COMPASS MAGAZINE #10
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UNIVERSELLE BILDUNG UNO wird ihre Milleniumsziele wohl verfehlen

Bildung für alle ist eines der acht Milleniums-Entwicklungsziele, die im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurden. Das Ziel ist, dass bis 2015 jeder Junge und jedes Mädchen auf der Welt Zugang zu einer vollständigen Grundschulbildung haben. Laut aktuellen Berichten ist dieses Ziel in den verbleibenden drei Jahren aber nicht mehr zu erreichen.

Im Jahr 2000 einigten sich die Länder der Vereinten Nationen (UNO) darüber, dass der Zugang zu einer vollständigen Grundschulbildung für jedes Kind auf der Welt unerlässlich für das Ziel der Organisation ist, bis 2015 500 Millionen Menschen von der Armut zu befreien. Nun ist dieses Bildungsziel, eines von acht Milleniums-Entwicklungszielen der UNO, in Gefahr.

Der frühe Fortschritt kurz nach Verabschiedung des Ziels war durchaus ermutigend. Die Zahl der Kinder im Grundschulalter weltweit, die keine Schulbildung genossen, sank von 108 Millionen im Jahr 1999 auf 61 Millionen im Jahr 2008 - eine Verringerung von fast 44%. Doch 2012, mit nur noch drei Jahren bis zum Ablauf der Frist, geht aus dem zehnten Weltbildungsbericht „Education for All“ (EFA) hervor, dass die Entwicklung bei 61 Millionen stehen geblieben ist. Schlimmer noch, Millionen Kinder gehen zwar zur Schule, lernen dort jedoch nichts, weil zu wenige oder unzureichend ausgebildete Lehrer vorhanden sind.

EIN MÜHSAMER WEG

Ein Grund für diese stockende Entwicklung ist, dass die Gruppen, denen man am leichtesten helfen kann, mittlerweile alle erreicht wurden. „Nun geht es um die schwächsten und am stärksten benachteiligten Kinder, die am meisten dadurch gefährdet sind, dass sie keinen Schulzugang haben oder die Grundschule nicht abschließen können“, sagt Pauline Rose, Leiterin des EFA Weltbildungsberichts der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO). „Dazu gehören beispielsweise Kinder von Nomaden, die mit ihren Familien umherziehen und Schulen brauchen, die mit ihnen reisen. Bei vielen Kindern ohne Schulzugang handelt es sich wohl auch um Kinder mit Behinderungen. In vielen Ländern steht das Schulsystem solchen Kindern schlicht nicht offen. Dieses Problem muss angegangen werden.“ Solchen Bevölkerungsteilen Bildungschancen zu eröffnen ist möglich.

61 millionen

Die Zahl der Kinder im Grundschulalter weltweit, die keine Schulbildung erhalten.

EDUCATION FOR ALL

Rose verweist auf erfolgreiche Initiativen von staatlichen Organisationen wie auch Nichtregierungsorganisationen (NGOs). So arbeiten zum Beispiel in Ostafrika die NGOs Camfed und BRAC (was bis vor kurzem noch für Bangladesh Rural Advancement Committee stand) zusammen, um Mädchen aus ländlichen Gegenden zur Schule zu schicken und sie dann bei der Gründung ihrer eigenen Unternehmen zu unterstützen. In Bangladesch sorgt die Nonprofit-Organisation Shidhulai Swanirvar Sangstha für eine schwimmende, mit Solarenergie betriebene Schule, um Kinder aus überschwemmungsgefährdeten Gemeinden in Flussnähe zu erreichen. „Aber Initiativen wie diese müssten in einem viel größeren Rahmen stattfinden“, ist Rose überzeugt.

WIE FINANZIEREN?

Als besonders erfolgreich um die Anzahl der Kinder in den Schulen zu erhöhen, hat sich seit 2000 die Abschaffung von Schulgeld und -gebühren erwiesen. „Heute gehen über 55 Millionen mehr Kinder zur Schule – einer der Hauptgründe dafür ist, dass das Schulgeld in vielen Ländern abgeschafft wurde“, sagt David Archer, Leiter der Programmentwicklung bei der internationalen NGO ActionAid, die sich dem Kampf gegen Armut gewidmet hat. „Früher mussten Kinder in 92 Ländern für den Grundschulbesuch Geld bezahlen, aber im vergangenen Jahrzehnt wurden diese Gebühren sukzessive abgeschafft. Seitdem gehen allein in Tansania und Kenia 4 Millionen mehr Kinder zur Schule.“

Doch wenn sich die Schulen nicht mehr aus Schulgeldern finanzieren, wer springt dann in die Bresche? Wie es aussieht, nicht die Spender internationaler Hilfsorganisationen. Rose stellte fest, dass die Stagnation mit Budgetsperren oder Einschnitten in den Bildungsfonds der internationalen Entwicklungshilfe einher ging. „Dies hat massive Auswirkungen auf einige ärmere Länder, deren Regierungen zum Großteil das Bildungssystem finanzieren, aber auf internationale Entwicklungshilfe angewiesen sind“, so Rose. „Dort, wo Schulgelder abgeschafft wurden, ist der Finanzierungsbedarf noch größer.“

