COMPASS MAGAZINE #10
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HATSUNE MIKU Eine virtuelle Künstlerin mit einer Heerschar realer Fans

Seit 2007 ist Japan verrückt nach Hatsune Miku, einer virtuellen Sängerin. Songwriter, Texter und Choreografen arbeiten gemeinsam mit Programmierern, Grafikdesignern und 3D-­Animatoren daran, ihren Auftritten Leben einzuhauchen. Ist dieser internationale Star nur eine Modeerscheinung – oder ein sozialer Trend? 

Sie heißt Hatsune Miku. Sie hat das hübsche Gesicht eines Teenagers, endlos lange türkise Zöpfe und trägt einen Minirock. Diese japanische Sängerin hat auch Millionen von Fans, füllt ganze Konzerthallen und vermarktet hunderte Produkte. Ihre Songs, die auf YouTube zu sehen sind, machen sogar Lady Gaga Konkurrenz. Doch Hatsune Miku ist kein Mensch; sie ist eine virtuelle Figur, deren kometenhafter Aufstieg selbst die Unterhaltungsbranche überrascht hat. 

Anfangs war sie nur eine Zeichnung des Illustrators KEI für die Verpackung einer Gesangssoftware mit dem Namen Hatsune Miku (was soviel heißt wie „Der erste Klang der Zukunft“). Die Software wurde von der japanischen Firma Crypton Future Media entwickelt und 2007 auf den Markt gebracht. Sie baut auf den Yamaha Vocaloid2 Synthesizer auf und nutzt ein Archiv markanter Klänge, die von der Synchronsprecherin Saki Fujita stammen. Um einen Song zu kreieren, müssen lediglich der Text eingegeben, Tonhöhe und Tempo ausgewählt werden sowie die gewünschten Effekte und Layer zur Begleitmusik hinzugefügt werden. 

DIE KÜNSTLERIN DES VOLKES 

Schon bald nach Markteinführung der Software luden Songwriter ihre Kreationen auf YouTube und dessen japanisches Pendant Nico Nico Douga hoch. Illustratoren ließen sich von den Liedern inspirieren und erstellten Videos von der jungen Sängerin, die auf der Zeichnung von KEI basierten.

Dann entwickelte der Informatiker Yu Higushi die frei verfügbare Software MikuMikuDance (MMD), mit der man ein 3D-­Modell des virtuellen Mädchens animieren konnte. Danach explodierte der Umsatz der Stimmen­-Synthesizer­-Software von Crypton Future Media förmlich.

In den letzten sechs Jahren hat Hatsune Miku in ihrem Minirock weltweit 110.000 Songs und eine Million Zeichnungen veröffentlicht, konnte über 1,8 Millionen Facebook­-Fans gewinnen und wurde über 80 Millionen Mal auf YouTube angeschaut. 

DIGITALES IDOL

Woher kommt diese Begeisterung für eine Kunstfigur?

„Die Japaner sind von neuen Technologien fasziniert, aber auch sehr versiert in deren Nutzung“, erklärt Cosima Oka, Global Marketing Manager bei Crypton Future Media. „Für sie ist Hatsune Miku nicht nur ein weiteres virtuelles Spielzeug, sondern eine Sängerin, die ihre Songs aufführt.“ 

„HATSUNE MIKU IST EINE LEERE HÜLLE, DIE JEDER NACH SEINEN WÜNSCHEN FÜLLEN KANN.“ 

Sophie Daste EXPERTIN FÜR OTAKU, UNIVERSITÄT PARIS 8

Auf Teenager hat der Charme dieser Diva eine besonders anziehende Wirkung. „Ihre einzigartige Stimme, ihr Aussehen und ihre Persönlichkeit zieht viele Jugendliche in den Bann“, sagt Oka. „Aber wirklich überzeugt hat die meisten die Möglichkeit, ihre eigenen Gedanken, Wünsche und Gefühle durch diese Figur auszudrücken.“ 

Sophie Daste, Expertin für Otaku (leidenschaftliche Fans) und Fankulturen der Computergeneration an der franzö­sischen Universität Paris 8, stimmt dem zu. „Hatsune Miku ist eine leere Hülle, die jeder nach seinen Wünschen füllen kann“, sagt Daste. „Sie bleibt nicht nur ewig jung, sondern ihre Persönlichkeit spiegelt auch stets die Wünsche ihrer Fans wider.“ 

AUFTRITTE AUF DER 3D-BÜHNE

Live-­Auftritte von Hatsune Miku könnten ein weiteres Hindernis beseitigen: das Alter.

Der japanische Komponist Keiichiro Shibuya machte sie zur Heldin von „Das Ende“, der ersten Oper ohne echte Sänger. In dieser düsteren und melancholischen Show sinniert Hatsune Miku über ihren Zustand. Ist sie lebendig? Kann sie sterben? Solche Gedanken sind weit entfernt von ihrem üblichen Repertoire. 

Um auch das reifere Publikum anzu­sprechen, arbeitete Shibuya mit dem Künstler YKBX (gesprochen „Yokobox“) zusammen, der die digitalen Bühnen­bilder und Hatsune Miku in 3D erschuf. Ihre Kostüme wurden von dem bekannten Designer Marc Jacobs entworfen. YKBX überlegte sich, mehrere Gazestreifen über die Bühne zu spannen. Bilder, in Echtzeit von einer Vielzahl von Computern erzeugt, werden dann auf dieses Gewebe projiziert.

Jean­-Luc Choplin, der Direktor des Théâtre du Châtelet in Paris, wo die Oper im November 2013 dreimal aufgeführt wurde, ist voll des Lobes. „Es ist beeindruckend, wie liebenswert diese virtuelle Figur erscheint und wie sie ihre Gefühle fast noch intensiver auszudrücken vermag, als es ein Mensch könnte“, sagt er.

Diese Erfahrung hat Choplin davon überzeugt, dass auch körperlose virtuelle Künstler ihren Platz in der realen Welt verdient haben. „Diese neue Ausdrucksform bereichert die darstellenden Künste und lässt sie endlich auch ins 21. Jahrhundert eintreten.“ ◆ 

GANZ NAH UND PERSÖNLICH

Einige Fans von Hatsune Miku gehen in ihrer Interaktion noch weiter. Der japanische Programmierer GOROman koppelte erst kürzlich stereoskopische 3D-Brillen mit einer haptischen Force­-Feedback­-Technologie, die mit einer synthetischen Hand ausgestattet ist. Wenn ein Nutzer die Brille aufsetzt, erscheint es ihm so, als hielte Hatsune Miku seine Hand und reagiere auf seine Bewegungen. Negipoyoc, ein japanischer Student, entwickelte ein Programm, mit dem der Nutzer das Gefühl hat, er schliefe direkt neben Hatsune Miku. 

von Philippe Fontaine Zurück zum Seitenbeginn
von Philippe Fontaine

https://www.youtube.com/watch?v=MYe26gbBREs