COMPASS MAGAZINE #10
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TECHNOLOGIE UND AUSBILDUNG Umschulungsprogramme für entlassene Mitarbeiter bergen zahlreiche Herausforderungen

Automatisierung und Technik ersetzen in immer mehr Branchen eine immer größer werdende Zahl von Arbeitsplätzen. Die Umschulungsprogramme für die verdrängten Arbeitnehmer sind jedoch voller Lücken und Widersprüche. In manchen Teilen der Welt passt die verfügbare Schulung nicht zu den offenen Stellen, in anderen sind Finanzierung und Zugänglichkeit unzureichend. Überall jedoch ist ein exponentieller Anstieg der Herausforderungen – und der Anzahl der auf Hilfe angewiesenen Personen – zu befürchten.

Automatisierung, künstliche Intelligenz und Roboter ersetzen zunehmend Arbeitskräfte bei der Durchführung von Routinearbeiten. So werden Reisebüromitarbeiter durch Online-Buchungsseiten verdrängt und Berufskraftfahrer in Kürze durch den Einsatz autonomer Fahrzeuge überflüssig.

Wie schlimm wird es werden? Laut einer unveröffentlichten Studie, die die BBC im August 2015 zitierte, gefährdet die nächste Welle an technologischen Neuerungen bis zu 47% der Arbeits- plätze in den USA. Dabei handelt es sich um einen Trend, der in allen Industriestaaten ähnlich ablaufen dürfte.

Kommt dieser Trend in Fahrt, dann stellen sich für Unternehmen und Regierungen vordringlich zwei Fragen: Wie können die verdrängten Mitarbeiter umgeschult werden und wie lässt sich sicherstellen, dass diejenigen, die ihren Arbeitsplatz behalten, sich über ihr gesamtes Arbeitsleben hinweg fortbilden?

In den USA hat die Regierung zwei wegweisende Gesetze zur Unterstützung entlassener Arbeitnehmer umgesetzt: den Trade Adjustment Assistance Re- authorization Act von 2015, der auf Arbeitnehmer abzielt, die ihren Arbeitsplatz aufgrund von günstigen Importwaren verloren haben, und den Workforce Investment und Opportunity Act von 2014. Beide Programme bieten finanzielle Unterstützung für die Schulung oder Umschulung entlassener Arbeitnehmer.

47%

Die BBC berichtete im August 2015, dass die nächste Welle an technischen Neuerungen fast die Hälfte aller Arbeitsplätze in den USA gefährdet.

Aufgrund von Überschneidungen in den rechtlichen Zuständigkeiten wird die Belastung durch die Umschulung von Mitarbeitern, die durch den technischen Fortschritt verdrängt wurden, jedoch vor allem von den Bundesstaaten und Kommunen getragen, die von der US- Regierung finanzielle Unterstützung erhalten.

Die Umschulung an Community Colleges, einer Art Berufsfachschule sei eine Möglichkeit, um die Qualifizierungslücken wenigsten einiger freigesetzter Arbeitnehmer zu schließen und ihr Einkommen zu steigern, stellten Robert LaLonde, University of Chicago, und Daniel Sullivan, Federal Reserve Bank of Chicago, jüngst in einem Papier zum Thema Umschulung fest. „Möglicherweise müssen Arbeitnehmer immer noch erhebliche Verdiensteinbußen gegenüber ihren vorherigen Positionen hinnehmen, doch eine Umschulung kann eine sozial wünschenswerte Investition sein, die helfen könnte, diese Verluste zu begrenzen, und positive Wirkungen auf das Gemeinwesen hat.“

Der US-Bundesstaat Washington verfügt z.B. über eine Koordinierungsstelle für Arbeitnehmerumschulung und -weiter- bildung, die mit 34 Community Colleges und technischen Schulen aus dem gesamten Bundesstaat zusammenarbeitet. Zu den fast 11.000 Schülern im Jahr 2015 gehören laut Kendra Hodgson, strategische Beigeordnete der Einrichtung, entlassene Arbeitnehmer, die neue Kompetenzen erwerben, und Erwerbstätige, die sich fortbilden, um die nächste Stufe der Karriereleiter zu erklimmen.

„Die Hauptaufgabe besteht darin, den Teilnehmern ein höheres Kompetenz- und Wissensniveau zu vermitteln“, erläutert Hodgson und ergänzt, dass die Firmen mit einzelnen Hochschulen zusammenarbeiten, um Lehrpläne zu entwickeln, die ihren Personalbedürfnissen ent- sprechen. Als z.B. die Krankenhäuser unter einem starken Mangel an Pflegekräften litten, boten einige Schulen spontan Krankenpflegeausbildungen an, bis der Engpass überbrückt war.

DISKREPANZ ZWISCHEN ARBEIT UND AUSBILDUNG

Europa verfügt dank seiner über Steuergelder finanzierten Sozial- programme über die umfangreichsten Ausbildungsprogramme, die großzügiger sind als in Nordamerika und Asien. Die Europäische Union hat als Zielvorgabe, bis 2020 mindestens 40% ihrer Bevölkerung im Alter von 30 bis 34 Jahren über eine universitäre Ausbildung zu qualifizieren, so Steven Bainbridge, Experte für berufliche Bildung am Europäischen Zentrum für die Förderung der Berufsbildung, bekannt unter dem französischen Kürzel CEDEFOP und im griechischen Thessaloniki ansässig. Seiner Meinung nach wird die EU dieses Ziel wahrscheinlich übertreffen.

