COMPASS MAGAZINE #10
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SEGEN ODER ZEITVERSCHWENDUNG? Kostenlose Onlinekurse bieten Wissen, jedoch keine Leistungspunkte

Sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCs), die sehr vielen Teilnehmern über das Internet Wissen vermitteln, haben die Bildungswelt im Sturm erobert – nicht zuletzt, weil sie kostenlos sind. Während sich die Studierenden scharenweise einschreiben und auch Arbeitgeber allmählich Interesse zeigen, bezweifeln Bildungsexperten, ob solche Kurse ohne Abschlusszeugnis überhaupt etwas taugen.

Seitdem 2011 ein kostenloser Onlinekurs über künstliche Intelligenz von der Stanford University in den USA angeboten wurde, zu dem sich 160.000 Studierende aus 190 Ländern einschrieben, explodierte die Zahl solcher MOOCs in der Bildungs­szene geradezu. Bis heute sind dutzende Top-Universitäten auf die MOOC-Welle aufgesprungen, darunter Harvard und Yale in den USA, die Universität Kopenhagen in Dänemark, die École Polytechnique in Frankreich und auch die Hong Kong University of Science and Technology in China.

Darüber hinaus wurden zahlreiche kommerzielle Unternehmen wie Coursera, Udacity und Edx in den USA oder FutureLearn in Großbritannien gegründet, die in Zusammenarbeit mit diversen Universitäten MOOCs anbieten. Nach Schätzungen von Coursera nutzen über 3 Millionen Menschen das Angebot an MOOCs - fast doppelt so viele wie noch vor einem Jahr.

VERÄNDERUNGS­BEDARF ERKANNT

Viele Menschen sind der Ansicht, dass es Zeit für eine Umstrukturierung des Hoch­schulwesens ist. Die ohnehin hohen Kosten steigen stetig und Studierende müssen zunehmend tiefer in die Tasche greifen. Nach Angaben der Zeitschrift Times Higher Education haben Finnland (2010) und Ungarn (2013) Studien­ge­bühren eingeführt. In anderen Ländern, darunter auch Großbritannien, wurden sie stark erhöht. Die Finanzierung aus staatlichen Mitteln hat in den USA im Jahr 2011 ihren tiefsten Stand seit 25 Jahren erreicht und dazu geführt, dass die Gebühren im letzten Jahrzehnt um 42% gestiegen sind. Laut Aussage der Federal Reserve Bank of New York hatten 2012 43% der 25-Jährigen weltweit einen Studienkredit; das sind 27% mehr als im Jahr 2004.

Doch die Kosten sind nicht der einzige Faktor, der den Zugang zu höherer Bildung verwehrt. „Viele verfügen nicht über die Qualifikation, die sie zum Hochschulbesuch berechtigt“, sagt Stéphan Vincent-Lancrin, Projektleiter im Bildungsdirektorat der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). „Ein großes Problem ist der Abbruch der Schulaus­bildung vor Erreichen der Hochschulreife.“

Doch nach Meinung von Vincent-Lancrin ist auch die Verfügbarkeit von Bildung unzureichend. „Die Nachfrage ist zum Teil größer als die Anzahl verfügbarer Plätze, wegen der hohen Kosten für die Immatrikulation aller Bewerber. Studierenden in Entwicklungsländern ist es teils unmöglich, die besten oder interessantesten Kurse in ihrem Fachgebiet zu besuchen.“

Mit MOOCs ließe sich das ändern. „In den vergangenen Monaten haben hunderttausende interessierter Studierende auf der ganzen Welt, die keine Eliteuniversitäten besuchen können, diese MOOCs als Möglichkeit für sich entdeckt, Fachwissen zu erlangen“, schrieb Tamar Lewin in seinem New York Times Artikel mit dem Titel „Instruction for Masses Knocked Down Campus Walls“.

Kritika Desai, eine Studierende der englischen Literatur an der Jadhavpur University in Kolkata in Indien, ist ein Beispiel dafür. Vor Kurzem hat sie sich auf Coursera für einen von der University of Michigan angebotenen Einführungskurs in die Finanzwirtschaft eingeschrieben. Sie sagte der OnlinezeitschriftUniversity World Newsdazu: „In Indien ist an keiner Universität eine Kombination aus Literatur und Finanzwirtschaft möglich. Dank des MOOC kann ich nun kostenlos dieses zusätzliche Fach einer hochrangigen amerikanischen Universität belegen.“

160.000

Studierende aus 190 Ländern nahmen an einem kostenlosen Onlinekurs der Stanford University über künstliche Intelligenz teil.

