COMPASS MAGAZINE #10
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DIE BESTEN DER BESTEN Individuelles Lernen als Schlüssel zum Erfolg

Koreanische, kanadische und finnische Schulen stehen bei internationalen Vergleichstests stets ganz oben auf dem Treppchen. Ein Vergleich der Schulchampions zeigt die Gemeinsamkeiten: ein hohes Ansehen der Lehrer und individuelles Lernen – zugeschnitten auf jeden Schüler.

Es ist kurz nach acht in der Olari-Oberschule in Espoo nahe Helsinki. Plötzlich erschallt über die Laut­sprecheranlage der Teenie-Pop von Robin, dem finnischen Justin Bieber. Die ganze Schule wippt mit. Haben die Schüler die Schule gekapert? „Nein“, sagt Schulleiterin Kaisa Tikka gelassen, „man soll die Schule jeden Morgen mit etwas beginnen, das Spaß macht. Deswegen bestimmen die Schüler, mit welcher Musik wir in den Tag starten und ins Lernen einsteigen.“

SCHÜLER IM MITTELPUNKT

Die Olari-Oberschule in Espoo ist keine Alternativschule, sondern eine der besten finnischen Schulen, die mehrfach die skandinavische Mathematik-Olympiade gewonnen hat. Trotz zahlreicher Aus­zeichnungen ist die Olari eine ganz normale finnische Schule. Sie unter­scheidet sich von vielen anderen Schulen jedoch dadurch, dass die Schüler im Mittelpunkt stehen.

Das ist die erste Gemeinsamkeit, die sich aufdrängt, wenn man die Schulen Finnlands, Kanadas und Koreas vergleicht, jenen Ländern, die beim Weltschul­vergleich Pisa, dem berühmten „Programme for International Students Assessment“, Jahr für Jahr die vordersten Plätze belegen. Dabei stammen ihre Schulsysteme aus ganz anderen Kulturen und Kontinenten:
• Das kleine Finnland hat schon vor über 40 Jahren begonnen, seine Schulen umzubauen. Die Folge dieses Wandels ist das sogenannte „Schulwunder“.
• In Korea dominiert die konfuzianische Lernkultur mit Disziplin und Strenge, die ein großes Maß an individuellem und persönlichem Lernen ermöglicht.
• Kanada ist ein großes westliches Industrieland, in dem jede Provinz ihr eigenes Schulmodell hat. Es gibt nicht einmal ein nationales Ministerium für Bildung.

NUR DIE BESTEN LEHRER

Andreas Schleicher, besser bekannt als „Mister Pisa“, weil er den weltweiten Schulvergleich erfunden hat, sieht die wichtigste Gemeinsamkeit bei den Lehrern.

„In Finnland, Korea und Kanada ist der Lehrerberuf sehr attraktiv. Das lockt viele gute Bewerber an“, sagte Schleicher, Leiter des Arbeitsbereichs Bildung bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung (OECD) – einer globalen Organisation, die 40 Länder unterstützt. „Sie ermutigen die Lehrer, beim Lehren neue Wege zu beschreiten; zur Verbesserung der eigenen Leistung und der ihrer Kollegen sowie zum Besuch von Weiterbildungen, die wiederum zu einer besseren Qualität der Bildung führen. Die Lehrer arbeiten eigenständig, aber dennoch in einem Team.“

„In Finnland, Korea und Kanada ist der lehrerberuf sehr attraktiv. Das lockt viele gute bewerber an.“

Andreas Schleicher Leiter Des Arbeitsbereichs Bildung Bei Der Organisation Für Wirtschaftliche Zusammenarbeit Und Entwicklung (OECD)

Schleicher hat Lehrer weltweit zu ihrer Ausbildung befragt. Das Ergebnis: Finnland, Korea und Kanada gehören zu den Ländern, in denen Pädagogen höchstes Ansehen in der Gesellschaft genießen. In Finnland etwa werden nur die besten Schulabsolventen zum Lehrerstudium zugelassen. Und die besten Schüler wollen auch Lehrer werden, weil dieser Beruf so ungeheuer attraktiv ist.

„Finnlands Elite wird Lehrer“, sagt Jukka Sarjala, ehemaliger Leiter der zentralen Unterrichtsbehörde und einer der Väter des finnischen Schulwunders. Sarjala führt den eigentlichen Vorteil einer guten Schule aber noch auf etwas anderes zurück: dass Schule nicht selektiv ist, sondern integrativ. „Bei uns gehen alle Kinder von 7 bis 16 Jahren in dieselbe Schule. In jeder Kommune, vom reichen Süden bis zum armen Norden, gibt es nur diese eine Schulform.“ Auch Korea und Kanada zeichnen sich durch nicht-selektive Schulsysteme aus.

