COMPASS MAGAZINE #10
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ARCHITEKTUR & BAUWESEN BRUCH MIT DER TRADITION : Warum die Baubranche eine industrielle Revolution braucht

Bis vor kurzem sind neue Technologien an der Baubranche mehr oder weniger vorbeigezogen. Sie verließ sich auf jahrhundertealte Prozesse und Verfahren, um komplexe und moderne Projekte zu realisieren. Heute jedoch finden die gleichen Softwareanwendungen, die in den Fertigungsbranchen erfolgreich eingesetzt werden, auch im Bausektor Anwendung. Compass sprach mit dem führenden Berater für Bauunternehmen, Dr. Perry Daneshgari, darüber, warum sich die Branche weiterentwickeln muss.

In den letzten 50 Jahren, die von immer schnelleren technologischen Fortschritten geprägt waren, in einer Ära, in der eine Branche nach der anderen Technologie zu Effizienz­verbesserungen genutzt hat, fiel die Kunst des Bauens immer mehr zurück. Studien über die Bauindustrie vom National Institute of Standards and Technology (SITC – einer Abteilung des amerikanischen Handels­ministeriums) sowie von Tulacz und Armistead haben eine Verschwendung zwischen 25% und 50% bei der Arbeitskoordination und bei Materialmanagement, -transport und -installation festgestellt. In vielen Fällen werden Talente und Fertigkeiten nicht ausgeschöpft, es passieren vermeidbare Unfälle und die Produktivität bleibt niedrig.

Bei sehr guten Wachstumsprognosen – PriceWaterhouseCoopers (PwC) sagt voraus, dass die Baubranche bis Ende des Jahrzehnts mehr als 13% der Weltwirtschaft ausmachen wird – ist die Zeit nun reif für Veränderung.

Dr. Perry Daneshgari, ein für seine Leidenschaft für Prozess- und Produkt­kontrolle bekannter Branchenberater, glaubt, dass die Baubranche beim Wirtschaftstheoretiker Adam Smith nach Inspiration suchen sollte.

„Adam Smiths Vorstellungen von Auf­gaben- und Arbeitsteilung wurden in den vergangenen 250 Jahren von der Fertigungsbranche so umgesetzt, dass eine Vielzahl von Gütern zu erschwinglichen Preisen produziert werden konnte“, so Daneshgari. „Die Produktivität stieg durch die Anwendung der statistischen Prozesslenkung (Statistical Process Control – SPC), mit der sich das Angebot erhöhen und die Nachfrage befriedigen lassen.“

ES GEHT HOCH HINAUS

Die Prozessmodelle für das Bauen sind seit Hunderten von Jahren so gut wie unverändert: Gut ausgebildete Arbeitskräfte führen zu 80% Aufgaben durch, für die sie überqualifiziert sind. „In einer Fabrik können Komponenten auch von weniger gut ausgebildeten Arbeitskräften hergestellt werden“, sagt Daneshgari. „So sinken die Kosten, die Qualität wird verbessert, es ist weniger Nacharbeit vor Ort erforderlich und es wird eine vollständige operative Kontrolle möglich. In diesem System besteht die Arbeit vor Ort aus der Montage von qualitäts­geprüften Teilen, die garantiert für den vorgesehenen Einsatz geeignet sind.“

Dank der Übertragung von SPC auf die Automobilindustrie ließen sich Autos besser und weniger kostspielig herstellen. Das Fehlen genau dieser Methode in der Baubranche hat laut Daneshgari zu Verschwendung und stark steigenden Preisen geführt, doch er glaubt, dass sich dies nun ändern wird.

„Neuartige Unternehmen betrachten das Baugewerbe als eine riesige Chance. Beispielsweise hat ein Lieferant für Klimaanlagen (www.broad.com) expandiert und ist in die industrielle Produktion und Errichtung großer Gebäude mit Bauzeiten von nur sechs Tagen eingestiegen. In China wächst das größte Gebäude der Welt, Sky City, jeden Tag um fünf Stockwerke, so dass es in insgesamt 120 Tagen fertiggestellt sein wird. Zudem lässt sich der Trend ausmachen, dass sich Auftragnehmer zu größeren Gruppen zusammenschließen. Diese Gruppen machen aus dem zyklisch geprägten, technisch unterentwickelten, physisch anstrengenden und unsicheren Baugewerbe eine Branche, die neue und innovative Talente anzieht.“

