COMPASS MAGAZINE #10
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VON HAND zu HAND Sharing-Bewegung gewinnt unter den Konsumenten immer mehr Anhänger

Internettechnologien haben das weiträumige Teilen digitaler Dateien, wie Filme und Musik, möglich gemacht. Indessen ist dieser Trend auf echte Produkte übergegangen und veranlasst Menschen dazu, selbst Lebensmittel, Autos und sogar Immobilien miteinander zu teilen. Ist diese Entwicklung gut für die Gemeinschaft oder beeinträchtigt sie unseren persönlichen Freiraum?

Lauren Anderson, Vordenkerin auf dem Gebiet der sozialen Innovationen, bezeichnet die in der Gesellschaft aufkommende Lust am Teilen von Gütern und Dienstleistungen als „Collaborative Consumption“ (zu Deutsch: Gemeinschafts­konsum). Andere nennen sie Sharing Economy oder Peer-to-Peer-Marktplatz. Diese Lebenseinstellung wird von völlig neuen Dienstleistungen getragen, wie das in Cambridge, Massachusetts, beheimatete Car-Sharing-Unternehmen Zipcar oder der in San Francisco, Kalifornien, ansässige Onlinemarktplatz für Wohnraum-Sharing Airbnb. Beides sind Plattformen aus den USA, die meist über das Internet Menschen miteinander verbinden, die bereit sind, Güter mit anderen zu teilen, die sich bisher jeder selbst gekauft hat.

„Für uns bedeutet Collaborative Consumption die Neuerfindung traditioneller Geschäfts­­modelle mittels Technologie“, erklärt Anderson, Chief Knowledge Officer und Mitbegründerin der Internetplattform collaborativeconsumption.org, einer Online-Ressource für die Sharing-Gemeinde. „Es ermöglicht den Handel und Tausch von Gütern in einem Maße und auf eine Art und Weise, wie es vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Wir schauen danach, wie uns Technologie beim Vernetzen und Zusammenarbeiten unterstützen und unser Konsumverhalten effizienter gestalten kann.“

Anderson glaubt, dass die Hauptgründe, weshalb die Menschen lieber teilen als besitzen möchten, im langen wirt­schaftlichen Abschwung, im gestiegenen Umweltbewusstsein, im Vormarsch der sozialen Medien und mobilen Technologien sowie in einer veränderten Einstellung der Bürger zu finden sind. Viele Menschen möchten ihr Leben wieder vereinfachen, indem sie selbst weniger „Dinge“ besitzen – und damit auch von weniger in Besitz genommen werden.

Das Sharing hat so extrem an Fahrt aufgenommen, dass es die Zeitschrift Time erst kürzlich zu den zehn Ideen zählte, die die Welt verändern werden. Doch trotz der Beliebtheit dieser Bewegung haben Kritiker Bedenken, dass die persönlichen Risiken höher sein könnten als die gemeinschaftlichen Vorteile.

EIN MODERNER MARKTPLATZ

„Viele Sharing-Aktivitäten entstanden als Reaktion auf die weltweite Finanzkrise, als die Menschen realisierten, dass sie zukünftig anders mit Geld umgehen müssen als bisher“, sagt Anderson. „Wir haben das Vertrauen in große Firmen verloren, die unser Geld verjubelt haben, und uns wurde klar, dass wir uns nicht mehr auf diese Hierarchien verlassen konnten. Wir mussten wieder mehr Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt im Umgang mit Geld und beim Sparen walten lassen.“

„DIESE BEWEGUNG STÄRKT DIE GEMEINSCHAFT UND WENN MAN ES VON DIESER SEITE BETRACHTET, BIRGT SIE VIEL MEHR CHANCEN ALS PROBLEME.”

LAUREN ANDERSON CHIEF KNOWLEDGE OFFICER UND MITBEGRÜNDERIN, COLLABORATIVECONSUMPTION.COM

Aus dieser Genügsamkeit entwickelte sich eine florierende neue Branche. Forbes berichtete 2013, dass „der Erlös, der durch das Sharing direkt in den Geld­beuteln der Menschen hängenbleibt, in diesem Jahr die Marke von 3,5 Milliarden US-Dollar übertreffen und somit ein Wachstum von über 25% erreichen wird.“

Rachel Botsman, Autorin des Buchs What’s Mine is Yours: How Collaborative Consumption is Changing the Way We Live, schätzt, dass die Sharing Economy derzeit fast 26 Milliarden US-Dollar wert sein könnte. Bei solch rasanten Wachstumsraten, so sagt sie, würden die Grenzen zwischen den ethischen Praktiken des Teilens und der traditionellen Unternehmensinfrastruktur immer mehr verschwimmen.

