COMPASS MAGAZINE #10
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BEWERTUNG VON LEHRERN Weltweit suchen Experten nach Kriterien zur fairen Bewertung von Lehrerleistungen

Wann ist die Arbeit eines Lehrers effektiv? Diese Beurteilung ist schwierig, aber wichtig. Führende Experten untersuchen, wie die vielen unterschiedlichen Bewertungsmethoden zu einer genauen und fairen „Messung“ der Leistungen einzelner Lehrer kombiniert werden können.

Laura Nurminen ist Beraterin für Arbeitsmarktfragen bei der Lehrergewerkschaft in Finnland (OAJ) und beantwortet die Frage nach der Bewertung von Lehrerleistungen mit einer Analogie: „Wenn es einem Chirurgen gelingt, das Leben eines schwer verletzten Mannes zu retten, er aber die Beine amputieren muss – war der Chirurg dann erfolgreich oder hat er versagt?“

Nurminen wendet dieses Beispiel dann auf den Bildungssektor an: „Wenn es einem Lehrer gelingt, einem Schüler mit einer Lernbehinderung das Lesen, Schreiben und Verstehen eines kurzen Textes beizubringen, es am Ende des Schuljahrs aber immer noch an der Rechtschreibung hapert – ist der Lehrer dann ein ‚guter‘ oder ein ‚schlechter‘ Lehrer?“

Viele Regierungen, Bildungsverbände und Schulen müssen sich dieser Frage stellen, und Antworten sind wichtig. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat im Mai 2015 einen Bericht mit dem Titel „Universal Basic Skills – What Countries Stand to Gain“ veröffentlicht. Darin wird festgestellt, dass 66% der Schüler in neun der untersuchten 76 Länder und ein nicht zu vernachlässigender Anteil der Schüler in einigen der reichsten OECD-Länder der Welt die Schule ohne notwendige Grundkompetenzen verlassen. Diese Ergebnisse haben viele Länder veranlasst, die Bewertung von Lehrern neu zu untersuchen. Außerdem verweist der Bericht auf eine starke Korrelation zwischen der Qualität des Bildungssystems eines Landes und der Zunahme des Bruttoinlandsprodukts.

„NICHTS IST WICHTIGER FÜR DEN BILDUNGSERFOLG EINES KINDES ALS EIN GUTER LEHRER.”

JAMES BROWN EXECUTIVE DIRECTOR, STEM EDUCATION COALITION

„Der Unterricht in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik und der wirtschaftliche Wohlstand der USA im modernen globalen Markt sind eng miteinander verknüpft. Robuste MINT-Kompetenzen nehmen im Rahmen einer umfassenden Ausbildung eine zentrale Stellung ein und ermöglichen eine effektive Beteiligung an der Gesellschaft“, so James Brown, Geschäftsführer der Organisation STEM Education Coalition in den USA. „Zahlreiche Studien haben bestätigt, dass für den schulischen Erfolg nichts wichtiger ist als ein guter Lehrer. Es ist immens wichtig, dass die USA beträchtlich und langfristig in die Ausbildung und berufliche Zufriedenheit von neuen Lehrern investieren, die über pädagogisches Wissen in den MINT-Fächern verfügen. Auf diese Weise können auch mehr Schüler für MINT-Berufe begeistert werden.“

VIELE METHODEN

Viele Länder, die im Rahmen des OECD-Berichts untersucht wurden, haben strukturierte Systeme zur Bewertung von Lehrerleistungen eingerichtet – von den Testergebnissen der Schüler und Beobachtungen im Klassenzimmer über gegenseitige Kollegenprüfungen bis hin zu Umfragen bei Schülern. Trotzdem sind sich die meisten einig, dass eine genaue, faire und zuverlässige Bewertung der Wirkung eines Lehrers auf das Lernen seiner Schüler nach wie vor eine Herausforderung darstellt.

