COMPASS MAGAZINE #10
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F&E ZU VERGEBEN Unternehmen kaufen sich zunehmend die Expertise staatlicher Organisationen ein

Die Entwicklung neuer Produkte findet in vielen Unternehmen intern statt. Aber einige haben ihr Vorgehen geändert und nutzen die Technologie, den Ideenreichtum und das Know-how der Mitarbeiter in staatlichen Forschungs- und Entwicklungs­einrichtungen.

Als sich das australische Metall­guss­unternehmen AW Bell entschloss,in den schnell wachsenden nord­­-amerikanischen Markt einzusteigen, stand es vor einem Problem. Um die Luftfahrt- und Verteidigungssparte für sich zu erschließen, musste es sein alther­gebrachtes Präzisionsgussverfahren (bei dem Legierungen in eine Wachsform gegossen werden) verbessern, aber dafür fehlte das technische Fachwissen und die entsprechende Ausrüstung. Anstatt viel Geld und Zeit in die Entwicklung eigener Anlagen und die Beschäftigung zusätzlicher Mitarbeiter zu investieren, entschied sich AW Bell, die Fähigkeiten einer Forschungs- und Entwicklungseinrichtung (F&E) zu nutzen, die von der australischen Regierung finanziert wird.

„AW Bell erkannte, dass es hochkarätigen Sachverstand und moderne Gerätschaften benötigte und holte sich über die Initiative Enterprise Connect Researchers in Business der australischen Regierung das For­schungs­­institut Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) an Bord“, sagt Damien Thomas, Gruppen­leiter für wirtschaftliche Entwicklung in den Bereichen Fertigung, Materialien und Mineralien bei CSIRO, der staatlichen Behörde für wissenschaftliche und industrielle Forschung in Australien. „Gemeinsam haben wir eine neue Technik für die Metallverarbeitung erschaffen.“

Nach dem Zusammenschluss mit CSIRO entwickelte AW Bell sein Gießverfahren Aluminium Billet Equivalent (ABE), bei dem durch rasches und kontrolliertes Erstarren Metallteile geformt werden. „Mit dem ABE-Verfahren können wir Alugussteile herstellen, die deutlich bessere mechanische Eigenschaften aufweisen als solche, die durch her­kömmliche Gussverfahren gefertigt werden“, sagt Andrew Meek, CEO von AW Bell, das nach diesem Projekt von zwei großen amerikanischen Luftfahrt­unternehmen zum bevorzugten Lieferanten ernannt wurde. „Dadurch können unsere Kunden leichtere Bauteile konstruieren. Die Kombination aus unserer Erfahrung in der Fertigung, den Fachkenntnissen der Wissenschaftler von CSIRO und der Tatsache, dass wir die geistigen Eigentumsrechte an allen während der Forschung gewonnenen Erkenntnisse besitzen, haben den Erfolg dieses Projekts möglich gemacht.“

„VIELE FIRMEN VERFÜGEN NICHT ÜBER DIE WISSENSCHAFTLICHEN MÖGLICHKEITEN, UM INNOVATIONEN ZU ERSCHAFFEN."

ROGER WERNE STELLVERTRETENDER LEITER FÜR UNTERNEHMENSPARTNERSCHAFTEN AM LAWRENCE LIVERMORE NATIONAL LABORATORY

Laut Thomas ist AW Bell nur eines von 1.600 australischen Unternehmen und 375 multinationalen Konzernen, die sich an CSIRO wenden, um die zahlreichen Vorteile für sich zu nutzen, die eine Er­weiterung der eigenen F&E-Abteilung oder gar der Verzicht darauf mit sich bringt.
 
„Staatliche Forschungseinrichtungen wie CSIRO sind in der derzeitigen Ära der ‘offenen Innovationen’ gut positioniert“, sagt Thomas. „Die Unternehmen erkennen langsam, dass sie nicht unbedingt alle guten Ideen in ihren eigenen Forschungs­-laboren selbst entwickeln können, und arbeiten vermehrt mit Organisationen wie CSIRO, ihren Kunden und Zulieferern zusammen, um deren Innovationskraft sowie deren wissenschaftliche und techno­logische Fähigkeiten abzuschöpfen.“

EINSATZBEREITE FACHLEUTE

CSIRO ist eine von vielen staatlichen Institutionen weltweit, die einen Auf­wärtstrend bei den Outsourcing-Aufträgen von Privatfirmen verzeichnen, die sich von modernen F&E-Einrichtungen unterstützen lassen möchten, um ihre Marktposition zu verbessern.

