COMPASS MAGAZINE #10
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KULTUR IN GEFAHR Der Schutz der Vielfalt in einer globalisierten Welt erfordert Fingerspitzengefühl

Weltweit versuchen Gesellschaften, ihre eigenen Kulturen vor der drohenden Homogenisierung zu bewahren. Doch Globalisierung und digitale Kommunikation – also dieselben Kräfte, die die Standardisierung vorantreiben – könnten auch eine lebendige, multikulturelle Welt schaffen.

Geschichten, Ortsnamen, Kunst, Fernsehen, Literatur und Musik sind nur einige wichtige Elemente, die zur Geschichte einer Gesellschaft bei- tragen und deren aktuelle und zukünftige kulturelle Identität ausmachen. Doch diese Elemente sind nicht in Stein gemeißelt. Einheimische schreien empört auf, ange­sichts der lauernden Gefahren für die Landeskultur – sei es das Verschwinden der gälischen Sprache in Schottland und Irland oder der Einzug internationaler Modeketten auf den Champs Élysées in Paris, die diese berühmte Meile in den Worten des New York Times Journalisten Steve Erlanger nun „viel weniger französisch“ wirken lassen.

Für viele wird es immer wichtiger, die Landeskultur vor den homogenisierenden Auswirkungen der schnelllebigen, digita­l­isierten Globalisierung zu schützen. Doch Experten zufolge ist es auch unerlässlich, die Weiterentwicklung der Kultur in dieser immer globalisierteren Welt zuzulassen.

„Man kann immer etwas für den Schutz der Kultur tun“, sagt Cecile Duvelle, Leiterin der Sektion für ideelles Kulturerbe in der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO). „Es ist jedoch unmöglich, eine Kultur so abzuschotten, dass sie weder durch die Evolution noch durch Wandel jeglicher Art beeinflusst wird. Kulturen sind lebendig und haben sich im Verlauf der Jahre enorm verändert. Darum sollten wir uns vor der Global­i­sierung nicht fürchten. Diese hat zwar einen Einfluss auf alle Kulturen, bietet ihnen aber auch unendlich viele Möglich­keiten, sich weiterzuentwickeln und neue Ausdrucksformen zu finden.“

Diese neuen Ausdrucksformen werden von vielen Quellen gespeist, nicht zuletzt auch von den digitalen Medien, die eine weltweite Kommunikation, die Interaktion mit anderen Kulturen und im Falle von Filmen, Fernsehprogrammen und Musik auch die globale Verbreitung ermöglichen. Doch der Widerstand gegen diese Art der Evolution ist ein altbekanntes Generationen­problem.

„Mit zunehmendem Alter bedauern wir mehr und mehr, dass einige kulturelle Güter verschwinden und die neuen Kul­turen immer ähnlicher wirken. Ein Grund dafür ist, dass wir oft nicht bereit sind, neue Kulturformen als solche anzu­erkennen“, sagt Duvelle. „Zwar können wir das Verschwinden von Kultur und kultureller Vielseitigkeit nicht bestreiten, doch dabei entstehen auch vielfältige neue Ausdrucksformen.“

DIE GESPROCHENE SPRACHE

Bei der Bewahrung des kulturellen Erbes kommt der Sprache und den Dialekten eine große Bedeutung zu. „Wenn wir Dialekte bewahren möchten, ist die gesamte Gesellschaft gefordert,“ so Dr. William Lamb, Dozent für schottische Ethnologie an der University of Edinburgh in Schottland. „Lokale Sprachen und Dialekte sind ein wesentlicher Bestandteil unserer kollektiven Sprach- und Kultur­ge­schichte.“

Maßnahmen, wie subventionierte zwei­sprachige Hinweisschilder oder Fernsehsender und Schulunterricht in lokaler Sprache, können das Ansehen einer Sprache steigern. In Schottland wurden damit für das Gälische bereits einige Er­folge erzielt. Aber können Sprachen und Dialekte wirklich unverändert bleiben, während sich die Welt der Kommunikation um sie herum weiterentwickelt? „Steigt das Bewusstsein für die Sprache, werden die Menschen sie häufiger benutzen und so ihren Fortbestand von einer Generation zur nächsten sichern“, ist sich Lamb sicher. „Doch wie wir sprechen und schreiben, verändert sich im Laufe der Zeit stark. Und wir wissen, dass es nahezu unmöglich ist, Kontrolle über das Sprachverhalten der Bevölkerung auszuüben.“

