COMPASS MAGAZINE #10
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FAHRZEUGBAU UND MOBILITÄT CLEVER PENDELN

Kreative Initiativen im Nahverkehr unserer Städte stehen für eine neue Ära des Reisens - effizient, günstig, sauber und umweltfreundlich. Fachleute sind sich einig, dass diese neuen Systeme in den kommenden Jahren die Erfahrung des Reisens verändern und die Zukunft unserer Städte bestimmen werden.

Derzeit leben laut den Vereinten Nationen 50% der Weltbevölkerung in Städten – ein Anteil, der nach einer Prognose der UNICEF bis 2050 auf 70% anwachsen wird. Damit stellt sich immer dringender die Frage, wie man das Problem des Verkehrsinfarkts unserer Städte lösen will. Wachsende Millionenstädte auf der ganzen Welt sind eine immer stärkere Belastung für die urbanen Verkehrssysteme. Die Staus in unseren Städten werden immer schlimmer, ebenso wie die Luftverschmutzung, und damit sinkt die Lebensqualität für alle Einwohner in diesen Ballungszentren.

„Städte mit ordentlichen U-Bahn-Systemen wie London oder Paris kommen zurecht“, sagt Philip Gott, Leiter der langfristigen Planung bei IHS Automotive, einem unabhängigen Analysten für die Automobilbranche. „Es gibt zwar Verkehrsstaus, aber wenigstens sind Alternativen zum Auto vorhanden. Aber in Städten wie Delhi oder Los Angeles ist das System ziemlich kaputt, es bleibt im Grunde nur das Auto, um sich fortzubewegen.“

Angesichts der steigenden Zahl von Autos – Gott schätzt, dass es bei der aktuellen Steigerungsrate bis 2030 weltweit 3 Milliarden Fahrzeuge auf unseren Straßen geben wird – stehen die Regierungen und Behörden unter Druck, effiziente und umweltfreundliche Verkehrssysteme zu entwickeln, mit denen Tausende Menschen schnell, bequem und günstig reisen können. Folglich versuchen Städte auf der ganzen Welt, die neuesten Innovationen im Nahverkehr zu nutzen, um die Probleme im Transportwesen zu lösen.

STADTWEITES CARSHARING

Parken ist in Frankreich ein Problem und trägt maßgeblich zu Verkehrsstaus in Städten bei. Laut der französischen Transportagentur SARECO verbringen die Bürger jedes Jahr durchschnittlich 70 Millionen Stunden mit der Suche nach einem Parkplatz. Um dieses Problem in der größten Metropole des Landes zu lösen, hat der Pariser Bürgermeister Betrand Delanoé im Dezember 2011 ein Carsharing-System mit Elektrofahrzeugen für die Stadt und das Ballungsgebiet eingeführt. Das als Autolib bekannt gewordene Konzept wurde von der Bolloré-Gruppe entwickelt, die das Programm als Partner der Stadt betreibt. Der Dienst hat das erfolgreiche französische Fahrradverleihsystem Vélib zum Vorbild.

Das Autolib-Programm bietet emissionsfreie Elektrofahrzeuge mit vier Sitzplätzen, die rund um die Uhr und an allen Tagen der Woche von Fahrern im Pariser Raum für Kurzfahrten ausgeliehen werden können. So soll erreicht werden, dass auf den Straßen der Stadt weniger Privatfahrzeuge unterwegs sind, und auch die Abgas- und Lärmbelastung will man so verringern.

„Der Dienst ist einfach zu nutzen und steht jedem mit Führerschein offen“, so Vanessa Colombier, Leiterin der Kommunikation bei Autolib. „Es dauert nicht länger als sechs Minuten, um sich an einer unserer Registrierstationen in Paris oder im Pariser Umland für einen Tag, eine Woche, einen Monat oder ein Jahr zu registrieren.“ Autolib bietet derzeit mehr als 740 Verleihstationen, verteilt auf 47 Partnergemeinden und mit jeweils drei bis acht Parkplätzen samt Ladeanschlüssen für die eigene Fahrzeugflotte sowie für private Elektroautos. „Dadurch ist es sehr einfach, uns zu finden und unsere Wagen abzuholen“, sagt Colombier. „Außerdem besteht unser gesamter Fuhrpark aus Elektroautos ohne Kohlenstoff- und Lärmemissionen.“

„DAS ULTIMATIVE ZIEL IST ES, UNTERNEHMEN UND BÜRGER AN EINE DYNAMISCHE WIRTSCHAFT DURCH EINE BESSERE LEBENSQUALITÄT UND NACHHALTIGKEIT ZU BINDEN."

