DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN – DIGITALISIERT Das Studium unserer Kultur neu erfinden

Ob durch soziale Medien oder 3D-Virtualisierung, Technologie verändert nicht nur die Art und Weise, wie wir Geistes- und Kulturwissenschaften studieren, sondern auch die Fragen, die sich Forscher stellen, und die Daten, die sie auf der Suche nach Antworten nutzen. Das Harvard Magazine untersuchte vor kurzem, auf welche Weise Technologie die „Frachträume“ für unsere Kultur ändert.

„Wenn Ihnen mulmig wird, kann ich das auch abschalten“, schlägt Peter Der Manuelian vor. Manuelian, Inhaber der King-Professur für Ägyptologie an der Harvard University, folgt mit einer simulierten Flugsteuerung, wie man sie in kleineren Flugzeugen findet, einer Reihe hoher Palmen in der ägyptischen Wüste.

Wir fliegen schnell und in niedriger Höhe, knapp über den Baumspitzen. Als Manuelian einen Schwenk hin zu einer besonders hohen Palme vollführt, heben die Passagiere instinktiv ihre Beine – ein unnötiger Reflex, denn dies ist ein virtueller Flug.

Bei den Passagieren handelt es sich um Studierende, die vor einer 7 Meter breiten, konisch geformten Leinwand sitzen. Auf diese projiziert Manuelian eine virtuelle Welt in 3D als Teil eines Studienausflugs zum Gizeh-Plateau vor 4.500 Jahren, in die Zeit, als der Pharao Khufu starb. Manuelian steuert seine Ausflugsgruppe in Richtung der Bestattungszeremonie, die im vollen Gange ist. Der mumifizierte Körper des Pharaos liegt in einem Sarg, umgeben von Priestern in Leopardenfellen und Trauernden, die Zaubersprüche murmeln. Sie sind Avatare, einige Gesichter wurden Statuen ägyptischer Beamter aus dieser Zeit nachempfunden. 

Ein Student stellt eine Frage, und schon taucht Manuelian mit seinem Publikum hinunter in einen Schacht, zu einer geplünderten Grabkammer, die zuletzt vor 106 Jahren gesehen wurde. Damals nahm George Reisner, der erste Harvard-Professor für Ägyptologie, die detaillierten Fotos auf, die diese Nachbildung ermöglichten. Der Kurs besucht auch den Hafen neben dem Plateau, danach einen Steinbruch, aus dem Kalkstein gewonnen wird, und sieht schließlich in der Ferne die abgelegten Kalksteine, aus denen wohl irgendwann die Sphinx gebaut werden wird.

VISUALISIERUNG EINER HISTORISCHEN KULTUR

Was Manuelian hier geschaffen hat, ist eine 3D-Visualisierung – ein Werkzeug für Lehre und Forschung, das sehr viel wirkungsvoller ist als Video. „Wenn mir an einem historischen Ort eine Frage zu einem Objekt gestellt wird, können wir gemeinsam in Echtzeit dorthin navigieren, um es uns anzuschauen“, sagt er. „Und wir können uns den Ort zu unterschiedlichen Zeiten anschauen: wenn die Pyramide zur Hälfte, zu drei Vierteln oder vollständig fertiggestellt ist.“

Der Aufbau einer virtuellen Welt hilft aber auch der Forschung, denn er zeigt auf , was alles noch nicht bekannt ist. „Im Laufe des Prozesses ergeben sich alle möglichen Forschungsfragen: Wurde die Mumie im Tempel einbalsamiert, oder irgendwo anders, in einem Reinigungs­zelt? Sollte dieser Baldachin in der Mitte des Hofes stehen? Wie viele Statuen standen in den Nischen?

