COMPASS MAGAZINE #10
COMPASS MAGAZINE #10

UNTERRICHT FÜR LEHRER Schulen statten ihre Schüler mit Technologie ausdoch die Ausbildung der Lehrer hinkt hinterher

Schulsysteme von Australien bis Uruguay investieren viel, um ihren Schülern neue Technologie zur Verfügung stellen zu können. Doch solche Programme übersehen häufig einen entscheidenden Punkt: Die Ausbildung der Lehrer, um diese Technologien einsetzen und in ihre Stunden integrieren zu können.

Obwohl Schulen weltweit Millionen Dollar in Klassen­ zimmer­Technologie stecken, fällt Beobachtern des Bildungswesens auf, dass sie häufig eine grundlegende Voraussetzung vergessen: den Lehrern beizubringen, wie sie die Technologie nutzen und in ihren Unterricht integrieren.

„Erst wenn es in der Schule ist, fragt das Kollegium: ‚Was machen wir jetzt mit den ganzen neuen Sachen?‘“ erklärt Andy Dickenson, früher Lehrer und jetzt Creative Director bei LearnNewStuff, einem britischen Beratungsunternehmen für das Bildungswesen, das unter anderem die IT­Lehrpläne für Großbritannien, Saudi Arabien, Südafrika und Spanien geschrieben hat. „Wenn neue Technologie ins Klassenzimmer kommt und von den Lehrern erwartet wird, dass sie sich – ohne Unterstützung – darauf einrichten, wird das nicht passieren.“

Bob Tate, Senior Policy Analyst für das Education Policy and Practice Department bei der National Education Association, dem größten US­amerikanischen Lehrerverband, sieht das genauso: „Zu häufig bekommt ein gutes Konzept zur Weiterbildung der Pädagogen, die die neuen Technologien einsetzen sollen, weniger Aufmerksamkeit als der Kauf. Oder aber es kommt erst im Nachhinein ins Spiel.“

DAS PARADOXON TECHNOLOGIE- EINSATZ

Trotz der allgemeinen Eile, Schüler mit Technologie auszustatten, zeigt eine Reihe von Untersuchungen, dass relativ wenig Lehrer sie für ihren täglichen Unterricht nutzen.

Eine 2013 durchgeführte Umfrage von Harris Interactive, einem Marktforschungs­ unternehmen aus Rochester, New York, ergab, dass 86% der befragten US­amerikanischen Lehrer es für „wichtig“ oder „absolut unerlässlich“ hielten, Technologie einzusetzen, aber nur 19% von ihnen themenspezifische Content Tools und nur 14% digitale Lernstoffe nutzten. Weniger als 10% arbeiteten mit Bring­your­own­device­ Programmen (BYOD, die Bezeichnung dafür, private mobile Endgeräte in ein Netzwerk zu integrieren).

Die Ergebnisse in Europa, Afrika und Asien sehen ähnlich aus.

Die Studie „2013 Survey of Schools: IT in Education“ der Europäischen Union ergab, dass rund die Hälfte der europäischen Schüler von Lehrern unterrichtet werden, die dem Einsatz von IT im Klassenzimmer positiv gegenüberstehen. Dennoch ist der Prozentsatz der Lehrer, die in mehr als 25% der Stunden mit IT arbeiten, seit 2006 nicht gestiegen.

„Die meisten Lehrer in Afrika fühlen sich noch immer nicht fit genug, um Technologie im Unterricht und Klassenzimmer einzusetzen“, erklärt Niall Winters, der in seiner Rolle als Deputy Head des Department of Culture, Communication and Media an der University of London Studien im subsaharischen Afrika durchgeführt hat.

„SCHULEN MÜSSEN BEGREIFEN, DASS FÜR DIE RICHTIGE AUSBILDUNG EIN BUDGET EINGERICHTET WERDEN MUSS.”

ANDY DICKENSON FRÜHERER LEHRER UND CREATIVE DIRECTOR, LEARNNEWSTUFF

Das gilt auch für Asien. „Lehrer, die ihre pädagogische Tätigkeit mit Technologie verändern, sind noch immer die Ausnahme von der Regel“, erklärt Jonghwi Park, Programmspezialist für Informations­ und Kommunikationstechnologie (ICT) im Bildungswesen bei der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) in Bangkok.

Um die Lücke zwischen Theorie und Praxis zu schließen, sprechen sich Bildungsexperten für mehr Schulungen von Lehrern aus. „Um eine Technologie, die alle Komponenten des Lernprozesses – also Inhalte, Vermittlung und Beurteilung – berücksichtigt, wirklich einzubinden, muss die Weiterbildung

AUSBILDUNG DER AUSBILDER

Eine 2013 durchgeführte Befragung von 2.462 Lehrern in den USA durch das Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center ergab, dass 85% der befragten Lehrer nach neuen Wegen suchen mussten, um digitale Tools wirkungsvoll in ihren Unterricht zu integrieren. Drei von vier Lehrern gaben an, dass das Internet und andere digitale Tools ihre Zeit in Anspruch nehmen würden und sie jetzt mehr Inhalte kennen und Fähigkeiten besitzen müssten.

„Schulen müssen begreifen, dass für die richtige Ausbildung ein Budget eingerichtet werden muss“, so Dickenson. „Ein paar einmalige Sitzungen reichen nicht – eine kontinuierliche, progressive und professionelle Weiterbildung ist wichtig. Lehrende Universitäten müssen geeignete Lerninhalte erstellen und über eine passende, aktuelle Ausstattung verfügen. Wenn sie darüber hinaus themenbezogene Fachgebiete anbieten würden, wären die neuen Lehrer bestens vorbereitet.“

The EU-commissioned study found that only 25%-30% of students in Europe are taught by teachers for whom IT training is compulsory. Yet around 70% of students at all grades are taught by teachers who have engaged in personal learning about IT in their own time.

