COMPASS MAGAZINE #10
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KREISLAUFANREGEND Können durch Abfallvermeidung genug Ressourcen für zukünftige Generationen erzeugt werden?

 Die Sorgen über das Ausschöpfen der globalen natürlichen Ressourcen wachsen. Organisationen wie die Ellen MacArthur Foundation und die EU-Kommission sind Verfechter der Idee einer Kreislaufwirtschaft – eines Geschäftsmodells, das für Abfallvermeidung/Wiederverwendung/Recycling steht, mit dem Potential signifikanter Vorteile für Umwelt und Nachhaltigkeit.

Die Weltbevölkerung nimmt weiterhin rasant zu. Politische Entscheidungsträger sehen sich durch Berichte über erschöpfte Ressourcen veranlasst, über die lineare Wegwerfwirtschaft nachzudenken, die seit der industriellen Revolution vor über zwei Jahrhunderten den Status Quo darstellt.

„Aufgrund des Wachstums der Weltbevölkerung und der steigenden Verbrauchernachfrage brauchen wir bis 2050 vielleicht dreimal mehr Ressourcen als heute“, erklärt Enrico Brivio, Pressesprecher der EU-Kommission für Umwelt, Fischerei und Schifffahrt sowie für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.

„Die Nachfrage nach Lebens- und Futtermitteln und Fasern wird global um 70% steigen. Wir haben einfach keine andere Wahl: Wir müssen unser Verhalten mit Blick auf Produktion und Verbrauch ändern, wenn wir unseren Planeten in gutem Zustand an die nachfolgenden Generationen übergeben wollen.“

„DIE KREISLAUFWIRTSCHAFT IST EINE LOGISCHE LÖSUNG FÜR EINE WELT MIT BEGRENZTEN RESSOURCEN, DA FAST NICHTS VERSCHWENDET WIRD.“

ENRICO BRIVIO PRESSESPRECHER DER EU-KOMMISSION

Solche Erklärungen haben zur Gründung verschiedener Initiativen geführt, z.B. zur Umwandlung von Abfällen zu Baustoffen oder neuen Kraftstoffen, zur Herstellung neuer Produkte aus recycelten Teilen und zur Bereitstellung von Produkten als Dienstleistung statt dem Verkauf dieser Produkte, auch als „Share Economy“ bekannt. Alle diese Trends sind Bestandteil einer größeren Bewegung, der sogenannten Kreislaufwirtschaft, bei der die Wiederverwendung und die Regeneration von Ressourcen im Mittelpunkt stehen.

„Die Kreislaufwirtschaft ist eine logische Lösung für eine Welt mit begrenzten Ressourcen, da fast nichts verschwendet wird“, so Brivio. „Die Idee ist, dass die Ressourcen in der Wirtschaft verbleiben. Wenn Produkte das Ende der Lebensdauer erreicht haben, werden die auswertbaren Materialien zur Wiederverwendung ,geerntet‘ – so entsteht ein Mehrwert.“

MANGEL VERMEIDEN

Die Ellen MacArthur Foundation ist zum Synonym für die Kreislaufwirtschaft geworden und ist eine treibende Kraft zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell. Die Stiftung wurde nach der LangstreckenSeglerin Ellen MacArthur benannt und 2010 – fünf Jahre nach ihrer damals schnellsten Solo-Weltumsegelung – gegründet. Dieser Trip war die Inspiration für die Stiftung, so MacArthur. Denn die Erfahrung, nur mit dem auskommen zu müssen, was sie an Bord hatte, habe sie gelehrt, wie weit begrenzte Ressourcen reichen könnten.

2013 begann die Stiftung mit dem Programm Circular Economy 100, und bisher sind 90 Regionen, aufstrebende Innovatoren und führende Unternehmen dem Programm beigetreten, darunter Apple, Coca-Cola, H&M, Philips, Lexmark, Kingfisher, IKEA und Novelis.

„Die Prinzipien sind für uns als Unternehmen eine Möglichkeit, etwas zurückzugeben“, sagt Chris Law, Direktor des britischen Geschäftsbereichs von Lexmark, globaler Anbieter von Druckern und Produkten zur Bilderzeugung. „Wir haben die Chance, die Ressourcen – durch Wiederverwendung von Materialien und die Verlängerung der Produkt-und Materiallebensdauer – besser zu nutzen.“

Lexmark strebt die absolute Vermeidung von Abfällen für die Mülldeponie oder Abfallverbrennung an; die vom Kunden erhaltenen alten Druckerprodukte werden recycelt oder wiederverwendet. „Wir betrachten unsere Verbrauchsmaterialien nicht als Abfall“, bemerkt Law. „Wir nehmen leere Tonerkartuschen zurück und diese werden dann entweder wieder gefüllt und verkauft oder auf eine umweltfreundliche Weise entsorgt.“

Andere Unternehmen schlagen ähnliche Wege ein. Das Modeunternehmen H&M startete 2013 ein globales Programm, das die Kunden ermutigte, Kleidung die nicht mehr getragen wurde, gegen einen Gutschein zurückzugeben. Diese Kleidung wird dann entweder als Secondhand-Kleidung verkauft, in andere Produkte wie beispielsweise Reinigungstücher verwandelt oder als Textilfasern bzw. Isoliermaterial wiederverwertet.

