COMPASS MAGAZINE #10
COMPASS MAGAZINE #10

FÜHREND BEIM LERNEN Prozesse aus der Wirtschaft unterstützen Bildung

Weltweit stehen Bildungseinrichtungen unter Druck, die Effizienz zu verbessern, die Kosten zu kontrollieren und gleichzeitig den Lernenden und den Lehrenden nach wie vor die Ressourcen und die Unterstützung zur Verfügung stellen, die sie brauchen. Um diese Ziele zu erreichen, setzen Universitäten verstärkt Praktiken und Instrumente ein, die ursprünglich für Unternehmen entwickelt worden sind.

Genau wie Unternehmen existieren Bildungseinrichtungen, um die Bedürfnisse einer bestimmten „Kundengruppe“ zu bedienen. Im Fall der Universitäten handelt es sich um Studierende, die eine gute Ausbildung brauchen, um im Leben erfolgreich zu sein, und um Communities, die gut ausgebildete Mitglieder benötigen, um zu gedeihen.

„Selbst wenn Universitäten autonom sind: Sie müssen Funktionen übernehmen und Verfahren entwickeln, um den Erwartungen der Kunden gerecht zu werden“, schrieben Mihaela Drăgan, Diana Ivana und Raluca Arba von der rumänischen Babeş-Bolyai Universität in einem Artikel für die 21. europäische Wirtschaftskonferenz in Sibiu, Rumänien. „Um die Zufriedenheit der Studierenden und Graduierten zu verbessern und kompetitiv zu bleiben, müssen Universitäten ähnlich wie Unternehmen geschäftliche Prozesse entwickeln.“

Diese Botschaft scheint anzukommen. Das auf Technologie spezialisierte Marktforschungsunternehmen Gartner in den USA sagt z.B. voraus, dass die Ausgaben für Technologie im Hochschulsektor 2016 weltweit um 1,2% auf 38,2 Milliarden US-Dollar wachsen werden. Auf dem zweiten Platz der zehn wichtigsten seiner Empfehlungen für CIOs in Hochschulen befindet sich dabei die prädiktive Analytik. Laut Gartner konzentrieren sich Hochschulleitungen nun weniger auf Kostensenkung und Effizienzverbesserung und stärker auf Technologie, um einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen und neue Geschäftsmodelle zu stützen.

„Der Hochschulsektor gilt noch immer überwiegend als konservativ und langsam: Die meisten Innovationen stammen gewöhnlich von außerhalb der herkömmlichen IT-Organisationen an Hochschulen“, sagt Jan-Martin Lowendahl, Vice President und profilierter Analyst bei Gartner in einer Pressemitteilung, in der die Ergebnisse vorgestellt werden. „Es ist allerdings nur eine Frage der Zeit, bis diese Innovationen die Hochschulen und letztendlich den CIO erreichen.“

STUDIENERFOLG VORHERSAGEN

Unternehmen in unterschiedlichen Industrien nutzen Big Data für detaillierte Informationen über Märkte, Kunden und Produkterfolge. Nun setzen Hochschulen Big Data ein, um zu verstehen, wie den Studierenden am besten gedient ist.

„Alle Bildungseinrichtungen verfügen über große Datenmengen über die Studierenden, auf die wir bisher hauptsächlich reagiert haben“, so Param Bedi, Vice President, Library & Information Technology, Bucknell University, Lewisburg, Pennsylvania. „Nun benutzen wir diese Informationen für die prädiktive Analytik und identifizieren Aspekte, um die wir uns kümmern müssen. Die Entscheidungen, die wir treffen, stützen sich auf die Datenlage.“

 „DIE MANUELLE LEHRKRÄFTEPLANUNG GEHÖRT NICHT ZU DEN NACHHALTIGEN GESCHÄFTSPRAKTIKEN.“

BRIAN BLODGETT ASSOCIATE VICE PRESIDENT, SCHEDULING, APUS (AMERICAN PUBLIC UNIVERSITY SYSTEM)

Bucknell University untersuchte 2015 die Daten der Studierenden aus den letzten fünf Jahren, um bessere Indikatoren für den Erfolg und das Engagement der Studierenden zu identifizieren. Ziel war, die Zahl der Studienabbrüche beim Übergang vom ersten zum zweiten Studienjahr weiter zu senken.

