COMPASS MAGAZINE #10
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PERSONALISIERTE BILDUNG Lernen soll leichter fallen, wenn der Unterricht an das Interesse der Lernenden angepasst ist

Untersuchungen haben gezeigt, dass das traditionelle Lehrmodell, das allen die gleichen Inhalte anbietet, für viele Lernende nicht funktioniert. Viele Bildungseinrichtungen nutzen heutzutage digitale Technologien, die ein „personalisiertes Lernen“ ermöglichen: Die Lernenden entwickeln eine breite Kompetenz im Zusammenhang mit persönlichen Interessen.

In der AltSchool gibt es keine Lehrbücher und keinen Unterricht für die ganze Klasse, bei dem ein Fach allen Schülern auf die gleiche Weise gelehrt wird. Statt- dessen benutzen die Kinder digitale Tablets, um die in der echten Welt und im immersiven Unterricht erworbenen Kenntnisse zu vertiefen. Der Lern- prozess aller Kinder wird zudem in Form von personalisierten „Spiellisten“ dokumentiert, wobei die Kinder die Spiellisten gemeinsam mit Lehrern und Eltern entwickeln. Gleichzeitig erfassen die Lehrer wichtige Lernmomente der Schüler mit Wandkameras und fördern die eigene berufliche Fortbildung.

AltSchool wurde 2013 von Max Ventilla gegründet, einem früheren Manager bei Google, und ist ein wachsendes Netz privater „Mikroschulen“ für Schüler der Grund- und Sekundarstufe in den USA. AltSchool legt Wert auf ein vom Schüler bestimmtes, projektorientiertes Lernen und Unternehmertum.

Diese neue Schule gehört zu der wachsenden Zahl globaler Bildungseinrichtungen, die Online-Plattformen eingerichtet haben, mit denen die Lernenden ihre eigenen Lernziele verfolgen können. Zu beliebten Plattformen gehören beispielsweise das Lernmanagementsystem Schoology in den USA, das wissensvermittelnde System Brightspace von Desire2Learn (D2L) in Kanada und der Anbieter von Mathematik-Software DreamBox in den USA. Sogar Facebook hat eine Plattform für den Schulbetreiber Summit Public Schools in den Bundesstaaten Kalifornien und Washington entwickelt, um ein Lernerlebnis im Klassenzimmer anzubieten, das sich an den Zukunftszielen der Schüler orientiert.

„Personalisiertes Lernen ist ein zentraler Grundsatz der anpassungsfähigen Lernstrategien der nächsten Generation. Diese Strategien definieren Lernen neu, indem sie den Lernenden erlauben, sich auf ihre Interessen zu konzentrieren“, so Sarah Luchs, Program Officer bei K-12 (Kindergarten bis Oberstufe), Next Generation Learning Challenges (NGLC), einer Initiative des wohltätigen Verbands EDUCAUSE in Colorado, USA. „Mit Zuschüssen der NGLC wurden bereits in 100 US-amerikanischen Schulen digitale Tools implementiert, um den Schülern die Autonomie einzuräumen, die sie für die Erfüllung der persönlichen Ambitionen brauchen.“

BILDUNG IM DIGITALEN ZEITALTER

Mit der Idee des personalisierten Lernens steht Nordamerika allerdings nicht allein. Als dem Unternehmer Maurice de Hond klar wurde, dass seine jüngste Tochter heute genauso unterrichtet werden würde wie sein älterer Sohn in den 1980er Jahren, gründete er 2012 Onderwijs voor een Nieuwe Tijd (O4NT, Bildung für ein neues Zeitalter) und das Netzwerk der Steve JobsSchools in den Niederlanden.
 
„Warum sollten kleine Kinder, die schon früh digitale Geräte kompetent benutzen können, auf das Leben der 1980er Jahre vorbereitet werden statt auf die zu- künftige digitale Welt?“ fragt de Hond. „Statt jedem Kind auch weiterhin die gleichen Informationen einzuflößen, sozusagen für den Fall der Fälle, sollten die Lehrer den Schülern helfen, Lösungen zu Lernproblemen, denen sie begegnen, selbst zu finden und anzuwenden.“
 
Die erste Steve JobsSchool eröffnete im August 2013, und heute gibt es 20 Steve
JobsSchools in den Niederlanden. Dort lernen die Schüler zu 45% mithilfe von adaptiven Online-Programmen auf digitalen Tablets; die restlichen 55% des Lernens erfolgen in Form von 30-minütigen Workshops. Um sicherzustellen, dass die Schüler die von der niederländischen Regierung definierten akademischen Standards erreichen, treffen sich die Lehrer mit den Kindern und deren Eltern im Abstand von sechs Wochen, um den individuellen Lernplan jedes Kindes anzupassen.

