COMPASS MAGAZINE #10
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EIN DRAHT ZU DEN JUNGS Unterschiede zwischen den Geschlechtern mit Technologie überbrücken

Weltweit zeigen Statistiken messbare Unterschiede zwischen den akademischen Erfolgen von Jungen und Mädchen. Jungen liegen dabei zurück. Mit Multimedia-Tischen und interaktiven Spielen im Klassenzimmer haben Lehrer nun jedoch neue Werkzeuge, die den Jungen helfen sollen, ihr volles akademisches Potenzial zu entfalten.

Die Beweislage ist eindeutig: Herkömmliche Schulen schaffen es nicht, Jungen so effektiv zu unterrichten wie Mädchen.
-   Ein Bericht von 2010 des Center on Education Policy, einer unabhängigen US-amerikanischen Forschungseinrichtung, bestätigte, dass Jungen bei den Lesefertigkeiten in jedem einzelnen Bundesstaat zurückgefallen sind. Ihm war auch zu entnehmen, dass ca. 79% der Mädchen in Grundschulen „geübt“ im Lesen waren, aber nur 72% der Jungen. Ähnliche Abstände tun sich bei Mittelschulen und an High Schools auf.

-   Statistiken eines Berichts des jamaikanischen Bildungsministeriums zeigen, dass in der vierten Klasse 81% der Mädchen Lesetests bestanden, verglichen mit 59% der Jungen. Derweil erreichten 55% der Mädchen exzellente Leistungen in Mathematiktests, von den Jungen hingegen nur 36%.

-   2012 stellte das Joint Council of Qualifications in Großbritannien fest, dass 73,3% der Mädchen ihre Abschluss- prüfungen an den höheren Schulen bestanden hatten. Bei den Jungen waren es nur 65,4%.

-   In Frankreich besteht ein Abstand von 4 bis 5 Prozentpunkten zwischen den Ergebnissen von Mädchen und Jungen bei den Abschlussprüfungen der höheren Schulen und der Berufsausbildung. Laut dem französischen Bildungsministerium liegen männliche Prüfungsteilnehmer schon seit 20 Jahren zurück.

EINE BEDENKLICHE ENTWICKLUNG

Michael Gurians bahnbrechendes Buch Boys and Girls Learn Differently! enthält die These, dass „bei Frauen die Bereiche der Erinnerung und Sinneseindrücke besser funktionierten. Bei Männern hingegen seien die räumliche Vorstellungsfähigkeit und abstrakte Überlegungen besser ausgebildet.“ Kurz gesagt erkennt Gurian einen fundamentalen Unterschied zwischen den Lernmustern der beiden Geschlechter und impliziert, dass Jungen und Mädchen davon profitieren könnten, auf jeweils unterschiedliche Weise unterrichtet zu werden, die ihre natürliche Art der Aufnahme und Interpretation von Informationen berücksichtigt.

Aber so werden die meisten Schüler nicht unterrichtet. „Der Unterricht hat sich seit 100 Jahren nicht mehr verändert,“ sagt Dr. Alison Carr-Chellman, Professorin für Bildung am Pennsylvania State College of Education. „Dabei steht ein Lehrer vor einer Gruppe von Kindern und gibt Informationen oder Erfahrungen weiter, und dann kommt das Kind in die nächste Klasse. Das ist keine gute oder produktive Unterrichtsweise, besonders jetzt im Informationszeitalter.“

Das Problem ist überall bekannt. Zunehmend gilt jedoch Technologie als eine Möglichkeit, das schulische Engagement von Jungen zu stärken. Gemäß den Forschungsergebnissen von Gurian bieten technologische Lösungen bedeutende Vorteile beim visuellen und räumlichen Lernen und ermöglichen es, Jungen im Klassenzimmer besser zu motivieren.

REICHHALTIGERE ERFAHRUNGEN

Visuelle Technologien wie interaktive Schultafeln, die Film, Klänge, Bilder und Live-Web-Aktivitäten miteinander kombinieren, sprechen die Vorliebe vieler Jungen für visuelles Lernen an. Auch Tablets und Touchscreens gewinnen immer mehr Akzeptanz im Klassenzimmer. Einige Schulen vermelden damit schon gute Erfolge.

„Etwas an der Möglichkeit, mit Bildern und Text auf einem Bildschirm zu arbeiten und einmalige Lösungen für Aufgaben zu erschaffen, spricht Jungen einfach an. Verglichen damit ist es furchtbar ineffektiv, sie ein leeres Blatt Papier anstarren zu lassen“, sagt Betsy Weigle, Grundschullehrerin in Spokane, Washington, USA.