„Nach der Aufnahme von Studierenden liegt es an uns, die Umgebung so zu gestalten, dass sie universitären Erfolg haben“, so Bedi. „In den meisten Hochschulen ist der Verlust an Studierenden zwischen dem ersten und dem zweiten Studienjahr am höchsten. Daher haben wir die Daten von vor der Aufnahme und aus den ersten Semestern im ersten und zweiten Studienjahr untersucht und konnten bestimmte Elemente identifizieren, die zum Studienabbruch beigetragen haben. Auf diese Weise konnten wir datengestützte Entscheidungen treffen und Prozesse, Programme und Interventionen umsetzen, um die Studierenden zu halten.“

„ALLE BILDUNGSEINRICHTUNGEN VERFÜGEN ÜBER GROSSE DATENMENGEN ÜBER DIE STUDIERENDEN, AUF DIE WIR BISHER HAUPTSÄCHLICH REAGIERT HABEN. NUN BENUTZEN WIR DIESE INFORMATIONEN FÜR DIE PRÄDIKTIVE ANALYTIK UND IDENTIFIZIEREN ASPEKTE, UM DIE WIR UNS KÜMMERN MÜSSEN; DIE ENTSCHEIDUNGEN STÜTZEN SICH AUF DIE DATEN.“

PARAM BEDI VICE PRESIDENT, LIBRARY & INFORMATION TECHNOLOGY, BUCKNELL UNIVERSITY

Das Projekt beginnt mit den im Winterhalbjahr 2016 neu zugelassenen Studierenden, und Bedi ist von seinem Erfolg überzeugt. „Hier an der Bucknell University bleiben 93% der Studierenden beim Übergang vom ersten zum zweiten Studienjahr erhalten, wir wollen jedoch 97% erreichen“, so Bedi. „Es handelt sich um einen langfristigen Prozess, und wir werden beim nächsten Zensusstichtag (September 2017) wissen, ob er sich bewährt. Auf Grundlage unserer Datenuntersuchung und vielen Befragungen konnten wir ein gutes Vorhersagemodell erstellen. Wir arbeiten mit Strategiegruppen des Lehrkörpers und anderen Gruppen zusammen, um zu sehen, mit welchen Maßnahmen wir diese Studierenden gemeinsam unterstützen können.“

GEPLANTER ERFOLG

Eine effiziente Zeitplanung – die von vielen Unternehmen erfolgreich durchgeführt wird – ist für Universitäten, die hunderte Kurse anbieten, besonders schwierig. American Public University System (APUS) bietet seine Kurse online an; diese beginnen das ganze Jahr hindurch jeden Monat neu. Bei vielen Kursen finden mehrere Teilabschnitte gleichzeitig statt, und jeder dieser Teilabschnitte kann einer oder mehrerer Fakultäten zugeordnet werden.

Viele Jahre lang wurden die Kurse von 40 Programmdirektoren von Hand geplant. Seit 2013 arbeitet APUS mit einem Software-Unternehmen mit Sitz in den Niederlanden und den USA zusammen, das sich auf die Zeitplanung und die Supply-Chain-Optimierung in Unternehmen spezialisiert, um ein automatisches Kursplanungs- und Ausgleichssystem (ACSB, Automated Course Scheduling and Balancing System) zu implementieren.

