COMPASS MAGAZINE #10
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GANZ OHNE TREIBSTOFF Die beiden Gründer von Solar Impulse planen den ersten Flug um die Welt – nur angetrieben durch alternative Energie

Das Team von Solar Impulse hat das einzige Flugzeug gebaut, „das Tag und Nacht mit Solarstrom fliegen kann“. Compass sprach mit den Gründern und Piloten Bertrand Piccard und André Borschberg über die Herausforderung, die bestehenden Grenzen für nachhaltige Mobilität zu überschreiten. 

Der Schweizer Psychiater und Aeronaut Bertrand Piccard hat den Entdeckergeist im Blut. Sein Großvater, Auguste Piccard, war der erste, der die Krümmung der Erde mit eigenen Augen gesehen hat. Sein Vater, Jacques Piccard, tauchte auf den Grund des Marianengrabens hinab – 10.916 Meter unterhalb des Meeresspiegels. 

„Dank ihnen lernte ich viele Forscher und Pioniere kennen“, sagt Piccard. „Ich habe Charles Lindbergh und Wernher von Braun getroffen; inspirie­rende Menschen, die Geschichte ge­schrieben haben. Ich wollte – genau wie sie – ein interessantes und sinnvolles Leben führen.“

1999 absolvierte Piccard die erste Nonstop-­Fahrt um die Welt in einem Heißluftballon. „Ich startete mit 3,7 Tonnen flüssigem Propan und landete nach 20 Tagen und 45.000 Kilometern mit 40 Kilogramm“, erzählt er. „Während der ganzen Fahrt war ich besorgt, das Gas könnte mir ausgehen. Darum entschloss ich mich, bei meiner nächsten Erdumrundung ganz ohne Treibstoff auszukommen.“ 

VON DER SONNE ANGETRIEBEN 

In den folgenden Jahren verbrachte Piccard zahllose Stunden damit, diese Vision zu realisieren.

„Stellen Sie sich ein solarbetriebenes Flugzeug vor, das Tag und Nacht ohne zusätzlichen Treibstoff fliegen kann. Das würde beweisen, dass wir mit diesen neuen, sauberen Technologien das Unmögliche möglich machen können“, sagt er.

2003 tat sich Piccard mit dem Schweizer Unternehmer und Piloten André Borschberg zusammen, einem Ingenieur mit einem Abschluss in Management­- und Naturwissen­schaften vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, Massachusetts (USA), der über mehr als 20 Jahre Flugerfahrung in der Schweizer Luftwaffe verfügt. Gemeinsam gründeten sie Solar Impulse, bestehend aus einem multidisziplinären Team von 50 Fachleuten aus sechs Ländern und unterstützt von 100 Beratern und 80 Partnern aus der Industrie in der ebenso schwierigen wie visionären Mission.

„Damit ein Flugzeug Tag und Nacht allein durch die Kraft der Sonne fliegen kann, muss es über eine extrem große Spannweite verfügen“, sagt Borschberg. „Die Flügelspanne von Solar Impulse beträgt 72 Meter und ist damit größer als die einer Boeing 747. Das Flugzeug muss auch extrem leicht sein – 2.300 Kilogramm im Vergleich zu den rund 333.000 Kilogramm einer 747.“

„Es gab keine Vergleichswerte“, fügte Piccard hinzu. „Wir mussten einen absolut revolutionären Prototypen entwickeln, konzipieren und konstru­ieren. Und ihn dann natürlich auch bauen, bedienen und mit ihm um die Welt fliegen. Es ist ein sehr schwieriges Projekt, aber gerade deshalb liegt es uns so sehr am Herzen.“ 

HISTORISCHE ERSTE MALE 

Solar Impulse 1 wurde 2010 fertiggestellt und absolvierte den allerersten 24­-Stunden­-Flug ohne Treibstoff. Solar Impulse 2, dessen Weltumrundung für 2015 ge­plant ist, musste jedoch noch leistungs­fähiger bei noch geringerem Energie­verbrauch werden.

