COMPASS MAGAZINE #10
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ELEKTRONISCHE MODE Tragbare Technologie wandert vom Handgelenk in Textilien

Der jüngste Trend in unserer hochvernetzten Welt sind tragbare Technologien, also Datenübertragungssysteme, die in Kleidung oder Accessoires eingebaut sind und unsere Kleidungsstücke in eine neue Kommunikationsschnittstelle verwandeln. Mit ihrer breiten Palette an Fähigkeiten, vom Tracking unserer Stimmung bis zur Gesundheitsüberwachung, ist diese neueste Generation der Mode bereits jetzt verfügbar.

Tragbare Technologien, der letzte Schrei aus dem „Internet der Dinge“, sind vernetzte Systeme, die Veränderungen in ihrem Umfeld erkennen und auf Reize, die der Körper ihres Trägers aussendet, reagieren können. Einige von ihnen verfügen sogar über Erinnerungs- und Lernfähigkeiten und setzen in Sachen Funktionalität von Kleidung und Accessoires ganz neue Standards.

Angetrieben durch findige Designer und Ingenieure aus dem Gesundheitswesen, der Mode und der Unterhaltungsbranche wächst der Markt für vernetzte Objekte schnell – die Preise einiger Produkte liegen unter 100 US-Dollar. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte schätzt, dass 2015 rund 10 Millionen Produkte mit tragbaren Technologien verkauft wurden, bei einem Umsatz von 3 Milliarden US-Dollar. Das US-amerikanische Beratungsunternehmen Gartner prognostiziert bis 2016 einen Umsatz von 10 Milliarden US-Dollar. Wegen dieses Potenzials spielten tragbare Technologien 2015 auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas und dem Mobile World Congress in Barcelona die Hauptrolle.

Konsumenten sind von der Technologie begeistert, weil diese in Echtzeit Feedback zu ihrem Gesundheitszustand liefern oder die Produktivität bei der Arbeit steigern kann. Für Unternehmen steckt noch eine ganz andere Motivation dahinter: In jeder Sekunde erzeugen diese tragbaren Systeme Millionen Datensätze über die Nutzer, die den Unternehmen tiefe Einblicke liefern, um noch kundenorientiertere – und lukrativere – Angebote zu entwickeln und die Treue der Konsumenten und Kunden zu festigen.

Allerdings werfen die Systeme auch Fragen des Datenschutzes auf. Versicherungen könnten beispielsweise Echtzeitinformationen über den Gesundheitszustand der Nutzer abrufen und die Beiträge entsprechend anpassen – ein Trend, den die Gesunden womöglich als Segen betrachten, der jedoch von denjenigen mit gesundheitlichen Problemen als unerwünschtes Eindringen in ihr Leben und ihren Geldbeutel angesehen werden könnte.

„LETZTENDLICH GEWÄHREN DIESE NEUEN GERÄTE DEN PROFIS MEHR FREIHEIT BEI DER BERUFSAUSÜBUNG UND STEIGERN GLEICHZEITIG DEREN PRODUKTIVITÄT.”

FRANÇOIS BENHAMOU CEO, NOVELL FRANCE

KOMFORT UND WOHLBEFINDEN

Um Erfolg auf dem Markt der tragbaren Technologien zu haben, ist es Experten zufolge entscheidend, seine Feinheiten zu verstehen. Technik-Freaks achten vielleicht eher auf innovative Funktionen als auf den Look, aber zu „streberhaft“ aussehende Kleidung würde modebewusste Konsumenten eher nicht ansprechen.

„Wir müssen zwei Ansätze verfolgen“, sagt Jef Holove, ehemaliger CEO von Basis Science, einem Smart-Watch-Hersteller aus San Francisco, der 2014 von Intel übernommen wurde. „Der erste ist die Verwendung für Gesundheitszwecke mit Sensoren, die Herzinsuffizienz oder Diabetes überwachen können. Der zweite ist der Unterhaltungsbereich mit Smart-Armbändern und Smartwatches.“

10 Milliarden US-Dollar

Das US-amerikanische Beratungsunternehmen Gartner prognostiziert für tragbare Technologien bis 2016 einen Umsatz von 10 Milliarden US-Dollar.