Doch neben den Vorteilen für Studierende bieten die MOOCs auch den Universitäten die Chance, globale Aufmerksamkeit zu erregen. Die gemeinnützige Gesellschaft Educause, die sich auf eine Verbesserung der Hochschulbildung konzentriert, hat beobachtet, dass Universitäten mittels Onlinekursen ihre Reichweite und Reputation auf internationaler Ebene ausbauen können.

„Die Vorstellung, dass ein Lehrer unbedingt persönlich vor einer Klasse stehen muss, ist veraltet“, sagte Tracy Gray, Geschäftsführerin des Center for STEM Education and Innovation am American Institute for Research (zu Deutsch: Zentrum für natur­wissenschaftliche Bildung und Innovation des amerikanischen Forschungsinstituts). „Es gibt nur wenige Dozenten, die Studierende der Generation Digital Natives noch begeistern können. Dank der MOOCs können alle Studierenden von den besten Lehrern lernen.“

BEDÜRFNISSE DER ARBEITGEBER ERFÜLLEN

In MOOCs können auch Absolventen weitere spezielle Fähigkeiten erwerben, durch die ihnen bessere Jobs offenstehen. „Trotz der hohen Arbeitslosenquote bemängeln viele Arbeitgeber das fehlende technische Fachwissen, das Bewerber für offene Stellen benötigen“, sagt John Challenger, Geschäftsführer der US-amerikanischen Arbeit­svermittlung Challenger, Gray & Christmas. „Fortschrittlich denkende Arbeitgeber haben bereits erkannt, dass MOOCs dieses Problem lösen könnten.“

In der Tat lassen sich durch MOOCs zukünftige Mitarbeiter gezielt aussuchen und der Weiterbildungsbedarf besser ermitteln. „Ein Abschlusszeugnis oder ein Zertifikat ist keine Garantie dafür, dass ein Kandidat die Arbeit, für die er eingestellt wurde, auch wirklich erledi­gen kann“, sagt Challenger.

„Da die MOOC-Umgebung digital ist, haben die Anbieter dieses neuen Bildungssystems uneingeschränkten Zugang zu Informationen, anhand derer spezielle Kandidaten herausgefiltert werden können. Und weil dieser Trend noch so neu ist, haben Arbeitgeber beste Chancen, dass Lehrinhalte auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten werden.“ Einige hochrangige Unternehmen passen MOOCs bereits auf ihre internen Weiterbildungsmaßnahmen an. Beispielsweise untersuchen McAfee und General Electric momentan, welche Funktionen der MOOCs am besten zu ihren eigenen Lern- und Weiterentwicklungsprogrammen passen. Jeanne Meister, eine der Mitbegründerinnen der US-amerikanischen Beraterfirma Future Workplace, die Unternehmen bei deren Neuausrichtung unterstützt, sagt: „Von der unternehmensinternen Nutzung der MOOCs können Arbeitgeber stark profitieren.“

Sie glaubt, dass immer mehr Firmen auf MOOCs zurückgreifen werden. „Es gibt einen klaren Trend hin zur Anerkennung von Kursen ohne Abschlusszertifikat“, sagte Meister. „Zum Beispiel besitzen viele Inkubatorprogramme zur Existenz­gründung einen besseren Ruf als Eliteuniversitäten, wenn man die Zahlen brillanter Führungskräfte unter deren Absolventen vergleicht.“

Dem stimmt auch Challenger zu. „Langfristig besitzen MOOCs ein enormes Potenzial. Sie werden immer stärker an die Bedürfnisse der Arbeit­geber angepasst. In zunehmendem Maße wird man sie auch für die Weiter­bildung der Mitarbeiter einsetzen. Und sie werden Arbeitssuchenden die Möglichkeit bieten, ihr Fachwissen und ihre Fähig­keiten zu erhalten und aufzufrischen.“

HERAUSFORDERUNGEN BLEIBEN BESTEHEN

Trotz des Potenzials der MOOCs bleiben doch noch einige Herausforderungen bestehen. Die Abbrecherquoten sind hoch. Von den 160.000 Studierenden, die sich für den Kurs über künstliche Intelligenz der Stanford University einschrieben, haben ihn nur 23.000 abgeschlossen. Die Anrechenbarkeit ist ein weiteres Problem. In den meisten MOOCs erhalten die Teilnehmer keine Leistungspunkte. Aktuell hat nur der Global Campus der Colorado State University (CSU) eingewilligt, den Studierenden, die nach abgeschlossenem Online-Einführungskurs in die Computerwissenschaften einen Bachelor-Abschluss an der CSU erwerben möchten, die online erworbenen Punkte anzurechnen. Viele Anbieter verleihen lediglich Teilnahme­bestätigungen – und das auch nur an Studierende, die dafür zu zahlen bereit sind.

