COMPASS MAGAZINE #10
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DIE RECHTE DER TIERE Die sich wandelnde Wahrnehmung des Tierwohls wirkt sich auf alle Arten von Unternehmen aus

Mahatma Gandhi sagte einmal: Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt. Heute, da immer mehr Verbraucher davon überzeugt sind, dass Tiere Lebewesen mit gesetzlichen Rechten sind, wird Gandhis Standard auch auf Unternehmen angewendet.

Fragen zum Umgang der Menschen mit Tieren sind topaktuell und rufen starke Emotionen hervor. So ging etwa im Jahr 2015 ein weltweiter Auf- schrei durch die Medien und sozialen Netze, als der Löwe Cecil in Simbabwe erschossen wurde. Ebenfalls 2015 warf der von der Tierrechtsorganisation PETA in den USA angestrengte Prozess, in dem einem Schopfmakaken die Urheberrechte an seinen Selfies zuge- sprochen werden sollten, die Frage auf, ob Tiere die gleichen Rechte haben sollten wie Menschen.

„Tieren wird geistig immer mehr zugetraut“, so Grahame Coleman, Professor für Veterinärmedizin und Agrarwissen- schaften an der University of Melbourne in Australien. „Die Arbeiten von Sarah Knight von der University of Portsmouth in Großbritannien haben gezeigt, dass die Meinungen von klinischen Forschern und Tierschutzgruppen zum Einsatz von Tieren zu Forschungszwecken zwar auseinandergehen, beide Gruppen jedoch überzeugt sind, dass Tiere Fähigkeiten haben, die denen des Menschen ähneln. Unsere eigenen Forschungsarbeiten zeigen ein wachsendes Bewusstsein bei Landwirten und der Bevölkerung für das Tierwohl, und Ähnliches gilt in der öffentlichen Meinung auch für Hunde und Katzen.“

WERTVORSTELLUNGEN

In einer durchkommerzialisierten Welt bringen Tiere Menschen dazu, ihre Werte neu zu überdenken, so Sarah Fisher, Tellington-TTouch-Trainerin in Groß- britannien. Bei dieser Trainingsmethode handelt es sich um einen sanften Pflege- und Trainingsansatz für jede Art von Tier, die auch als Selbsthilfe für Menschen dient.

„Wir wollen geschätzt werden, und Tiere dienen hierbei als Barometer, weil ihnen egal ist, wie viel Geld man hat. Ihnen geht es um Ihr emotionales Guthaben“, erklärt Fisher. „Menschen, die über TTouch mit Tieren in Kontakt treten, ändern oft ihre Prioritäten. Gerade in der zurückliegenden Finanzkrise waren unsere Kurse besonders gut besucht. Die Teilnehmer sagten, ‚anstatt ein neues Auto zu kaufen, möchte ich zurück zu dem, was das Leben wirklich lebenswert macht‘.“

GEGENSEITIGER NUTZEN

Da man sie mit menschlichen Werten assoziiert, sind Tiere vermutlich besonders wirkungsvolle Botschafter für Unter- nehmen. So beschäftigt Fairmont Hotels & Resorts in seinen Luxushotels in Kanada beispielsweise „Hundebot- schafter“. Fairmont bietet seinen tierischen Gästen besondere Annehmlichkeiten an, darunter Wasser- und Futternäpfe, Leckerlis, Spielzeuge und Tiersitter.
Da Tiere nachweislich den Stress bei Menschen senken können, halten sie bei einigen Unternehmen auch Einzug in die Büros. Eine Studie der Virginia Commonwealth University in Richmond, USA, hat ergeben, dass Mitarbeiter, die ihre Hunde mit zur Arbeit brachten, weniger Stress hatten, zufriedener mit dem Job waren und ihren Arbeitgeber positiver wahrnahmen.