„Im Gegensatz zu den meisten Schulen, in denen die Eltern nur zweimal im Jahr die schulischen Fortschritte Ihrer Kinder diskutieren, weist unser System den Eltern eine zentrale Rolle bei der Bildung Ihrer Kinder zu“, sagt de Hond. Der Ansatz überzeugt: 2016 wird 04NT Schulen in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) in einem Vorort von Johannesburg (Republik Südafrika) und in São Paulo (Brasilien) eröffnen. „Viele Eltern be- danken sich bei mir für diese Änderung. Wir haben sogar Kinder, bei denen eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung diagnostiziert worden war, die aber nun ‚geheilt’ sind, da sie sich in einem stärker anregenden Umfeld aufhalten.“

Ein Jahr nach Einführung des personalisierten Lernens verzeichnete die De Ontplooiing Steve JobsSchool in Amsterdam bessere Mathematik- und Lesefähigkeiten bei ihren Schülern. Der Schulleiter Jaap Pasmans glaubt jedoch, dass die Vorteile weit über die akademischen Leistungen hinausgehen.

„Unsere Kinder sind glücklicher und motivierter, da sie sich jetzt mehr auf ihre Interessen konzentrieren können“, erklärt Pasmans. „Ich würde dieses Lehrmodell jedem empfehlen, da es mehr Zeit gibt, jeden Schüler einzeln zu betreuen. So stehen den Schülern die Tools zur Verfügung, die sie zum Erlernen der Kernfächer brauchen – durch Entdeckung der eigenen Interessen.”

KARRIEREN ANKURBELN

Das Netzwerk weiterführender Schulen Big Picture Education Australia (BPEA) hat festgestellt, dass selbstbestimmte Schüler besser auf die Hochschule und das Arbeitsleben vorbereitet sind. Bei der Gründung 2006 trat BPEA einem globalen Netzwerk bei, das von Big Picture Learning von Elliot Washor und Dennis Littky 1996 in den USA ins Leben gerufen worden war. Bei BPEA helfen Berater und Eltern den Schülern, Lehrpläne zu entwickeln, die die eigenen Interessen dem nationalen Lehrplan in Australien und der Arbeitswelt anpassen. Dabei müssen Schüler vier Jahre lang zweimal in der Woche ein Praktikum bei einem persönlichen Mentor des Netzwerks machen und viermal im Jahr selbst- bestimmte „Lernprojekte“ präsentieren.

„Viele junge Australier verlassen die Schule ohne Schulabschluss. Daher waren wir an einem Lernmodell interessiert, das ermutigt, die eigenen Leidenschaften zu verfolgen, das aber trotzdem akademisch anspruchsvoll ist, um nationale Prüfungen zu bestehen“, so Viv White, Mitbegründerin und Mit- geschäftsführerin des BPEA-Netzwerks, das 40 Schulen in ganz Australien be- treibt. „Die Projekte decken 80% der vom nationalen Lehrplan berücksichtigten Fächer ab (die restlichen 20% werden im herkömmlichen Unterricht ver- mittelt). Durch die Praktika erleben die Schüler jedoch, wie die in der Schule erlangten Fähigkeiten im Beruf ange- wendet werden. Dies ist eine starke Motivation zum Lernen.“
 
Die Anzahl der Schulverweise sei gesunken, die Anwesenheit und die Selbstdisziplin hätten sich verbessert und die Schüler machen messbare Fortschritte, so White.

