INNOVATIONEN IN GELDANLAGEN INNOVATIONEN IN GELDANLAGEN: Radikale Veränderungen der Marktbedingungen erfordern neue Lösungen

Amin Rajan, Geschäftsführer von CREATE-Research aus London, UK, arbeitet mit Finanz­instituten und Vermögensverwaltern an der Verbesserung ihrer Innovationsprozesse. Rajans neueste Studie befasst sich mit den Herausforderungen für Vermögensverwalter, die weltweit zwar 65 Billionen US-Dollar in Anlagegüter investieren, aber Innovationen nur zögerlich zulassen. In einem Interview mit Compass gibt Rajan Empfehlungen, wie man sich an dieses neue Zeitalter anpassen kann.

COMPASS:  Wie geht es der Vermög­ens­verwaltungsbranche derzeit?

AMIN RAJAN: Die Branche steckt seit 15 Jahren in der Krise. Sie hat zwei heftige Bärenmärkte erlebt, die zu den vier schlimmsten der vergangenen 100 Jahre zählten. Die Investoren sind verängstigt. Ihre Umgebung hat sich drastisch verändert. Die 24-Stunden-Nachrichten verstärken sowohl Paranoia als auch Freude der Investoren noch mehr. Wenn in einem Land etwas schiefläuft, hat das aufgrund der Globalisierung Auswirkungen auf viele andere Länder. Das Investieren im alten Stil funktioniert so nicht mehr. Die Kunden sagen: „Wir brauchen neue Produkte. Wir können diese ‘himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt’ Mentalität nicht mehr er­tragen, die seit dem Zusammen­bruch von Lehman Brothers vorherrscht.“

Werden Investoren, die kurz vor dem Ruhestand stehen, fordernder?

AR: Das ist ziemlich erstaunlich. Rund 75% der Vermögenswerte, die von Retail Asset Managern verwaltet werden, gehören Menschen, die bereits im Ruhe­stand sind oder kurz davor stehen. Sie haben ein ganz anderes Risikoprofil. Sie sagen: „Ich möchte Vermögenswerte, die mir Einkünfte bescheren und niedrige Volatilität besitzen. Für mich steht Sicherheit vor Volatilität.“

Was können Vermögensverwalter tun, um auf diese Bedürfnisse zu reagieren? 

AR: In einigen Fällen können sie bessere Varianten älterer Produkte anbieten. Sie müssen außerdem in engeren Kontakt mit ihren Kunden treten als früher. Markt­verwerfungen führen zu Preisabwei­ch­ungen oder Fehlbewertungen. In dieser Umgebung kann man aus der Volatilität Gewinn erzielen. Vermögens­verwalter müssen die Investoren auch vor dem Herdentrieb bewahren. Dieser hat schon viele Portfolios vernichtet.

Sie empfehlen also, dass Vermög­ens­verwalter aktiver werden sollten?

AR: Genau. Früher lief es nach dem Schema „Vertrag abschließen und vergessen“. Doch wegen der Volatilität funktioniert es so nicht mehr. Die Planung der Altersvorsorge ist keine einmalige Entscheidung wie der Hauskauf. Das Arbeitsumfeld der Menschen ändert sich. Familiensituationen ändern sich. Man muss schlauer sein und sich an­passen, insbesondere wenn die Märkte stärker von der Politik als von der Wirtschaft bewegt werden.

Wie sieht es mit der Entwicklung neuer Produkte aus?

AR: Man kann neue Produkte entwickeln oder vorhandene aktualisieren. Wenn Sie eine festverzinsliche Rente verkaufen, könnten Sie diese beispielsweise an die Preisinflation koppeln. Oder wie wäre es mit einem Drawdown-Produkt? Ein Kunde investiert nur die Hälfte des Portfolios in eine Annuität. Die andere Hälfte geht in ein Drawdown-Produkt, wobei die Erlöse reinvestiert werden, um ein regelmäßiges Einkommen und einen Inflationsschutz zu generieren. Somit wird das Risiko breiter gestreut.

Haben Sie Vorschläge, wie mit den Risiken, die neue Produkte beinhalten, umgegangen werden kann?

