COMPASS MAGAZINE #10
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NEUBELEBUNG DER BERUFSAUSBILDUNGEN Betriebliche Ausbildungen schließen Qualifikationslücken und senken Arbeitslosenzahlen

Das fehlende Bindeglied zwischen der Anzahl offener Stellen und qualifizierter Fachkräfte könnte in der uralten Idee der klassischen Lehre verborgen liegen. In jedem Land wird dies anders gehandhabt, doch die praktische Ausbildung ist auf dem Vormarsch und bietet noch viel Entwicklungspotenzial.

Die US-amerikanischen Arbeitslosenzahlen bringen eines der größten Dilemmas, dem Unternehmen im 21. Jahrhundert ausgesetzt sind, auf den Punkt: die Kluft zwischen freien Stellen und Arbeitnehmern mit den dazu passenden Fähigkeiten. Ende Juni 2015 gab es z.B. in den USA nach Aussage der Behörde für Arbeitsstatistik (BLS) des US-amerikanischen Arbeitsministeriums 5,2 Mio. offene Stellen, von denen viele nicht besetzt werden konnten, weil keine Arbeitskräfte mit den entsprechenden Fähigkeiten zu finden waren. Zugleich waren im Juli 2015 laut BLS 2,8 Mio. junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren arbeitslos, was einer Quote von 12,2% entspricht.

Ähnliche Probleme mit Jugendarbeitslosigkeit zeigen sich in den meisten Industrienationen. Und Entwicklungsländer haben es noch schwerer, genügend qualifizierte Arbeiter zu finden. Doch eine in den hochentwickelten Volkswirtschaften immer beliebtere Lösung basiert auf einer relativ alten Idee: Berufsausbildungen, die theoretische Lehre mit einer formellen, praktischen Ausbildung kombinieren.

STEIGENDE ZAHLEN

In den USA war die Anzahl der Lehrstellen bisher gering und größtenteils auf die stark gewerkschaftlich organisierten Branchen, wie Bau, Sanitär-und Elektrogewerbe, beschränkt. Um dies zu ändern, hat US-Präsident Barack Obama im September 2015 175 Mio. US-Dollar für 46 Organisationen innerhalb der USA bereitgestellt, um Berufsausbildungen in wachstumsstarken Bereichen zu fördern. „Eine Ausbildung ist nicht nur die Eintrittskarte in die Mittelschicht“, sagte der US-Arbeitsminister Thomas Perez. „Sie ist eine andere Art des des College.”

800 000

Anzahl der jährlich verfügbaren Lehrstellen in Großbritannien

Die USA stehen damit nicht alleine da. In Großbritannien hat sich die Zahl der Ausbildungsstellen zwischen 1996 und 2009 vervierfacht und zwischen 2009 und 2013 noch einmal verdoppelt. Insgesamt seien laut Tom Bewick, ehemaliger CEO der International Skills Standards Organization (INSSO), einer Londoner Beratungsgesellschaft für Mitarbeiterentwicklung, jährlich knapp 800.000 Lehrstellen verfügbar. Lehrlinge werden nun sogar von Unternehmen wie The Royal Opera, Jaguar Land Rover und British Aerospace, einem großen Befürworter mit über 1.000 Auszubildenden, beschäftigt.

Das Partner Apprenticeship Program von Microsoft ist eines der größten in Großbritannien, in dem Schulabbrecher zwischen 16 und 18 Jahren PC-Kenntnisse vermittelt bekommen, weil es auf diesem Gebiet jährlich bis zu 160.000 freie Stellen gibt. Das Programm wird bis Ende 2015 schon 3.500 Lehrlinge von diversen Firmen, von Großunternehmen bis hin zu vielen kleinen Betrieben, ge-schult haben. „Wir sehen das als großen Erfolg“, sagt Dominic Gill, Ausbilder bei Microsoft UK, der das Programm unterstützt. „Die Verbleib- und Beschäftigungsquote liegt bei rund 95% und damit weit über dem Branchendurchschnitt von 80%.“

AUSBILDUNG DER JUGEND

Die Idee der Berufsausbildungen entstammt dem Mittelalter, als die Handwerker in den europäischen Zünften junge Leute im Tausch gegen Kost und Logis in die Lehre nahmen, wodurch sie ihre Kapazitäten steigern und ihre Kenntnisse an die nächste Generation weitergeben konnten. Auch heute gibt es die Berufsausbildung noch in vielen Ländern, wobei Deutschland, Österreich und die Schweiz die am besten entwickelten Systeme und, nicht verwunderlich, die geringste Jugendarbeitslosigkeit vorweisen können. In Deutschland machen geschätzte 51% der Jugendlichen eine Lehre.

„Unabhängige Studien zeigen, dass dort, wo strukturierte Ausbildungen angeboten werden, nicht nur die Arbeitgeber einen Nettogewinn und finanzielle Vorteile haben, sondern auch die Steuerzahler, deren Gelder in die staatlichen Beihilfen fließen“, sagt Bewick von der INSSO. Das britische Finanzministerium schätzt, dass der Staat für jedes investierte britische Pfund (GBP) im Gegenzug 12 GBP an Steuereinnahmen und andere Vorteile, wie Produktivitätssteigerungen, verzeichnet.