Alles – von den Beziehungen zwischen den Gebäuden über die Höhe der Wände bis hin zu den Standorten von Statuen und Grabgegenständen – basiert auf den besten verfügbaren archäologischen Nachweisen: Kunstgegenständen, Fotoplatten mit Negativen von Expeditionen, arch­äologischen Skizzen, Notizen und Tage­büchern. Die Daten wurden von Reisner und der Expedition der Harvard University und des Boston Museum of Fine Arts zwischen 1905 und 1947 während genauestens dokumentierter Ausgrab­ungen in Gizeh gesammelt. Manuelian leitete die Transformation von Reisners detaillierten Aufzeichnungen zu einer navigierbaren, öffentlich zugänglichen Website (www.gizapyramids.org), die von der Mellon Foundation finanziert wurde und die Wiederauferstehung dieser immersiven, längst vergangenen Welt ermöglichte.

DIGITALE „FRACHTRÄUME“ DER KULTUR

Ähnlich wie beim Pyramidenbau besteht die Aufgabe der Geisteswissenschaften darin, die „Frachträume“ bereitzustellen, in denen unsere Kultur aufbewahrt wird. Die Digitalisierung von Archiven und Sammlungen verspricht eine Vereinigung aller kulturellen Aufzeichnungen online – eine nie da gewesene Demokratisierung des Zugangs zum Wissen der Menschheit.

Im ähnlichen Ausmaße könnte Technologie die Art und Weise verändern, wie Wissen in den geisteswissenschaftlichen Fächern entsteht. Diese Fächer, zu denen Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichte, Recht, Philosophie, Archäologie, Religion, Ethik, die Kunst- und auch die Sozialwissenschaften gehören, er­schaffen neue digitale „Frachträume“, um dort Kultur zu sammeln, speichern, interpretieren und zu übermitteln.

Durch das Sammeln und Organisieren von Daten „schaffen das Lehrpersonal und die Studierenden digitale Sammlungen, von denen einige sich als extrem wertvoll erweisen und nirgendwo sonst zu finden sind“, sagt Peter K. Bol, Inhaber der Carswell-Professur für ostasiatische Sprachen und Zivilisationen an der Harvard University. Dadurch ergibt sich auch das Potenzial, die Wissenschaft grundlegend zu demokratisieren – beispielsweise, indem normale Menschen in die Lage versetzt werden, an der Erschaffung, Pflege und Interpretation von Sammlungen teilzunehmen.

DIE STIMMEN EINER REVOLUTION

Genau das geschah im Januar 2011, nur ein paar Kilometer nördlich der Pyramiden, als Demonstranten den Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak forderten und die erste Revolution starteten, die sich auch in den sozialen Medien abspielte. An der Westküste der Vereinigten Staaten beeilte sich Todd Presner, Professor für Germanische Sprachen, vergleichende Literaturwissenschaft und Judaistik an der Universität von Los Angeles, diese Geschichte während ihres Verlaufs in Twitter-Feeds von Augenzeugen vor Ort abzubilden: „In unserer Straße in Mohandessen sind Schüsse zu hören, die Armee kommt mit Panzern.“ Dann: „Panzer auf den Straßen von Kairo.“

Die Tweets, deren ungefährer Sendeort auf einer begleitenden Karte der Stadt aufleuchtet, ermöglichen es dem Nutzer, in der Zeit zurück zu gehen und dieses Ereignis Augenblick für Augenblick zu erleben. Sie dokumentieren alles, von der Sorge, was passieren könnte, wenn Soldaten auf Protestierende treffen, bis zu den Stimmen der Organisatoren des Protests: „Morgen treffen wir uns um 9:00 Uhr am Tahrier[-Platz]. Wir werden zu Mubaraks Präsidentenpalast in Heliopolis laufen. Nieder mit dem Diktator.“ Letztlich wird aus den Tweets deutlich, dass sich die Armee nicht in den Volksaufstand einmischen wird: „Demonstranten schreiben ‘Nieder mit Mubarak’ auf alle Armeepanzer in der Nähe des Tahrir-Platzes. Soldaten sind begeistert!“ und „Habe Mubarak-Unterstützer gesehen, wurde mit einer Waffe erwischt, dann von Protestieren­den verhaftet. Er saß weinend neben den Armeepanzern.“

EINE KATASTROPHE MIT CROWDSOURCING ABBILDEN

Als im März 2011 der größte Tsunami in der aufgezeichneten Geschichte Japans zuschlug, versuchte eine Kern­- gruppe von Universitäts­mitarbeitern, die vergänglichen im Internet zugänglichen Informationen über die Katastrophe festzuhalten.