„Grundsätzlich sind die Lehrerleistungen gut, wenn bei den Schülern ein Fortschritt beobachtet wird, und schlecht, wenn es keine Verbesserungen gibt“, so Andreas Schleicher, Leiter des Direktorats für Bildung und Ausbildung und besonderer Berater des Generalsekretärs der OECD für Bildungspolitik. „Für ,effektives Unterrichten’ gibt es jedoch keine feste Definition, und eine genaue Quantifizierung ist schwierig. Setzen wir Qualität mit Erfahrung gleich? Loben wir Lehrer, die die Testergebnisse ihrer Schüler verbessern, oder Lehrer, die den Schülern kritisches Denken und Diskussion beibringen? Oder sind Lehrer nur dann effektiv, wenn sie alle diese Ziele erreichen und mehr?“

John Hattie, Direktor des Melbourne Education Research Institute (MERI) an der Melbourne Graduate School of Education in Australien, glaubt, dass bei der Bewertung von Lehrer-leistungen eigentlich nur zwei Fragen eine Rolle spielen sollten: Welche Nachweise hat ein Lehrer für seine Effektivität bei seinen Schülern insgesamt? Und welche Maßnahmen hat der Lehrer auf Grundlage dieser Nachweise ergriffen?

„Alle Studenten sollten sich mit jedem Unterrichtsjahr um ein ganzes Jahr weiterentwickeln, was aber eine angemessene Entwicklung in einem Jahr ist, hängt von der jeweiligen Schule ab“, sagt Hattie. „Daher sollten die Leistungen der Lehrer immer mit Bezug auf die Erwartungen der Schule bewertet werden.“

TESTERGEBNISSE DER SCHÜLER

Einige Länder bewerten Lehrerleistungen mit Blick auf standardisierte Kriterien, die von externen Fachleuten festgelegt werden. Der Präsident von Mexiko Enrique Peña Nieto implementierte 2015 beispielsweise umstrittene standardisierte Pflichtleistungstests bei der Einstellung, Bewertung und Beförderung von Lehrern.

In den USA sind seit Einführung des Bildungsgesetzes NCLB (No Child Left Behind, „Kein Kind wird zurückgelassen“) in 2001 standardisierte Testergebnisse, sogenannte Mehrwertmessungen, die Regel. Laut OECD werden über 90% aller Lehrer in den USA auf diese Weise beurteilt, und die Initiative „Race to the Top“ der Obama-Regierung vergibt zusätzliche Bundesmittel an staatliche und lokale Schulen, die die Testergebnisse ihrer Schüler in ihren Lehrerbewertungsprogrammen berücksichtigen.

Die Begründung solcher Programme ist einfach: Je effektiver die Lehrer, desto höher sind die standardisierten Testergebnisse ihrer Schüler. Die Reaktion der Befürworter und der Gegner dieser Praktiken ist jedoch alles andere als einfach.

„Niemand zweifelt daran, dass das Unterrichten eine komplexe Aufgabe ist, und der Erfolg im Klassenzimmer soll und muss mithilfe verschiedener Indikatoren ermittelt werden. Trotzdem ist klar, dass gute Lehrer die Leistungen der Schüler verbessern“, sagt Kate Walsh, Präsidentin des National Council on Teacher Quality in den USA, wo die Frage nach den Schülertestergebnissen besonders heiß umstritten ist. „Jegliche bedeutsame und objektive Interpretation von dem, was ‚effektives‘ Unterrichten ausmacht, muss sich dabei auf die Ergebnisse bei den Kindern stützen, und die zentrale Stellung der schülerischen Weiterentwicklung bei der Bewertung von Lehrerleistungen reflektiert die Hauptaufgabe eines Lehrers: die Förderung akademischer Leistungen der Schüler. Daher sollten die schülerische Weiterentwicklung bzw. Mehrwertdaten das wichtigste Leistungsmerkmal sein.“

James Liebman, Simon H. Rifkind Professor an der Columbia Law School und Direktor des Columbia Center for Public Research and Leadership, ist der gleichen Meinung. Er argumentiert, dass die Mehrwertanalyse der schülerischen Testergebnisse die Leistungen der Lehrer und Schulen vergleichbar macht, solange die Unterschiede bei den jeweiligen Schülergruppen berücksichtigt werden.

