GANZ OBEN DABEI Einfluss gewinnen in einer vernetzten Welt

In der Welt der sozialen Medien ist es leicht, Kontakte und Follower zu sammeln. Doch Fachleute sind sich einig, dass die Anzahl der Kontakte noch nichts über den eigenen Einfluss aussagt. Wie kann man also in der virtuellen Sphäre an Autorität gewinnen? Indem man bewährte Techniken aus der realen Welt nutzt.

Wer sich in sozialen Netzwerken aufhält, schwimmt in einem Meer von Werbung und Witzen, Meldungen und Meinungen. Schnelle Kurznachrichten-Netze wie Twitter können besonders für Neulinge chaotisch erscheinen. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass unter den Nutzern eine Hierarchie besteht zwischen denjenigen mit echtem Einfluss – und allen anderen. Man könnte annehmen, dass Einfluss in sozialen Netzwerken bedeutet, seine Nachrichten an die größt­mögliche Anzahl von Nutzern zu übermitteln.

Doch das ist weit gefehlt, wie aus dem Bericht „Influence and Passivity in Social Media“ (Einfluss und Passivität in sozialen Medien) von Forschern der Cornell University, der Polytechnique Fédérale de Lausanne und HP Labs hervorgeht. „Damit sich Informationen in einem Netzwerk verbreiten können“, so die Forscher, „müssen einzelne Nutzer diese zunächst an die anderen Mitglieder weiterleiten. Sie müssen also aktiv werden, anstatt die Informationen einfach zu lesen und kaum darauf zu reagieren.“

Anders gesagt: Um wirklichen Einfluss auszuüben, müssen alle diese Kontakte und Follower Ihre Einträge auch lesen. Weiterleiten. Reagieren. Tun sie das nicht, so produzieren Sie nur Rauschen, jedoch keine Wirkung.

DER BIEBER-EFFEKT

Die berühmtesten Twitter-Nutzer, wie die Teeniepop-Sensation Justin Bieber mit mehr als 27 Millionen Followern, üben zweifellos einen gewissen Einfluss aus. Als Bieber beispielsweise vor kurzem die soziale Empfehlungs-App Stamped in einem seiner Tweets erwähnte, schossen die Downloadzahlen nach oben und beförderten das Programm umgehend in Apples Top 100 der beliebtesten kostenlosen Apps.

Aber wie Stuart Dredge in einem aktuellen Blogbeitrag bei Guardian Technology anmerkte, war dieser Effekt nur von kurzer Dauer. Innerhalb weniger Tage rutschte die App wieder aus den Top 100 heraus und war später auch nicht mehr in den Top 200 zu finden. Darüber hinaus berichtet AppData, dass nur ca. 1.000 Nutzer im Monat die App überhaupt mit ihrem Facebook-Konto verbunden hätten. „Der finanzielle Aspekt ist verführerisch, aber die Annahme, dass es reicht, eine App nur mit Popstars über soziale Medien zu einem Hit machen zu können, ist wenig überzeugend“, so Dredge.

QUALITÄT ZÄHLT

Paul Sutton, Leiter der sozialen Kommuni­kation bei der britischen PR-Beratung Bottle, sagt: „Der Einfluss in sozialen Netzwerken hat mehr mit der Autorität Ihrer Kontakte zu tun als mit ihrer Anzahl. Wenn Sie jemanden mit 5.000 Twitter-Followern, zu denen aber keiner aus der oberen Schicht der Nutzergemeinde gehört, vergleichen mit jemand anderem, der 1.000 Twitter-Follower aufweist, dabei aber mit respektierten Individuen in einer bestimmten Nische spricht, welcher der beiden wäre für Sie wohl einflussreicher? Wenn Sie Beziehungen mit an­­- gesehenen Mitgliedern an der Spitze einer themenspezifischen Nutzergemeinde aufbauen, folgen hohe Nutzer­- zahlen von ganz allein.“

In jedem Personenkreis beginnt Einfluss mit einer starken Präsenz, mit einem Image, das bei anderen das Interesse an Ihnen weckt, und an dem, was Sie zu sagen haben. Jeder von uns erschafft jeden Tag seine ganz eigene „Marke ICH“, angefangen bei unserer Kleiderwahl, über die Orte, an denen wir uns bewegen und die Produkte, die wir kon­- sumieren, bis hin zu allem, was wir tun und sagen. Tatsächlich sind in einer virtuellen Community, in der Sie nichts haben als Worte, Ihre Inhalte zugleich auch Ihre Marke.