PHILIP GOTT SENIOR DIRECTOR DER LANGFRISTIGEN PLANUNG, IHS AUTOMOTIVE

VERKEHRSINFORMATIONEN IN ECHTZEIT

Ein anderes Unternehmen, das versucht, das Problem der Verkehrsstaus in Städten in den Griff zu bekommen, ist Streetline, dessen patentierte intelligente Parkplattform aktuell in ausgewählten Städten der USA verfügbar ist. Dabei wird über ein Netzwerk drahtloser Niederleistungssensoren ein Auto erkannt und in Echtzeit Informationen über freie Parkplätze an und abseits der Straße übermittelt. „Die App ‘Parker by Streetline’ führt die Fahrer in Echtzeit zu freien Parkplätzen und zeigt Parkmöglichkeiten, Öffnungszeiten, Gebühren und Nutzungsbedingungen an“, sagt Debbie Tanguay, Marketingspezialistin bei Streetline. „Parker wird bald auch für die fest installierten Navigationssysteme in Autos verfügbar sein.“

Für Städte, Verkehrsbetriebe und andere Betreiber von Parkplätzen bietet Streetline eine Suite aus Echtzeitanwendungen rund um das Parken sowie die Analyse historischer Daten. „Unser Ziel ist es, die Suche nach einem Parkplatz zu erleichtern, indem wir es den Fahrern ermöglichen, Parkplätze in Echtzeit zu finden, im Voraus weitere Informationen zum Parken zu erhalten und sogar (wo es angeboten wird) per Mobiltelefon die Parkgebühren zu bezahlen. Zudem können die Fahrer von uns Wegbeschreibungen zurück zu ihrem Wagen erhalten“, so Tanguay.

AUTOHERSTELLER STELLEN SICH DER HERAUSFORDERUNG

Laut der European Automobile Manufacturers’ Association sank die Gesamtzahl der Neuwagenanmeldungen in der Europäischen Union im Jahr 2012 um 8,2%. Der Absatz von Autos geht allgemein zurück, und daher versuchen auch die traditionellen Automobilhersteller, Lösungen für die wachsende Herausforderung an die Mobilität zu finden. Eine Initiative des französischen Herstellers Renault ist das Carsharing-Konzept Twizy Way, mit dem 50 der Elektromodelle des Unternehmens, genannt Twizy, im Pariser Raum zur Verfügung stehen. „Die Nutzer buchen einen Twizy über eine Smartphone-App, scannen bei der Abholung einen QR-Code am Wagen ein und bringen ihn nach Abschluss der Fahrt wieder zur Station zurück“, sagt Claire Martin, Corporate Social Responsibility Director bei Renault. „Carsharing und Mitfahrzentralen verringern das Verkehrsaufkommen in der Stadt, sorgen für mehr Platz und ein Gefühl der Freiheit. Zudem reduzieren sie die Luftverschmutzung und verbessern die Luftqualität.“

Renault hat zusätzlich MOBILIZ gestartet, die erste soziale Unternehmensinitiative eines französischen Automobilherstellers zur Mobilität. „Wir haben MOBILIZ gestartet, damit die mehr als acht Millionen Menschen, die in Frankreich unterhalb der Armutsgrenze leben, eine kostengünstige Lösung nutzen können“, erklärt Martin, die auch als Geschäftsführerin von Renault MOBILIZ fungiert. „Die Initiative bietet Leistungen wie günstige Autovermietung, eine Mitfahrzentrale und öffentliche Beförderungsmöglichkeiten, was das urbane Verkehrsaufkommen verringert, weil Beförderungsmittel geteilt werden.“

