COMPASS MAGAZINE #10
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GROSSE TRÄUME Die Stiftung i.am.angel stärkt Kinder durch Bildung

Die Kinder aus Boyle Heights im Osten von Los Angeles sind größtenteils lateinamerikanischer Herkunft und ihr Viertel wird von Armut und Gewalt geprägt. Die i.am.angel­-Stiftung, die der mit mehreren Grammys ausgezeichnete Musiker will.i.am gründete, möchte diesen Trend durch Bildung und mentale Stärkung der Bewohner umkehren. 

Cynthia Erenas zog im Alter von sieben Jahren nach Boyle Heights, ein Stadtviertel im Osten von Los Angeles; als sie die Mittelschule besuchte, war sie bereits eine berüchtigte Schlägerin. Heute im Alter von 16 Jahren leitet Erenas ein Robotikteam und träumt vom College und einer Karriere als Ingenieurin. 

„Amerika braucht 120.000 Ingenieure und ich möchte eine davon werden“, sagt Erenas, deren Leben sich durch ihre Teilnahme am Programm der i.am.angel-Stiftung komplett veränderte. 

„Sie stand immer kurz vorm Explodieren, war immer auf Ärger aus“, sagt Enrique Gabriel Legaspi, Erenas Geschichtslehrer aus der achten Klasse. „Heute verwendet sie ihre Energie auf andere Dinge. Der Arbeitgeber, der ein intellektuelles Talent wie Cynthia einstellt, erhält eine Füh­rungskraft, die harte Arbeit gewohnt ist und überlegte Risiken eingehen kann.“

Die i.am.angel-­Stiftung wurde 2009 von will.i.am gegründet. Der siebenmalige Grammy­-Gewinner, Musiker, Geschäfts­mann und Philanthrop wuchs selbst in Boyle Heights auf und wollte die Abwärts­spirale, in der sich sein Viertel befand, stoppen. Die i.am.angel­-Stiftung führt zahlreiche Programme durch: i.am Scholarship vergibt Stipendien an College­-Studenten, i.am Home hilft bei finanziellen Fragen und Hypotheken, i.am College Track befasst sich mit der Vorbereitung auf das College und das Studentenleben und i.am Art möchte zu kreativen Lösungen für globale Probleme anregen.

Aufgrund ihres Erfolgs in Boyle Heights verbreitet die Stiftung ihre Botschaft der gemeinschaftlichen mentalen Stärkung nun auch in New York und London und plant sogar die globale Expansion. „Boyle Heights ist eine Metapher“, sagt Legaspi, der seinen Lehrerberuf an den Nagel gehängt hat, um Leiter von i.am.angel Boyle Heights zu werden. „Wenn wir es hier schaffen, können wir es überall schaffen.“ 

DIE WIEDERGEBURT VON BOYLE HEIGHTS 

In Boyle Heights werden viele Traditionen der lateinamerikanischen Kultur gepflegt. Aber das Viertel leidet auch unter Armut, Drogen und 32 Gangs, die bereits Kinder in ein Leben voller Gewalt ziehen. Im Dokumentarfilm Waiting for Superman wurde die Roosevelt High School in Boyle Heights als schlechteste High School der Vereinigten Staaten dar­gestellt.

All dies ändert sich nun dank der An­strengungen innerhalb der Gemeinde und durch die Unterstützung der i.am.angel­-Stiftung.

Den Grundpfeiler für die Strategie der Stiftung bildet Zusammenarbeit zwischen Gesetzgebern, Unternehmern, Lehrern und Nachbarschaftsaktivisten. Legaspi ist – außer Lehrer, Hip­-Hop-Künstler, DJ und Dichter – ein Meister darin, verschiedenste Menschen für ein gemeinsames Ziel zu begeistern.

Wie will.i.am ist auch Legaspi in Boyle Heights aufgewachsen. Nach seinem College­-Abschluss in Finanzwirtschaft unterrichtete er zehn Jahre lang Achtklässler in amerikanischer Geschichte. „Ich wollte der Lehrer sein, den ich nie hatte“, sagt Legaspi.

Während seiner Zeit an der Hollenbeck Middle School, die sich direkt gegenüber der Roosevelt High School befindet, warb Legaspi bei Unternehmen um Spenden für Dinge, die der Schuldistrikt nicht finanzieren konnte. „Die Unter­nehmen wollen helfen, wenn man ihnen nur zeigt, welche Art von Hilfe wirklich benötigt wird“, sagt Legaspi.

Als will.i.am, den Legaspi schon seit seinem 14. Lebensjahr kannte, die Roosevelt High School besuchte, um mit führenden Persönlichkeiten der Gemeinde über die Reduzierung der Schulabbruchrate zu diskutieren, führte Legaspi gerade einen Karrieretag in seiner Klasse durch. Er schrieb seinen alten Freund über Twitter an, aber erhielt keine Antwort. Stattdessen klopfte will.i.am an Legaspis Klassen­raumtür. Kurz darauf trat Legaspi in die Stiftung ein und unterstützte die Einführung des Programms i.am. College Track. 