„Zuallererst sollte man sich die Frage stellen, warum man in sozialen Medien aktiv ist, und was man genau erreichen möchte“, sagt Len Romano, Vizepräsident der Marken- und Designberatung Ripe Inc. in Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico. „Um Einfluss in sozialen Netzwerken aufzubauen, ist Markenbildung auf jeder Ebene von Bedeutung. Ob man für rein persönliche Zwecke Beiträge postet oder für eine weltweite Marke, es ist immer wichtig, passend zu den Erwart­- ungen des Zielpublikums eine Stimme, einen Ton und Standpunkt zu finden. Es hilft, wenn man weiß, welches Publikum man anziehen will und wie man es dazu motiviert, einem zu folgen oder mit einem zu interagieren.“

„Zuallererst sollte man sich die Frage stellen, warum man in sozialen Medien aktiv ist, und was man erreichen möchte.“

Len Romano, Vize-Präsident, Ripe Inc.

Die einflussreichsten Mitglieder sozialer Netzwerke sind vor allem für ihre Inhalte bekannt, ob es sich nun um Nachrichten und Fach-Kommentare, die frühe Erken- nung von Trends oder schlicht um witzige oder inspirierende Beiträge handelt. Ent- scheiden Sie, welches Publikum Sie an sich binden möchten und finden Sie heraus, welche Inhalte dieses Publikum attraktiv findet. So könnten Sie beispielsweise beschließen, kontroverse Meinungen, Nachrichtenmeldungen, Witze, Zitate oder fachmännische Kommentare zu posten, oder auch eine Mischung aus all diesen Inhalten mit Bezug auf ein bestimmtes Themengebiet.

Ein guter Anfang ist, hochwertige Inhalte zu finden, die man weitergeben kann, und die eine Bindung zu den Kontakten aufbauen, so Sutton. „Vor dem Posten toller Inhalte steht zuerst immer die Lektüre. Finden Sie heraus, wer innerhalb Ihrer spezifischen Nische aufschlussreiche, nützliche und inspirierende Inhalte schreibt, und lesen Sie aufmerksam deren Blogs. Zu diesem Zweck können Sie RSS-Reader verwenden, neue Inhalte per E-Mail abon­- nieren, Content-Aggregatoren nutzen – was immer Ihnen am besten passt Dadurch bekommen Sie mit, welche einzelnen Themen für Ihre Community am interessantesten sind. Sie werden in der Lage sein, noch mehr interessante Leute zu finden und mit der Zeit Ihre eigenen Ideen und Gedanken rund um die Diskus­- sionsthemen der anderen entwickeln. Mit der Zeit können Sie dann eigene Originalinhalte einstellen.“

ETIKETTE ZÄHLT

Beim Aufbau von Einfluss in sozialen Netzwerken geht es nicht nur darum, was Sie zu sagen haben, sondern auch darum, wie Sie es sagen. In dieser von Wettbewerb geprägten und schnelllebigen virtuellen Welt ist Etikette ein mächt­iges Werkzeug.

„In den sozialen Medien sollte man sich immer bewusst machen, dass die eigenen Absichten genau vom Publikum beobachtet werden“, sagt Jason Falls, der vom Magazin Forbes im Jahr 2011 als einer der zehn einflussreichsten Menschen in sozialen Medien genannt wurde. „Wenn Sie also mehr verkaufen wollen und unaufrichtig mit den Wünschen und Bedürfnissen der Community umgehen (wenn Sie also lediglich Werbung betreiben oder Spam verschicken), werden Sie im Markt der sozialen Medien keinen Erfolg haben.“

Sind Sie bereit?

Zum Erfolg in sozialen Netzwerken gehört eine gut durchdachte Strategie. Bevor Sie loslegen, sollten Sie sich einige wichtige Fragen stellen:
• Was möchte ich erreichen?
• Mit wem möchte ich Bindungen aufbauen?
• In welchem Bereich verfüge ich über Expertenwissen?
• Wie möchte ich kommunizieren – mit Humor, Nachrichten, Debatten oder auf anderem Wege?
• Wodurch werden meine Inhalte attraktiv?
• Wie kann ich das Leben meiner Follower mit den Informationen, die ich weitergebe, besser machen?

