KUNST FÜR DIE WELT Virtueller Spaziergang im Deutschen Bundestag

Fast wie im Museum: Der Deutsche Bundestag besitzt viele Kunstwerke von modernen und zeitgenössischen Künstlern. In einem faszinierenden 3D-Projekt soll die Sammlung mit rund 4.000 Exponaten jetzt digitalisiert und im Internet der weltweiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. 

Georg Baselitz, Pablo Picasso, Ernst Ludwig Kirchner oder Neo Rauch – dies sind nur einige klangvolle Namen großer Künstler, deren Bilder und Skulpturen die Räumlichkeiten des Deutschen Bundestages schmücken. Zwei Prozent der Bausumme von Parlamentsgebäuden sind seit Jahrzehnten Kunstankäufen vorbehalten.

Und das sieht man: Abgeordnete und Besucher bekommen hier bedeutende Kunst aus mehreren Epochen zu sehen.

„Wir haben wunderbare und zum Teil auch sehr wertvolle Bilder im Deutschen Bundestag“, sagt Siegfried Kauder, Vorsitzender des Rechtsausschusses und Mitglied des Kunstbeirates des Deutschen Bundestages sowie Initiator des 3D-Projektes. „Oft hängen die vom Steuerzahler finanzierten Werke jedoch in Räumen, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Das wollte ich ändern und kam gemeinsam mit dem Medienkunst-Experten Martin Zimmermann auf die Idee, sie für jedermann 3D-animiert im Internet zu zeigen.“

DEUTSCHLANDS KUNSTSCHÄTZE WELTWEIT

Ob und welche Kunstwerke der Bundestag einkauft, darüber entscheidet der Kunstbeirat, ein neunköpfiges Gremium, in das alle der gegenwärtig im Parla­ment vertretenen fünf Parteien Mit- glieder entsandt haben. Die Werke sind über mehrere Parlamentsbauten sowie den Reichstag verteilt. Sie hängen sowohl in den Büros der Abgeordneten als auch auf den Gängen, in Nischen und Innenhöfen oder schweben als Installation in luftiger Höhe. Gerhard Richter und Sigmar Polke grüßen großformatig von den Wänden und an Joseph Beuys „Tisch mit Aggregat, 1958/85“ läuft jeder Abgeordnete täglich vorbei, bevor er den Plenarsaal betritt.

Diese Kunstschätze der Öffentlichkeit im Internet zugänglich zu machen ist eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe. Jedes Bild, jede Skulptur und jede Install- ation muss erst von allen Seiten und aus verschiedensten Perspektiven fotografiert, beziehungsweise mittels 3D-Scanner aufgenommen werden. Diese werden anschließend mit Hilfe einer 3D-Software in digitale dreidimensionale Daten umgewandelt, aus denen jedes Kunstwerk später am Bildschirm realistisch erlebbar sein wird. Hinzu kommen Beschriftungen und Erläuterungstexte, um dem virtuellen Besucher nicht nur schöne Bilder zu präsentieren, sondern ihm auch Wissen über das Werk und seinen Schöpfer zu vermitteln.

“3D kann das gesamte Umfeld eines Kunstgegenstandes beleuchten.”

Siegfried Kauder Vorsitzender des Rechtsausschusses und Mitglied des Kunstbeirates des Deutschen Bundestages

IM BÜRO DER BUNDESKANZLERIN

Schon bald wird man sich dann auf der Webseite des Deutschen Bundestages ansehen können, welche Bilder beispielsweise im Büro von Angela Merkel hängen. Sie lässt sich bekanntermaßen sehr von Kunst inspirieren – nicht nur vom Porträt des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, sondern auch von einem Bildnis Katarinas der Großen, das auf ihrem Schreibtisch steht. Das Emil-­Nolde-Gemälde, auf das sie von ihrem Drehstuhl aus blickt, zeigt eine mächtige Welle und trägt den Titel „Der Brecher“.

Manch einer mag das auch als Sinnbild ihrer eigenen Entschlossenheit deuten. Das wohl bedeutendste Kunstwerk im Kanzleramt ist die monu­mentale Eisen­skulptur „Berlin“ des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida. Die 5,5 Meter hohe und 87,5 Tonnen schwere Skulptur weckt mit ihren zwei sich beinahe berührenden Armen Assoziationen wie Annäher­ung, Teilung und Vereinigung, was als beabsichtigte politische Symbolik verstanden werden kann.

Von unschätz­- barem historischen Wert ist auch das Mauermahnmal, angesiedelt im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Aufgrund seiner überragenden Bedeut­- ung für die deutsche Geschichte entschied sich der Kunstbeirat, dass das Mauermahnmal das 3D-Projekt eröffnen soll: Bereits seit dem 09. November 2011 ist es online. Das freut natürlich auch Siegfried Kauder, der in der 3D-Technologie enorme Möglichkeiten sieht, Kunst nicht nur zu zeigen, sondern wirklich zu vermitteln: „3D kann das gesamte Umfeld eines Kunstgegenstandes beleuchten. Oftmals gibt es dazu Bücher, Bilderfolgen und Lithografien, die wir aufgekauft haben, die aber aufgrund ihrer Licht­- empfindlichkeit nur schwer darstellbar wären. Dank moderner 3D-Animationen lässt sich heute einiges realisieren, was sonst unmöglich wäre.“

Bislang gab es mehrere Ansätze, die Kunst im Deutschen Bundestag zu zeigen. Da ist zum einen der „Kunst-Raum“, eine Ausstellung, die offen für jedermann direkt am Spreeufer liegt. Des Weiteren das gerade erwähnte Mauermahnmal, ebenfalls an der Flaniermeile gelegen und seit kurzem virtuell begehbar. Und es gibt Kunst- und Architekturführungen durch die allgemein zugänglichen Gebäude, die für den Bürger kostenlos sind. Doch mussten gerade auswärtige Bürger, Kunstfreunde oder Schulklassen bisher dafür die Reise in die Bundeshauptstadt antreten. Das geht dank des 3D-Projekts bald bequemer per Mausklick vom heimischen Sessel oder Klassenzimmer aus und auch in Räume, die der Öffentlichkeit normal­er­weise verwehrt sind. Und so wird auch die Kunst im Büro der Bundeskanzlerin für die Welt sichtbar.

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von Dirk Herzog