COMPASS MAGAZINE #10
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GRUPPENDENKEN Online-Kollektive lösen Probleme auf kreative Weise

Ein Elektroauto. Ein Unternehmensname. Ein Heilmittel für Krebs. All diese Probleme verlangen nach kreativer Problemlösung. Traditionell haben Unternehmen und andere Organisationen für diese Arbeit bisher Experten engagiert. Doch nun nutzt eine zunehmend populäre – und manchmal umstrittene – Technik namens „Crowdsourcing“ das Internet, um riesige weltweite Wissensressourcen anzuzapfen.

Der Autohersteller Local Motors machte 2009 mit seinem Rally Fighter, dem weltweit ersten von einer Online-Community entwickelten Fahrzeug auf sich aufmerksam. Der CEO von Local Motors, Jay Rogers, nutzte dafür das kollektive Online-Wissen von 20.000 Konstrukteuren, Ingenieuren, Herstellern und Autofans.

„Es gibt zwei Möglichkeiten, solche Sachen zu bauen“, so Roger. „Man kann die üblichen Leute engagieren, um ein Problem zu lösen – oder man kann sich in der Cloud zusammentun, um schneller zu besseren Ideen zu kommen.“

Rogers ist Vorreiter einer Form der verteilten Problemlösung, die landläufig als Crowdsourcing bekannt ist. Der im Jahr 2006 vom Journalisten Jeff Howe geprägte Begriff hat zur Bildung einer Vielzahl englischer Namen und Subkategorien geführt: „Co-Creation“, „Crowd Creation“, „Crowd Voting“ oder sogar „Crowd-Funding" (lesen Sie dazu den Artikel GOLDIEBLOX: Nur für Mächen). All diese Konzepte haben ein Ziel gemeinsam: Das Anzapfen kollektiver Ressourcen von Intelligenz, Kreativität oder sogar Geld.

F&E ÜBERDENKEN

Rogers, ehemaliger Soldat der US-Marines, studierte an der Harvard Business School, als er sich eine neue Sichtweise ausdachte: Der Kunde als Erschaffer von Produkten. Seine Idee wurde beim jährlichen Harvard-Wettbewerb der besten Geschäftspläne zum Sieger gekürt. Kurz danach gründete Rogers Local Motors. „Ich habe Freunde im Irak verloren und habe vier Söhne. Ich möchte die Welt verändern“, sagt Rogers. „Wir brauchen nicht mehr Autos. Wir brauchen bessere Autos.“

Rogers glaubt, dass das althergebrachte Geschäftsmodell der Automobilindustrie mit dem Fokus auf Massenproduktion Innovation behindert. „Um ein Fahrzeug auf die alte Art zu entwickeln, braucht man 200 Millionen bis 1 Milliarde US-Dollar und fünf bis sieben Jahre. Das ist zwangsweise ineffizient.“

„MAN KANN DIE ÜBLICHEN LEUTE ENGAGIEREN, UM EIN PROBLEM ZU LÖSEN – ODER MAN KANN SICH IN DER CLOUD ZUSAMMENTUN, UM SCHNELLER ZU BESSEREN IDEEN ZU KOMMEN.“

JAY ROGERS LOCAL MOTORS CEO

Im Vergleich dazu entwickelt Local Motors Fahrzeuge fünf Mal so schnell, in 12 bis 18 Monaten, zu einem Zehntel der Kosten. Es nutzt hauptsächlich zwei Crowdsourcing-Techniken: Wettbewerbe und Zusammenarbeit. Dadurch werden Tausende von kreativen Köpfen durch cloudbasierte Tools zur kollektiven Ideenfindung miteinander verbunden. Die Teilnehmer laden eine kostenlose „Client“-Anwendung herunter, um Zugang zu 3D-Modellen, Karten, Daten zu erlangen – was immer gerade benötigt wird. Sie können sogar in Echtzeit Online-Chats abhalten, um 3D-Modelle zu bearbeiten und Änderungen vorzuschlagen.

WIRTSCHAFT UND WISSENSCHAFT VERBINDEN

Eine halbe Weltreise entfernt sitzt die Association for the Promotion of Electric Vehicles (APEV). Ihr gehören viele Autohersteller aus dem asiatisch- pazifischen Raum an, wo Verkehrsstaus und Smog große Probleme sind. Die APEV möchte eine neue Generation von kleinen Elektrofahrzeugen, sogenannten Super Micro Electric Vehicles (SMEVs), entwickeln und hat dafür einen „kollektiven Wissenswettbewerb“ ausgerufen, bei dem Studierende aus Universitäten weltweit 3D-Software-Entwürfe einreichen sollen.