Im Rahmen der „Light as a Service“-Initiative des globalen Spezialisten Philips Lighting bezahlen die Kunden lediglich für das Licht, das sie benutzen. Philips bleibt der Eigentümer von allen Lampen und Installationen und ist daher für die Leistungsfähigkeit und die Haltbarkeit des Systems und damit letztendlich für die Wiederverwendung bzw. -verwertung am Ende der Lebensdauer verantwortlich.

PROBLEME LÖSEN DURCH ZUSAMMENARBEIT

Für Andy Doran, zuständig für die Entwicklung von Nachhaltigkeit und Recycling in Europa bei Novelis, dem weltweiten Marktführer für gewalzte Aluminiumprodukte, bietet die Teilnahme an Circular Economy 100 eine Gelegenheit, neue Ideen auszuloten.

„Das Programm bringt verschiedenste Firmen, Regionen und akademische Institutionen zusammen, und bei diesem aufregenden Mix scheint Innovation die gemeinsame Sprache darzustellen“, so Doran. „Wir sind stolz auf unser nachweisliches Engagement für die Kreislaufwirtschaft und teilen unsere guten, aber auch unsere schlechten Erfahrungen gerne in diesem Forum. Ich denke, wir haben auch gelernt, dass die mit Nachhaltigkeit verbundenen Herausforderungen oft leichter gelöst werden können, wenn Ideen ausgetauscht werden und neue Partner in die Organisation kommen.“

Beispielsweise arbeitet Novelis zusammen mit den Automobilunternehmen Ford und Jaguar Land Rover an einer Sache, die Doran als „geschlossenes Kreislaufsystem“ beschreibt: Ausschuss soll zurück in den Fertigungskreislauf und wertvolles Material soll beim Durchlaufen der Lieferkette nicht „downgecycelt“ werden.

„Im Zentrum unserer Strategie steht eine schnellere Zunahme unserer Recycling-Kapazitäten und -Kompetenzen“, fügt Doran hinzu. „Wir haben bedeutende Summen – 0,5 Milliarden US-Dollar in den letzten fünf Jahren – in unseren globalen Fußabdruck investiert, damit wir mehr Aluminium wiederverwerten, erneut schmelzen und zu Produkten mit kleinem CO2-Fußabdruck verarbeiten können. Aktuell verarbeiten wir in unserer globalen Fertigung über 50% wiederverwertetes Metall, das Langzeitziel ist ein Anteil von 80%.“

Doran gibt allerdings zu, dass mehr getan werden könnte. „Ich glaube nicht, dass wir bereits alle Probleme lösen konnten. Das Tempo der Änderungen wird sich jedoch hoffentlich mit der Ausbreitung der Kreislaufwirtschaft beschleunigen.“

AUSSERHALB EUROPAS

Das Interesse an Kreislaufwirtschaft ist nicht auf Europa und die USA beschränkt. In Asien wurde die Vereinigung Association of Circular Economy 2013 in China ge-gründet, um die Initiative dort zu verbreiten. Japan erließ das Gesetz für die Förderung der effektiven Ressourcennutzung in 2000. Das Gesetz regelt den Lebenszyklus von Produkten und macht die Auflage, dass Unternehmen Demontage-Anlagen betreiben und die Wiederverwendung von Materialien stärken müssen.

Sendle ist Australiens erster CO2-neutraler Paketdienst, der Pakete im ganzen Land abholt und liefert. Das Unternehmen möchte „die Logistikfirma der Kreislaufwirtschaft“ werden, und es wählt seine Auslieferer je nach CO2-Fußabdruck aus. Sendle verlässt sich auf ein sternförmiges „Hub-and-Spoke-System“, wobei Pakete in gemeinsam genutzten Lieferwagen statt wie bei Kurierdiensten in separaten Fahrzeugen transportiert werden.

Das Unternehmen ist außerdem an zwei klimafreundlichen Projekten beteiligt, die eine Klimakompensation erlauben. Das Tassie Native Forest Protection Project hilft beim Schutz der einheimischen Wälder und der biologischen Vielfalt von Tasmanien, indem es ein Geschäftsmodell anbietet, das eine Alternative zu der herkömmlichen Methode der Urbarmachung durch Roden darstellt. Das Toyola Cookstove Project in Ghana unterstützt die Entwicklung von vier brennstoffsparen-den Öfen für Privathaushalte und die kommerzielle Verwendung, die den Holzkohlebedarf zur Essenszubereitung um bis zu 50% senken können.