„Der andere Stil und die andere Pädagogik machen die integrative Schule aus“, erklärt Sarjala. „Der Lehrer ist für 25 unterschiedliche Kinder verantwortlich und muss 25 unterschiedliche pädagogische Konzepte entwickeln.”

ENGLISCHUNTERRICHT IN FINNLAND

Wie so etwas aussieht, kann man natürlich nicht in Studien lesen, das sieht man nur im Klassenzimmer – zum Beispiel beim Englischunterricht an der Olari-Oberschule im finnischen Espoo. Auf den ersten Blick sieht der Unterricht nicht anders aus als man ihn klassischerweise kennt: Vorne steht die Lehrerin, die heute Charlie Chaplin auf den Stundenplan gesetzt hat. Aber sie trägt nicht vor, sie lässt den Meisterregisseur mithilfe englischer Quellen analysieren – von den Achtklässlern. Diese präsentieren dann ihre Ergebnisse auf Englisch.

In Finnland „ist der lehrer für 25 unterschiedliche kinder verantwortlich und muss 25 unterschiedliche pädagogische konzepte entwickeln.”

JUKKA SARJALA Ehemaliger Leiter Der Zentralen Unterrichtsbehörde Finnlands

Jede Kleingruppe sucht sich eines der Themen aus: „Der große Diktator“ (einer der berühmtesten Filme von Chaplin), Chaplins Leben, seine Bedeutung für den Film, usw. Anschließend recherchieren die Schüler im Netz. Später tragen sie ihre Ergebnisse vor der Klasse vor. Dabei filmt die Lehrerin die Gruppen – und erörtert hinterher gemeinsam mit den Schülern den Vortrag sowie deren Englisch­kenntnisse. Der Vorteil dieser Methode ist, dass die Schüler sich selbst etwas über Chaplin beibringen. Dadurch wird sichergestellt, dass sich jeder Schüler aktiv beteiligt und vollständige Sätze zu einem interessanten Thema formuliert.

IN KOREA IST PASSIVES LERNEN OUT

Es besteht oft das Vorurteil, das koreanische Bildungssystem sei rein auf Drill ausgerichtet. Wenn man sich den Unterricht des asiatischen Landes näher ansieht, wird deutlich, dass dort genauso wie in Finnland individuelle Aufgaben gestellt werden, bei denen die Schüler selbstständig lernen können.

„Früher konnten sich die Schüler auf Aufnahmeprüfungen für Universitäten durch ‚passives‘ Lernen vorbereiten, das durch Vorträge und Auswendiglernen geprägt war“, erklärt Inn-Woo Park, Professor für Pädagogik (die Kunst und Wissenschaft der Erziehung und Bildung) an der Korea University. „Die Dinge haben sich jedoch geändert und es gibt mittlerweile bessere Methoden als passives Lernen, um sich auf eine Prüfung vorzubereiten.“

Vor einigen Jahren saßen die Schüler in Korea noch eng nebeneinander und lauschten bedächtig ihren Lehrern. Heute ist das ganz anders. In jeder Unterrichts­stunde erhalten die Schüler vom Lehrer, der ganz vorne steht, eine Einführung. Dann werden jedoch Gruppen gebildet, in denen die Schüler selbstständig am Computer arbeiten.

„Früher verstand man unter einem guten Schüler jemanden, der sich das merken konnte, was er gelernt hat“, sagt der korea­nische Grundschullehrer Cha-Mi Kwon in einem Dokumentarfilm der OECD über den Wandel des koreanischen Bildungs­systems. „Heute müssen die Schüler unter Zuhilfenahme verschiedener Quellen entscheiden können, welche Informationen für sie wichtig sind, und diese dann für sich selbst nutzbar machen.”

SCHÜLERAUTONOMIE IN KANADA

Videostudien aus kanadischen Schulen zei­gen indes ein ganz ähnliches Bild: Feste Lerngruppen mit klassischem Frontalunterricht gibt es kaum noch. Stattdessen sehen wir viel Gruppen- und Einzelarbeit, die auf die Bedürfnisse des einzelnen Schülers abgestimmt ist. Das kann entweder Nachhilfe oder Spezialtraining sein oder aber auch eine Lerngruppe, die dem Rest des Jahrgangs weit voraus ist und daher in ihrem eigenen Lerntempo weiterlernt.