„Lokale sprachen und dialekte sind ein wesentlicher bestandteil unserer kollektiven sprach- und kulturgeschichte.“

Dr. William Lamb Dozent Für Schottische Ethnologie An Der University Of Edinburgh In Schottland

Lamb ist der Überzeugung, dass sich in Schottland ein neuer Dialekt des Gälischen entwickeln wird, in dem die Aussprachen der verschiedenen gälischen Dialekte, die Kinder von ihren Lehrern hören, miteinander verschmelzen. Und obwohl der Verlust lokaler Dialekte schmerzlich ist, ist eine solche Entwicklung doch besser, als die Sprache komplett aussterben zu lassen. „Wie in vielen anderen Bereichen auch, gibt es bei der sprachlichen Homogen­i­sierung gute und schlechte Seiten“, sagt Lamb. „Wenn Kinder stolz auf ihre Sprache sind, sie untereinander benutzen und sie schließlich auch ihren eigenen Kindern vermitteln, gibt es eine Zukunft für jede Sprache. Das ist der Maßstab, nach dem wir alle Eingriffe und Beobachtungen, die wir mit dem Gälischen oder jeder anderen Minderheitensprache gemacht haben, beurteilen sollten.“

Doch es gibt auch Länder, die mit allen Mitteln die Reinheit ihrer Landessprache verteidigen. Denken wir nur an Frankreich, wo die Regierung vor Kurzem den Begriff „Hashtag“ aus dem Bereich der sozialen Medien verbannt und durch das Wort „mot-dièse“ ersetzt hat.

Und dennoch ist der Sprachwissenschaftler Nicholas Ostler, Vorsitzender der britischen Gesellschaft für bedrohte Sprachen, der Meinung, dass das Internet den Einzug des Englischen als Lingua franca, einer Sprache, in der sich Menschen mit unter­- schiedlichen Muttersprachen austauschen können, verzögern könnte. Warum? Weil Online-Übersetzungsprogramme schneller, leistungsfähiger und präziser werden und nicht zuletzt, weil sie kosten­los sind. „Wachstum im Internet basiert hauptsächlich auf der Vielfalt der Sprachen, nicht auf deren Konzentr­ierung“, schrieb Ostler in seinem Buch The Last Lingua Franca: English until the return of Babel.Eine perfekte, sofortige Übersetzung kann bisher aber noch kein Tool bieten. Doch gemäß Ostlers Sicht auf die sprachliche Zukunft unterstützt das Internet eher die Vielfältigkeit, als dass es einen homogenisierenden Einfluss hätte.

EIN GLOBALES DORF

Wahrscheinlich ist es nicht überraschend, dass Maßnahmen zur Bewahrung der lokalen Kultur in einem globalen Kontext angesiedelt sind. So haben beispielsweise viele Regierungen von Australien bis Venezuela Quoten eingeführt, die regeln, dass ein bestimmter Prozentsatz an Radio- und Fernsehsendungen in der Landessprache erfolgen oder die Landeskultur widerspiegeln muss.

In Kanada muss zum Beispiel ein bestimm­ter Prozentsatz von Radio- und Fernseh­sendungen, einschließlich Kabel- und Satellitenprogramme, zumindest zum Teil von Kanadiern geschrieben, produziert oder präsentiert werden. Gemäß einer Richtlinie der kanadischen Kommission für Radio, Fernsehen und Telekommuni­kation müssen auf sowohl französisch- wie auch englischsprachigen Radiosendern mindestens 35% der gesendeten Musik kanadischen Ursprungs sein.

Laut Charles Vallerand, Geschäftsführer des kanadischen Bündnisses für kulturelle Vielfalt, sollen solche Maßnahmen nicht die Globalisierung verhindern, sondern lediglich dem heimischen Kulturgut einen Platz in dieser globalisierten Welt sichern. „Wir möchten uns damit nicht abschotten oder ausländische Inhalte verbieten“, versichert Vallerand, „sondern lediglich unsere eigenen kulturellen Werte schützen. Dafür haben Kanada und Frankreich mit ihren Quoten oder Zuschüssen für Rundfunk- und Fernsehübertragungen gesorgt. Denn dort hören und sehen wir so viele ausländische Beiträge, dass wir etwas Raum für unsere Eigen­produk­tionen schaffen müssen.“

Im Jahre 2005 hat die UNESCO das Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen verabschiedet, das Bemühungen zum Schutz und zur weltweiten Verbreitung der lokalen Kulturen unterstützt. Berichte aus dem Jahr 2012 belegen, dass ein globaler Ansatz für viele kulturpolitische Entscheidungen unabdingbar ist.

