COMPASS MAGAZINE #10
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LERNEN MAL ANDERSRUM Innovatoren des Bildungswesens diskutieren über vertauschte Rollen von Unterrichts-und Hausaufgabeninhalten

Das Flipped-Classroom-Modell ist eine Lehrmethode, die die traditionellen Unterrichts- und Hausaufgabeninhalte vertauscht. Anstelle von Hausaufgaben sehen sich die Schüler zu Hause kurze Videos an, während im Unterricht der Lernstoff praktisch angewendet und in Projekten vertieft wird. Die Umsetzung war bisher sehr vielversprechend, aber der Erfolg kommt nicht von allein.

Im Jahr 2007 entdeckten die beiden High-School-Lehrer Jon Bergmann und Aaron Sams aus Colorado (USA) eine Software, mit der man PowerPoint-Präsentationen einschlie­ß­lich gesprochener Texte und schrift­licher Anmerkungen aufnehmen und in eine Videodatei umwandeln konnte, die sich online problemlos verbreiten ließ. Das veränderte ihre Lehrmethode grundlegend.

„Vorträge im Vorfeld aufzeichnen zu können, war eine echte Offenbarung“, sagt Bergmann. „Dadurch können Schüler, die den Unterricht verpasst haben, den Stoff schneller und leichter nachholen. Und außerdem war es uns so möglich, die Zeit im Klassenzimmer intensiv mit den Schülern zu nutzen.“

Innerhalb weniger Monaten zeichneten die beiden Lehrer alle ihre Unterrichts­stunden mit dieser Software auf. „Wir haben anfangs kurze Videos gefilmt und auf YouTube hochgeladen, damit die Schüler sie zu Hause anstelle der normalen Hausaufgaben anschauen konnten“, erzählt Bergmann. „Dadurch konnten wir die Zeit im Unterricht für praktische Experimente nutzen oder Schülern helfen, die etwas mehr Unter­stützung benötigten.“

Das Experiment war die Geburtsstunde des Flipped-Classroom-Konzepts. „Hauptsächlich geht es darum, mehr kostbare Zeit für die Schüler zu haben“, sagt Bergmann. „Sich vorne hinzustellen und einen Vortrag zu halten, ist nicht zeiteffektiv; da gibt es tiefgründigere und wichtigere Dinge, die man machen kann. Viel zu lange sind wir es falsch angegangen und haben die Schüler den schweren Teil der Arbeit zu Hause er­ledigen lassen. Indem wir das Ganze um­drehen, geben wir den Schülern die leichten Aufgaben mit nach Hause und wir widmen uns im Unterricht dem schwierigeren, kreativeren Lernen.“

GLOBALE UMSETZUNG

Seit Bergmann und Sams ihren ersten Vorstoß in den Bereich des umgekehrten Lernens gemacht haben, hat dieses Konzept weltweit Interesse geweckt. Die erste Lehranstalt, die diesen Ansatz übernommen hat, war Keilir in Island (eine Schule, die Schülern mit Berufs­ausbildung und/oder entsprechender praktischer Erfahrung in der Industrie das Wissen und die Fähigkeiten für ein weiterführendes Studium an der Hochschule vermittelt). Seitdem erreichen die dort eingeschriebenen Schüler in der staatlichen Prüfung viel mehr Punkte. „Wir haben die Schule 2007 gegründet und wollten von Beginn an innovativ sein“, sagt Hjalmar Arnason, Schulleiter von Keilir. „Seit wir das umgekehrte Lernen anwenden, kommt es zu weniger Störungen im Unter­richt, weil die Schüler aktiv am Geschehen beteiligt sind. Sie erhalten zudem viel mehr Unterstützung von den Lehrern und erreichen bessere Ergebnisse. Wir werden auf keinen Fall wieder zum traditionellen Lehrmodell zurückkehren.“

Die Indian School of Business (ISB) mit ihrem Hauptcampus in Hyderabad, Indien, hat 2012 im Rahmen ihres prestigeträchtigen Management-Aufbaustudiengangs für einen Kurs zum Thema unternehmerische Entscheidungsfindung das umgekehrte Lernen eingeführt. Arun Pereira, Leiter des Centre for Teaching, Learning and Case Development an der ISB, unterrichtete mit dieser Methode 70 Studierende aus dem Aufbaustudienprogramm und gewann damit den Titel des besten Hochschul­professors. Das Experiment war ein solcher Erfolg, dass die Economic Times berichtete, die ISB plane den Ausbau dieser aktiven Lernmethodik.