Auch die Schülerkommentare auf der Website des BPEA sind Zeugnis des breiten Programmerfolgs. In Launceston, Tasmanien, führte das Praktikum von Shauna Carlon beim berühmten austra- lischen Konditor Adriano Zumbo zu ei- nem Studium an einem Gastgewerbe-, Tourismus- und Lebensmittel-Institut
der Spitzenklasse. Achtzehn Monate nach seiner Ankunft in Tasmanien half der nepalesische Schüler Sameer Pandey bei der Entwicklung eines Beleuchtungs- systems in einer neuen Fabrik im Rahmen eines technischen Praktikums bei Pitt & Sherry, der multidisziplinären Infra- strukturberatungsfirma. Das Interesse der 15-jährigen Schülerin Abby McLeod für die TV-Krimiserie „NCIS“ führte dazu, dass sie jetzt bei der Polizei und Strafrechtsprofessoren an der Universität Newcastle in New South Wales arbeitet.
 
„Vieles, was ich gemacht habe, kann ich mit dem Lehrplan verbinden – da sind Englisch, weil ich viel schreibe, und die Naturwissenschaften, da sich vieles auf Biologie bezieht. Später werde ich mich mit Blutspritzmuster- analysen beschäftigen, die Geometrie und Mathe verwenden, und mit der Geschichte der forensischen Wissen- schaften“, sagte McLeod in einem Interview für die BPEA-Website. „Auch meiner Mutter gefällt es viel besser, dass ich jetzt so viel lerne. Ich habe in einem Semester hier mehr gelernt als in einem ganzen Jahr an anderen Schulen, denn wenn Lernen Spaß macht, fällt es viel leichter, zur Schule zu gehen und zu arbeiten.“

DIE ZEICHEN DES ERFOLGS

Mehrere Berichte zeigen, dass personalisierte Bildungssysteme und Mischformen auf der Grundlage moderner Technologieplattformen sowohl quantitative als auch qualitative Vorteile haben.

Die Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) und der Bericht von RAND im November 2014 mit dem Titel „Early Progress: Interim Report Personalized Learning” informierten über die BMGF- Förderung von 23 öffentlichen Charter- Schulen in den USA, um personalisiertes Lernen über einen Zeitraum von zwei Jahren einzuführen. Die Schüler dieser Schulen schnitten bei einem computer- gestützten Lese- und Mathetest all- gemein besser ab als ähnliche Schüler in vergleichbaren Schulen ohne personalisierte Lernhilfen. In ähnlicher Weise stellte eine Studie des kalifor- nischen Clayton Christensen Institute - eines gemeinnützigen Thinktanks für die Förderung von Innovationen in der Bildung - fest, dass personalisiertes Lernen zu einer Steigerung der Schulab- schlussraten im Schuldistrikt Washington County in Utah von 80% in 2012 auf 88% in 2014 führte. Das Unternehmen für Informationsdienste Hanover Research stellte fest, dass in den Klassenräumen mit personalisiertem Lernen im Schul- distrikt West Allis-West Milwaukee in Wisconsin „in nur einem Schuljahr die schulische Entwicklung beobachtet wurde, die für fast zwei ganze Schuljahre normal ist“.

ÜBERZOGENE ERWARTUNGEN

Benjamin Riley, Gründer von Deans for Impact mit Sitz in Texas, ist von den Vorteilen des personalisierten Lernens weniger überzeugt. Er warnt Schulen davor, nach Ersatz der Schulbücher durch Tablets „Wunder zu erwarten“. Deans for Impact konzentriert sich auf die Ausbildung der Lehrer, denn dies kann nach Meinung des Unternehmens die Lernergebnisse bei Schülern stärker verbessern als die Anreicherung des Lernalltags mit Technologie.

„Weltweit haben Bildungsexperten immer wieder Ressourcen in ‚innovative’ Lernkonzepte gesteckt, ohne Beweis, dass diese erfolgreich sind, und ein Versagen ist vorprogrammiert“, warnt Riley. „Ich mache mir Sorgen, dass wir uns in 20 Jahren fragen, warum wir so viel in personalisierte Lernhilfen investierten, nur um festzustellen, dass diese nicht besonders hilfreich waren.“ Riley zweifelt daran, dass junge Schüler genug Motivation haben, ihr eigenes Lernen zu lenken, insbesondere in Fächern, die sie schwierig finden bzw. nicht mögen.