Weigle betreibt die Website www.classroom-teacher-resources.com, die Lehrer unterstützt und ihnen interessante und nützliche Lerninhalte bereitstellt, und verwendet mit ihren Schülern Apple iPads und Smartscreen-Technologie. „Für viele Jungen ist es schwierig, für längere Zeit stillzusitzen. Eine visuelle Lösung wie das iPad kann da helfen“, so Weigle. „Wenn ein Lehrer mehr für seine Schüler tut, als nur mit ihnen zu reden, dies gilt besonders für Jungen, behalten sie Informationen sehr viel besser.“

„GESCHLECHTSSPEZIFISCHES LERNEN IST MITTLERWEILE AKZEPTIERTE REALITÄT UND BEEINFLUSST GRUNDLEGEND."

MICHAEL GURIAN AUTOR DES BUCHES "BOYS AND GIRLS LEARN DIFFERENTLY!”

Die Cedars School of Excellence im schottischen Greenock war eine der ersten Schulen der Welt, die an alle Schüler Tablet-Computer verteilte. Die Lehrer haben seit der Einführung der Tablets eine merkliche Verbesserung der Konzentration und Kenntnisse von Jungen festgestellt. Sie betonen auch, wie leicht es den Schülern nun falle, ihre Recherche-Aufgaben zu erledigen und digital ihre Lesefertigkeiten zu entwickeln. Damit herrschen nun endlich für beide Geschlechter gleiche Bedingungen, da die männlichen Schüler ihre starken Fähigkeiten des visuellen Lernens besser einsetzen können.

Ein weiteres Beispiel ist die Coedcae School in Llanelli in Wales, die zwei iPads für die Schulbibliothek angeschafft hat. Die Schule verwendet die Geräte primär als elektronische Bücher, um Jungen stärker zum Lesen zu bewegen.

RÄUMLICHE LÖSUNGEN: INTERAKTIVES LERNEN

Lernspielen kommen im Bereich des interaktiven Lernens große Bedeutung zu. So produziert beispielsweise Nimero, ein bulgarischer Hersteller von Lernsoftware, Spiele, in denen visuelles und räumliches Lernen mit Leseübungen und Rätseln kombiniert wird – so wird der natürliche Lernprozess von Jungen genutzt. Das von Nimero produzierte Mathematikspiel Jumpido ist auf Grundschulniveau angesiedelt und fordert unter Einsatz des ganzen Körpers zur Interaktion in einer Reihe von Übungen und Spielen auf. Es bietet damit ein kinästhetisches Element und einen Wettbewerbsaspekt, der besonders bei Jungen die Motivation zum Lernen anregt.

„Jumpido motiviert Jungen im Klassenzimmer besser, sowohl mental als auch physisch“, erläutert Kiril Rusev, CEO von Nimero. „Die kinästhetischen und räumlichen Elemente von Jumpido nutzen ganz natürlich die Denkprozesse von Jungen und ermöglichen ein interaktives Element, das traditionelle Unterrichtsmethoden nicht in diesem Maße mitbringen.“

Quest to Learn in Manhattan, New York, ist eine Schule mit einem einzigartigen Blick auf den Einsatz von Technologien in den Klassenzimmern. Die Schule fördert eine lebhafte Lerngemeinschaft, die die grundlegenden Designprinzipien von Spielen nutzt, um daraus hochrealistische, spieleähnliche Lernerlebnisse zu erschaffen. Die Idee zu diesem Projekt stammt von der Computerspieldesignerin Katie Salen, und der dogmatische Ansatz der Schule mit Bezug auf Computerspiele als Unterrichtsform führt dazu, dass Technologie in vielen verschiedenen Formen und mit unterschiedlichen Zielen eingesetzt wird. Bei dieser Unterrichtsmethode, bei der Technologie und Computerspiele im Mittelpunkt stehen, können Jungen ihre natürlichen Gehirnfunktionen nutzen und aus dem Unterricht Spaß und Vergnügen beziehen.

DER FEINE UNTERSCHIED

Durch die wachsende Vielfalt verfügbarer interaktiver und innovativer Tools für den Unterricht können Lehrer nun viel erfolgreicher die natürlichen Lerninstinkte von Jungen ansprechen.

„Geschlechtsspezifisches Lernen ist mittlerweile akzeptierte Realität und beeinflusst grundlegend die Art und Weise, wie Klassenräume ausgelegt, gebaut und genutzt werden – vom Kindergarten bis zur Universität“, so Gurian. „Es ergeben sich große Chancen zu gesellschaftlichen Veränderungen, so dass Mädchen und Jungen nun gleichermaßen angesprochen werden können.“

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von Sean Dudley