EINE GRÜNERE ZUKUNFT?

Die Ideen der Kreislaufwirtschaft kommen zwar in Gang, bei der Vorbereitung für dieses Konzept mussten jedoch einige Hürden überwunden werden.

Die EU-Kommission geriet 2014 in die Kritik, als das ursprüngliche Kreislaufwirtschaftspaket auf Bedenken von Wirtschaftsverbänden fallen gelassen wurde. Diese hatten bemängelt, dass der Plan die Wettbewerbsfähigkeit von Europa einschränken könnte.

Die Ankündigung noch weitergehender und ehrgeiziger Pläne wird zwar vor Ende 2015 erwartet, die Fürsprecher der Kreislaufwirtschaft sind mit der Verzögerung jedoch unzufrieden. „Es wäre besser gewesen, die Pläne auf dem Tisch zu lassen und weiter zu verbessern. Auf diese Weise hätten wir kein ganzes Jahr verloren“, sagt Janez Potočnik, der ehemalige EU-Kommissar für Umweltfragen und der Initiator des ursprünglichen Kreislaufwirtschaftsplans der EU-Kommission, der Presse. „Das Paket wäre ohne seine Rücknahme glaubwürdiger gewesen.“

Dank des ambitionierteren Pakets und der etablierten breiteren wirtschaftlichen Basis glaubt die EU-Kommission, dass sie sich wieder auf dem rechten Wege befindet. „Wir wollten uns nicht nur um den Abfall kümmern, sondern den gesamten Zyklus der Kreislaufwirtschaft berücksichtigen. Dabei sollte auch die Situation in den einzelnen Mitgliedsstaaten einfließen“, sagt Brivio. „Daher werden wir uns Zielvorgaben mit Blick auf Recycling, eine intelligentere Nutzung von Rohstoffen, intelligentes Produkt-design, die Wiederverwendung und Reparatur von Produkten und Recycling näher ansehen.”

Mit ähnlicher Absicht hat die Ellen MacArthur Foundation vor kurzem eine Anleitung für Entscheidungsträger veröffentlicht, die diese bei der Beurteilung der Anfangssituation in einem Land, der Auswahl von Zielbereichen, der Erkennung von Möglichkeiten und der Identifizierung von Barrieren unterstützen soll. „Das Toolkit stellt eine Plattform für die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Entscheidungsträgern bereit – so wächst der Impuls, der für eine Systemänderung und den Übergang zur Kreislaufwirtschaft notwendig ist“, sagt MacArthur. Letztlich glaubt Brivio, dass für eine breite Übernahme der neuen Ideen eine robustere Strategie gebraucht wird.

„Wir müssen kluge, ehrgeizige, aber auch realistische Ziele setzen und sicherstellen, dass die Grundsätze in der Praxis ordentlich umgesetzt werden“, fügt er hinzu. „Wir brauchen einen Kombinationsansatz, der bessere rechtliche Vorgaben mit Marktinstrumenten, Forschung und Innovation, Anreizen, Informationsaustausch und Unterstützung von freiwilligen Initiativen verbindet. Auf diese Weise hätten die Unternehmen Zugang zu konkreten Tools, Instrumenten und Anreizen, um den Übergang zur Kreislaufwirtschaft zu schaffen.“

FÜNF GESCHÄFTSMODELLE, DIE DIE KREISLAUFWIRTSCHAFT ANTREIBEN

Die Rückführung von Materialien sorgt für vollständig erneuerbare, wiederverwendbare oder biologisch abbaubare Ressourcen, die die Grundlage für die Produktion und Verbrauchersysteme der Kreislaufwirtschaft bilden.
Ressourcensparende Maßnahmen ermöglichen Unternehmen, Materialverluste zu vermeiden und von der Rückgabe von Produkten einen Vorteil zu erwirtschaften.
Die Verlängerung des Produktlebenszyklus, so dass der Wert, der sonst in Form von Abfall verloren geht, erhalten bleibt oder durch Reparatur, Aufrüstung, Neuanfertigung und Neuvermarktung
der Produkte gesteigert wird.
Plattformen für Sharing, die die Zusammenarbeit zwischen den Produktnutzern, d.h. Einzelpersonen aber auch Organisationen, fördern.
PaaS (Product as a Service) stellt eine Alternative zum Eigentumsmodell dar. Produkte werden von einem oder auch mehreren Kunden im Rahmen von Leasing- oder Mietvereinbarungen genutzt.

(Quelle: Accenture)

von Sean Dudley Zurück zum Seitenbeginn