„Die Schüler wollen wissen, wie viel sie gelernt haben“, so Liebman. „Die neuen Bewertungsmethoden ‚Smarter Balanced‘ und ‚Partnership for Assessment of Readiness for College and Careers‘ in den USA sind verbessert worden, und die Testergebnisse geben nun ein angemessenes Bild der wichtigen Lernergebnisse, auch wenn es unvollständig ist.“

WICHTIGE RECHENSCHAFT

Lehrer hauptsächlich auf Grundlage der Testergebnisse ihrer Schüler zu bewerten wird jedoch heftig diskutiert. Die Kritiker behaupten, dass standardisierte Tests die Komplexität des Unterrichtens und des Lernprozesses ignorieren und dass die Lehrerbewertung auf Grundlage dieser Ergebnisse unfair ist.

Die Studie von Peter Z. Schochet und Hanley S. Chiang „Error Rates in Measuring Teacher and School Performance Based on Student Test Score Gains“ von 2010 zeigte, dass die Bewertung der durchschnittlichen Leistungen eines Lehrers auf Grundlage der Daten aus einem Jahr mit einem statistischen Fehler von 35% verbunden ist. Bei Verwendung von Daten aus drei Jahren liegt dieser Wert bei 25%. Dagegen stellen Thomas J. Kane und Douglas O. Staiger in der Studie „Volatility in School Test Scores: Implications for Test-Based Accountability Systems“ (2002) fest, dass 50 bis 80% jeglicher Verbesserungen bzw. Verschlechterungen der Testergebnisse eines Schülers auf einmalige Faktoren zurückzuführen sind, z.B. auf lautes Bellen eines Hundes auf dem Parkplatz während des Tests.

Einige Lehrergewerkschaften in den USA – insbesondere der Verband Tennessee Education Association und der Bund Houston Federation of Teachers in Texas – haben Klagen auf Bundesebene eingereicht, um diese Messwerte auf Grundlage von Tests anzufechten. Sie behaupten, dass Lehrer in Fächern ohne staatliche Tests bei schlechtem Abschneiden ihrer Schüler oft auf unfaire Weise benachteiligt würden.

„Standardisierte Tests sollten den Lehrkräften, Eltern und Schulen lediglich Informationen über die Fortschritte der Schüler liefern, nicht aber die Grundlage für Sanktionen gegen individuelle Lehrer sein“, so Mary Cathryn Ricker, geschäftsführende Präsidentin des Bunds American Federation of Teachers, AFL-CIO (AFT). „Mit dem NCLB-Gesetz begann eine Test-und-Sanktionen-Kultur, die dazu führte, dass Lehrer ihre Schüler auf die sehr wichtigen Tests vorbereiten, statt sie eingehend zu unterrichten. Diese Fixierung auf Tests hat die Qualität des Unterrichts bzw. das Lernen der Schüler insgesamt aber nicht verbessert. Wir müssen den Missbrauch und den übertriebenen Einsatz von Tests beenden, damit Kinder die hochwertige Bildung erhalten, die sie für Erfolg im Leben brauchen.“

LEHRER LERNEN AUCH

Laut Schleicher sehen 65% der Lehrer in OECD-Ländern die Testergebnisse ihrer Schüler als wichtiges Feedback für die eigenen Leistungen an. In vielen Ländern mit erstklassigen Bildungssystemen ist die Bewertung von Lehrern eher eine Analyse, wie gut sich ein Lehrer auf die Lernziele und seine individuelle Rolle in der jeweiligen Schule ausrichtet.

