COMPASS MAGAZINE #10
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DAS ENDE DER DIGITALEN KLUFT Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn machen Internet überall erschwinglich

Das Fehlen eines bezahlbaren, leicht verfügbaren Internetzugangs in abgelegenen und einkommensschwachen Regionen der Welt gilt als ein Faktor, der die Wachstumschancen von Entwicklungsländern beschränkt. Dies möchten Start-ups und führende Online-Unternehmen mit verschiedensten Technologien, von Satelliten in niedriger Umlaufbahn bis zu Ballons, ändern.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Weltbank verfügen nur 19,2% der Menschen in Afrika südlich der Sahara und 16,6% der Menschen in Südasien über Internetzugang, verglichen mit fast 80% in Europa. Diese dramatische Schere wird oft als „Digitale Kluft“ bezeichnet, die Entwicklungsländer in ihren Wachstumschancen und ihrer sozialen Mobilität benachteiligt.

Dank des technologischen Fortschritts und einiger risikofreudiger Unternehmer wetteifert eine Reihe von Firmen darum, moderne Satellitensysteme auf den Weg zu bringen, mit denen Breitband-Internet – sogar Multichannel- Video-Streaming – in Gebiete gebracht werden soll, in denen selbst eine funktionierende Stromversorgung und Festnetztelefone immer noch nicht selbstverständlich sind.

Eines dieser Unternehmen ist OneWeb von der britischen Kanalinsel Jersey. Gegründet hat das Unternehmen Greg Wyler, amerikanischer Unternehmer und früherer Google-Manager. Laut Matt O‘Connell, dem CEO von OneWeb, konnte das Unternehmen bereits 500 Mio. US-Dollar von Investoren beschaffen, dazu zählen unter anderem die Virgin Group von Richard Branson, der Chiphersteller Qualcomm, der Airbus-Konzern, die Satellitenprovider Hughes Network Systems und Intelsat, Coca-Cola, der Mobilfunkanbieter Bharti Enterprises aus Indien und Totalplay, ein Telekommunikationsunternehmen der mexikanischen Grupo Salinas.

OneWeb plant, die Erde mit einem Netz aus 648 Kleinsatelliten zu umgeben, deren Signale von einfachen Terminals überall auf der Welt empfangen werden können. Für die Satelliten wurden bereits Funkfrequenzen von der britischen Regierung erworben. Der Start der Satelliten ist für 2018 oder 2019 geplant.

„UNS GEHT ES UM MENSCHEN IN WELTREGIONEN, DIE SCHLECHT VERSORGT SIND.“

MATT O’CONNELL ONEWEB CEO, ÜBER DIE UNTERNEHMENSPLÄNE IM HINBLICK AUF DEN INTERNETZUGANG

Anders als bei herkömmlichen Satelliten, die die Erde in einer Entfernung von 35.786 km umkreisen und immer an der gleichen Stelle über der Erde bleiben (in einem sogenannten geostationären Orbit), fliegen diese 150 kg schweren Satelliten lediglich in einer Höhe von etwa 885 km. Sie werden sich auf konstanten Umlaufbahnen bewegen und so Reaktionszeiten und Kosten senken.

„Über Satelliten zu verfügen, die für eine globale anstatt für eine teilweise Abdeckung sorgen, ist eine spannende Sache“, erklärt O‘Connell und fügt hinzu, dass die Prototypen der Kleinsatelliten derzeit von Airbus Defence and Space im französischen Toulouse gebaut werden. „Da sie sich in einer niedrigen Umlaufbahn bewegen, ermöglichen sie eine m Vergleich zu heute schnellere Reaktionszeit.“

Die anfänglichen Vertriebsaktivitäten werden sich auf Kleinunternehmen, wie etwa Getränkestände in Afrika, konzentrieren, so O‘Connell. Durch die Installation eines kleinen Terminals kann das Geschäft einen WLAN-Zugang anbieten und so Kunden anziehen. Sobald die Satelliten voll einsatzfähig sind, werden Kunden überall auf der Welt einen kostengünstigen Zugang zum Internet haben. „Uns geht es nicht um Märkte in urbanen Gegenden, sondern um Menschen in Welt— regionen, die schlecht versorgt sind“, sagt O‘Connell.

INTERNET FÜR ALLE, ABER FÜR ALLE GLEICH?

Ein weiterer Akteur in diesem Rennen ist CMMB Vision aus Hongkong, das seit der Olympiade im Jahr 2008 in Peking im Geschäft ist. Wie Charles Wong, Vorsitzender und CEO, erklärt, hat CMMB mit dem US-Luftfahrtunternehmen Boeing den Start eines modernen Silkwave-1- Satelliten für Ende 2017 vertraglich vereinbart. Silkwave-1, von New York Broadband LLC (NYBB) finanziert und von CMMB betrieben, wird China, Indien und die südostasiatischen Länder, auch bekannt als „One Belt, One Road“, abdecken.
 
Hui Liu, leitender technischer Direktor, CMMB Vision, erklärt, dass der Satellit Audio-, Video- und Internetsignale direkt an Mobiltelefone und Terminals in Autos zu geringen oder gar keinen Kosten senden wird. Dahinter steckt eine Technologie, die den Satellitenradiodiensten in den USA und Europa ähnelt. „Der Unterschied ist, dass dieser Satellit leistungsfähiger und die Technologie vielseitiger ist. So können nicht nur hunderte Audiokanäle, sondern auch Videostreams und Daten, wie etwa Tageszeitungen, übertragen werden“, so Liu.