„Wir erwarten uns von diesem Wettbewerb absolut neue, einmalige und spannende Ideen zu SMEVs“, sagt dazu Nobuhiro Tajima, Chief Commissioner für die APEV sowie Vorsitzender und CEO der Tajima Motor Corporation. „Durch Co-Creation in äußerst unterschiedlichen Umgebungen, mit Teilnehmern aus vielen verschiedenen Feldern, Branchen und Regionen der Welt, werden nie zuvor gesehene Ergebnisse möglich, und die heutigen modernen Software-Tools befreien uns von den Einschränkungen von Zeit und Raum.“

Eine der teilnehmenden Einrichtungen ist die Universität Tokio, wo der APEV-Wettbewerb Studierenden zu Erfahrungen und Verbindungen in der realen Welt verhilft.

„In diesem Projekt kommunizieren die Studierenden mit Ingenieuren der APEV-Mitgliedsunternehmen, die als Berater und Vorbilder fungieren“, sagt Dr. Yuhei Yamauchi, außerordentlicher Professor der Interfaculty Initiative in Information Studies an der Universität Tokio. „Die Studierenden bekommen vermittelt, wie professionelle Ingenieure an den Entwicklungsprozess herangehen. Währenddessen kann die Universität ihr Forschungswissen auf breiterer Basis anwenden und so der Gesellschaft nützen.“

„DURCH CO-CREATION IN ÄUSSERST UNTERSCHIEDLICHEN UMGEBUNGEN WERDEN NIE ZUVOR GESEHENE ERGEBNISSE MÖGLICH."

NOBUHIRO TAJIMA CHIEF COMMISIONER, APEV

FALLSTRICKE DES CROWDSOURCING

Aber führen kollaborative Schaffensprozesse immer zum Erfolg? Skeptiker verweisen gern auf das „iSnack 2.0“-Fiasko von Vegemite. Der Hefeextrakt-Hersteller ließ per Crowd-Voting den besten Namen für einen neuen Brotaufstrich suchen – der prompt zum Flop wurde. Laut Marcia Yudkin, Wirtschaftsautorin und Präsidentin von Named At Last, bringt die Technik zwei große Gefahren mit sich.

„Eine ist der Mangel an Vertraulichkeit“, so Yudkin. „Damit die Teilnehmer auf möglichst gute Arbeitsergebnisse kommen, muss man spezifische Informationen zu seinem Projekt preisgeben, die vielleicht besser vertraulich behandelt werden sollten. Die andere Gefahr ist die rechtliche Unsicherheit. Man könnte Klagen für die Verletzung von Markenrechten oder anderen Ärger auf sich ziehen, wenn Leute, die man nicht kennt, gestohlene Ideen einreichen. Vieles hängt davon ab, wie die Teilnehmer qualifiziert und geprüft werden – wenn man jedoch den möglichen Teilnehmerkreis einschränkt, dann ähnelt das mehr Outsourcing als Crowdsourcing.“

DARPAS GROSSES EXPERIMENT

Die US-amerikanische Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) – eine in Punkto Innovation tonangebende Einrichtung, deren Datennetzwerk in den 1960ern zum Vorläufer des Internet wurde – testet das Crowdsourcing-Konzept gerade in einem Designwettbewerb für ein ambitioniertes Wasserfahrzeug. Das Projekt enthält jedoch Sicherungen, die verhindern sollen, dass sensible Informationen nach außen dringen.

„Das Internet hat für immer die Art und Weise verändert, wie wir mit der Welt interagieren“, sagt Rogers von Local Motors, das mit DARPA beim Crowdsourcing von Entwürfen für Militärfahrzeuge zusammengearbeitet hat. „Die Dinge ändern sich immer schneller, und das beeinflusst alles, was wir tun, vom Automobilbau bis hin zur Kriegsführung. Die ganze Welt ist voll von Innovatoren, die davon träumen, Produkte besser zu machen. Wir bieten eine Plattform, um ihre Kreativität zu nutzen.“

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von Cathy Salibian