„So wie ein Tennisspieler einen Trainer braucht, um häufige Fehler zu identifizieren und zu korrigieren, so brauchen Schüler einen Lehrer, der hilft, wenn die Schüler etwas schwierig finden oder gelang- weilt sind“, erläutert er. „Bei Multimedia-Präsentationen von Schülern in New York und in Neuseeland konnten die Schüler einfachste Fragen, die ich über das jeweilige vorgestellte Thema ge- stellt habe, nicht beantworten. Ich habe keinen Zweifel, dass diese Schüler wertvolle Fähigkeiten erlernt haben, doch diese beschränken sich lediglich auf die Technik einer Präsentation. Der Bildungssektor sollte sich auf fähige Lehrer konzentrieren, die Wissen so vermitteln können, dass es bei den Schülern hängen bleibt; schicke Technologien, die Lernen ‚cool’ machen sollen, sind nicht unbedingt der beste Weg.”

“„WARUM SOLLTEN KLEINE KINDER, DIE SCHON FRÜH DIGITALE GERÄTE KOMPETENT BENUTZEN KÖNNEN, AUF DAS LEBEN DER 1980ER JAHRE VORBEREITET WERDEN STATT AUF DIE ZUKÜNFTIGE DIGITALE WELT?“”

MAURICE DE HON GRÜNDER VON ONDERWIJS VOOR EEN NIEUWE TIJD UND DEM STEVE JOBSSCHOOLS-NETZWERK IN DEN NIEDERLANDEN

Luchs von NGLC argumentiert jedoch, dass korrekt umgesetzte und kontrollierte personalisierte Lerntechnologien Kinder befähigen, ihre natürliche kindliche Neugierde zu stillen und der intrinsischen Motivation zu folgen, um Wissen zu erwerben und einzuprägen.

„Lehrer, die es den Schülern überlassen, wann, was und wie sie etwas lernen, beobachten ein besseres Engagement
aufseiten der Schüler“, sagt Luchs. „Effektive personalisierte Bildungs- systeme sollten flexible und selbstbestimmte Lernmöglichkeiten bieten, die auf die individuellen Bedürfnisse, Interessen und Fortschritte reagieren.”

Jim Flanagan, Chief Learning Services Officer der Non-Profit-Organisation International Society for Technology in Education (ISTE), glaubt, dass Schüler beides brauchen: Personalisierte Lernsysteme sind nur dann wirksam, wenn sie durch die menschliche Interaktion mit qualifizierten Lehrern kombiniert werden.

„Wenn die Schüler motiviert bleiben sollen, muss Technologie äußerst flexibel im Wechsel mit menschlichen Interaktionen eingesetzt werden“, fügt er hinzu. „Mit Khan Academy [einem Online-Anbieter von kostenlosen Bildungsvideos auf YouTube] z.B. übt ein Schüler selbstständig Mathematik und braucht vielleicht persönliche Hilfe von einem Lehrer, wenn er auf ein schwieriges Thema stößt.“

AUFBAU EINER PERSONALISIERTEN ZUKUNFT

Befürworter für das personalisierte Lernen wie Flanagan von der ITSE glauben, dass der Trend zum selbstbestimmten Lernen in der Schule auch weiterhin wachsen wird.

„Die Schüler werden von den Schulen den gleichen personalisierten Service erwarten, den sie auch privat erleben. In der Zukunft wird es mehr Gelegen- heiten geben, Kompetenzen außerhalb der herkömmlichen Schulmodelle zu beweisen“, sagt er. „Mehr Eltern und Lehrer werden mit der archaischen Bildung ihrer Kinder nicht mehr zufrieden sein und stattdessen überlegen, wie Kinder für die Welt von heute unter- richtet werden können.“

Dem stimmt White vom BPEA zu: „Mehr Schulen werden erkennen, dass sich die Schüler in einer familienähn- lichen Umgebung auf ihre Interessen konzentrieren sollten, wo die Fähigkeiten der Schüler von Mitschülern, Lehrern und einer größeren Gemeinschaft geschätzt werden. Personalisierte Bildungsmodelle wie Big Picture werden unseren jungen Menschen die Kraft und die Motivation geben, die sie zur Mitentwicklung der Zukunft brauchen.“

von Rebecca Gibson Zurück zum Seitenbeginn
von Rebecca Gibson

 
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