COMPASS MAGAZINE #10
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ARCHÄOLOGIE UNTER WASSER Digitale Technik hilft Tauchern bei der Erkundung eines gesunkenen Schiffs von Ludwig XIV

Digitale Nachbildungen und Simulationen in 3D revolutionieren die Vorbereitung von Meeresarchäologen für Tiefseeeinsätze – und es entstehen beeindruckende Bilder von nie zuvor gesehenen archäologischen Schätzen. Compass sprach mit dem Meeresarchäologen Michel L’Hour und erfuhr, wie diese Technologie bei einem Schiff angewendet wurde, das während der Regentschaft von Ludwig XIV sank.

Vor der Mittelmeerküste Frankreichs befinden sich rund 200.000 archäologische Fundstätten – sie sind ein Fenster zu vergangenen Kulturen und ein Teil der geschätzten 3 Millionen archäologischen Stätten auf dem Meeresgrund, die es weltweit gibt. Das französische Referat für archäologische Unterwasser- und Unterseeforschung DRASSM (Département des recherches archéologiques subaquatiques et sousmarines) und sein Direktor Michel L’Hour sind für die Erforschung und den Schutz der französischen Stätten verantwortlich – und dreidimensionale (3D) Simulations­technologie erhöht die Sicherheit und Produktivität ihrer Arbeit.

„Meeresarchäologen müssen große Herausforderungen meistern, hauptsächlich aufgrund der enormen Tiefe, in der sich viele Fundorte befinden“, sagt L’Hour. „Um an eine Stätte unter Wasser heranzukommen, bedarf es spezieller Geräte und großer Vorsicht und es müssen alle erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden. Wir sind auch dafür verantwortlich, die Wracks und deren Schätze vor skrupellosen Plünderern zu bewahren.“

Ein bedeutendes Wrack ist das der Lune, eines französischen königlichen Kriegsschiffs, das während der Regentschaft von Ludwig XIV im 17. Jahrhundert gesunken ist. Fast 350 Jahre lang lag das Wrack in 90 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund vor der Küste von Toulon, bis es der Titanic-Experte Paul Henry Nargeolet zufällig 1993 entdeckte.

Es dauerte fast 20 Jahre, bis L’Hour genü­gend Geld für eine Lune-Expedition gesammelt und ein modernes Forschungs U-Boot namens André Malraux gebaut hatte. 2012 waren L’Hour und ein Team von Meeresarchäologen endlich bereit, mit Unterstützung von Tauchern der franzö­s­ischen Marine und Ingenieuren, die auf 3D-Technologie spezialisiert waren, das Geheimnis der Lune zu lüften.

Für L’Hour, einen Meeresarchäologen, der auf über 100 Unterwasser-Expeditionen zurückblicken kann, „ist das Wrack ein Unterwassermuseum über die Marine­geschichte des 17. Jahrhunderts. Die Lune ist perfekt erhalten und sieht auf dem Meeresgrund genau so aus wie am 6. November 1664, als sie zu ihrer letzten, fatalen Reise aufbrach.“

„DIESE TECHNOLOGIEN WERDEN DIE ERKUNGUNG DER TIEFSEE REVOLUTIONIEREN UND ARCHÄOLOGEN WIE AUCH DER BREITEN ÖFFENTLICHKEIT EINBLICKE IN VERSUNKENE, ABER UNVERGESSENE KULTUREN GEWÄHREN.”

MICHEL L’HOUR DIREKTOR DES FRANZÖSISCHEN REFERATS FÜR ARCHÄOLOGISCHE UNTERWASSER-UND UNTERSEEFORSCHUNG

EINE KÖNIGLICHE KATASTROPHE

Im 17. Jahrhundert wurden Schiffe im Mittelmeer häufig von Piraten angegriffen. Frankreich entsandte 15 Schiffe und 9.000 Männer im Jahr 1664, um in Algerien gegen die Piraten zu kämpfen. Die Schlacht verlief so heftig, dass vier der Schiffe, darunter die Lune, zur Evakuierung der Truppen abbeordert wurden. Obwohl in das Schiff bereits Wasser eindrang, kam es sicher in Toulon an. Doch die Angst vor der Pest zwang die Lune zurück auf See. Sie sank auf dem Weg zur Quarantäneinsel Porquerolles und riss alle 800 Mann an Bord in den Tod.