Direkt am Körper getragen, misst und analysiert die gesundheitsorientierte tragbare Technologie physiologische Parameter, mittels derer sich die Gesundheit durch frühzeitige Diagnose verbessern oder sportliche Leistungen optimieren lassen.

„Laufe ich zum Beispiel regelmäßig dieselbe Strecke, helfen mir die Daten, die von meinem tragbaren Accessoire aufgezeichnet werden, zu verstehen, worin sich die einzelnen Läufe unterscheiden“, erklärt Rodrigo Martinez, Chefstratege für Life Sciences bei IDEO, einem Design- und Innovationsberatungsunternehmen mit Sitz in Boston. „Dank dieser Geräte ist der Körper nicht mehr nur vernetzt, sondern arbeitet wirklich auf seine Optimierung hin.“

Die Armbänder von FitBit und Jawbone verfügen beispielsweise über einen Schrittzähler, eine Herzfrequenzüberwachung und ein System, das die Schlafqualität misst. Über Zeiträume von wenigen Wochen bis zu einem Jahr arbeiten sie autonom. Dazugehörige Software analysiert die aufgezeichneten Daten und gibt über das Smartphone in Echtzeit Empfehlungen, einschließlich der optimalen Zeit zum Essen, Schlafen oder Trainieren. Das System kann sogar darauf hinweisen, wann man langsamer werden sollte, um ein zu frühes Ermüden während des Trainings zu vermeiden.

WEARABLES FÜR DIE ARBEIT

Doch nicht nur Sportler können tragbare Technologie (Wearables) nutzen; sie hat auch das Interesse der Industrie geweckt.

Beispielsweise hat Atheer Labs aus Mountain View, Kalifornien, eine intelligente Brille mit eingebautem Sensor entwickelt, die dem Nutzer Informationen in das Sichtfeld einblendet, indem er digitale Bereiche mit einfachen Gesten bedient.

„Manchmal müssen wir innerhalb der realen Welt agieren, doch gleichzeitig auf die digitale Welt zugreifen und dort Informationen abrufen können“, sagt Allen Yang, ehemaliger CTO bei Atheer und leitender Forscher an der University of California in Berkley und Experte für mehrdimensionale Mustererkennung, Computervision, Bildbearbeitung und Sensornetzwerke. Die immersive Technologie verbessert laut Yang die Zusammenarbeit und die menschliche Erfahrung für all jene, die aufgrund ihrer Arbeit nur schwer auf einer Tastatur oder einem Bildschirm schreiben können, wie Piloten oder Arbeiter auf Erdölfeldern, die Handschuhe tragen.

Bevor Google Glass außer Dienst genommen wurde, bot diese Brille im Gesundheitswesen eine ähnliche Technologie an, mit der Ärzte über tausende Kilometer hinweg in Echtzeit während komplexer chirurgischer Eingriffe miteinander kommunizieren konnten. Französische und japanische Ärzte nutzten dies beispielsweise 2014 bei einer Schulteroperation.

„Letztendlich gewähren diese neuen Geräte den Profis mehr Freiheit bei der Berufsausübung und steigern gleichzeitig deren Produktivität“, sagt François Benhamou, CEO des Infrastruktursoftwareanbieters Novell France.

VERNETZTE KLEIDUNG

Vernetzte Accessoires, wie Armbänder und Brillen, bildeten nur die erste Welle der Wearables-Branche. Heute arbeiten immer mehr Unternehmen ihre Technologie direkt in die Kleidung ein – sie verweben sie mit dem Stoff. Vernetzte Kleidung ist waschbar und häufig umweltfreundlich konzipiert und überaus modisch.

Viele der erst kürzlich auf Technologiemessen vorgestellten Produkte waren Neuheiten und veranschaulichten die große Bandbreite an Möglichkeiten, die diese Technologien bieten. Das Bubelle-Kleid des niederländischen Unternehmens Philips Design ändert zum Beispiel seine Farbe und Leuchtkraft je nach Laune seiner Trägerin.