30%

Nur 25% bis 30% der Schüler in Europa werden von Lehrern unterrichtet, für die eine IT-Schulung obligatorisch ist.

EU-STUDIE: DIE IT IM BILDUNGSWESEN

Eine von der EU beauftragte Studie fand heraus, dass nur 25% bis 30% der Schüler in Europa von Lehrern unterrichtet werden, für die eine IT­Schulung obligatorisch ist. Dennoch werden 70% der Schüler aller Klassen von Lehrern unterrichtet, die sich persönlich darum gekümmert haben, in ihrer Freizeit etwas über IT zu lernen.

Die EU­Studie weist darauf hin, dass vermehrte Weiterbildungsmöglich­ keiten für Lehrer helfen werden, den Einsatz von IT beim Unterrichten und Lernen zu fördern, indem souveräne und positiv eingestellte Lehrer ausgebildet werden. Die Studie rät weiterhin allen Ländern dazu, darüber nachzudenken, IT zu einer obligatorischen Komponente von Ausbildungsprogrammen für Lehrer zu machen. Sie sollten versuchen, die Qualität und die Konsistenz von IT­Schulungen in den Einrichtungen zu verbessern.

Tate sieht das genauso: „Wir brauchen intelligente Investitionen in Technologie und ein solides, stützendes Umfeld in der Schule, um Lehrer darin auszubilden, wie sie Technologie effektiv in ihren Unterricht integrieren können.“

ZUSAMMENARBEIT IST WICHTIG

Auch eine berufliche Online­ Zusammenarbeit kann helfen. Laut EU­Bericht nutzt, obwohl Online­ Ressourcen und Netzwerke verbreitet zur Verfügung stehen, nur eine Minderheit der Lehrer ihre Vorteile. Daher rät der Bericht den Verwaltungen im Bildungswesen, Online­Plattformen und die Möglichkeiten, die sie leisten können, weiterhin zu fördern.

„Eine praxisbezogene Online­ Community würde schon sehr viel ausmachen“, sagt Nicholas Smith, Chief Learning Officer bei HotChalk, einem globalen Bildungsnetzwerk mit Sitz in Campbell, Kalifornien (USA). „Wenn wir es für Lehrer einfacher machen, herauszufinden, was andere Lehrer tun – was funktioniert und was nicht – und das so, dass die besten Ideen ganz oben auf der Liste erscheinen, dann könnte das wirklich helfen, dass Lehrer noch besser und effektiver mit Technologie umgehen können.“

Eric Williams, Schulrat der York County School Division in Yorktown, Virginia (USA), ist der Online­Lernkurve voraus. Williams (@ewilliams65) nutzt Twitter, um Lehrer mit neuen und beeindruckenden Unterrichtsmethoden in seinem Bezirk zu erreichen und um vom Netzwerk der Pädagogen, die ihm folgen, zu lernen.

„Schulleiter und Schulräte müssen mit den Lehrern zusammenarbeiten, um eine gemeinsame Vision von Lehre und Lernen zu entwickeln“, betont er. „Sobald Sie eine gemeinsame Vision haben, werden gute Lehrer den effektiven Einsatz von Technologie gestalten. Dann können Sie bestimmen, wie Sie sie wirkungsvoll und zum richtigen Ausmaß in Ihrer Schule und Ihrem Bezirk einsetzen.“ ◆

“LEHRER, DIE IHRE PÄDAGOGISCHE TÄTIGKEIT MIT TECHNOLOGIE VERÄNDERN, SIND NOCH IMMER DIE AUSNAHME VON DER REGEL.”

JONGHWI PARK PROGRAMMSPEZIALIST FÜR INFORMATIONS- UND KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIE IM BILDUNGSWESEN, UNESCO

IN DER PRAXIS

Die Bucknall Primary School in Lincolnshire (Großbritannien) ist ein Paradebeispiel, wie Technologie den Unterricht positiv unterstützt. 2012 stellte die Schule jedem ihrer Schüler ein iPad zur Verfügung, das heute grundlegender Teil der Unterrichtsstunden und Hausaufgaben ist. „Natürlich gab es am Anfang Probleme“, erzählt Garry Cassey. „Im Lehrerkollegium gab es unterschiedliche Kenntnisstände in Sachen Technologie, also mussten wir sicherstellen, dass wir uns alle abstimmen.“

Um das zu erreichen, so meint er, benötigen Lehrer Training und Unterstützung. „Unser Rektor nahm an mehreren Weiter- bildungskonferenzen von Apple teil und gab dem Kollegium viel Rückhalt und Feedback.“ Die Schule bringt in regelmäßigen Abständen einen externen Berater in die Klassen, der bei der Planung der Stunden hilft und lehrreiche Spiele gestaltet.

Cassey ist der Überzeugung, dass die Technologie seine Schule verändert hat. „Technologie hilft uns dabei, die individuellen Lernbedürfnisse jedes Kindes zu erfüllen. Sie hilft uns dabei, besser zu beurteilen und – was vielleicht noch wichtiger ist – sie hilft den Kindern, Spaß am Lernen zu haben.“

von Lindsay James Zurück zum Seitenbeginn
von Lindsay James

Scannen Sie diesen Code, um sich anzuschauen, wie Lehrer lernen, Technologie ins Klassenzimmer zu bringen: http://www.youtube.com/watch?v=gwEBWkA1TDA