COMPASS MAGAZINE #10
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EIN BUCH, DAS VIEL MEHR KANN Digitale Technologie revolutioniert das Lehrbuch

Weltweit werden Lehrbücher dank digitaler Technologie mit dynamischen, interaktiven Inhalten gespickt, die den Lernenden stärker einbeziehen und begeistern können. Da diese „E-Lehrbücher“ noch dazu kosteneffizient sind, arbeiten Pädagogen und Verleger gemeinsam mit Technologieanbietern, um noch ansprechendere, mediengestützte Inhalte zu produzieren.

Nach einer Studie des internationalen Dienstleistungsanbieters PwC (früher PricewaterhouseCoopers) werden elektronische Lehrbücher im Jahr 2018 rund 14% des globalen Gesamtumsatzes von Lehrbüchern ausmachen. Auch wenn diese Zahl recht bescheiden wirkt, ist sie doch doppelt so hoch, wie der Anteil dieser sogenannten E-Lehrbücher noch 2013 war. Obwohl das Wachstum durch die engen Bildungsbudgets, die nicht jedes Jahr den Kauf neuer Lehrbücher erlauben, gebremst wird, unterstützen Verleger dieses neue Format insbesondere in der Hochschulbildung sehr stark.

„Unter Studierenden zeichnet sich ein allmählicher Anstieg in der Nutzung elektronischer Lehrbücher ab“, sagt Linda Dunbar, Leiterin Corporate Public Relations bei Wiley, einem großen Lehrbuchverlag in Hoboken, New Jersey. „In der Regel werden Studierende, die schon einmal ein E-Lehrbuch verwendet haben, mit höherer Wahrscheinlichkeit erneut ein solches nutzen, weil sie positive Erfahrungen damit gemacht haben.“

Charlie Pearson, Entwicklungsleiter beim britischen Lehrbuchverleger Pearson Publishing, sagt ein stetiges Wachstum voraus. „Unsere mobile Publishing-aPlattform Nimbl weckt in Schulen großes Interesse“, sagt er. „Es wird noch dauern, bis sie große Gewinne abwirft, aber wir erwarten, dass die Nachfrage schnell wachsen wird. Angefangen bei den 17- bis 18-Jährigen, die schon etwas eigenständiger lernen.“

MEHR ALS NUR EIN BUCH

E-Lehrbücher sind eine Erweiterung des traditionellen Buchs mittels flexibler Zusatzbausteine, wie Informationsquellen und Mediendateien plus Fortschrittsüberwachung, und sie geben sofortiges Feedback. „Auch auf lange Sicht gesehen werden die Bücher nicht durch Online-Angebote ersetzt“, sagte Mary Skafidas gegenüber der Zeitschrift Scholastic Administr@tor, als sie als Marketingleiterin beim New Yorker Verlag McGraw-Hill Education tätig war. „Vielmehr werden andere Tools entwickelt. Das geht über digitale Prosa hinaus.“

Der französische Verlag Hachette ging mit seiner Lehrbuchreihe „Technique“ einen Schritt weiter und entwickelte mit Experten für Lerntechnologie 3D-Animationen für die digitale Ausgabe seines Technologiehandbuchs, das in französischen Schulen eingesetzt wird. Animationen ermöglichen den Schülern, 3D-Modelle zu beobachten, zu verändern und zu zerlegen, während französische und englische Begleitkommentare ihre Sprachkenntnisse schulen.

„Diese Animationen unterstützen den kombinierten Lehransatz, der auf praktischen Experimenten, Vorträgen und Laborversuchen beruht“, sagt Sylvain Grenaille, Lehrer für Technologie an der Viollet-le-Duc Oberschule in Villiers-Saint-Frédéric, Frankreich, wo das E-Lehrbuch von Hachette getestet wurde. „Schüler erlernen gerne digitale Technologien, die sie später vermehrt einsetzen werden. Die Schüler der Klasse, in der die 3D-Animationen zum Einsatz kamen, waren effizienter, weil sie größeres Interesse am Lernstoff hatten.“

14%

Laut PwC werden bis 2018 elektronische Lehrbücher 14% des globalen Gesamtumsatzes von Lehrbüchern ausmachen.