Nicht ganz jugendfrei ist Intimacy 2.0, ein vom holländischen Künstler Daan Roosegaarde entwickeltes Kleid, das bei steigender Herzfrequenz und Körpertemperatur durchsichtig wird. Eine Jacke der australischen Firma Wearable Experiments und der Lechal-Schuh des indischen Unternehmens Ducere sind unsichtbare GPS-Geräte, die durch Vibration und Bluetooth-Verbindung mit dem Smartphone ihren Träger in die richtige Richtung lotsen.

LEBENSRETTENDE TECHNOLOGIEN

Pierre-Alexandre Fournier ist Mitgründer und CEO von Hexoskin, einem Unternehmen in Montreal, das ein biometrisches Shirt für das Sporttraining und die Gesundheitsüberwachung entwickelt hat. Er vermutet, dass schon bald alle Kleidungsstücke mit tragbarer Technologie ausgestattet sein werden.

„Unsere zu 100% textilen Sensoren sind an ein kleines Kästchen angeschlossen und in unsere T-Shirts integriert“, sagt Fournier. „Sie messen Atemvolumen, Regenerationsdauer und Kalorienverbrauch.“ Besonders nützlich seien diese Anwendungen seiner Ansicht nach für Diabetiker, deren Blutzucker ohne Vorwarnung plötzlich ansteigen oder abfallen kann, und für Menschen, die unter Herzinsuffizienz leiden.

Das frühzeitige Erkennen verborgener Gesundheitsprobleme ist eine rasch wachsende Nische in der Wearables-Branche. Cyrcadia Health aus Reno, Nevada, hat beispielsweise einen vernetzten BH entwickelt, der Brustkrebs durch lokal begrenzte Änderungen der Körpertemperatur erkennen kann. Wenn eine Krebsgeschwulst wächst, bildet der Körper neue Blutgefäße, um sie zu versorgen. Weil diese Unterwäsche lokale Anstiege der Temperatur erkennt, erleichtert sie den Ärzten die Tumor-diagnose in einem frühen Stadium.

Die Krankheitsprävention ist ein noch höheres Ziel für vernetzte Kleidung. Durch Einsatz von Nanotechnologien haben der kenianische Forscher Frederick Ochanda und die gambische Stylistin Matilda Ceesay Kleidung mit Moskitoabwehr entwickelt – eine bedeutende Erfindung für Afrika, wo jedes Jahr über 600.000 Menschen an Malaria sterben.

Ähnlich beeindruckend ist die neue Smart Lens von Google, eine im Versuchsstadium befindliche Kontaktlinse für Diabetiker. Diese misst den Blutzuckergehalt der Tränenflüssigkeit mit einem winzigen Sensor, der an einen RFID-Chip (Radiofrequenzidentifikations-Chip) angeschlossen ist. Der Träger kann die Werte ganz einfach an ein mobiles Gerät übermitteln, indem er dieses nahe vor das Auge hält.

VERDECKTE TRAGBARE TECHNOLOGIE

Dank Fortschritten in der Bio- und Nanotechnologie kommt die Vernetzung noch näher an uns heran als nur in unsere Kleider – schon bald können wir sie im Körper tragen. Nokia hat beispielsweise kürzlich ein temporäres Tattoo aus ferromagnetischer Tinte patentieren lassen, das in unterschiedlichen Frequenzen vibriert, sobald es einem elektromagnetischen Feld ausgesetzt ist. In Kombination mit einem Smartphone kann der Träger spüren, wenn Anrufe oder Textnachrichten eingehen.

Joseph Wang, Leiter des Lehrstuhls für Nanoengineering an der University of San Diego in Kalifornien, arbeitet an einem „Smart Tattoo“, das den Laktatgehalt im Schweiß misst, weil Laktat angeblich Muskelkrämpfe auslösen soll. Theoretisch kann das Tattoo Sportler warnen, wenn ein kritischer Grenzwert erreicht ist, um zum Pausieren oder Trinken aufzufordern.

Diese und andere Anwendungen zeigen das enorme Potenzial dieser unsichtbaren, nichtinvasiven und immer preisgünstigeren Technologien. Sie können unsere Stimmung verraten oder unsere Gesundheit überwachen und definieren damit den Begriff eines „Must-have“-Mode-accessoires völlig neu.

von Martin Koppe & Philippe Fontaine Zurück zum Seitenbeginn