„Es ist erwiesenermaßen möglich, mit der Hälfte der Ressourcen doppelt so schnell zu bauen“, so Daneshgari über die Vorteile der Industrialisierung. „Technologien finden nur langsam ihren Weg ins Baugewerbe, aber wenn sie erst einmal da sind, dann sind die Auswirkungen und die damit verbundenen Vorteile beachtlich und lohnend.“

FEHLERFREI

Im Englischen gibt es den Begriff des „Stacking Problem“. Er beschreibt, wie sich kleine Fehler in jedem Bauteil über die Stockwerke hinweg multiplizieren. Das führt dazu, dass elektrische Einrichtungen, Stromleitungen und andere Einbauten wie Heizung und Lüftung nicht mehr in den Baukörper hineinpassen. „Dies erfordert den Einsatz von hochqualifizierten Arbeitern vor Ort, die Beton mit Steinbohrern bearbeiten oder teure und potenziell problematische Änderungen an mechanischen Anschlüssen am Einbauort vornehmen“, sagt Daneshgari. „Durch statistische Variation, die in der Automobilbranche seit 60 Jahren im Einsatz ist, wäre das Problem gelöst.“

„Leider gehören in der Baubranche die Investitionen in Forschung und Entwicklung zu den niedrigsten von allen großen Branchen“, so Daneshgari. „Aber wenn sie beginnen, mit Technolo­­gie die Verwendung von standardisierten Produkten und modularisierten Prozessen zu beschleunigen, dann ergeben sich spektakuläre Produktivitätsgewinne. 3D hat schon in erheblichem Maße Einzug in die architektonische Gestaltung und Fertigung gehalten, aber die Prozessmodellierung ist noch so gut wie nicht existent.“

Um die Effizienz zu erhöhen, die Verschwendung zu verringern und Gewinnmargen zu steigern, müssten die Bauunternehmen wie auch die Regierungen in Forschung und Entwicklung investieren, so Daneshgari. „Wer diese Investitionen bereits getätigt hat, schnappt sich dank Kostenersparnissen und Qualitäts-verbesserungen einen Auftrag nach dem anderen“, sagt Daneshgari. „Neuartige Unternehmen bauen Einkaufszentren mit 40% Kostenersparnis. Es entstehen Gebäude völlig ohne Fehler, wobei die geringere Nacharbeit allen Beteiligten höhere Gewinne beschert.“

CLEVERE TAKTIK

Wenn neu strukturierte Bauunter-nehmen externe Talente anziehen können, erhalten sie den dringend benötigten und wertvollen intellektuellen Schub. „Die Baubranche wird gerade von einer sehr kleinen Zahl sehr schlauer und unternehmungslustiger Menschen verändert, die neue Ansätze verfolgen“, sagt er. „Unbelastet von Tradition und ausgestattet mit mobiler, leistungsfähiger und robuster Technologie, befördern sie die Unternehmen in das 21. Jahrhundert.“

Daneshgari fürchtet, dass Akteure der Baubranche, die die Herausforderung nicht annehmen und auf eine Modern­i­sierung ihrer Prozesse verzichten, die gesamte Branche ausbremsen würden. Er führt dabei W. Edwards Deming an, der wichtige Beiträge für industrielle Wissenschaft und Praxis geleistet hat. Laut Daneshgari wies Deming nach, dass die Leistung des Einzelnen nur verbessert werden könne, wenn das „gesamte System angehoben“ wird. „Die Industrie ist dank der Ideen von Newton, Adam Smith sowie, im 21. Jahrhundert, Deming dorthin gelangt, wo sie jetzt ist. Doch die Baubranche folgte diesem Pfad der Erleuchtung nicht. Sofern sie nicht umgehend Schritte unternimmt, wird sie von neuen Unternehmen überrascht werden, die die massiven wirtschaftlichen Chancen, die dieser schnell wachsende Wirtschaft­s­zweig bietet, für sich nutzen.”

PROFIL

Dr. Perry Daneshgari, Berater für die Baubranche und andere Industrien mit einer langen Liste veröff entlichter Arbeiten, hält einen Doktorgrad in Maschinenbau von der Universität Karlsruhe sowie einen MBA von der Wayne State University (USA). Mit seiner Firma MCA Inc. berät er Unternehmen überall auf der Welt zu Prozess- und Produktentwicklung, Maßnahmen gegen Verschwendung, Verbesserung der Arbeitsproduktivität, Projektmanagement, Kosten -schätzungen, Buchhaltung und Kundendienst.

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von Nick Lerner