In den USA besagt eine Studie des Flipped Learning Network, einer gemeinnützigen Organisation zur Förderung des umgekehrten Lernens, dass 67% der 453 Lehrer, die das umgekehrte Lernen anwendeten, von besseren Testergebnissen berichteten und sowohl Schüler in Leistungsklassen als auch solche mit Lernschwierigkeiten besonders davon profitierten. Die Studie hat darüber hinaus ermittelt, dass 80% der Lehrer eine verbesserte Einstellung der Schüler feststellen konnten und auch im kommenden Jahr diese Lehrmethode wieder praktizieren würden. An der Clintondale High School in Clinton Township, Michigan (USA), sank nach Einführung des Flipped- Classroom-Modells die Durchfallquote beim Mathetest der Neuntklässler von 44% auf 13%. Und an der Byron High School in Byron, Minnesota (USA), stieg nach Einführung des umgekehrten Lernens die Zahl der Zwölftklässler, die in Mathematik mehr als vier Anrechnungspunkte er­warben, von 29,9% im Jahr 2006 auf 86,6% im Jahr 2012.

Graham Johnson, Fachbereichsleiter für Mathematik an der Okanagan Mission Schule in Kelowna, British Columbia (Kanada), berichtet, dass die umgekehrte Herangehensweise seine Art zu Lehren verändert habe. „Früher schienen viele Schüler geistig abwesend zu sein; einige schliefen im Unterricht, andere schrieben sich unter den Tischen SMS und manche erschienen gar nicht erst“, sagt er. „Durch die Flipped-Classroom-Methode kann ich meinen Schülern nun ein reichhaltigeres Lernumfeld bieten, als es mir früher möglich war. Ich kann nun 10 bis 15 Minuten mit einem Schüler arbeiten, der noch Probleme mit dem Stoff hat. Oder ich kann lernstärkere Schüler ermuntern, etwas weiterzudenken. All das war vor der Umstellung meines Unterrichts nicht möglich.“

Johnsons Schüler sind von den Verände­r­ungen ebenfalls überzeugt. „Ich muss mir keine langen Vorträge mehr anhören“, meint ein Schüler. „Der Lehrer hat mehr Zeit nur für mich und es ist mehr Kreativität erlaubt.“ Ein anderer merkt an: „Früher habe ich fast nie Mathehausaufgaben gemacht, aber jetzt mache ich sie immer.“

„DURCH DIE FLIPPED-CLASSROOM-METHODE KANN ICH MEINEN SCHÜLERN NUN EIN REICHHALTIGERES LERNUMFELD BIETEN,
ALS ES MIR FRÜHER MÖGLICH WAR.”

GRAHAM JOHNSON FACHBEREICHSLEITER FÜR MATHEMATIK, OKANAGAM MISSION SCHULE

Aber nicht nur die Schüler befürworten dieses Konzept. Als Mutter von zwei Schülerinnen, die seit Kurzem Graham Johnsons Matheunterricht besuchen, glaubt Brenda Kirsch, dass das umgekehrte Lernen sehr positive Lernerfahr­ungen ermöglicht habe. „Meine beiden Töchter lernen unterschiedlich“, sagt sie. „Die Zwölftklässlerin braucht mehr Zeit zum Überlegen und Verarbeiten von Mathe­aufgaben, während die Zehntklässlerin mit Mathe überhaupt keine Schwierigkeiten hat. Beide lieben die Flipped-Classroom- Methode aus unterschiedlichen Gründen. Das Lernen wird dadurch für Schüler differenzierter und sie können den Schritt-für-Schritt-Anleitungen leichter folgen. Ich bin der Meinung, das umge­kehrte Lernen ist eine innovative Methode, um Schüler einzubeziehen.“

Auch die Eltern der Schüler, die an der Byron High School an den Flipped-Classroom-Kursen teilnehmen, sind voll des Lobes. „Weil mein Sohn im Unterricht jetzt mehr Zeit hat, dem Lehrer Fragen zu stellen und die Hausaufgaben durch­zusprechen, versteht er den Lernstoff viel besser und hat mehr Vertrauen in sich, die Aufgaben erledigen zu können“, meint die Mutter eines Schülers aus dem Kurs Differentialrechnung. „Er ist bei Weitem nicht mehr so frustriert wie früher, weil mehr Zeit für die Arbeit mit dem Lehrer bleibt, der dafür sorgt, dass er die Inhalte komplett versteht.“

Die Eltern eines Schülers aus dem Geome­t­rie­kurs der zehnten Jahrgangs­stufe stimmen dem zu. „Da die Mathekenntnisse etwas eingerostet sind, sind wir froh, dass Fragen zu Hausaufgaben nun im Unterricht be­antwortet werden können“, sagen sie. „Diese Methode ist für Schüler viel hilfreicher. Und sie führt zu weniger Frust bei uns allen!“

„DAS UMGEKEHRTE LERNEN VERLAGERT DEN FRONTALUNTERRICHT UND VERSCHAFFT DEM LEHRER DIE ZEIT, SICH UM JEDEN EINZELNEN SCHÜLER ZU KÜMMERN.”