Einige Wracks können mit normaler Tauch­ausrüstung erkundet werden, doch diese ist nur für Tiefen bis 50 Meter geeignet. Die Lune liegt fast doppelt so tief. „Wenn man einen Menschen zur Lune schickt, birgt das große Gefahren. Dazu gehören zum einen das Atmen unter hohem Druck, das die Konzentration und Bewegungsfähigkeit beinträchtigen kann, und zum anderen die Risiken der Dekompression“, erläutert L’Hour. „Außerdem trägt die Strömung Sedimente mit sich, die die Sicht behindern. Um die Lune zu erforschen, brauchten wir modernere Gerätschaften, Erkundungstechnik und spezialisierte Taucher.“

PERFEKTER 3D-PLAN

Die André Malraux ist mit neuester Technologie, darunter ein ferngesteuertes Roboterfahrzeug, ausgestattet. L’Hours Archäologen wurden von der französischen Marine mit ihrem Panzertauchanzug, dem Newtsuit, unterstützt. Dieser ist voll beweglich, hält im Inneren den atmosphärischen Druck aufrecht (gleich dem Druck in Meeresspiegelhöhe) und vermeidet die Gefahr der Dekompressions­krankheit. Mit dem Newtsuit und zwei Helfern auf der André Malraux konnten die fünf speziell geschulten Taucher der französischen Marine nacheinander zum Fundort des Schiffs vordringen und einen gut erhaltenen Kessel sowie weitere Artefakte sicher heraufholen.

Die Tauch- und Bergungsvorgänge wurden in einer 3D-Nachbildung der 500 Quadratmeter großen Fundstelle sorgfältig geplant. 3D-Spezialisten erschufen anhand von Bildern und Videos, die ein unbemanntes Unter­wasserfahrzeug aufgenommen hatte, den Fundort der Lune in einem inter­aktiven, virtuellen 3D-Modell. Besondere Beachtung fanden dabei jene Bereiche, die von größtem historischem Interesse waren, darunter das Steuerrad und die Kombüse. „Es war sehr beeindruckend zu sehen, wie diese Technik aus einem Foto, das vor lauter Sedimenten ganz trüb war, ein glasklares Bild erschaffen konnte“, sagt L’Hour.

Das Team simulierte jede Bergungs­aktion und übte an den virtuellen Objekten in der 3D-Umgebung, bevor sie sich den echten Fundstücken näherten. „Die komplexen Arbeit­s­abläufe zunächst simulieren und üben zu können, bevor man einen Menschen auf den Meeresgrund schickt, reduzierte die Risiken für die Taucher und für die Artefakte“, sagt L’Hour. „Es war die perfekte Gelegenheit auszu­probieren, wie diese neuen Technologien in der Meeres­archäologie angewendet werden können.“

L’Hour träumt davon, eines Tages die Unterwasserfundstellen mit einem Roboter zu erkunden, der haptische Fähig­keiten besitzt und „erfühlen“ kann, was er berührt. „Die Fähigkeit, in solchen Tiefen einen Stein von einem Artefakt unterscheiden zu können, kann nur durch den Tastsinn verbessert werden“, sagt er. „Diese Technologien werden die Erkundung der Tiefsee revolutionieren und Archäologen wie auch der breiten Öffentlichkeit Einblicke in versunkene, aber unvergessene Kulturen gewähren. Welch außerordentliches Privileg.“ ◆

http://vimeo.com/68832825

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von Dora Laîné

www.operationlune.com