„Normalerweise nutzt man vorhandene Motoren, wenn man ein neues Flugzeug bauen möchte, und wenn man neue Motoren testen will, tut man dies in vorhandenen Flugzeugen“, sagt Borschberg. „Hier allerdings ist der Antrieb neu. Der Motortyp ist neu. Die Struktur ist neu. Das Vorhaben ist folglich äußerst komplex.“

Für die Realisierung des Projekts waren 3D-­Technologien unerlässlich. „Als wir anfingen, die Flugsteuerung zu konstruieren, berieten wir uns mit einem Fachmann, der über sehr viel Erfahrung in der Kon­struktion von Flugzeugen verfügte“, sagt Borschberg. „Wir sagten ihm, dass wir ausschließlich 3D­-Software einsetzen, um zu ermitteln, wie die Steuerung in den Flügeln und im Cockpit untergebracht werden kann. Er sagte: ,Das hat bisher noch niemand so gemacht. Sie könnten viele Probleme bekommen. Bauen Sie zuerst ein Modell.’ Wir antworteten ihm, dass wir an unser Vorgehen glaubten ... und der Erfolg gibt uns recht.“

Das Team führt gerade abschließende Tests durch. „Wir verfügen über die Unterstützungssysteme, die wir benötigen, um fünf Tage und Nächte durchzufliegen“, sagt Piccard. „Sie alle müssen perfekt funktionieren. Darum werden wir in den nächsten Monaten weiter testen.“

Die Rund-­um­-die­-Welt­-Mission wird 2015 über fünf Monate von Anfang März bis Ende Juli laufen. 

„NATÜRLICH KANN MAN SCHEITERN. NA UND? DAS SCHLIMMSTE IST NICHT ZU SCHEITERN; DAS SCHLIMMSTE IST, ES GAR NICHT ERST ZU VERSUCHEN.“ 

BERTRAND PICCARD GRÜNDER, VORSITZENER UND PILOT, SOLAR IMPULSE

Das Flugzeug wird den Globus etwas nördlich des Äquators umrunden. Zwischenstopps zum Pilotenwechsel sind in Indien, Myanmar, China, den USA sowie in Südeuropa oder Nordafrika geplant. 

DER WUNSCH, GESCHICHTE ZU SCHREIBEN 

Der 35.000 Kilometer lange Flug erfordert hartes Training. Piccard und Borschberg werden sich als Piloten des Flugzeugs abwechseln und dabei rund 500 Flug­stunden in dem drucklosen, 3,8 Kubikmeter großen Cockpit ansammeln – was in etwa so groß ist wie ein Kleinwagen.

„Da wir aufgrund der Gewichtsbe­schränkungen jeweils nur einen Piloten an Bord haben können, müssen die Piloten einiges aushalten können“, sagt Borschberg. „Wir verbringen drei Tage und Nächte im Flugsimulator, wobei bis auf Temperatur-­ und Höhenschwankungen dieselben Bedingungen herrschen wie im Flugzeug. Dank des Autopilotsystems können wir uns maximal 20 Minuten ausruhen. Dadurch erfahren wir, wie wir uns verhalten und fühlen, wenn wir unter Schlafmangel leiden.“ Ohne Klimaanlage und Heizung sind die Piloten extremen Temperaturen ausgesetzt, die zwischen 30°C und ­-20°C schwanken werden. Piccard und Borschberg werden durch Wärmedämmschaum mit hoher Dichte geschützt, der im Cockpit verbaut wurde.

„DIE GRENZEN DES MACHBAREN WURDEN IMMER WIEDER NEU DEFINIERT.” 

ANDRÉ BORSCHBERG MITGRÜNDER, CEO UND PILOT, SOLAR IMPULSE

„Wir können uns auf zweierlei Art vor­bereiten“, sagt Piccard. „Zum einen durch Testflüge mit dem Flugzeug, um es optimal beherrschen zu lernen. Und zum anderen durch alle möglichen Simulationen. Unser Missionsteam führt regelmäßig Simulationen unter realen Wetterbedingungen durch, damit dieses Flugzeug auf den besten Routen, in den besten Höhen, auf den besten Flugbahnen und bei besten Wetter­verhältnissen fliegt. Wir wissen jetzt ziemlich genau, wie das funktionieren kann, und wir werden dieses Wissen 2015 für den echten Flug nutzen.“

Für beide Männer liegt der Reiz des Projekts darin zu zeigen, wie Pionier­geist, Innovation und saubere Technologien die Welt verändern können.

„Wenn wir ein Flugzeug allein mit der Kraft der Sonne fliegen können, dann können wir diese Technologien ganz gewiss auch für Energieeinsparungen auf der Erde nutzen“, sagt Borschberg.

Piccard pflichtet ihm bei. „Mein Ziel ist es, dass die Menschen erkennen, dass auch sie mit sauberen Tech­nologien ihren Energieverbrauch senken können“, sagt er. „Wenn man aus erneuerbaren Quellen ohne fossile Brennstoffe Energie erzeugen kann, kann man das Leben der Menschen komplett verändern.“  

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von Lindsay James

https://www.youtube.com/watch?v=oNMBPJpaimc