COMPASS MAGAZINE #10
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DIE WELT ERGRAUT Experten diskutieren die Folgen der alternden Weltbevölkerung: Apokalypse... oder Chance?

Seit Jahren machen sich Demographie-Experten, Planer und Politiker Sorgen über die silbergraue Tsunamiwelle der alternden Weltbevölkerung. Neue Denkweisen stellen die traditionell negativen Einstellungen zu älteren Gesellschaften in Frage: Die Schlussfolgerung ist, dass Grau vielleicht gut ist.

Demografische Trendlinien kreuzen sich bedrohlich auf der Karte der menschlichen Geschichte. Zum allerersten Mal wächst der ältere Bevölkerungsteil schneller als der junge.
Der UN-Bericht „World Population Aging“ von 2013 kommt zu dem Schluss, dass es bis 2047 zum erstem Mal mehr Menschen im Alter von 60 Jahren und älter geben wird als Kinder jünger als 15 – weil Menschen länger leben und weniger Menschen geboren werden.

Ein längeres, gesundes Leben für mehr Menschen sieht wie eine menschliche Erfolgsgeschichte aus. Dennoch machen sich Demografen und Regierungen seit Jahren Sorgen über die silbergraue Tsunamiwelle, die die Welt in eine Abwärtspirale ziehen könnte: Weniger Arbeitskräfte; mehr alte Menschen, die versorgt werden müssen; höhere Gesundheitskosten; mehr Staatsausgaben für soziale Sicherheit und Renten; weniger Steuereinnahmen für diese Ausgaben durch weniger Arbeitskräfte; stagnierende Wirtschaft; sich ausbreitende Armut und globaler wirtschaftlicher Kollaps.

GESÜNDER UND GRÜNER: GRAU IST GUT

Da sie sich dem Unvermeidlichen stellen müssen, überdenken Regierungen und Unternehmen die Einstellung zum Altern. Und neue Ideen lassen vermuten, dass Altern vielleicht sogar gut ist. Schließlich sind Wissen, Erfahrung, Weisheit und Fähigkeiten wertvoll.

Laura Carstensen, Direktorin des Stanford Center on Longevity in Stanford, Kalifornien, sagt, dass ältere Menschen nicht nur über mehr Wissen verfügen als jüngere - sie sind auch emotional stabiler. Wissen und Stabilität sind bei Arbeitgebern gern gesehen, insbesondere in Wissens- gesellschaften.

Eine Umfrage des Transamerica Center for Retirement Studies kam 2014 zum Schluss, dass 87% der Arbeitgeber ältere Mitarbeiter als „wertvolle Ressourcen im Bereich Schulung und Mentoring“ betrachten; 86% gaben an, dass sie eine „wichtige Quelle von Wissen über die Organisation“ darstellen. Die Arbeit- geber gaben an, dass sie flexible Arbeits- zeiten unterstützen und andere Anreize anbieten, um wertvolle Arbeitnehmer länger zu halten, die sonst in Rente gehen würden.

Die US-amerikanische National Academy of Engineering (NAE) hat festgestellt, dass sich US-Unternehmen bereits heute aktiv bemühen, ältere Mitarbeiter länger zu halten. Die NAE fand eine Zunahme an Strategien zur Verlängerung des produktiven Arbeitslebens von erfahrenen Mitarbeitern, vor allem in technischen Bereichen. Die NAE wies außerdem auf das neue Feld des „Human Factors Engineering“ hin. Dabei berück- sichtigen Ingenieure und Designer bei der Entwicklung von Maschinen und Prozessen zur Steigerung der Produktivität auch die besonderen Bedürfnisse von älteren Mitarbeitern. Dazu gehören die Anzeige von Texten mit größeren Buchstaben und ergonomisch gestaltete manuelle Schalter, die auch mit älteren, weniger flinken Händen leicht bedient werden können.

WO ALTERN AM SCHWERSTEN FÄLLT

Die meisten der ärmsten Regionen der Welt sind noch nicht vom Alterungstrend betroffen. In Pakistan, Afghanistan, Saudi-Arabien, Jemen und Irak wachsen isolierte und immer stärker verstädterte Jugendüberschüsse heran, während Arbeitslosigkeit Unruhen verursacht. In Afrika südlich der Sahara verlassen Jugendliche abgelegene, ländliche Gegenden und lassen die Städte anschwellen, die älteren Menschen bleiben zurück, um das Land zu bestellen. Daher machen sich auch die Experten in Entwicklungsländern Sorgen über Altersstrukturen.

„Investitionen in ältere Bevölkerungs- schichten besitzen ein echtes Potenzial für eine Verbesserung der Entwicklungs- aussichten, das ist aber nicht die herrschende Meinung“, sagt Isabella Aboderin, Leiterin von Alters- und Entwicklungsprogrammen im African Population and Research Center in Nairobi, Kenia. Beispielsweise bleiben 70% bis 80% der älteren Bevölkerung in Subsahara-Afrika in den ländlichen Gegenden, während die jungen Menschen in die Städte auswandern.