Zudem, sagt Archer, brauche man mehr finanzielle Mittel, um sicherzustellen, dass allgemein zugängliche Bildung nicht nur vorhanden, sondern auch von hoher Qualität sei. „Millionen mehr Kinder in den Schulen bedeuten natürlich auch, dass man mehr qualifizierte Lehrer einstellen muss. Andernfalls werden die Lernergebnisse schlechter“, sagt er. „250 Millionen Kinder, die heute die Schule besuchen, lernen nicht, weil die Klassen zu groß sind oder unterqualifizierte Lehrer unter unmöglichen Bedingungen arbeiten müssen.“

VORKÄMPFER AUS DER WIRTSCHAFT

Der EFA Weltbildungsbericht spricht dem privaten Sektor wichtige Bedeutung bei der Unterstützung der Regierungen zu, wenn es um die Finanzierung von Bildung geht. „Wenn die Wirtschaft die Finanzierung der Bildung stärker unterstützen würde, könnte dies die Entwicklung entscheidend voranbringen“, so Rose. „Im Gesundheitsweisen zum Beispiel hat Bill Gates – Gründer von Microsoft und Mitbegründer der Bill and Melinda Gates Foundation – durchgreifende Wirkung erzielt. Im Bildungsbereich fehlt uns leider ein Bill Gates, deshalb müssen wir erreichen, dass sich auch der private Sektor für unsere Ziele einsetzt.“

Der private Sektor sei eine Hilfe, aber das allein reiche nicht, so Rose weiter: „Einige Unternehmen aus der Wirtschaft beteiligen sich bereits an der Finanzierung, sei es über eine Stiftung wie die MasterCard Foundation oder durch IT-Support wie von Intel und Cisco. Insgesamt macht das jedoch nur einen kleinen Teil dessen aus, was in den Entwicklungsländern in die Bildung gesteckt wird, nämlich nur ungefähr 5% aller Spendengelder.“

Wie Gates tendieren private Spender dazu, Gesundheit der Bildung vorzuziehen, dabei sind diese beiden Problemstellungen eng miteinander verknüpft. „Wenn alle Kinder zur Schule gehen und lernen, sind die daraus resultierenden Verbesserungen überwältigend, und zwar in Bezug auf das Gesundheitsniveau dieser und künftiger Generationen, die Selbstbestimmungsrechte der Frauen, verbesserte Produktivität, geringere HIV-Infektionsraten, die aktive Mitwirkung der Bürger und die Transparenz des demokratischen Systems“, sagt Archer.

WIEDER AN FAHRT GEWINNEN

Ob das Ziel der universellen Grundschulbildung erreicht werden kann, diese Frage ist noch offen. Mittlerweile werden neue Schritte unternommen, um die Entwicklung wieder in Fahrt zu bringen. So startete UNO- Generalsekretär Ban Ki-Moon vor kurzem die Initiative Education First, mit der Nationen, Privatunternehmen und Organisationen weltweit zusammengebracht und für eine letzte „große Anstrengung“ in Richtung 2015 und darüber hinaus motiviert werden sollen. Die Initiative will über die nächsten fünf Jahre jedes Kind auf eine Schule bringen. So soll zum einen gewährleistet sein, dass hochwertige, relevante und effektive Bildung gesellschaftlich, politisch und entwicklungs- organisatorisch weltweit die höchste Priorität genießt, und andererseits sollen durch eine globale nachhaltige Interessenvertretung finanzielle Mittel für Bildung bereitgestellt werden.

Der nächste jährliche EFA Weltbildungsbericht, der Ende 2013 herauskommen soll, wird sich mit den zurückliegenden Entwicklungen beschäftigen, insbesondere mit Blick auf die schwächsten Bevölkerungsgruppen, um dann einen realistischen Termin für das Erreichen der Milleniums-Bildungsziele zu nennen. „Wir müssen anfangen, für die Zeit nach 2015 zu planen. Das sollte jedoch nicht bedeuten, dass wir nun den Fuß vom Gas nehmen“, so Rose. „Wir brauchen Menschen, die vortreten und sich für die Bildung stark machen.“

EDUCATION FOR ALL

„Education for All“ ist eine weltweite Bewegung, die qualitativ hochwertige Bildung für alle Kinder, Jugendliche und Erwachsene erreichen will. Sie wurde im Jahr 1990 auf der Weltkonferenz „Education for All“ von 155 Ländern und internationalen Organisationen verabschiedet. Um diese Verpflichtungen bis 2015 zu erfüllen, hat das Weltbildungsforum im Jahr 2000 sechs Bildungsziele benannt. Die UNESCO steht derzeit an der Spitze der weltweiten Anstrengungen, diese Ziele zu erreichen.

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von Jacqui Griffiths