Dieses Jahr begann Ghana z.B. mit einem Pilotprojekt im Zusammenhang mit einer neuen Richtlinie zur beruflichen Weiterentwicklung von Lehrern der Primar-und Sekundarstufe. Lehrer werden auf der Grundlage ihres Engagements für die berufliche Weiterentwicklung und Geschwindigkeit dieser Weiterentwicklung beurteilt und belohnt. Rektoren der Ark Globe Academy in London führten wöchentliche Coaching-Einheiten für einzelne Lehrer ein. Finnland hat bekanntermaßen eines der besten Bildungssysteme der Welt. Hier erhalten Lehrer berufliche Entwicklungsziele und sollten ihre Leistungen einmal im Jahr mit dem Rektor besprechen.

„Da die Lehrer in Finnland einen Master-Abschluss haben müssen, gelten sie als pädagogische Experten, und ihnen wird berufliche Autonomie eingeräumt“, erläutert Nurminen von der OAJ. „Genau wie Schüler ohne den Druck durch standardisierte Tests besser lernen, engagieren sich Lehrer mit pädagogischer Freiheit voll und ganz für eine Verbesserung ihrer Methoden – statt zu lernen, wie sie die jährlichen Bewertungen bestehen können.“

BESSERE BEWERTUNGSSYSTEME AUFBAUEN

Viele argumentieren, dass die Entwicklung von validen Instrumenten zur genauen Bewertung von Lehrerleistungen erst dann möglich sei, wenn es eine allgemeine Definition für effektives Unterrichten gebe.

Faktoren wie das pädagogische Wissen der Lehrer können wir mit den aktuellen Bewertungssystemen schon messen, es gibt aber unzählige nicht quantifizierbare Aspekte, die die Wirkung eines Lehrers auf das Lernen seiner Schüler beeinflussen“, erläutert Stuart Kime, Direktor von evidencebased.education, einer Beratungsfirma für den Bereich Bildung in Großbritannien. „Beispielsweise gibt es einige Hinweise darauf, dass die Unterrichtsführung ein Faktor fürs Lernen ist. Eine zuverlässige Messung dieser Größe ist jedoch schwierig – selbst mit den besten verfügbaren Messsystemen. Daher sind Aussagen über die Auswirkung der Unterrichtsführung auf das Lernen problematisch.“

Kime arbeitet mit vielen verschiedenen Einrichtungen zusammen – mit der britischen Durham University wie auch mit Oslo, mit den US-Universitäten Rutgers und Harvard, mit der Organisation ETS für Tests und Beurteilungen im Bildungssektor in den USA und mit dem deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) – und erforscht neue Wege zur zuverlässigen und genauen qualitativen Bewertung von Lehrtätigkeiten. „Wir haben mehrere Systeme getestet: Wir wollen nämlich untersuchen, wie Lehrer diagnostische Informationen über ihren Unterricht erhalten und von Gesprächen mit Kollegen, zu denen sie Vertrauen haben, profitieren können, um Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen“, fügt er hinzu. „Wenn wir Lehrern umfassende Informationen aus mehreren Perspektiven und von verschiedenen Quellen geben und ihrer beruflichen Kompetenz vertrauen, dann entwickelt sich ein nachhaltiger, schleifenartiger Prozess einer Unterrichtspraxis mit Reflexion.“

Wie viele Bildungsexperten glaubt auch Schleicher von der OECD, dass sich zukünftige, genaue Bewertungssysteme aus mehreren Methoden zusammensetzen und Lehrern eine aktive Rolle bei ihrer beruflichen Weiterentwicklung zuweisen werden.

„Wenn wir die besten Lehrer anziehen und halten möchten, müssen wir letztendlich dafür sorgen, dass alle eine hochwertige Ausbildung bzw. Schulung und langfristiges Mentoring erhalten und dass ihnen Karriereoptionen offen stehen”, so Schleicher. „Wir müssen ihnen außerdem ermöglichen, mit einem vernünftigen Maß an beruflicher Autonomie und in einem von Zusammenarbeit geprägten Klima zu unterrichten. Lehrerbewertungen sind kein Zaubermittel, sie können jedoch – wenn sie korrekt durchgeführt werden – die Unterrichtsqualität und den Erfolg der Schüler entscheidend beeinflussen.“

von Rebecca Gibson Zurück zum Seitenbeginn