SPITZENKLASSE

Da Schüler ihre Schularbeiten mit nach Hause nehmen, müssen gelungene E-Lehrbücher reichhaltige interaktive Inhalte auf diversen mobilen Geräten anzeigen können. Ewan Campbell, Lehrerausbilder für das Projekt Pro-ELT (English Language Teaching) des British Council in Malaysia, hält Kurse, in denen er das Präsenzlernen mit gebundenen Lehrbüchern und Hausaufgaben auf digitalen Plattformen miteinander kombiniert. „Die große Herausforderung bei digitalen Büchern besteht darin, wie die Inhalte auf unterschiedlichen Geräten angezeigt werden können“, sagt er „Hier in Malaysia besitzen die meisten angehenden Lehrkräfte Smartphones, einige wenige haben Laptops, deshalb müssen die digitalen Programme auf allen verfügbaren Geräten funktionieren.“

Zukunftsorientierte Verleger konzentrieren sich darauf. „Wir erstellen Inhalte so, dass sie auf allen Bildschirmen gut aussehen“, sagt Pearson. „Die Auszeichnungssprache muss für E-Lehrbücher reichhaltiger sein, weil die Inhalte mehr können müssen.“

DIE ZUKUNFT DEUTEN

In Zukunft versprechen E-Lehrbücher ein breites Spektrum innovativer und interessanter Inhalte. Das Ziel der Verleger ist es, sie immer ausgefeilter und interaktiver zu gestalten. „E-Lehrbücher werden sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln und selbst Standardexemplare werden ein hohes Maß an Interaktivität bieten“, sagt Dunbar von Wiley. „Dies wird anfangs dadurch geschehen, dass Verleger nach und nach mehr Inhalte in das dynamischere, anpassbare ePUB3-Format umwandeln. Es werden diverse Angebote entstehen, die von herkömmlichen Texten auf elektronischen Geräten bis zu adaptiven integrierten Lernplattformen mit vielfältigen Erweiterungen reichen.“

„IN DER REGEL WERDEN STUDIERENDE, DIE SCHON EINMAL EIN E-LEHRBUCH VERWENDET HABEN, MIT HÖHERER WAHRSCHEINLICHKEIT ERNEUT EIN SOLCHES NUTZEN, WEIL SIE POSITIVE ERFAHRUNGEN DAMIT GEMACHT HABEN.“

LINDA DUNBAR LEITERIN CORPORATE PUBLIC RELATIONS, JOHN WILEY & SONS, INC.

Diese vielseitigen Ressourcen können neue Geschäftsmodelle hervorbringen, die mehr Menschen den Zugang zu benötigten Unterrichtsmaterialien ermöglichen. Mehrere Staaten der USA schaffen beispielsweise teuer publizierte Lehrbücher ab und verwenden Plattformen wie Wikispaces for Teachers, Netvibes, Moodle und Edmodo, um eigene E-Lehrbücher zu verfassen. Die E-Lehrbücher von Wiley kann man kaufen oder ausleihen, und Lehrer können die Inhalte auswählen, die sie brauchen, um damit ihre maßgeschneiderten Lehrbücher im Format ihrer Wahl zu erstellen. In einem aktuellen Blog-Eintrag für „EduTech“ empfiehlt Michael Trucano, Experte für Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Bildungspolitik, dass Lernende in ärmeren Ländern einzelne Kapitel von E-Lehrbüchern je nach Bedarf kaufen können; ähnlich wie auch Hersteller von Konsumgütern beispielsweise das Waschmittel in preisgünstigen Kleinmengen für je eine Maschinenladung anbieten. Während E-Lehrbücher an Zugkraft gewinnen, werden sie sich durch Partnerschaften zwischen Verlagen, Bildungsvertretern, Medien und Technologieanbietern immer weiterentwickeln. Diese interaktiven Ressourcen versprechen überwältigende Lernerlebnisse für ein breites Publikum und bergen noch viele neue Kapitel in sich.

von Jacqui Griffiths Zurück zum Seitenbeginn
von Jacqui Griffiths

Erfahren Sie mehr über eTextbücher angereichert mit 3D:
https://youtu.be/zexqUneoz_A