Wie Falls immer wieder als oft gebuchter Vortragsredner betont, liegt der Schlüssel darin, Menschen in den Mittelpunkt Ihrer Aktivitäten in sozialen Medien zu stellen, nicht Produkte. Das Publikum akzeptiert, dass Sie ein Produkt oder eine Dienstleist­ung bewerben möchten – aber nur, wenn der Wert, den Sie mit attraktiven Inhalten bieten, Ihre eigenen Interessen überwiegt.

Romano nennt dafür ein hilfreiches Beispiel: „Nehmen wir an, Ihnen gehört eine Bäckerei namens GetFresh, und der Kern Ihrer Marke besteht in lokal eingekauften Zutaten und stets frisch gebackenen Produkten. Für Ihr Publikum wäre es am hilfreich­sten zu wissen, wann die nächste Ladung köstlicher Backwaren aus dem Ofen kommt, um der erste in der Warteschlange zu sein. Wenn Sie Ihr Publikum auf diese Weise informieren, fühlt es sich als etwas Besonderes behandelt und ist froh, Ihnen in sozialen Medien folgen zu können.“

„Es gibt keinen schnellen Weg zu mehr Einfluss. Dazu braucht man eine Menge Zeit und Arbeit. Einfluss lässt sich nicht erzwingen oder erspielen.“

Paul Sutton Leiter Soziale Kommunikation, Bottle

„Wenn Sie außerdem noch aktuelle Meldungen darüber posten, woher Ihre Zutaten stammen, dann stellt das einen großen Zusatznutzen für alle Ihre Follower dar, denen die lokale Wirtschaft ebenfalls wichtig ist. Wenn Sie ansprechbar sind (Twitter eignet sich hervorragend dafür) und Fragen frei auf eine Weise beantworten, wie dies die großen Bäckereiketten nicht können, schaffen Sie bei Ihrem Publikum und Ihrer Kundenbasis ein Gefühl der Verbundenheit  und Zugehörigkeit.“

NACHHALTIGE BEMÜHUNGEN

Zwar sind immer mehr Unternehmen in sozialen Netzwerken präsent, aber viele müssen es erst noch lernen, diese effektiv als einflussreiche Kanäle zu nutzen. Für den Erfolg müssen Unternehmen einflussreiche Personen anziehen und Beziehungen mit ihnen aufbauen. Dieser Prozess erfordert nachhaltige Bemühungen.

„Niemand wird einfach so zu einer einflussreichen Person, und was der eine als einflussreich ansieht, stellt sich für den anderen vollkommen anders dar“, erklärt Sutton. „Selbst wenn Sie inner­- halb einer bestimmten Gruppe einen gewissen Einfluss erreichen, wird diese Gruppe wahrscheinlich eher klein sein. Hierarchien sind ständig in Bewegung.“

Romano betont, dass langfristiger Einfluss eine in sich konsistente und verbindende Marke voraussetzt, sowie die Verpflicht­ung, seinem Publikum zu dienen. „Der Aufbau einer Marke führt dazu, dass Ihr Unternehmen ein Gesicht, eine Stimme, eine Grundhaltung bekommt, mit denen sich Ihre Kunden aus dem Bauch heraus verbunden fühlen können“, sagt er. „Es geht also um eine persönliche Verbind­ung mit den Kunden, die Ihre Position am Markt bestimmt, die Sie von Ihren Wettbewerbern unterscheidet und für Vertrauen, Einfluss und langfristige Kundentreue sorgt. Das braucht Zeit; es ist im Grunde ein Puzzle mit vielen Teilen. Aber nur wenn Sie die Quintessenz Ihrer Marke verstehen und auch klar artikulieren können, haben Sie ein Fundament, auf dem alle Komm­uni­kationsstrategien aufbauen.“

Sutton stimmt dieser Aussage zu: „Es gibt keinen schnellen Weg zu mehr Einfluss“, sagt er. „Dazu braucht man eine Menge Zeit und Arbeit. Einfluss lässt sich nicht erzwingen oder erspielen. Es ist Basis­arbeit nötig, der Wille zum Lernen und viel, viel Geduld.“

FUNKTIONIERT ES?

Soziale Netzwerke sind schnelllebig, daher ist es ratsam, Ihre Strategie alle paar Monate zu überdenken:
• Sind die gewünschten Ergebnisse sichtbar?
• Was mache ich richtig, wo kann ich mich noch verbessern?
• Wie soll es weitergehen?

von Jacqui Griffiths Zurück zum Seitenbeginn