 

„Dank der moocs können alle studierenden von den Besten lehrern lernen.“

Tracy Gray Geschäftsführerin Des Center For Stem Education And Innovation

Ein weiterer Knackpunkt ist die fehlende menschliche Interaktion. „Das Lehren ist ein zweistufiger Prozess“, so Eric Mazur, Professor für Physik und angewandte Physik an der Harvard University und Leiter der Fakultät für angewandte Physik. „MOOCs übernehmen nur den relativ leichten Teil der Informations­übermittlung und können nicht beob­achten, wie die Studierenden diese Informationen verarbeiten. Wenn man meinen Kurs in einen MOOC umwandeln würde, gäbe es nichts zu filmen, weil bei mir die Studierenden aktiv mitarbeiten müssen. Das lässt sich nicht online vermitteln.“

Navneet Johal, Analystin für Bildungs­technologie bei Ovum, einer Londoner Analystenfirma, zitiert aus einer Langzeit­studie des Community College Research Center am Lehrerkolleg der Columbia University. „Dort heißt es, dass die Studierenden, auf die solche Onlinean­gebote am meisten abzielen, weniger davon profitieren als ihre Kommilitonen, weil sie von dieser digitalen Umgebung im Gegensatz zum Präsenzunterricht eher abgeschreckt werden“, so Johal. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass insbesondere ältere Kursteilnehmer, Menschen mit geringerer Vorbildung und Mitglieder von Minderheiten in Onlinekursen schlechter abschnitten als in Präsenzschulungen.

Die Bildungsinstitute haben auch noch keine Idee, wie die MOOCs weiter­finanziert werden sollen, wenn das Gründungskapital aufgebraucht ist. Mazur erläutert dazu: „Die Finanzierung läuft irgendwann aus. Aber Bildung ist teuer. Man kann dieses Problem zwar kurzfristig mit MOOCs umgehen, aber wie tragen sich solche Kurse in einigen Jahren finanziell? Als Ersatz für ein Buch oder als Zugabe zu einer Vorlesung sind sie gut geeignet. Aber MOOCs sind nicht die Zukunft des Lernens.“

EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT

MOOCs haben dennoch ihre Anhänger. „Über MOOCs kann man sich gut mit einem neuen Thema vertraut machen oder schnell eine neue Fertigkeit erlernen“, ist Mike Sharples überzeugt. Leitet er doch den Lehrstuhl für Bildungstechnologie an der britischen Open University, die seit über 30 Jahren Fernstudiengänge anbietet. „Sie werden die herkömmliche Hochschulausbildung nicht ersetzen, aber sie können die Zukunft des Lernens mitgestalten.“

Die Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung, die die universitäre Ausbildung fördert, untersucht derzeit, ob sich das MOOC-Modell für Förder- oder Einführungskurse eignet. Laut den Angaben auf der Webseite der Stiftung erreicht nur rund die Hälfte aller Studierenden, die sich für einen Vierjahreskurs an der Universität einschreiben, einen Abschluss und nicht einmal 20% jener, die ein Grundstudium absolvieren, schließen dies innerhalb von drei Jahren erfolgreich ab. Die Stiftung investiert 550.000 US-Dollar, damit Anbieter MOOCs speziell für Förder und Einführungskurse entwickeln.

In Bereichen, in denen qualifizierte Lehrer rar sind, wie beispielsweise in den Natur­­wissenschaften, scheinen MOOCs Boden gutzumachen. „Es besteht ein großer Bedarf an qualifizierten Lehrern, die mit ihrer Lehrmethodik Begeisterung für die Naturwissenschaften wecken können“, sagt Gray. „Wenn man auf solch innovativen Wegen wie MOOCs oder Online- bzw. Blended-Learning-Plattformen das Interesse der Schüler wecken kann, besteht auch die Chance, eine Vielzahl dieser Schüler langfristig für den naturwissenschaftlichen Bereich zu begeistern. Darin liegt das große Potenzial der MOOCs, die das Lehren und Lernen, wie wir es bisher kannten, bereichern werden.“  ◆

von Lindsay James Zurück zum Seitenbeginn