„UMSTRITTEN IST, OB DEN LEUTEN DIE RICHTIGE UMSCHULUNG ANGEBOTEN WIRD, DENN IN DEN BEREICHEN WISSENSCHAFT, TECHNOLOGIE, INGENIEURWESEN UND MATHEMATIK HERRSCHT IMMER NOCH EIN MANGEL AN ARBEITSKRÄFTEN.“

STEVEN BAINBRIDGE EXPERTE FÜR BERUFLICHE BILDUNG, EUROPÄISCHES ZENTRUM FÜR DIE FÖRDERUNG DER BERUFSBILDUNG

„Die Anhebung des Qualifizierungsniveaus ist uns gelungen, doch wird noch darüber diskutiert, ob den Betroffenen ein geeignetes Bildungsangebot zur Verfügung gestellt wird. Schließlich herrscht in den Bereichen Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik immer noch Arbeitskräftemangel“, sagt Bainbridge. „Andererseits steigt die Zahl der Personen, die für ihre Arbeit überqualifiziert sind.“ Einer der Gründe hierfür liegt laut Bainbridge darin, dass während der jüngsten Rezession hochqualifizierte Arbeitskräfte bereit waren, Beschäftigungen unter ihrem Qualifikationsniveau anzunehmen - die Arbeitgeber stellten großzügig ein.

Die Umschulung von Erwachsenen, die ihren Arbeitsplatz aufgrund der Automatisierung verloren haben, „ist ein weiteres großes Problem, mit dem wir konfrontiert sind“, fährt Bainbridge fort. Öffentlich finanzierte Bildungsangebote sind häufig nicht auf den Arbeitsmarkt abgestimmt, um zu klären, welche Fähigkeiten am gefragtesten sind, und die verdrängten Arbeitnehmer dann entsprechend zu schulen.

Aus diesem Grund nehmen einige Firmen in Europa die Weiterbildung in die eigene Hand. Der führende schwedische Energiekonzern Vattenfall richtete eine interne Supportabteilung für 445 freigesetzte Arbeitnehmer ein und stellte 205 Millionen Schwedische Kronen (21 Mio. Euro) zur Verfügung, um ihnen eine berufliche Schulung zukommen zu lassen. Zunächst wurden ihre Kompetenzen eingeschätzt. Dann entwickelte ein Tutor eine spezielle Ausbildung für jede einzelne Person.

ÖFFENTLICH-PRIVATE PARTNERSCHAFTEN

Eines der fortschrittlichsten Bildungsangebote in Europa ist die deutsche Ausbildung, die vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) erforscht und weiterentwickelt wird. Das BIBB setzt die Maßstäbe für das anspruchsvolle deutsche System der dualen Ausbildung, die den Besuch von Berufs-und Hochschulen mit On-the-Job-Training im Unternehmen verbindet.

Derzeit entwickelt das BIBB Pläne für die Festlegung der beruflichen Qualifikationen in der Industrie 4.0, die auch als „hypervernetzte Wirtschaft“ oder das Industrial Internet of Things (IIoT) bezeichnet wird, wie Gert Zinke, ein Sprecher des BIBB, darlegt.

„Die neuen Qualifizierungsanforderungen verlangen ein umfassendes Verständnis der Systeme und Prozesse. Dies wird von den Unternehmen, die die Ausbildung derzeit anbieten, nicht berücksichtigt“, sagt Zinke. Da die eigentliche Produktion derzeit zu einem Großteil von Robotern erledigt wird, müssten die Arbeitnehmer sich auch mit Themen wie der Wartung und Reparatur von Robotern sowie Produktions- und Betriebsplanung auskennen. Die neuen Lehrpläne dürften laut Zinke in den nächsten zwei Jahren umgestellt werden. Viele deutsche Unter- nehmen entwickeln und bauen ihre Anlagen für das IIoT jedoch schon jetzt und vernetzen die vorhandenen Anlagen zur vorausschauenden Wartung mit dem IIoT. (Siehe „Ergebnisorientierte Anlagen” auf S.68 und „Ein Modell in der Entwicklung” auf S.66.)

LAUFENDE ZERTIFIZIERUNG

Ein weiteres Thema, das intensiv diskutiert wird, betrifft die laufende Weiterbildung für Arbeitnehmer, um ihre Kompetenzen auf dem neusten Stand zu halten, ähnlich der jährlichen Zertifizierung, die Piloten und Fachärzte für neue Methoden und Technologien erwerben müssen.

In Dänemark bietet der Staat den Arbeitnehmern zwei Wochen Fortbildung pro Jahr, um zu gewährleisten, dass ihre Kompetenzen mit den globalen Anforderungen mithalten können. In Asien verleiht die Regierung von Singapur, die sehr darauf bedacht ist, den Ruf des Landes als asiatisches Exzellenzzentrum aufrecht zu erhalten, Arbeitnehmern einen „SkillsFuture Qualification Award“ im Wert von 1.000 Singapur-Dollar (660 Euro), wenn sie eine Fortbildung belegen und ein Fachdiplom erwerben.

Laut Till Leopold, Projektleiter der Human Skills-Initiative des schweizerischen Weltwirtschaftsforums, fordern mehr Branchen weltweit eine laufende Zertifizierung, andere müssen erst festlegen, welche Weiterbildungen notwendig sind.

„Manche Branchen sind Vorreiter, während andere zu kämpfen haben“, erklärt Leopold. Die Festlegung der Anforderungen sollte man seiner Meinung nach am besten jeder Branche selbst überlassen, da sie besser als staatliche Aufsichtsbehörden weiß, welche Fähigkeiten benötigt werden."

von Charles Wallace Zurück zum Seitenbeginn
von Charles Wallace

des Internationalen Währungsfonds zum Thema: „Toil & Technology“
http://bit.ly/ToilAndTech