„Der Zweck des ACSB war die Vereinfachung des Prozesses der Kursplanung für eine bessere Skalierbarkeit, Vermeidung von teuren Kostenüberschreitungen, ständige Verfügbarkeit von Kursabschnitten für neue Studierende, Optimierung der Lehrkräfteplanung und Standardisierung der Planungspraktiken“, so Brian Blodgett, Associate Vice President des Bereichs Scheduling bei APUS. „Das Instrument soll den Planungsprozess automatisieren, um die administrativen Aufgaben der Programmdirektoren zu reduzieren und die Skalierbarkeit des Prozesses für stärkeres Wachstum erhöhen.“

„Dank der besseren Auslastung der Kapazitäten der Vollzeitlehrkräfte im Jahresverlauf können die neben den Gehältern anfallenden Zusatzausgaben für Teilzeitkräfte genauer geplant werden“, so Blodgett. „Das automatisierte Instrument hilft uns auch, die Unterrichtsplanung zu standardisieren und sorgt für die Umsetzung von besten Praktiken. Wir können z.B. sicherstellen, dass der Lehrkörper nicht zu viele Studierende oder zu viele Kurse gleichzeitig unterrichtet.“

KULTURELLER WANDEL

In einer digital vernetzten Welt ändern datengetriebene Prozesse die Erwartungen der Studierenden genauso wie die von Lehrkräften. Als z.B. die Australian National University (ANU) die Business- Analysesoftware von IBM implementierte, um Daten, die bisher in 30 separaten IT-Systemen gespeichert waren, zu sammeln, zu verifizieren, zu analysieren und zu präsentieren, änderte sich die Art der Diskussionen unter den Mitarbeitern. „Die wichtigste Änderung ist kulturell“, sagt Chris Grange, Geschäftsführer, Administration and Planning, ANU, in einer IBM-Fallstudie zum Projekt. „Indem wir die Daten nutzen, um den Menschen neue Möglichkeiten aufzuzeigen, änderte sich die Debatte weg von den Finanzen und hin zu der Art und Weise, wie die Universität ihre Ziele erreicht.“

„BEGRIFFE AUS DEM
BEREICH DER DIENSTLEISTUNGEN WIE ,CUSTOMER JOURNEY‘ DURCHDRINGEN DEN HOCHSCHULBEREICH.“

SHEILA MACNEILL SENIOR LECTURER, DIGITAL LEARNING, GLASGOW CALEDONIAN UNIVERSITY, SCHOTTLAND

Sheila MacNeill, Senior Lecturer, Digital Learning, Glasgow Caledonian University in Schottland, beobachtet, dass sich die Erwartungen der Studierenden zur Datennutzung und die Sprache der Lehrkräfte immer stärker an der Wirtschaft orientieren.
„Begriffe aus dem Bereich der Dienstleistungen wie ‚Customer Journey‘ durchdringen den Hochschulbereich“, so MacNeill. „Die Studierenden sind bereits an Daten, Beurteilungen und Messwerte im täglichen Leben gewöhnt – wie bei Einzelhandels-Websites oder sozialen Medien. Diese werden im Hochschulkontext noch nicht viel benutzt, das Gleichgewicht verschiebt sich jedoch.“

MacNeill weist darauf hin, dass geschäftliche Prozesse den Bildungseinrichtungen helfen können, Daten besser zu nutzen, jedoch ist ein strenger, ethischer Ansatz notwendig.

„Wir werden Technologie im Lern- und Lehrbereich immer stärker einsetzen, es muss aber sehr klar, konsequent und transparent sein, wie wir Daten nutzen. Und wir müssen Prozesse implementieren, die für eine ordnungsgemäße Anonymisierung sorgen“,so MacNeill. „Ganzheitlich gesehen haben Pädagogen eine große Chance, geschäftliche Prozesse besser zu verstehen und Dinge von einer Datenperspektive aus zu betrachten. Es bleibt aber viel zu tun, um die Schlüsselziele zu definieren, die wir mit unseren Daten erreichen wollen.“ ◆

von Jacqui Griffiths Zurück zum Seitenbeginn
von Jacqui Griffiths

Für mehr Informationen :
http://3ds.one/APUS