DIE GROSSEN DER BRANCHE

Ohne Frage ist die etablierteste Nische auf dem Sharing-Markt das Car-Sharing, bei dem die Teilnehmer die Vorteile eines Pkw nutzen können, ohne die Verpflichtungen und Ausgaben für ein eigenes Auto zu haben. Research, ein globales Markt­forschungs- und Beratungs­unternehmen sagte 2013 in einem Gutachten voraus, dass die weltweiten Umsätze im Car-Sharing 2013 rund 1Milliarde US-Dollar erreichen und bis 2020 auf 6,2 Milliarden US-Dollar steigen werden.

Wenn Eigentum betroffen ist, funktioniert das Sharing etwas anders. Für Häuser und Wohnungen, ob Mietobjekte oder Eigentum, wird meist eine etwas länger­fristigere Vereinbarung getroffen. Aber Wohneigentum kann (in den meisten Städten) auch kurzfristig mit anderen geteilt werden und damit eine Alter­native zu Hotels darstellen.

Eine Wohngemeinschaft in San Francisco entschied sich 2008 dazu, ihre Wohnung an Teilnehmer einer Design-Konferenz zu vermieten. Das war die Geburtsstunde von Airbnb, „einem bewährten gemein­schaftlichen Marktplatz, auf dem Menschen einzigartige Unterkünfte auf der ganzen Welt inserieren, entdecken und buchen können“. Heute führt Airbnb auf seiner Webseite über 500.000 Unterkünfte in 192 Ländern.

Wie bei vielen anderen Online-Diensten, die Menschen miteinander verbinden – allen voran eBay – basiert der Erfolg auf der Ehrlichkeit und Vertrauens­würdigkeit der Nutzer. „Für diese neue Art von Wirtschaft ist Reputation der entscheidende Faktor. Die Tatsache, dass sich das Verhalten in bestimmten Netzwerken auch auf den eigenen Ruf und die Möglichkeiten in anderen Online-Communitys auswirkt, ist Teil eines Kulturwandels”, sagt Botsman in einem Artikel der New York Times.

Airbnb hat auf die harte Tour erfahren, dass Vertrauen nicht immer vorausgesetzt werden kann. Nachdem eine Einwohnerin von San Francisco 2011 ihre Wohnung für eine Woche vermietet hatte und bei ihrer Rückkehr feststellen musste, dass ein Großteil ihres Hab und Guts zerstört oder sogar gestohlen worden war, rief das Unter­nehmen das „Zentrum für Vertrauen und Sicherheit“ ins Leben und sicherte die Gast­geber mit einer rückwirkenden Versicherung im Wert von 1 Million US-Dollar ab.

EIN FEHLERHAFTES KONZEPT?

Im Verlauf des letzten Jahres wurden Anbieter von Sharing-Modellen auf den Prüfstand gestellt, weil sie häufig gegen Versicherungsbestimmungen, Lizenzen und Steuergesetze verstießen. Nach anfänglichem Widerstand hat Airbnb im September 2013 mit der Erhebung von Steuern aus Vermietungen begonnen und vor Kurzem sogar eingewilligt mit Gesetzgebern auf der ganzen Welt daran zu arbeiten, die auf ihre Gastgeber anwend­baren Gesetze „abzuklären oder sogar zu ändern“.

„Aufgrund der Reife der Branche nehmen immer mehr Regierungen Notiz von diesem neuartigen Lebensstil“, sagt Anderson. „Unsere Gesetze und recht­lichen Strukturen müssen sich nun an diese technologischen Neuheiten des 21. Jahrhunderts anpassen. Das Sharing-Economy-Umfeld muss sich gewissen Herausforderung stellen, aber diese sind vorhersehbar und sicher lösbar.“

Einige äußerten auch ethische Bedenken bezüglich der Sharing-Bewegung. Unter ihnen ist Milo Yiannopoulos, Gründer und Chefredakteur von The Kernel, einem Magazin für Online-Technologie, Politik und Medien, der zudem Experte auf den Gebieten Privatsphäre, Piraterie, Technologie-Start-ups, Internetkultur und Medien ist.

„Private Bereiche umfassen die Dinge, die wir besitzen, und dieses Gefühl des Eigentums sowie der inneren Ruhe sind wichtig für uns“, sagt Yiannopoulos. „Es gibt da draußen viele Menschen, denen diese innere Ruhe fehlt, die aber an bestimmten Orten zur Ruhe kommen können. Doch der Sharing-Bewegung fallen auch die letzten privaten Rückzugs­räume zum Opfer.“

„Die moderne Welt fordert die Menschen dazu auf, jeden willkommen zu heißen und jedem alles zu erzählen, was auf Unsicherheit und Egoismus schließen lässt“, fährt er fort. „Es hat schon solche Ausmaße angenommen, dass es sich in jedem Lebensbereich breitmacht, und gipfelt darin, dass nun auch noch unser Eigentum von anderen benutzt wird.“