„Kleinbauern sind meistens älter; die Menschen, die zurückbleiben und das Land bestellen, sind meistens älter“, so Aboderin. „Der landwirtschaftliche Sektor muss neu belebt werden, um die Lebensmittelversorgung zu sichern. Ältere Erwachsene sind strategisch wichtig, wenn man etwas ändern will.“

„INVESTITIONEN IN ÄLTERE BEVÖLKERUNGSSCHICHTEN BESITZEN ECHTES POTENZIAL FÜR EINE VERBESSERUNG DER ENTWICKLUNGSAUSSICHTEN. DAS IST ABER NICHT DIE HERRSCHENDE MEINUNG.“

ISABELLA ABODERIN LEITERIN VON ALTERUNGS- UND ENTWICKLUNGSPROGRAMMEN, AFRICAN POPULATION AND RESEARCH CENTER

Regierungen hätten begonnen, die Herausforderung zu erkennen, fügt sie hinzu. Beispielsweise hat die Afrikanische Union 2016 das erste Protokoll zu den Rechten älterer Menschen verabschiedet. Wird es von mindestens 15 Mitglied- staaten ratifiziert, erhält es rechtliche Verbindlichkeit.

WENIGER ARBEITER, HÖHERE PRODUKTIVITÄT

In Industrieländern kann die Wirkung des Alterns auf den Arbeitsmarkt bereits beobachtet werden. In der nordamerika- nischen Luft- und Raumfahrtindustrie – Motor vieler Verteidigungsprogramme der Region – wird ungefähr ein Drittel der Mitarbeiter in den nächsten Jahren in Rente gehen: Industrievertreter haben die Gesetzgeber im US-Kongress bereits gewarnt, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen.

„Es geht um qualifizierte Leute. Sie (die Hersteller in der Luft- und Raumfahrt) haben nicht genug“, sagt Raumfahrtberater Eliot Norman von der US-amerikanischen Anwaltskanzlei Williams Mullen. Qualifizierte Arbeitnehmer werden älter und verlassen die Industrie, während die Auftragsbücher der Hersteller voll genug sind, um die Fabriken 12 bis 15 Jahre lang brummen zu lassen. Außerhalb der USA sieht es ähnlich aus: Laut einem Wirtschaftsbericht der IBM von 2005 spürten die Öl-, Chemie-, Bergbau-, Verteidigungs- und Raumfahrt- industrien in Europa die Folgen der Arbeitskräftealterung bereits vor über einem Jahrzehnt.

Einige Länder wollen durch Zuwanderer alternde Arbeitnehmer ersetzen. Andere wollen verstärkt Frauen einstellen. Dies ist besonders bedeutsam, da Frauen länger leben als Männer. Die chinesische Bevölkerung über 65 Jahre wird 2050 die Größe der Gesamtbevölkerung in den USA erreichen. Seit Oktober 2015 ist die Ein-Kind-Politik offiziell beendet und Paare dürfen nun zwei Kinder haben.

„DIE FRAGE IST, WIE STARK DIE PRODUKTIVITÄT GESTEIGERT WERDEN MUSS, UM DIE BISHERIGEN WACHSTUMSRATEN AUFRECHTZUERHALTEN.“

JAMES MANYIKA DIREKTOR, MCKINSEY GLOBAL INSTITUTE, ÜBER DIE WIRTSCHAFTLICHE HERAUSFORDERUNG EINER SCHRUMPFENDEN ZAHL VON ARBEITSKRÄFTEN.

Auch die abnehmenden Arbeitnehmer- zahlen in Deutschland, Italien, Japan und Russland spiegeln den Alterungstrend in diesen Ländern wider. Laut neuer Forschung von McKinsey Global Institute (MGI), dem Unternehmens- und Wirtschaftsarm der internationalen Beratungsfirma McKinsey & Company, folgen China und Südkorea diesem Trend bald.

Die Forscher bei MGI sagen, dass steigende Arbeitnehmerzahlen und wachsende Produktivität das globale Wirtschaftswachstum die letzten 50 Jahre angetrieben haben. Die Arbeitnehmerzahlen wachsen wegen der Bevölkerungstrends nicht mehr, die Produktivität kann jedoch immer noch steigen. „Die Frage ist, wie stark die Produktivität gesteigert werden muss, um die bisherigen Wachstumsraten aufrechtzuerhalten“, gibt James Manyika, ein Direktor bei MGI, zu bedenken. Es ist eine Mammutaufgabe: Um das globale BIP auf der aktuellen Höhe zu halten, muss die Produktivität in den nächsten 50 Jahren 80% höher sein als in den vergangenen 50 Jahren. „Das ist eine außergewöhnlich hohe Zahl.“

Seit 20 Jahren untersucht MGI die Bereiche Landwirtschaft, Fertigung und Automobil, Lebensmittelverarbeitung, Einzelhandel und Gesundheitswesen, um zu verstehen, wie die Produktivität erhöht werden kann. „Wir haben Möglichkeiten identifiziert, die das Wachstum der Produktivität um 4% jährlich beschleunigen - mehr als genug, um die demografisch verursachte Abschwächung zu kompensieren“, sagt Jaana Remes, Partnerin bei MGI. Dank bewährter Methoden und laufender Verbesserungen steige die Produktivität bereits jetzt. Der Rest müsse durch Kapital- und Technologie- aufrüstung, Langzeit-Investitionen und nicht protektionistische wirtschaftliche Strategien erzielt werden, so Reemes.

Kein Wunder, dass Grau plötzlich in ist: Zum ersten Mal in der Geschichte braucht die Welt die Erfahrung, den Einfallsreichtum und die Arbeitskraft der älteren Bevölkerung, um die Lebensstandards zu halten. ◆

von Dan Headrick Zurück zum Seitenbeginn
von Dan Headrick

Sehen Sie warum die ältere Bevölkerung vorteilhaft für die Wirtschaft ist
http://bit.ly/GrayIsGood