„Die Unternehmen merken deutlicher als je zuvor, dass ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt zum Großteil davon abhängt, wie innovations- und ent­wicklungsstark sie bei neuen Technologien sind“, sagt Roger Werne, stellvertretender Leiter für Unternehmenspartnerschaften am Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL), einem Sicherheitsforschungs­unternehmen der US-amerikanischen Regierung in Livermore, Kalifornien. „Viele Firmen verfügen nicht über die erforderlichen wissenschaftlichen Möglichkeiten, um solche Innovationen zu schaffen, und nutzen darum die in staatlichen Laboratorien verfügbaren Technologien, um mehr Produkte zu entwickeln und ihre Wettbewerbs­position auf dem Markt zu stärken.“

Die Compact Particle Acceleration Corporation (CPAC) – ebenfalls in Livermore ansässig – hat kürzlich einen vier Meter großen linearen Teilchenbeschleuniger gebaut und dafür Elemente der bereits vorhandenen Nuklearwaffen- und Lasertechnologie des LLNL angepasst. Durch die Kooperation mit dem Forscherteam des LLNL konnte CPAC die in der Protonentherapie ver­wendete Technologie verfeinern, die für die Behandlung von Krebspatienten eingesetzt wird.

1.975

CSIRO, die staatliche Forschungseinrichtung Australiens, hat für 1.975 Unternehmen F&E-Projekte bearbeitet, darunter 1.600 australische und 375 multinationale Firmen.

„Dank unserer Forschungs- und Entwick-l­ungsvereinbarung konnten wir bei bestimmten Aufgaben, die hochspezialisiertes Know-how erforderten, auf das Team von LLNL und dessen Ausstattung zurückgreifen“, sagt Anthony Zografos, Geschäftsführer von CPAC. „Das LLNL hat viele der Kern­-technologien erfunden oder zumindest miterfunden. Wir mussten nur über die Straße gehen und hatten direkten Zugriff auf Ressourcen und Einrichtungen, die für unsere Arbeitunverzichtbar waren.“

Der Teilchenbeschleuniger wird voraus­sichtlich ab 2014 in vielen US-amerikanischen Krankenhäusern zum Einsatz kommen. Da die Ärzte mit diesem Gerät solide Tumore mit minimalen Auswirkungen auf das umgebende Gewebe behandeln können, ist davon auszugehen, dass diese Behandlungsmethode die derzeit durch Bestrahlungen verursachten Schäden verringern wird.

„Unsere Partnerschaft mit dem LLNL hat uns weltweite Anerkennung und Glaubwürdigkeit verliehen und es uns zugleich ermöglicht, einige Entwick­-l­ungsschritte abzuschließen, die ander­n­-falls zu teuer gewesen wären“, fügt Zografos hinzu. „In diesem Projekt wurden unsere Ressourcen äußerst effizient und effektiv genutzt und eine möglicherweise lebensrettende Technologie konnte realisiert werden. Für uns wäre es unmöglich gewesen, dieses Projekt auf anderem Wege zum Abschluss zu bringen.“ Die Zusammen­arbeit von CPAC mit dem LLNL bringt auch der Bevölkerung Vorteile, die mit ihren Steuergeldern die Forschung­stätigkeit von LLNL unterstützen.

„Die US-amerikanische Regierung hat beträchtliche Summen in die Entwicklung dieser Technologie für Verteidigungs­zwecke investiert“, erläutert Zografos. „Doch wie die Kooperation zwischen CPAC und dem LLNL zeigt, kann sie auch auf anderen Gebieten eingesetzt werden. Die Technologie ermöglicht nicht nur den Steuerzahlern den Zugang zu einer lebensrettenden Krebstherapie, sondern sie wird voraussichtlich auch viele hochbezahlte Arbeitsstellen schaffen. Wir werden wohl auch zukünftig mit dem LLNL zusammenarbeiten und diese Technologie über die kommenden Jahre weiterentwickeln, um ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern und auch die Größe und die Kosten des Teilchenbeschleunigers zu reduzieren.”

KALKULIERBARE KOSTEN

Die Übertragung von F&E auf eine staat­lich geförderte und gut ausgestattete Einrichtung mit großem Budget anstelle einer Privatfirma mit begrenzten finanziellen Mitteln verringert für Unternehmen eben­falls den Investitionsbedarf in ihre eigenen Labore. Viele Firmen, wie das Metallbearbeitungsunternehmen Metal Improvement Company (MIC) mit Sitz in den USA, konnten so das Risiko unvorhersehbarer Kosten reduzieren.

„Staatliche Labore, wie das LLNL, haben über die Jahre umfangreiches und umgehend verfügbares Fachwissen angesammelt und modernste Geräte angeschafft, was für ein Wirtschaftsunternehmen ein großer Gewinn ist“, sagt Lloyd Hackel, der an dem Projekt von MIC mitgearbeitet hat, bei dem die vom LLNL entwickelte Technologie des Hochleistungs-Laser-Peenings zum Vorspannen von Metall eingesetzt wurde. Seitdem ist Hackel als Vizepräsident für moderne Technologien beim Tochterunternehmen von MIC, Curtiss Wright Surface Technologies, tätig.