DER SCHLÜSSEL ZUR GEMEINSCHAFT

Davie Philip, Gründungsmitglied des Cloughjordan Ökodorf-Projekts in Count Tipperary, Irland, hat dazu eine andere Meinung. Sein Projekt gilt als „grüne Nachbarschaft, die mit bewährten Methoden zur Erneuerung des Gemein­wesens experimentiert“, und Philip glaubt, dass die Sharing-Bewegung mentale und soziale Vorteile bietet. „Die größte soziale Herausforderung in Irland sind die Auswirkungen psychischer Erkrankungen, die durch Isolation und die begrenzten Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, hervorgerufen werden“, sagt Philip. „Die Menschen verkriechen sich in ihren Häusern und haben keinen Anschluss. Daraus entstehen soziale Probleme.“

3,5Milliarden US-Dollar

Forbes berichtet, dass der Erlös, der durch das Sharing erwirtschaftet wird, 2013 die Marke von 3,5 Milliarden US-Dollar übertreffen wird.

Teilnehmer des Ökodorf-Projekts, von denen viele aus irischen Städten in das relativ abgeschiedene Cloughjordan um­gezogen sind, haben sich dem Teilen und der Nachhaltigkeit verschrieben. Unbürokratisches Teilen von Autos oder Werkzeugen und der Tausch von Lebensmitteln sind in diesem 1999 gegründeten Ökodorf Teil des Alltags. Vierzehn Jahre später umfasst das Dorf bereits 53 Haushalte; angefangen bei jungen Familien, die sich eine sichere Umgebung für ihre Kinder wünschen, bis hin zu Rentnern, die nicht allein leben möchten.

„Das Teilen fördert die gesellschaftlichen Beziehungen“, sagt Philip. „Wir verspüren ein tiefes Gefühl von Gemeinschaft und Stolz. Wir teilen Werkzeuge und Grundbesitz; einmal pro Woche kann jeder an einer ge­meinsamen Mahlzeit teilnehmen. Die Cloughjordan Community Farm ist ein gemeinschaftliches Landwirtschaftsprojekt innerhalb des Ökodorfs und die Teilnehmer bewirtschaften alle Teilbereiche der Farm gemeinsam.”

Philip glaubt, dass sich das Cloughjordan- Modell auch in größerem Maßstab aufziehen ließe. „Gesunde Städte bestehen aus Nachbarschaften“, sagt er. „Eine Stadt ließe sich auch als eine Ansammlung von Dörfern be­trachten. Ich bin erstaunt, dass es nicht mehr Initiativen wie diese gibt. Der wirtschaftliche Abschwung hat uns die Möglichkeit zur Zusammenarbeit geboten; und ich glaube, das wird bei den hiesigen Bedingungen unerlässlich sein.“

VORBEREITET SEIN

Jedes Jahr belegen Wirbelstürme, Orkane und Überschwemmungen, dass Mutter Natur bereits weiß, wie sie sich „unser Zeug nehmen“ kann. BayShare, das in San Francisco ansässige Netzwerk von Sharing-Organisationen, konzentriert sich darauf, jenen zu helfen, die bei einer Naturkatastrophe alles verloren haben.

„Sharing-Dienste haben einen Überblick über verfügbare Güter aller Art: Autos, Schlafsäcke, Dienstleistungen wie Fahr­dienste oder Aufgabenerfüllung, soziale und berufliche Kontakte und Fähigkeiten“, sagt Jesse Biroscak, Mitgründer von BayShare.

„Airbnb hat nach dem Hurrikan Sandy bei der Unterbringung von Menschen geholfen, die ihr Zuhause verloren hatten“, sagt Biroscak. „Nutzer haben ihre Häuser lieber kostenlos angeboten, als den normalen Preis dafür zu verlangen.“ Dieses Beispiel kann auf andere Bereiche übertragen und in das Notfallsystem jeder Stadt integriert werden oder für schnelle Hilfe auch überregional eingesetzt werden.“

Eine Internetseite zu erstellen, die das Teilen ermöglicht, sei nach Meinung der Befürworter zwar nicht einfach, aber lohnenswert. „Es gibt viele Probleme, mit denen Unternehmen und Start-ups auf diesem Feld kämpfen müssen, sei es die persönliche Besteuerung, Vorschriften innerhalb bestimmter Branchen oder Versicherungsbedingungen“, sagt Anderson. „Diese Bewegung stärkt die Gemeinschaft. Und wenn man es von dieser Seite betrachtet, birgt sie viel mehr Chancen als Probleme.“

http://www.ted.com/talks/lang/en/rachel_botsman_the_currency_of_the_new_economy_is_trust.html

von Sean Dudley Zurück zum Seitenbeginn