Das Reischauer Institute of Japanese Studies (RIJS) der Harvard-Universität hatte schon ein Jahrzehnt zuvor bei der Überarbeitung der japanischen Verfassung Erfahrungen mit der Web-Archivierung gesammelt. Aber das während der Katastrophe 2011 anfallende Material überstieg die Menge des früheren Projekts um ein Vielfaches. Das schiere Volumen der Informationen aus 10.000 Websites war einfach zu groß – und lag in zu vielen unterschiedlichen Formaten vor – als dass die Mitarbeiter des RIJS sie komplett erfassen konnten.

Glücklicherweise waren sie nicht allein. Das Internet Archive (eine bedeutende amerikanische Einrichtung, die so etwas wie das Gedächtnis des Internets für die Nachwelt darstellt), die Tohoku University in Sendai, Yahoo! Japan, das All311 Archive (eine neu gegründete Nonprofit-Organisation), die japanische National Diet Library und viele andere sammelten ebenfalls Daten.

Viel von diesem Material war zwar vorhanden, aber nicht durchsuchbar. Während das RIJS-Team Partnerschaften mit anderen Einrichtungen gründete, wurde die Idee geboren, ein als Netzwerk aufgebautes Archiv zu erstellen. Heute hält Harvard einen bedeutenden Teil der von seinen Partnern übermittelten Metadaten vor, die jetzt indiziert und durch­suchbar sind, und die nun allen Projektpartnern zur freien Verfügung stehen. Das meiste Rohmaterial im Archiv ist anderswo gespeichert.

Eine andere Frage war, wie das Archiv nutzbar zu machen wäre. Bei den Materialien handelte es sich nicht nur um Blogs und so genannte Listservs, sondern auch um behördliche Dokumente, YouTube-Videos, Audioaufnahmen, Fotosammlungen, persönliche Augenzeugenberichte, Karten und soziale Medien. Der Direktor des RIJS Andrew Gordon fragte Konrad Lawson, einen Doktoranden mit profundem Wissen über die Geschichte, Sprache und Gesellschaft Japans, ob man nicht mit metaLAB zusammenarbeiten könne, einem Harvard-Labor, das die Natur digitaler Archive erforscht. metaLAB wiederum tat sich mit Zeega zusammen, das unter anderem von Architekturdozent Jesse Shapins gegründet worden war, um dessen Suchanwendung für die neue Herausforderung zu nutzen.

Das aus diesen Anstrengungen resultierende Digital Archive of Japan’s 2011 Disasters (www.jdarchive.org) enthält Karten mit mehrschichtigen Geodaten vom Center for Geographic Analysis in Harvard (geleitet von Bol), Twitter-Feeds und Daten aus dem vom Hypercities Project bereitgestellten geographischen Informationssystem, 50.000 Fotos von Yahoo! Japan, Augen­- zeugenberichte über die Ereignisse sowie Tausende offizieller Dokumente.

Die Software durchsucht diese riesige Menge an Material, indem sie über die API (Programmierschnittstelle) Anfragen an die Partnerarchive schickt. Fotoweb­sites und soziale Medien verwenden öffentliche APIs, um „Twitter-Feeds in Blogs einzubinden oder Apps mit Facebook zu verknüpfen“, so Lawson. „Diese Technologie kommt nun auch in digitalen Archiven und in der akademischen Welt immer stärker auf.“

FORSCHUNG DEMOKRATISIEREN

Das Archiv ist interaktiv – ein wirklich besonderes Merkmal. Die Nutzer werden Tags (Beschreibungen und Schlagwörter) zum Material hinzufügen können, ohne dabei das Original selbst anzutasten, das möglicherweise auf einem anderen Kontinent gespeichert oder gelagert ist. Diese beschreibenden Einträge werden zu den Metadaten eines Objekts. Mit solchen aus Crowdsourcing stammenden Informationen „besteht zwar das Risiko, dass etwas falsch getaggt wird; in diesem Sinne ist unser Archiv Wikipedia nicht unähnlich“, gibt Gordon zu, „aber wir glauben, dass die Vorteile die Nachteile bei weitem überwiegen.“