„Die lokale kultur zu schützen und die vielfalt zu bewahren, ist ein weg, sich an die globalisierung anzupassen, nicht sich ihr zu verschliessen.“

Cecile Duvelle Leiterin Der Sektion Für Ideelles Kulturerbe In Der Rganisation Der Vereinten Nationen Für Erziehung, Wissenschaft Und Kultur (UNESCO)

In Brasilien unterstützt eine Richtlinie die Filmproduzenten des Landes dabei, die Arbeit nach internationalen Branchen­standards zu erlernen, damit sie auf internationaler Ebene sowohl Partner­schaften eingehen als auch Investoren finden können. Das in Frankreich eingeführte Programm zur Förderung und Bewahrung der kulturellen Vielfalt im Buchsektor – bei den digitalen wie den gedruckten Exemplaren – wurde mittlerweile zum Vorbild für andere Länder Europas und Lateinamerikas.

„Das Bestreben ist es, stark verwurzelte Traditionen am Leben zu erhalten und sich dennoch als Teil des globalen Dorfs zu fühlen“, sagt Duvelle. „Selbst in den entwickelten Ländern möchte man traditionelle Musik, Kunstwerke und Gebräuche nicht missen. Und das gilt nicht nur für die älteren Menschen, sondern auch für die Jungen, weil sie sehr stolz auf ihre Kultur sind. Sie möchten Anerkennung dafür erfahren und sind stolz, als Weltenbürger Teil davon zu sein. Die USA sind ein gutes Beispiel für eine sehr vielfältige Nation. Dort erkennen alle diese innere Vielfalt an und besitzen trotzdem ein starkes Nationalitätsbewusstsein. Selbst mit all den verschiedenen Sprachen bewahren sich die USA eine starke kulturelle Identität.“

DIGITALE ZUKUNFT

Das Übereinkommen der UNESCO kon­zent­riert sich nicht nur auf den Schutz der kulturellen Vielfalt, sondern auch auf deren Verbreitung über alle zur Verfügung stehenden Medien. In dem Bestreben vieler Gesellschaften gründet der Vielfaltsgedanke darauf, die Unter­schiede zu würdigen und den Austausch zu för­dern. Diese beiden Aspekte werden auf globaler Ebene durch digitale Techn­ologien ermöglicht, wodurch sich schließlich das Handelsumfeld für Kulturgüter verändert.

Im Handel hat sich der Schwerpunkt auf den elektronischen Geschäfts­verkehr verlagert, insbesondere bei der elektronischen Übertragung von Funk- und Fernsehdiensten. „Man einigt sich bei kulturellen Werken gelegentlich auf Ausnahmeregelungen, Quoten, Fördermittel oder ähnliches, aber wenn es um den elektronischen Geschäfts­verkehr geht, bestehen alle Beteiligten auf eine Liberalisierung“, sagt Vallerand. „Dieses neue Handelsformat, das die Zukunft von Übertragungen jeglicher Art sein wird, als ein Produkt anzuerkennen, und es nicht mehr als eine Dienstleistung zu verstehen, wird die Liberalisierung des Handels noch weiter fortschreiten lassen.“

Sämtliche Auswirkungen einer zunehmend globalisierten, digitalen Welt auf den kulturellen Austausch sind noch nicht klar. Doch man ist sich bewusst, dass es die Vielfältigkeit zu bewahren gilt und es dabei wenig Platz für isolationistisches Verhalten bei der Schaffung einer kul­turellen Identität gibt.

„Die Globalisierung hat uns den Zugang zu Kulturen gewährt – sei es durch neue Kommunikationskanäle oder die Möglich­keit des Reisens – die uns vor 20 oder 30 Jahren noch verschlossen waren“, sagt Duvelle. „Die kulturelle Vielfalt kann sich nicht selbst schützen. Und wenn wir dies nicht tun, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn schon bald einige Dinge verschwunden sind. Kultur und Globalisierung schließen einander jedoch nicht aus, auch wenn es manchmal den Anschein haben könnte. Die lokale Kultur zu schützen und die Vielfalt zu bewahren, ist ein Weg, sich an die Globalisierung anzupassen, nicht sich ihr zu verschließen.“ ◆

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von Jacqui Griffiths