„Im Falle des Festkörperlasers von LLNL hatte die US-Regierung bereits große Summen für die Verbesserung der Laser­technologie zu Zwecken der nationalen Sicherheit ausgegeben. Die Entwicklung war folglich schon finanziert worden und stand für kommerzielle Anwendungen bereit“, sagt Hackel. „Für MIC wäre es extrem teuer gewesen und es hätte viele Jahre gedauert, bis man über dieselbe Technologie und Fachkenntnis verfügt hätte.“

Durch den Einsatz einer so innovativen Technologie, durch die die Rissbildung in einzelnen Metallbauteilen verhindert wird, bescherte MIC auch seinen Kunden viele Vorteile. „Mit dieser Laser-Peening-Methode konnten wir die Haltbarkeit der Triebwerksschaufeln der Boeing 777 und des Airbus A340 erhöhen. Die Boeing 747-8, die nun auch in einer größeren Höhe als je zuvor fliegen kann, ist jetzt das kraftstoffeffizienteste Passagier­flugzeug weltweit“, sagt Hackel.

HOCHKARÄTIGES FACHWISSEN

Schon vor über 70 Jahren wurde in Finnland das staatliche technische Forschungs­zentrum VTT gegründet. Es ist eine staatlich geförderte Forschungs­einrichtung, die mittels virtueller Simulationstechnologie – und dem Expertenwissen seiner Mitarbeiter – Unternehmen dabei unterstützt, ihre Produktionsabläufe zu verbessern, Kosten zu reduzieren und wettbewerbsfähig zu bleiben.

„INDEM UNTERNEHMEN MIT STAATLICH GEFÖRDERTEN INSTITUTEN ZUSAMMEN ARBEITEN, KÖNNEN SIE WISSEN SICHERN, PARTNERSCHAFTEN BILDEN [UND] WETTBERBSVORTEILE ERZIELEN.”

DAMIEN THOMAS GRUPPENLEITER FÜR WIRTSCHAFTLICHE ENTWICLUNG IN DEN BEREICHEN FERTIGUNG, MATERIALIEN UND MINERALIEN BEI CSIRO

„Unternehmen müssen nicht mehr nur in die richtige Hard- und Software investieren“, sagt Kaj Helin, Teamleiter und leitender Wissenschaftler der Abtei­lung für Mensch-Maschine-Interaktion und Virtual Engineering bei VTT. „Sie müssen auch in Menschen investieren, die über entsprechendes Wissen verfügen, um die Technologie nutzen und Forschungs- und Entwicklungsprozesse optimieren zu können, damit bestmögliche Ergebnisse erzielt werden – und hier kommen staatliche Organisationen wie VTT ins Spiel.“

Indem Firmen das Wissen der Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen – oft führende Experten auf ihrem Gebiet – für sich nutzen, können sie Innovationen entwickeln sowie ihren eigenen Wissen­stand und technologische Grundlagen ausbauen, ohne bereits vorhandene Technologien neu erfinden oder ein eigenes Forschungslabor einrichten und personell besetzen zu müssen.

„Die jahrelange Erfahrung von CSIRO und das klug genutzte geistige Eigentum versetzen Firmen in die Lage, die Marktein­führungszeiten neuer Produkte zu verkürzen, indem sie vorhandene Technologien schneller weiterentwickeln, anstatt sie neu zu erfinden, was Jahre dauern könnte“, sagt Thomas von CSIRO.

Als beispielsweise GE International im Jahr 2010 mit dem australischen Forschungslabor einen fünfjährigen Kooperationsvertrag über 20 Millionen australische Dollar (18,9 Mio. US-Dollar) schloss, konnte es auf das von CSIRO patentierte geistige Eigentum zugreifen und modernste Technik für das Gesund­heitswesen, die Luftfahrt-und Energie­branche erschaffen.

„GE möchte Produkte für die weltweit größten Probleme im Gesundheits-, Umwelt- und Energiesektor entwickeln, die Australien und dem Rest der Welt zugute kommen, und das war nur mit dem Wissen und der Erfahrung von CSIRO möglich“, erläutert Steve Sargent, CEO von GE Australia and New Zealand. „Unsere Strategien ‘healthymagination’ und ‘ecomagination’ bringen den Wandel weltweit voran. Diese Investition hebt die Rolle der australischen Wissenschaft bei der Lösung der größten Heraus­forderungen auf der Erde hervor, weil durch sie eine bezahlbare Gesundheits­fürsorge für alle ermöglicht und die Auswirkungen des Klimawandels durch sauberere Technologien gemildert werden.”

Bei vielen Unternehmen sprechen die Vorteile des Outsourcings für sich. Wie Thomas schlussfolgert: „CSIRO und andere Einrichtungen verfügen über langjährige Fachkompetenz und Know-how. Indem Unternehmen mit staatlich geförderten Instituten zusam­menarbeiten, können sie Wissen sichern, Partnerschaften bilden, Wettbewerbs­vorteile in ihrer Branche erzielen, schneller innovative Produkte auf den Markt bringen und globale Lieferketten für sich erschließen. Wegen all dieser Vorteile ist die Ausgliederung von F&E durchaus sinnvoll.” ◆

von Rebecca Gibson Zurück zum Seitenbeginn