COMPASS MAGAZINE #10
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MEIN ROBOTER MEIN FREUND? Vermenschlichung von Robotern wirft ethische Fragen auf

Da Roboter immer häufiger Überlebende von Katastrophen trösten, sich um Kinder und Ältere kümmern und einsamen Menschen Gesellschaft leisten, bietet sich die Gelegenheit – und das Risiko – die Mensch-Maschine-Beziehungen neu zu definieren.

Am 3. August 2013 erhellte sich der morgendliche Himmel über dem Tanegashima Space Center in Südjapan, als eine Rakete zündete, die in einem unbemannten Raumfrachter 3,5 Tonnen Vorräte zur Internationalen Raumstation und deren sechs Besatzungs­mitgliedern bringen sollte.
Neben Wasser, Lebensmitteln, Ersatzteilen und Werkzeugen befand sich auch Kirobo an Bord, ein 34 Zentimeter großer Roboter, der wie eine Puppe aussieht. Aber Kirobo ist kein Spielzeug; er ist der Gefährte des  Astronauten Koichi Wakata in der Raumstation. Er wurde so programmiert, dass er Wakatas Gemütszustand erkennt und ihm ein bereitwilliger, lernbegieriger japanischer Gesprächspartner ist, der die Belastungen eines langen Weltraum­aufenthalts mildern soll.

Kirobo und sein auf der Erde gebliebenes Gegenstück Mirata sind Teil des Kibo Robot Projekts. Sie wurden von Wissen­schaftlern und Ingenieuren am Research Center for Advanced Science and Technology der Universität von Tokio in Zusammen­arbeit mit Toyota Motor, der in Japan ansässigen Robo Garage und dem Unter­nehmen für Öffentlichkeitsarbeit Dentsu erschaffen, um die Mensch-Roboter-Interaktion zu studieren. Warum? Kirobo hat diese Frage selbst bei einer Pressever­anstaltung auf Japanisch beantwortet: „Ich möchte dabei helfen, eine Welt zu erschaffen, in der Menschen und Roboter miteinander leben können.“

MITTEN UNTER UNS

In den vergangenen Jahrzehnten haben gesichtslose Industrieroboter die moderne Fertigung transformiert. Andere Maschinen – Flugticketschalter, Geldautomaten, automatische Supermarkt­kassen – haben die soziale Interaktion mit Menschen durch Technik ersetzt. Aber Roboter, die lernen, sich anpassen und Menschen dazu verleiten, emotionale Bindungen mit ihnen einzugehen, stel­len die allgemeine Vorstellung, was einen Menschen ausmacht, infrage.

Roboter umgeben uns schon seit Jahrzehnten; meist als Arbeitskräfte, deren Aufmerksamkeit nie schwindet, die bei wiederholenden Arbeiten nicht in Langeweile verfallen und die nie um Urlaub bitten.

Doch Serviceroboter helfen den Menschen direkt. Professionelle Serviceroboter werden meist im Militärbereich (über 40%), in der Medizinbranche, der Logistik, auf dem Bau oder unter Wasser eingesetzt. Persönliche Haushaltsroboter werden in erster Linie zum Hausputz, für Gar­t­enarbeiten, zur Unterhaltung, zur Lehre oder Forschung verwendet.

Mit 1,2 Milliarden US-Dollar Umsatz ist der weltweite Markt für Haushalts­roboter noch klein, aber laut dem Bran­ch­enverband International Federation of Robotics (IFR) sind die Verkaufszahlen von 2011 auf 2012 um 20% gestiegen.

WIE SPRICHT MAN MIT ROBOTERN?

Roboterforscher erkunden derzeit die Fülle unseres menschlich-sozialen Umfelds: unseren Humor und unsere Sprache, regionale umgangssprachliche Ausdrücke und kulturelle Bezüge, unsere Stimmungen und Emotionen, Gesichtsausdrücke und Körpersprache – und sogar wie wir mit den anderen Maschinen interagieren, die wir jeden Tag ganz selbstverständlich gebrauchen.

 

„ICH MÖCHTE DABEI HELFEN,EINE WELT ZU ERSCHAFFEN,IN DER MENSCHEN UND ROBOTER MITEINANDER LEBEN KÖNNEN.”

KIROBO DER ERSTE ROBOTER IM ALL

Diese Forschung hat zu großen Fort­schritten bei evolutionären und adaptiven Lern- und Kognitionstechnologien, bei autonomen Systemen mit somato­sensorischer Steuerung (eine Nachbildung der biologischen Mechanismen für alles, was unser Körper fühlt) und bei intelligenter Sensorik geführt. IBM und die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), eine Behörde des Verteidigungsministeriums der USA, sind auf dem besten Wege, einen neuromorphen Chip zu entwickeln, der die Neuronen, Synapsen und Verknüpfungen im Gehirn eines Säugetiers nachahmt.

Forscher arbeiten auch mit Weichgeweben, die Haut nachbilden und die flüssigen Gesichtsbewegungen sowie selbst kleinste Gefühlsregungen imitieren, die wir als Menschen in den Augen und der Körpersprache eines anderen erkennen können. Diese Technologie entwickelt sich so rasch weiter, dass sich Forscher und Ingenieure mit Psychologen, Soziologen, Philosophen und Rechtswissenschaftlern zusammenge­schlossen haben, um die Auswirkungen dieser nicht allzu fernen Zukunft zu untersuchen, in der Roboter und Menschen soziale Beziehungen zueinander aufbauen werden.