ERFOLG DURCH NATURWISSEN­SCHAFTEN 

In der hochtechnisierten Welt von heute müssten Schüler, die erfolgreich werden wollen, gute Leistungen in Naturwissen­schaften, Technik, Ingenieurwissen­schaften, Kunst und Mathematik bringen, meint Legaspi. Aus diesem Grund hat sich die i.am.angel­-Stiftung mit weltweit führenden Unternehmen zusammengeschlossen, darunter JPMorgan Chase & Company, Dassault Systèmes, Raytheon Company, Google, HP, 3D Systems and NVIDIA Corporation, um ein außerschulisches Robotik­-Programm an der Roosevelt High School ins Leben zu rufen. Darüber hinaus zeigt die Software-Firma ESRI, die ein geografisches Informationssystem (GIS) entwickelt hat, den Schülern, wie moderne Kartierung funktioniert, und erstellt mit ihnen in der Schule ein nachhaltiges GIS-Programm.

„Diese Schüler sind äußerst wissbegierig und wollen lernen“, sagt Legaspi. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Sie haben vielseitige Begabungen für das Lesen, das Schreiben, die Zusammen­arbeit mit anderen und das Lösen von Problemen. Unternehmen brauchen dieses Kapital an Führungskompetenz und Intelligenz, um ihren Wettbewerbs­vorteil auszubauen.“ 

VON LOKAL ZU GLOBAL 

Die i.am.angel­-Stiftung arbeitet systematisch daran, durch die Fortbildung von Lehrern die natur­wissenschaftliche Bildung in den Unterricht und in außerschulische Programme einzubinden. „Starten Sie mit einem Pilotprojekt“, sagt Legaspi. „Schulen Sie mindestens zwei Lehrer, um nachweisen zu können, dass das Programm funktioniert. Dann weiten Sie es aus.“

Die Stiftung vernetzt sich auch mit technischen Hochschulen, damit die High­-School­-Schüler von erfahrenen Fachleuten unterrichtet werden und Punkte für ihre Collegezulassung erwerben können, wodurch ihnen der Weg zu höherer Bildung geebnet wird.

„KONZENTRIEREN SIE SICH AUF EINE SCHULE UND TEILEN SIE IHRE RESSOURCEN UND IHR WISSEN, UM DIE SCHÜLER IN EIN BESSERES 21.JAHRHUNDERT ZU FÜHREN.“ 

ENRIQUE GABRIEL LEGASPI LEITER DER STIFTUNG I.AM.ANGEL BOYLE HEIGHTS

Bei den Schülern legt Legaspi Wert auf einen dreistufigen Erfahrungs­prozess: erschaffen, betreuen und teilen. „Man lässt der Fantasie freien Lauf und erlernt die benötigten Fähigkeiten, um Inhalte zu erschaffen“, sagt er. „Man betreut das Projekt, bis es “bühnenreif“ ist, und dann teilt man es. Die Schüler müssen achtsam sein und sich selbst vergewissern, dass die Inhalte reif für eine Veröffentlichung sind. Dann können sie über die Cloud in Echtzeit ein internationales Publikum erreichen.“

Auch die i.am.angel-­Stiftung denkt an eine globale Ausrichtung. „Als lokale Stiftung kann man nicht von heute auf morgen global tätig sein.“, sagt Legaspi. „Man baut zunächst einen lokalen Standort auf, expandiert dann regional, dann national und dann erst weltweit, indem man Allianzen knüpft.“

Während die Stiftung global expandiert, arbeitet sie mit bereits bestehenden Programmen. Sie hat eine Partner­schaft mit der Stiftung 100,000 Strong Foundation geschlossen, die aus einer Initiative des US-­Außenministeriums hervorgegangen ist, um Schülern aus Boyle Heights Chinesischunterricht und Auslandsaufenthalte zu ermöglichen. Die i.am.angel­-Stiftung hat zudem 780.000 US­-Dollar zur Finanzierung eines Technologieprogramms an den Prince’s Trust gespendet, eine britische Wohltätigkeitsorganisation für Jugend­liche, die das Ziel verfolgt, das Leben von benachteiligten jungen Menschen zu verbessern.

Unternehmenspartner spielten eine wesentliche Rolle, sagt Legaspi, weil sie Gelder, Hardware, Software oder ihre Zeit zur Verfügung stellen. „Es ist mehr als nur einen Scheck auszustellen“, sagt er. „Es ist eine Beziehung. Den Unternehmen rate ich: ‘Helfen Sie einer Schule in ihrer Nachbarschaft.’ Konzentrieren Sie sich auf eine Schule und teilen Sie Ihre Ressourcen und Ihr Wissen, um die Schüler in ein besseres 21. Jahrhundert zu führen. Dadurch wird sich die Welt verändern.“  

von Cathy Salibian Zurück zum Seitenbeginn