AR: Bisher war es so, dass der Verkäufer einen Kunden getroffen hat und auf Interesse an einem bestimmten Produkt gestoßen ist. Das Team aus Vermögens­verwaltern hat das Produkt zusamm­en­gestellt und anschließend verkauft. Sie haben keine Stresstests durchgeführt. Sie haben keine Marktforschung betrieben. Sie haben es einfach getan. Aber ein guter Prozess entwickelt einen Business Case um das Produkt herum und führt eine Machbarkeitsstudie durch. Ähnlich wie man auch ein neues Auto im Windkanal testet. Ein Produkt sollte eingehend unter­sucht und geprüft werden. Vielleicht sollte man es zunächst ein halbes Jahr als „Paper Portfolio“ führen, um zu sehen, ob es funktioniert.

Vermögensverwalter hatten also nicht den Vorteil, auf ausgereifte Innovationsprozesse zugreifen zu können, wie viele Technologieunternehmen?

AR: Nein und deshalb müssen Vermö­gensverwalter denselben Weg beschreiten wie 3M und Johnson & Johnson. Sie müssen einen sehr robusten Prozess entwickeln, bevor sie ein Produkt auf den Markt bringen. Sie müssen Ideen von Mitarbeitern aus allen Unternehmensbereichen sammeln. Diese Ideen werden dann von den Kollegen bewertet und die guten werden weiterverfolgt.

Aber die Finanzbranche zieht doch eher Individualisten an, die lieber ihre eigenen Lösungen entwickeln, oder etwa nicht?

AR: Ja, aber das ändert sich gerade, weil die Vermögensverwaltung eine industrialisiertere Ausrichtung erhält. Sie muss Ideen mit Prozessen verknüpfen. Die kreative Freiheit der Branche weicht der Prozessdisziplin. Es kann nicht mehr jeder sein eigenes Süppchen kochen.

„DIE VERMÖGENSVERWALTUNG ERHÄLT EINE INDUSTRIALISIERTERE AUSRICHTUNG. SIE MUSS IDEEN MIT PROZESSEN VERKNÜPFEN.”

AMIN RAJAN CHIEF EXECUTIVE, CREATE-RESEARCH

Welche Rolle spielt die strengere behördliche Überprüfung?

AR: Eine strengere Regulierung bedeu­tet, dass man sich nicht einfach irgend­was ausdenken kann. Neue Ideen müssen jetzt durch einen robusten Prozess erprobt werden. Hier in Groß­britannien muss man den Behörden alle Überlegungen, die in die Entwicklung eines Produkts eingeflossen sind, vorlegen, bevor man dieses Produkt registrieren kann. Die bestehenden Vorschriften werden auch viel strenger durchgesetzt. Die Regulierung ist ein zweischneidiges Schwert. Sie bremst bestimmte Ent­wicklungen, aber sie sorgt auch für mehr Strenge.

In Ihrem Bericht sprechen Sie von Hürden oder Blockaden, die Inno­vationen verhindern. Welche sind das?

AR: Wir steuern auf eine Art „Genehmigungskultur“ zu, bei der sich die Menschen scheuen, über den Tellerrand hinaus zu denken. Außerdem herrschen zwischen den Mitgliedern von Innovationsteams häufig Spannungen – besonders zwischen Portfoliomanagern, die Marktdynamik verstehen, und Verkäufern, die die Kunden verstehen. Es fehlen Werkzeuge, die eine echte Zusammenarbeit zwischen den Menschen fördern.

Was ist also Ihr Rat an Vermög­ens­verwalter?

AR: Als erstes sollte man all die Faktoren in Angriff nehmen, die Innovationen blockieren. Diese Hindernisse lassen sich leicht identifizieren, wie beispiels­weise die Tatsache, dass Menschen allen Ideen außer ihren eigenen gegenüber nicht aufgeschlossen sind. Und man muss Prozesse etabliert haben. Ich hasse Bürokratie, aber ich weiß, dass bestimmte Prozesse absolviert werden müssen, um die Integrität unserer Produkte zu gewährleisten. Verkleinern oder beseitigen Sie die Hürden für die Entwicklung guter Ideen, geben Sie den Menschen die Werkzeuge für eine gute Zusammen­arbeit und etablieren Sie Prozesse.

von William J. Holstein Zurück zum Seitenbeginn
von William J. Holstein