Ein großer Unterschied zwischen den deutschsprachigen und einigen englischsprachigen Ländern besteht im Alter der Lehrlinge. In Deutschland starten Schüler meist im Alter von rund 15 Jahren mit der Lehre – in den USA und Großbritannien beginnen sie da erst mit der Sekundarstufe. Dort fangen die Berufsausbildungen erst nach dem Abschluss der High School an, wenn die meisten Schüler schon 18 Jahre alt sind.

Ein Grund sei, dass Schulen in den USA und Großbritannien mehr auf das Erreichen eines Bildungsabschlusses ausgerichtet sind als auf den beruflichen Werdegang, meint Robert I. Lerman, Mitarbeiter des Center on Labor, Human Services, and Population am Urban Institute, einem Think-Tank für Wirtschafts- und Arbeitspolitik in Washington, DC. „Wir möchten, dass jeder die Chance auf eine Hochschulausbildung bekommt, selbst wenn dies nicht der optimale Weg für viele Schüler ist, die auf andere Weise besser lernen“, sagt Lerman. Er merkt an, dass die Absolventenquoten von Community Colleges, die in den USA traditionell technische und berufliche Ausbildungen anbieten, mit 20% der Vollzeitstudierenden in den ersten drei Jahren besorgniserregend niedrig blieben. Ausbildungsprogramme, so meint er, böten vielen Studierenden eine echte Alternative.

AUSBILDUNGEN MODERNISIEREN

Mittlerweile suchen Arbeitgeber nach Lehrlingen mit hohen berufsbezogenen Bildungsabschlüssen. In Großbritannien gibt es drei Ausbildungsniveaus; für das höchste, das von Firmen wie British Aerospace verlangt wird, müssen vier Qualifizierungsprüfungen bestanden werden. Die Ausbildungen dauern je nach Abschluss ein bis vier Jahre.

„DURCH DIESES PROGRAMM KÖNNEN DIE FIRMEN IHRE KÜNFTIGEN INGENIEURE EXAKT AUF DIE BEDÜRFNISSE IHRES UNTERNEHMENS HIN AUSBILDEN.“

SAMUEL MÜHLEMANN PROFESSOR FÜR HUMAN RESOURCE EDUCATION AND DEVELOPMENT AN DER FAKULTÄT FÜR BETRIEBSWIRTSCHAFT DER LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT MÜNCHEN, ÜBER DAS NEUE DEUTSCHE AUSBILDUNGSPROGRAMM AUSBILDUNGPLUS

In Deutschland bietet das relativ neue Programm AusbildungPlus ein duales Modell, bei dem Auszubildende in einem Betrieb arbeiten und zeitgleich ein Ingenieurs-oder Betriebswirtschaftsstudium bis hin zur Promotion absolvieren können. „Der große Vorteil besteht darin, dass den Auszubildenden der Zugang zum Studium erleichtert wird“, sagt Samuel Mühlemann, Professor für Human Resource Education and Development an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Durch dieses Programm können die Firmen ihre künftigen Ingenieure exakt auf die Bedürfnisse ihres Unternehmens hin ausbilden, und sie besitzen am Ende ihres Studiums bereits mehrere Jahre Berufserfahrung.“ Ein weiteres Land mit einer innovativen Methode der Berufsausbildungen ist Australien, wo es pro 1.000 Arbeitsplätze sogar noch mehr Auszubildende gibt als in Deutschland. Dort dienen sogenannte Gruppenbildungseinrichtungen (Group Training Organizations, GTO) als Bindeglied zwischen Unternehmen und staatlichen/ regionalen Regierungen.

Nicholas Wyman, CEO des Institute for Workplace Skills and Innovation, leitet eine GTO namens WPC Group, in der aktuell 500 Lehrlinge aus über 200 Betrieben unterrichtet werden, und veröffentlichte kürzlich ein Buch über dieses Programm mit dem Titel Job U: How to Find Wealth and Success by Developing the Skills Companies Actually Need. Die GTO-Betriebe spielen eine wesentliche Rolle, sagt Wyman, weil sie die Verantwortung für die Auszubildenden übernehmen: deren Gehälter zahlen, die Formalitäten regeln und Arbeitskleidung stellen, während sie sie auch betreuen und ihre Fortschritte verfolgen. Die Unternehmen, in denen die Auszubildenden arbeiten, finanzieren die GTOs.

„Man kann sich für die Finanzierung der Ausbildungsprogramme nicht allein auf die Regierung verlassen“, sagt Wyman. „Darum funktioniert das Ausbildungsmodell mit Mentoren, bei dem der Arbeitgeber das meiste Geld beisteuert, sehr gut.“

Da Regierungen weltweit Berufsausbildungen verstärkt finanziell unterstützen, glauben viele Experten, dass auf diesem Gebiet ein Wendepunkt erreicht ist. Weil in Großbritannien weniger als eine von zehn Firmen Auszubildende beschäftigt – und in den USA sogar noch weniger – besitzen diese Programme enormes Wachstumspotenzial.

„Man sollte die Ausbildung nicht als Notlösung für Menschen betrachten, die es nicht ans College geschafft haben“, sagt Bewick. „Noch immer steckt der Gedanke in den Köpfen, dass es sich um zwei Modelle handelt, bei denen das Studium an der Universität besser bezahlte Jobs verspricht. Aber die Aus-bildung ist auf Berufe abgestimmt, die andere Lernstile erfordern als das formelle Studium.“

von Charles Wallace Zurück zum Seitenbeginn