Da die Firma direkt an Verbraucher sendet, hat CMMB Vision die behördliche Zulassung bei der staatlichen chinesischen Verwaltung für Radio, Film & Fernsehen (SARFT) sowie beim Ministerium für Industrie und Informationstechnologie in Peking beantragt. Laut Liu wird CMMB Vision mit Mobilfunkunternehmen in den einzelnen Ländern zusammenarbeiten, um eine direkte Verbindung zum Verbraucher herzustellen.

Auch einige Großunternehmen sind mit dabei. Facebooks CEO Mark Zuckerberg hat im Oktober 2015 angekündigt, mit dem Satellitenbetreiber Eutelsat zusammenzuarbeiten, um den geostationären Satelliten AMOS-6 ins All zu bringen. Dieser soll im Rahmen einer von Zuckerberg als Internet.org bezeichneten Initiative das Internet in weite Teile des östlichen, westlichen und südlichen Afrikas bringen.

Das Programm nutzt bereits terrestrische Mobilfunktechnologie, um in 37 Ländern ein einfaches Internetpaket mit dem Namen „Free Basics“ anzubieten. Dieser Dienst wurde unter anderem in Indien kritisiert, da die Benutzer beim Zugang auf bestimmte Internetpakete beschränkt sind. Kritiker sagen, solche Beschränkungen verletzen das Prinzip der Netzneutralität, gemäß dem alle Internetinhalte gleich behandelt werden müssen. Während Facebook sagt, an alternativen Angeboten zu arbeiten, hat die indische Regulierungsbehörde für Telekommunikation den Facebook-Dienst im Februar 2016 für Mobiltelefonnutzer im ganzen Land verboten.

Auch Google möchte das Internet denjenigen bereitstellen, die nur über wenige Mittel verfügen. Einer der Pläne von Google sieht vor, Internetsignale über riesige Ballons zu übertragen. Selbst die Konstrukteure hielten das für eine verrückte, wenn auch machbare Idee, und tauften es daher „Project Loon“ (ein Wortspiel aus „loony“ = bekloppt und „balloon“ = Ballon). Seit Februar 2016 werden die Ballons in der Stratosphäre über Sri Lanka eingesetzt und in Neuseeland, Kalifornien und dem Nordosten von Brasilien getestet. Sie sollen das Internet in Kooperation mit bestehenden Netzbetreibern über Standard-Funktechnik auf Smartphones bringen.

16.6%

Laut Weltbank verfügen nur 19,2% der Menschen in Afrika südlich der Sahara und 16,6% der Menschen in Südasien über Zugang zum Internet, verglichen mit fast 80% in Europa.

Eine weniger verrückte technische Möglichkeit könnte Skybox Imaging sein, 2014 durch Google für den Preis von 500 Mio. US-Dollar übernommen. Skybox, das mittlerweile Terra Bella heißt, hat kleine, würfelförmige Satelliten für erdnahe Umlaufbahnen entwickelt, mit denen Bilder der Erdoberfläche aufgenommen werden sollen – und das im Vergleich zu bisherigen Satelliten besser und günstiger. Google sagte bei der Ankündigung der Übernahme von Skybox, dass mit den neuen Satelliten auch Entwicklungsländer Zugang zum Internet erhalten sollten. Wie dies geschehen soll, wurde allerdings nicht gesagt.

Was wird dieser Internetzugang in Ländern bringen, in denen das Internet bisher nicht oder nur schwer verfügbar war? Eun-A Park, Dozentin für Kommunikation an der University of New Haven in Connecticut (USA) sagt, dass „Regierungen transparenter werden müssen, sobald ihre Bürger einen besseren Zugang zu Informationen erlangen. Zumindest können sie nicht einfach weiter damit fortfahren, ihre Bürger zu Themen falsch zu informieren, die sich leicht mithilfe externer Quellen nachprüfen lassen.“

Park fügt jedoch hinzu, dass durch den Zugang zum Internet allein Informationen noch lange nicht frei fließen. Als Beispiel nennt sie China, wo das Internet weiterhin streng reguliert wird und die Bürger bestimmte Seiten, wie etwa Facebook und Twitter, nicht nutzen dürfen. Eine weitere Schattenseite laut Park ist, dass Regierungen den Spieß auch umdrehen und die Aktivitäten ihrer Bürger in sozialen Medien und Chatgruppen überwachen können.

ALLGEGENWÄRTIGE INFORMATIONEN

Der visionäre Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke schlug 1945 vor, Satelliten für die Radio- und Fernsehübertragung zu verwenden. Mittlerweile ist das Realität. „Wir können jetzt Instrumente aller Art in die Ionosphäre schicken“, schrieb er. „Indem wir ihre Messdaten zurück zu Bodenstationen senden, erhalten wir Informationen, die anders nicht verfügbar gewesen wären.“ Damals konnte er nicht ahnen, dass Satelliten einmal Milliarden Menschen in Entwicklungsländern helfen würden, die digitale Kluft zu überwinden.

von Charles Wallace Zurück zum Seitenbeginn
von Charles Wallace

Take a closer look at Google’s Project Loon :
http://bit.ly/ProjectLoonVideo