Die Nutzer werden auch in der Lage sein, die Daten durch die Erstellung und Speicher­- ung spezieller Materialsammlungen weiter anzureichern. Andere Nutzer, die an den gleichen Themen zum Beispiel den Aus­- wirkungen der Katastrophe auf die Fischerei interessiert sind, werden ebenfalls in der Lage sein, darauf zuzugreifen.

„Die Qualität in der Ausbildung, die durch den drastisch erweiterten kulturellen Kontext und durch die Kommunikation zu einem größeren Publikum in zeitgemäßer Sprache möglich wird, ist nach meiner Ansicht eines der größten Versprechen unserer Zeit.”

JEFFREY SCHNAPP Ko- direktor des Lehrpersonals am Berkman Center for Internet and Society und Direktor des metaLAB zum Lehrkörper von Harvard hinzustieß

Das Archiv hat dabei auch eine soziale Komponente. „Wenn man sich durch das Archiv bewegt, begegnet man nicht nur Objekten – Websites, Dokumenten und Medien – sondern auch anderen Archivaren, und zwar durch von den Nutzern erstellte Elemente wie Anmerk­ungen und kurierte Sammlungen“, erklärt Kyle Parry, der Ansprechpartner von metaLAB für das Digital Archive of Japan. „Auf gewisse Weise wird man so Teil einer Gemeinschaft von Archivaren, die man vielleicht nie persönlich trifft, mit denen man aber zusammenarbeitet.“

Immer wenn ein Teilnehmer ein Objekt „berührt“, „schlägt es sozusagen Wellen“, erklärt Parry. „Wenn jemand etwas zu einer Sammlung hinzufügt, beispielsweise ein Tag oder eine geographische Angabe, oder auch nur, wenn ein Objekt eine hohe Zahl von Besuchern aufweist, beeinflusst jeder Kontakt damit seinen Wert. All diese Interaktionen erhöhen die Chancen, dass es auch von anderen entdeckt wird.“

DIE REGELN NEU DEFINIEREN

Es kündigen sich äußerst bedeutsame Veränderungen in den Geisteswissenschaften an, aber dass eine Revolution im Gange sei, ist „etwas übertrieben“, so Jeffrey Schnapp, der 2011 als Ko­direktor des Lehrpersonals am Berkman Center for Internet and Society und als Direktor des metaLAB zum Lehrkörper von Harvard hinzustieß. „In Wirklichkeit sind bahnbrechende Forschung und die Lösung der komplexesten und herausforderndsten Fachfragen das Ergebnis einer profunden und langjährigen Forschungstradition. Werkzeuge und Technologien können unseren Forschungshorizont drastisch erweitern und die Grundbedingungen der Wissens­bildung verändern. Aber für sich selbst genommen stellen oder beantworten sie keine interessanten Forschungsfragen. Das wird immer noch von Menschen gemacht.“

Dennoch: „Dass wir auf Informationen zugreifen und sie analysieren können, hat für uns Möglichkeiten geschaffen, die vor wenigen Generationen noch unvor­stellbar waren“, so Schnapp. Die Qualität in der Ausbildung, die durch den drastisch erweiterten kulturellen Kontext und durch die Kommunikation zu einem größeren Publikum in zeitgemäßer Sprache möglich wird, ist nach meiner Ansicht eines der größten Versprechen unserer Zeit.“

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von Jonathan Shaw
  • Jonathan Shaw ist Chefredakteur des Harvard Magazine. Copyright © 2012 Harvard Magazine Inc. Auszug mit freundlicher Genehmigung aus der Ausgabe Mai/Juni 2012 des Harvard Magazine (114:5; 40-44, 73-75). Alle Rechte vorbehalten. Der vollständige Artikel ist in englischer Sprache verfügbar auf http://harvardmagazine.com/2012/05/the-humanities-digitized