In der Medizin birgt die Wechselwirkung zwischen Mensch und Tier das Potenzial, bessere Behandlungsmethoden und Geschäftschancen zu erschließen. Die „One Health“-Initiative, bei der Forscher und Ärzte aus den Bereichen Human- und Veterinärmedizin zusammenarbeiten, um Therapien für beide Märkte zu entwickeln, findet in den USA stetigen Zulauf. Aktuell versucht der Humanimal Trust, eine gemeinnützige Organisation in Großbritannien, den „One Medicine“- Ansatz weiter voranzutreiben.

„Neueste Erkenntnisse in der Genomik haben dazu beigetragen, dass wir besser verstehen, wie eng die beiden medizinischen Fachrichtungen miteinander verzahnt sind“, sagt Noel Fitzpatrick, Professor, neuro-orthopädischer Veterinärchirurg und Gründer von Humanimal Trust. „Indem wir mit Partnern aus der Tiermedizin zusammenarbeiten, können medizinische Innovationen schneller und wirtschaftlicher ent- wickelt werden. Man lernt sehr viel mehr von einem Arzt, der echte Patienten mit echten Krankheiten behandelt, als von einem Tiermodellversuch im Labor. Zudem ist der Veterinärmedizinmarkt sehr vielversprechend und sollte daher als weiteres, eigenständiges Markt- segment behandelt werden.“

ETHISCHE WERTE

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier steht zunehmend im Fokus, wenn es um das ethische Verhalten von Unter- nehmen geht. Im Jahr 2015 befragte beispielsweise Mintel, ein Markt- forschungsinstitut mit Niederlassungen in 13 Städten weltweit, 1.500 Verbraucher in Großbritannien. Das Ergebnis: 74% sagten, dass ihnen bei der Beurteilung, ob ein Lebensmittelunternehmen ethisch handelt oder nicht, besonders wichtig ist, ob die Tiere, von denen das Fleisch stammt, gut behandelt werden.

Für Unternehmen, die das Tierwohl nicht ausreichend beachten, kann es teuer werden. Die britische Farm Animal Investment Risk and Return Initiative, die bei Investoren Lobbyarbeit für das Tierwohl in der Intensivtierhaltung betreibt, schildert in ihrem Bericht „Factory Farming: Assessing Investment Risks“ das Beispiel des Schlachtbetriebs Hallmark/ Westland aus den USA. Als im Jahr 2008 Beweise für Tierquälerei und Gesundheits- verstöße ans Licht kamen, wurde Hallmark/ Westland zum größten Fleischrückruf in der US-Geschichte gezwungen. Der Bericht besagt: „Der Rückruf kostete das Unter- nehmen 116 Mio. US-Dollar. Aber das war nur der Anfang. Weitere Kosten und Ent- schädigungszahlungen führten 2012 schließlich zur Insolvenz der Firma.”

„WIR WOLLEN GESCHÄTZT WERDEN, UND TIERE DIENEN HIERBEI ALS BAROMETER, WEIL IHNEN EGAL IST, WIE VIEL GELD MAN HAT. IHNEN GEHT ES UM IHR EMOTIONALES GUTHABEN.“

SARAH FISHER TRAINERIN, TELLINGTON TTOUCH-TRAININGSMETHODE

Unternehmen, denen das Wohl der Tiere wichtig ist, treffen, was die Werte angeht, die bei Verbrauchern hoch im Kurs stehen, ins Schwarze. Burt‘s Bees, ein Hersteller von Körperpflegeprodukten aus Groß- britannien, der belgische Reinigungs- mittelhersteller Ecover und der niederländische Hundefutterhersteller Yarrah Organic Petfood sind nur einige der Unter- nehmen, die dafür bekannt sind, dass für ihre Produkte kein Tier gequält wird.

„Die Welt schaut Unternehmen bei ihrer Arbeit und ihren Entwicklungen auf die Finger“, betont Fitzpatrick. „Die Menschen schätzen Tiere als Lebewesen, die unsere Achtung verdienen. Unternehmen müssen sich dem anpassen und nach hohen ethischen Standards arbeiten.“ ◆

von Jacqui Griffiths Zurück zum Seitenbeginn
von Jacqui Griffiths

So reagierte die Öffentlichkeit, als der Löwe Cecil erschossen wurde

http://bit.ly/CecilTragedy