COMPASS MAGAZINE #10
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LOUIS VUITTONS NEUESTES WAHRZEICHEN Das Juwel im Bois de Boulogne

In diesem Herbst wird die „Louis Vuitton Foundation for Creation“ ihre Glastüren zum Park Bois de Boulogne in Paris öffnen und die bildenden Künste feiern, während sie ein einzigartiges technologisches Meisterwerk präsentiert.

Ein Raumschiff, eine Wolke, eine kristallene Schmetterlingspuppe: Es gibt viele Metaphern, mit denen sich das neue Kunstmuseum der „Louis Vuitton Foundation for Creation“ be ­ schreiben lässt, das diesen Herbst eröffnet wird. Diese glitzernde, gläserne Struktur, die aus einem gemeinsamen Traum des Architekten Frank Gehry und von Bernard Arnault CEO von LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) und Verwalter einer der weltweit größten privaten Kunstsammlungen, entstand, ist das neue architektonische Juwel im Westen von Paris.

„Künstlerisches Schaffen stand im Modehaus Louis Vuitton stets im Mittelpunkt“, sagt Christian Reyne, stellvertretender Direktor der Stiftung. „Mit diesem international hochgelobten Bauwerk bieten wir einen einmaligen Ort für eine kulturelle Verschnaufpause im Westteil von Paris.“

Das künstlerische Programm bleibt ein Geheimnis, aber die Stiftung wird Dauer­ und Sonderausstellungen von moderner und zeitgenössischer Kunst zeigen, aber auch Ort für Veran­ staltungen und Konferenzen sein. Bei der Eröffnung werden viele der Ausstellungsstücke zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt.

BRUCH MIT DER TRADITION

Das zweite in der französischen Hauptstadt errichtete Bauwerk des kanadisch­amerikanischen Architekten entspricht so gar nicht dem unverkennbaren Stil von Gehry. Die Besucher werden hier kein Metallgehäuse oder verformte geometrische Körper vorfinden. Vielmehr besitzt das neue Gebäude der Stiftung eine luftige Silhouette, die mit ihren gläsernen Flügeln über dem Wald zu schweben scheint.

Schon bald werden hier 11 Ausstellungs­ säle für rund 400 Gäste in einem flexiblen, modularen Raum entstehen. In den beiden überlappenden Komplexen des Stiftungsgebäudes sind die unter schiedlichen Bereiche für Empfang, Unterhaltung, Freizeit und Forschung untergebracht. Der sogenannte „Eisberg“ bildet die Grundstruktur des Gebäudes. Er besteht aus Stahlbeton, Stahl

„BEI SOLCH EINEM PROJEKT, DAS STÄNDIGE TECHNOLOGISCHE INNOVATION ERFORDERT, IST DIE NAHTLOSE ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN ALLEN BETEILIGTEN UNERLÄSSLICH.”

CHRISTIAN REYNE STELLVERTRETENDER DIREKTOR, LOUIS VUITTON FOUNDATION FOR CREATION

und Holz und wurde mit rund 19.000 weißen Betonplatten verkleidet. Um ihn herum befindet sich die gläserne Über konstruktion, die aus 12 aus ­ ladenden Se geln aus gebogenem Glas mit einer Spann weite von je 30 Metern gebildet wird. Die Segel haben einen Stahl­und Holzrahmen, bedeckt mit einem Aluminiumnetz, das wiederum die 3.400 Glaspanele trägt.

STÄNDIGE INNOVATION

Die Entwicklung des Designs nahm 13 Jahre in Anspruch. „Dies ist eine einzi gartige Kreation – ohne Zweifel einer der kühnsten Entwürfe von Frank Gehry“, sagt Reyne.

Drei Jahre nachdem sich Gehry mit Arnault getroffen und erste Skizzen angefertigt hatte, begannen in seinem Büro Gehry Partners die Arbeiten an dem Architekturmodell. Im folgenden Jahr beauftragte LVMH die Agentur Studios Architecture mit dem Projektmanagement.

„Wir kannten LVMH bereits, weil wir die Innenausstattung von zwei ihrer Bürogebäude geplant hatten“, sagt James Cowey, CEO der Agentur. „Und mit Gehry haben wir gemeinsam am IAC­Gebäude in New York gearbeitet. Aber wir hatten keine Ahnung, was da auf uns zukommen würde.“

Renaud Farrenq, der verantwortliche Projektingenieur bei Studios Architecture, zählt einige Herausforderungen auf: „Unvorhersehbare Bögen und Gegen­ bögen im Hauptgebäude, extrem anspruchsvolle Lastberechnungen, millimetergenaues Biegen der Glas­ scheiben, die Suche nach Partnern in der Industrie, die Arbeiten aus führen konnten, für die es keine Erfahrungswerte gab, und auch die Brand­ und Windlastprüfungen.“

EIN EINZIGARTIGES GEMEINSAMES ARBEITSUMFELD

Über 800 Menschen arbeiteten gleichzeitig an der Planung und 750 Arbeiter kamen während des Baus dazu.

„Bei solch einem Projekt, das ständige technologische Innovation erfordert, ist die nahtlose Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten unerlässlich“, sagt Reyne. „Wir hatten darum entschieden, alle Teams – Architekten, Ingenieure und Bauarbeiter – am selben Ort arbeiten zu lassen. Außerdem vertrauten wir alle auf dasselbe Tool: eine 3D­Konstruktionssoftware.“

Die Software, die von Gehry Technologies als Erweiterung einer dreidimensionalen (3D) computergestützten Konstruktions­ lösung programmiert wurde, die ursprünglich für die Luftfahrtbranche entwickelt worden war, fasst die Daten aller Gewerke zusammen und ermöglicht es allen Beteiligten, Informationen in Echtzeit miteinander zu teilen.

„Diese Software wurde bei einem Bauvorhaben in Frankreich erstmalig eingesetzt“, sagt Cowey. „Wir mussten sie also an die dortigen Gegebenheiten anpassen. Aber ohne Zweifel spielte sie eine Schlüsselrolle für den erfolgreichen Abschluss eines Projekts, das in vielen Bereichen an die Grenzen des Möglichen ging.“

Der Einsatz dieser Software bescherte der Louis Vuitton Foundation den BIM Excellence Award (BIM = Gebäudedaten­ modellierung) des amerikanischen Architekt enverbands. ◆

EIN PIONIER FÜR ÖKOLOGISCHES BAUEN

Das Gebäude der Louis Vuitton Foundation meisterte viele ökologische Herausforderungen, darunter die Erdwärmenutzung, Hochleistungsdämmung, Recyclingmaterialien, passive Kühlung, Regenwassernutzung und Baustellenmanagement.

„Sein ökologisches Design verleiht dem Projekt ein äußerst nachhaltiges Profil, das sich in der umfassenden HQE-Zertifizierung (HQE = High Environmental Quality, also einer hohen Umweltqualität) widerspiegelt“, sagt Renaud Farrenq, verantwortlicher Projektingenieur bei Studios Architecture in Paris.

von Dominique Fidel Zurück zum Seitenbeginn