AARON SAMS LEHRER FÜR NATURWISSENSCHAFTEN AN EINER HIGH SCHOOL

DIE ROSAROTE BRILLE?

Trotz dieser Erfolge sind viele andere Päda­gogen skeptisch. Frank Noschese, Physik­lehrer an der John Jay High School in Cross River, New York (USA), behauptet, das Konzept sei kein echter Schritt nach vorn. „Das umgekehrte Lernen ist immer noch ein passiver Unterricht“, sagt er. „Auch wenn ein Video genutzt wird, ist es dennoch ein Vortrag. Zwar können die Schüler das Video anhalten und zurückspulen, um das Gesagte noch einmal zu hören, aber sie können keine Zwischenfragen stellen, wie das im Unterricht möglich wäre. Es ist ein lückenhaftes Konzept.“

Lisa Neilsen, langjährige Lehrerin an einer öffentlichen Schule in den USA, selbsterklärte ‘innovative Pädagogin’ und Autorin des Buchs Teaching Generation Text, ist ebenfalls nicht überzeugt. „Ich habe ein Problem damit, dass Schüler sich zu Hause Videos anschauen sollen“, sagt sie. „In ihrer Freizeit sollten die Kinder Spaß haben; sie sollten die Welt erkunden und draußen herumrennen. Sie müssen stundenlang in der Schule sitzen und jetzt sollen sie sogar noch zu Hause vor einem Bildschirm hocken!“

Neilsen behauptet, dass das umgekehrte Lernen gar nichts ändert – außer den Lernort. „Diese Videos sind einfach das Lehrbuch des 21. Jahrhunderts. Sie sind nur eine andere Form des gleichen alten Ansatzes. Das Flipped-Classroom-Konzept basiert auf dem traditionellen Modell des Lehrens und Lernens. Ich trage vor, Ihr saugt es auf. Während diese Lehrmethode bei einigen Schülern funktioniert, blühen andere bei einem Modell auf, das auf einer konstruk­tiveren Herangehensweise basiert.“

Aber Bergmann verteidigt sein Vorgehen. „Ich rate den Lehrern, die Videos kurz zu halten“, sagt er. „Ideal sind eine bis anderthalb Minuten pro Jahrgangsstufe. Ein Viertklässler schaut sich dann beispielsweise ein sechs­minütiges Video an. Das ist viel kürzer, als für normale Hausaufgaben erforderlich wäre. Und was die Bildschirmzeit angeht, kann ich nur sagen, Kinder sitzen ohnehin lange vorm Bildschirm, ob wir das mögen oder nicht. Wir verlängern diese Zeit nicht; wir füllen nur einen Teil davon mit etwas viel Sinnvollerem auf.“

DIE TECHNISCHE HERAUS­FORDERUNG

Ein häufig zitiertes Problem des umgekehrten Lernens ist der Zugang zu erforderlicher Technik. Nicht alle Schüler haben Zugriff auf einen Computer oder das Internet. „Dies ist natürlich eine Herausforderung, die aber leicht bewältigt werden kann“, meint Bergmann. „An unserer Schule in Colorado haben 25% der Kinder zu Hause kein Internet. Für sie laden wir die Videos einfach auf Speichersticks. Und alle, die keinen Computer besitzen, erhalten die Videos auf einer DVD.“

Aaron Sams, der Kollege von Bergmann, ist ebenfalls der Meinung, dass der Zugang zu Technik ein leicht zu lösendes Problem ist. „Mit ein bisschen Überlegung und Kreativität lassen sich diese Schwierigkeiten überwinden“, sagt er. „Probleme sind da, um gelöst zu werden. Fehlende technische Voraussetzungen sollten kein K.-o.-Kriterium sein.“

Während viele behaupten, dass Schüler mit der umgekehrten Lehrmethode in ihrer eigenen Geschwindigkeit lernen könnten, beharrt Neilsen darauf, dass dies in der Praxis nicht der Fall sei.„Eine echte Umkehrung sollte auch die sorgfäl­­tige Neugestaltung des Lernumfelds einschlie­ßen, aber das wird häufig übersehen“, sagt sie. „Wenn wir das Bildungswesen wirklich reformieren möchten, müssen wir damit aufhören, die Schüler anhand ihres Geburtsdatums zu gruppieren, wofür der Flipped Classroom optimal geeignet wäre. Aber haben die Schulen die erforderlichen Strukturen geschaffen? Sind sie darauf vorbereitet, dass Schüler in einem Tempo lernen, das ihren Fähig­keiten entspricht, und haben sie erkannt, dass nicht alle Gleichaltrigen zur selben Zeit im selben Raum sein müssen? Ich denke nicht.“

