Programm aus Ihrer Sicht Fortschritte? 

C.T.:  Im BioIntelligence-Programm kommen Experten aus sehr unterschiedlichen Feldern zusammen: Biologen und Wissen­schaftler aus den Biowissenschaften, Bio- informatiker und führende PLM-Vertreter.

Diese Experten mussten ein Verständnis der diversen Methodiken und Randbeding­ungen entwickeln, die für jede Disziplin gelten. Dieses tiefgehende und inter­disziplinäre Verständnis war einer der ersten Erfolge des Konsortiums. Als dieser Schritt vollzogen war, wurden Prototypen mit einem definierten Funktionsumfang entwickelt und dann von Endnutzern getestet. Diese Tests ließen das Potenzial erahnen, das diese Art von Tool zur Model­l­­ierung und Simulation innerhalb eines Forschungs- und Entwicklungskontexts bot.

Der Echtzeit-Zugriff auf das digitale Experiment mittels virtueller Lösungen bewirkt eine kulturelle Veränderung bei den Methoden zur Entdeckung neuer Arzneimittel. Zusätzlich haben die Teams von Ipsen durch die enge Zusammenarbeit mit den Teams der Modellierer und Entwickler bei 3DS und SoBioS, einem weiteren Partner im Konsortium, neue Wege aufgezeigt bekommen, wie man das Wissensmanagement und die Aus- legung wissenschaftlicher Experimente angehen kann. Es war eine für alle Seiten sehr reichhaltige und lohnende Erfahrung.

In den nächsten zwei Jahren wird der Schwerpunkt des Programms auf der Entwicklung von Lösungen mit immer mehr Funktionen liegen, die stärker inner­halb der 3DEXPERIENCE Plattform von 3DS integriert und untereinander vernetzt sind.

Was sind angesichts des bisher Erreichten die Erwartungen von Ipsen für die Zukunft?

C.T.: In Anbetracht der geradezu explodierenden Menge an erzeugten Daten inner­- halb der Biowissenschaften und der Er­- weiterung der durchgehenden Lieferketten in der Branche, einschließlich Biotech-Unternehmen, Auftragsforsch­ungs­in­stituten, usw. ist es entscheidend, dass wir Lösungen zur globalen und sozialen Zusammenarbeit, intelligenten Informations­verarbeitung und -analyse, zur Durchführ­ung von Experimenten und Modellierung, Simulation und Kalibrierung einsetzen. Diese Technologien sind erforderlich, um die aktuellen und künftigen Herausforder­ungen für die Entdeckung und Entwicklung neuer Arzneimittel mit einem ganz- heitlichen Ansatz zu meistern.

Die Lösungen, an denen wir im Rahmen des BioIntelligence-Projekts arbeiten, ent­- sprechen genau unseren Bedürfnissen in Bezug auf neue Innovationen und Branchen­performance. Zu guter Letzt sollten es diese Lösungen den Unternehmen im Gesundheitswesen ermöglichen, ihre Wertschöpfungskette zu überdenken, was schließlich den Patienten zugute kommen wird.

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