WIR BEKOMMEN BESUCH

Heather Knight ist die Eigentümerin von Marilyn Monrobot Labs in New York City, New York (USA), und Roboterforscherin für die NASA, das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und das Carnegie Mellon Robotics Institute.

Knight glaubt, dass Roboter die verfüh­rer­ischste der menschlichen Eigenschaften besitzen können: Charisma. „Im Idealfall werden sie nicht nur Zuversicht, Rücksicht, Interesse, Langeweile oder Rührung projizieren, wenn dies sozial angemessen erscheint, sondern sie werden in uns den Wunsch wecken, sie um uns haben zu wollen“, schrieb sie im April 2013 in der Zeitschrift Wired.

„Autistische Kinder fühlen sich stark zu Robotern hingezogen“, sagt Kerstin Dautenhahn, Professorin für künstliche Intelligenz an der School of Computer Science der britischen University of Hertfordshire. Seit 1998 untersucht Dautenhahn die Beziehungen zwischen autistischen Kindern und Robotern und hat festgestellt, dass sich der richtige Roboter als „ein sicheres, vorhersehbares, unvoreingenommenes und unterhaltsames Gegenüber“ für diese spezielle Gruppe erweist.

Auch die Senioren werden sehr wahr­scheinlich eine Bindung mit Robotern eingehen. Dautenhahns Forschung untersucht, wie Roboter den Senioren in deren Zuhause physisch, kognitiv und sozial behilflich sein können, und legt den Schwerpunkt der Entwicklung darauf, soziale Roboter für die einzelnen Nutzer zu personalisieren.

Die ersten Versuche finden bereits in Japan statt. „Japan besitzt die am schnellsten alternde Bevölkerung der Welt“, sagt Atsuo Takanishi, Professor für Maschinenbau und Direktor des Humanoid Robotics Institute an der Waseda Universität. „Wahrscheinlich ist Japan momentan das Epizentrum der Roboterforschung und kommerziellen Roboterentwicklung.“

ROBOTER UND NEUE REGELN

Laut der aktuellen Eurobarometer-Umfrage mögen auch Europäer Roboter, aber viele Beobachter fragen sich, ob die Gesellschaft schon bereit ist, soziale Roboter zu integrieren. Kritiker haben kürzlich die Alarmglocken geläutet, weil immer mehr Anbieter Roboter für die Betreuung von Kindern verkaufen wollen.

„Mich beunruhigt ein Produkt, das als kindersicherer Roboter beworben wird“, sagt Dautenhahn. „Viele Eltern würden diesem Versprechen glauben. Wir können nicht so tun, als ob Roboter die emotio­nalen Bedürfnisse von Kindern befriedigen könnten.“

Anniina Huttunen, Doktorandin an der Graduate School of Law in a Changing World und dem Institute of International Economic Law (KATTI) an der Universität Helsinki, Finnland, führt Untersuchungen zu künstlicher Intelligenz und Robotik durch. Sie sagt, dass die Zunahme intelligenter Systeme auch Fragen des geistigen Eigentumsrechts, der Eigen­tümerschaft und der Haftung aufwirft, wie beispielsweise die, wer verant­wortlich ist, wenn ein Roboter jemanden verletzt. Ist es der Eigentümer oder der Roboter selbst? Die aktuellen Gesetze decken solche Fälle nicht ab.

Sherry Turkle, Professorin für soziale Studien in Wissenschaft und Technologie am MIT in Boston, Massachusetts (USA), untersucht seit 30 Jahren, wie Menschen mit Maschinen interagieren. In ihrem neuesten Buch Alone Together: Why We Expect More from Technology and Less from Each Other beschreibt Turkle einen beunruhigenden Trend, bei dem Menschen vermehrt menschliche Be­ziehungen auf Roboter, Telefone und Computer übertragen. Vor der American Association for the Advancement of Science sagte sie, wir seien bei dieser Roboterbewegung angelangt, „nicht weil wir Roboter erschaffen haben, die es wert sind, dass wir uns mit ihnen beschäftigen, sondern weil wir bereit sind, Roboter als unsere Begleiter anzunehmen.“

NEUE GENERATIONEN, NEUE EINSTELLUNGEN

Mittlerweile hat der Astronauten-Freund Kirobo die Fantasie der japanischen Kinder beflügelt. Wenn diese Kinder erwachsen sind, werde die Vorstellung, einen Roboter als Kameraden zu haben, ganz selbstverständlich sein, sagt Dautenhahn.

„Die Senioren der Zukunft werden mit dem iPhone aufgewachsen sein und sie werden eine andere Beziehung zu Technologie haben“, sagt sie. „Die Akzeptanz wird zunehmen. Der Roboter wird ins Leben integriert, anstatt nur ein weiteres nützliches Gerät zu sein.“

Die Roboterentwicklerin Knight glaubt, dass diese Integration bereits begonnen hat. „Wir sind doch schon jetzt Cyborgs, die mit ihren Handys, ihren Social-Media- Identitäten und Apps verwachsen sind“, schreibt sie. „Wir brauchen keine Roboter als Ersatzliebhaber oder -freunde, Menschen sind dafür bei Weitem besser geeignet. Aber Roboter sind fantastische Wegbereiter dafür.“ ◆

http://www.youtube.com/watch?v=VcuFk-QK5CM

von Dan Headrick Zurück zum Seitenbeginn