An der Unionville High School im kanadischen Markham stellt die Provinz Ontario jedem Schüler einen sogenannten „Student Success Teacher“, einen Lernerfolgslehrer, zur Seite. „Ich finde diese Idee toll. Jeder Schüler wird individuell gefördert, sodass der Lernerfolg ein realistisches Ziel ist“, lobt die Rektorin Susan Logue die Schul­behörden.

Die kanadische Provinz Ontario ist bei der Individualisierung des Lernens sehr erfolg­reich. Das liegt teils daran, dass dort jeder vierte Schüler nicht in Kanada geboren wurde. „Wir müssen uns diese Vielfalt zunutze machen“, sagt Mary Jean Gallagher, die stellvertretende Bildungsministerin für Ontario. „So bieten wir zum Beispiel Schulen, die Probleme haben, mehr Unterstützung und Mittel.“

DIGITALES LERNEN AUF DEM VORMARSCH

Der größte Erfolgsfaktor der drei Pisa- Champions basiert auf ständiger Moder­nisierung. Die Schulsysteme Finnlands, Koreas und Kanadas sind im permanenten Wandel begriffen. Sie übernehmen neue Technologien und führen jeden einzelnen Schüler zu seinem maximalen Erfolg. In allen drei Ländern spielt heute das Arbeiten mit Computern und mit dem Internet eine große Rolle: Erstens sollen die Schüler traditionelle Themen mit nicht-traditionellen Mitteln erlernen. Zweitens sollen sie auf die Schlüsseltechnologien des 21. Jahr­hunderts vorbereitet werden. Und drittens sollen die individuellen Möglich­keiten des Lernens weiter verbesse­rt werden.

Genauso wie beim individuellen Lernen sind die Ansätze der drei Länder beim digitalen Lernen so unterschiedlich wie ihre Kulturen. Koreas nationale Strategie der Digitalisierung geht auf das Jahr 2007 zurück. Damals wurde das Konzept der technologischen Entwicklung angepasst: Die Schülern bekamen nur noch digitale Schulbücher. Ab 2015 soll jeder koreanische Schüler einen kostenlosen Tablet-Computer erhalten.

Im dezentralisierten Kanada existiert kein nationaler Digitalisierungsplan. Jede Provinz verfolgt ihren eigenen Ansatz.

In Finnland verfügt jede Schule über große Autonomie. Nach einer Exkursion im Fach Geschichte kann ein Schüler zum Beispiel seine Erfahrungen in einem individuellen E-Book sammeln, das er auf einem TabletComputer aus Texten, Filmen und online verfügbaren Fotos zusammenstellt. Eine Klasse der Olari-Schule bekam einen ganzen Satz Tablets für ihre Zeitreise in die Eiszeit Finnlands. Mit den Geräten dokumentierten sie ihre Ausgrabungen, sie interviewten Experten, sie schrieben ihre Texte und erstellten Grafiken. „Wir haben iPads eingesetzt, weil wir etwas Innovatives verwenden wollten“, sagt Schulleiterin Kaisa Tikka. „Der Lernprozess läuft in der Gruppe und nicht individuell ab. Mit iPads arbeiten die Schüler enger zusammen und teilen Inhalte.“

In Espoo brauchte es dazu keinen nationalen Plan wie in Korea, da die Schulleiterin über ein Budget verfügt, das sie nach eigenem Ermessen ausgeben kann. „Ich kannte die Vorteile der Tablets und habe für meine Schule mehrere Geräte gekauft“, berichtet Rektorin Tikka. „Eine Projektgruppe von Lehrern hat sie getestet.” Ab 2013 bekommt jeder Schüler der Olari-Schule ab der elften Klasse ein eigenes Tablet.

VORBILD FÜR ANDERE LÄNDER

Was kann der Rest der Welt nun von Vorbildern wie Finnland, Korea und Kanada lernen? Vielleicht am besten das, was man nicht tun sollte.

Der Finne Pasi Sahlberg, der in Harvard lehrt, ist einer der gefragtesten Schulberater und -reformer weltweit. Er erläutert: „Einige Faktoren gibt es in diesen qualitativ hochwertigen Schulsystemen einfach nicht, wie z. B. die Privatisierung von Schulen durch den Staat, das Vertrauen auf Standardtests, Konkurrenz unter den Schulen oder die Konfrontation zwischen Behörden und Lehrern.”   ◆

von Christian Füller Zurück zum Seitenbeginn
von Christian Füller
  • Christian Füller ist ein deutscher Journalist und Autor, der über mangelhafte Schulsysteme und Lehrmethoden im 21. Jahrhundert geschrieben hat. Er hat internationale Schulsysteme untersucht, unter anderem in den Niederlanden, in skandinavischen Ländern, in Polen, Vietnam und den USA.