Doch Sams glaubt, dass umgekehrtes Lernen besser auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingeht. „Die größte Heraus­forderung beim herkömmlichen Lehransatz ist es, jedem Schüler in einer 30-köpfigen Klasse eine individuelle Förderung zukommen zu lassen“, sagt er. „Das umgekehrte Ler­nen verlagert den Frontalunterricht, der normalerweise vor einer großen Gruppe stattfindet, nach Hause und verschafft dem Lehrer die Zeit, sich im Unterricht um jeden einzelnen Schüler zu kümmern.“

EINE INVESTITION IN DEN ERFOLG

Ein weiterer Minuspunkt, der von vielen Kritikern ins Feld geführt wird, ist die für die Videoaufnahmen benötigte Zeit. „Lehrer, die zur Flipped-Classroom-Methode wechseln, müssen die Bedienung einer neuen Software lernen, die Videos erstellen und in einigen Fällen diese auch auf Speichersticks oder DVDs übertragen“, sagt Noschese. „Wird damit die Zeit eines Lehrers wirklich sinnvoll genutzt?“

Die Lehrer an der Keilir Schule haben laut Arnason dafür eine Lösung gefunden. „Während viele Lehrer sehr gerne ihre Zeit dem Erstellen von Videos widmen, nutzen andere die vielen schon vorhandenen Videos im Internet“, sagt er. „Einige Lehrkräfte wenden sich beispielsweise an die Khan Academy oder ähnliche Einrichtungen, um Hilfe zu erhalten. Das ist äußerst effektiv.“

Die Khan Academy, ein US-amerikanischer Online-Anbieter von kostenlosen Bildungs­inhalten, hat sich mit einigen Schulen und Colleges weltweit zusammengeschlossen, um solche Lehrvideos zu produzieren, darunter auch die Stanford University School of Medicine in Stanford, Kalifornien (USA). Seitdem der Kurs über angewandte Biochemie nach dem FlippedlassroomKonzept gehalten wird, sind die Anwesen­heitszahlen der Studierenden von 20% auf über 90% gestiegen. Tina Cowan, die den Kurs hält, erzählt, dass der Kurs zu Zeiten der herkömmlichen Lehrmethodik von den Studierenden so schlecht bewertet wurde, dass es nur noch aufwärts gehen konnte. „Das umgekehrte Lernen einzu­führen, ist anstrengend“, erzählt sie dem Online-Magazin Inside Higher Ed. „Es ist viel mehr Arbeit, als einfach die Vorlesung vom letzten Jahr aus der Schublade zu nehmen.“

90%

Seitdem der Kurs ûber angewandte Biochemie nach dem Flipped-Classroom-Konzept gehalten wird, sind die Answesenheitszahlen der Studierenden von 20% auf über 90% gestiegen.

Das betont auch Johnson von der Okanagan Mission Schule. „Den Unter­richt auf die Flipped-Classroom-Methode umzustellen, ist alles andere als einfach“, sagt er. „Ich muss viel mehr Zeit dafür aufwenden, praktische Unterrichtseinheiten vorzubereiten, die für die Schüler interes­sant sind und sie zum vertieften Lernen animieren. Aber dieser Heraus­forderung stelle ich mich gerne. Denn das umgekehrte Lernen hat das Potenzial, das Leben der Schüler zu verändern.“

DIE ZUKUNFT VERÄNDERN

Die Befürworter der Flipped-Classroom-Methode sind überzeugt, dass dieser Ansatz in den kommenden Jahren großen Einfluss auf das Lehren haben wird. „Wir müssen den ‘Lernen nach Lehrbuch’-Modus, in dem so viele Lehrer noch gefangen sind, hinter uns lassen und zu einer Methode wechseln, bei der sich die Bildung an den Schülern aus­richtet“, sagt Bergmann. „Das umgekehrte Lernen ist ein zentraler Bestandteil davon.“

„Ich hoffe, dass Lehrer die Flipped-Classroom-Methode als Sprungbrett für größere Ideen nutzen“, fügt Sams hinzu. „Die Lehrer sollen sie ausprobieren, aber nicht daran hängenbleiben. Ich hoffe, dass sie diese Methode dafür nutzen, etwas Aufmerksamkeit von sich selbst wegzunehmen und stattdessen auf die Schüler zu lenken. Und dann werden tolle Dinge geschehen.“

von Lindsay James Zurück zum Seitenbeginn