Derweil startete Toyota sein emissionsfreies Konzept i-Road zur persönlichen Mobilität, mit dem zwei Menschen schnell und effizient durch den städtischen Raum befördert werden. Zusätzlich hat der Hersteller sein Harmonious Mobility Network entwickelt. Dieses kombiniert, ein Navigationssystem für Automobile und für öffentliche Verkehrsmittel, mit einem Carsharing-System, das ultrakompakte Elektrofahrzeuge nutzt. Ha:mo NAVI zeigt den Nutzern die optimale Streckenführung an und ermuntert sie auch, auf alternative Strecken oder Fortbewegungsmittel auszuweichen. Toyota erwartet, dass dies dazu beitragen wird, Verkehrsstaus zu verhindern und die Kohlendioxidemissionen zu verringern, weil die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, eine umweltfreundliche Fahrweise und die Automobilnutzung außerhalb der Stoßzeiten gefördert werden. Mit Ha:mo RIDE können die Nutzer problemlos zwischen den verschiedenen öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu ultrakompakten Elektrofahrzeugen wechseln.

Ein weiteres interessantes Mobilitätskonzept ist EN-V von General Motors Chevrolet. „Es ist wie ein Segway mit Motor und Dach“, erläutert Philipp Gott von IHS Automotive. „Es soll die Verkehrsbelastung verringern, die Suche nach Parkmöglichkeiten vereinfachen sowie zu einer besseren Luftqualität beitragen. Es funktioniert bei jedem Wetter und bei allen Straßenverhältnissen.“

DIE ZUKUNFT DES VERKEHRSWESENS

Diese Verkehrslösungen sind nur der Start einer Entwicklung im Bereich Mobilität, die weltweit an Fahrt gewinnt. „Neue Mobilitätsdienste wie Carsharing sind eine Möglichkeit, auf ein eigenes Auto zu verzichten – anstatt ein oder zwei Autos pro Familie könnte es in Zukunft zur Regel werden, dass sich sechs Familien ein Auto teilen“, sagt Martin von Renault. „Wir müssen aber auch auf die Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel achten, seien es Autos, Busse oder Züge. Zum Beispiel kann man mit einem einzigen Ticket ein Auto mieten, den Bus nehmen oder mit dem Rad fahren. Aber auch der Nutzer muss vernetzt sein, damit er seine Fahrt effektiver planen kann.“

So bietet zum Beispiel die ConnectedDrive-Technologie von BMW, vorerst in Deutschland verfügbar, dem Fahrer umfassende und aktuelle Berichte zur Verkehrslage und Wetter auf der aktuellen Strecke. Damit können Fahrer ihre Strecken besser planen und bestimmte Abschnitte bei Stau umfahren. Das CAR 2 CAR Communication Consortium, eine von der Industrie finanzierte Non-Profit-Organisation europäischer Automobilhersteller, arbeitet an der Entwicklung und Veröffentlichung eines europäischen Standards für kooperative intelligente Verkehrssysteme. Diese Initiative will Sicherheit und Komfort für Fahrer sicherstellen, den Straßenverkehr effizienter gestalten und seine Auswirkungen auf die Umwelt verringern.

In fernerer Zukunft könnten sich Städte, denen es bislang an Alternativen zum Auto mangelt, der vernetzten virtuellen Mobilität zuwenden, also dem Reisen online statt in der physischen Form.

„Vernetzung macht vieles möglich“, so Philipp Gott von IHS. „Wenn wir alle durch Videokonferenzen und ähnliche Technologien besser miteinander verbunden sind, dann müssen wir auch nicht mehr so viel unterwegs sein. Die Zukunft gehört Innovationen und neuen Geschäftsmodellen, die zum richtigen Zeitpunkt herauskommen.“

ALTERNATIVEN ZUR AUTOMOBILITÄT

Neue Konzepte, Produkte und Vorschläge rund um das Auto können zwar dabei helfen, Verkehrsstaus in unseren Städten zu reduzieren, aber viele Städte bieten ihren Bürgern Anreize, auf das Fahrrad umzusteigen.

Das größte öffentliche Fahrradverleihsystem der Welt gibt es in der chinesischen Stadt Hangzhou. Mit Stand Januar 2013 stehen dort 66.500 Fahrräder an 2.700 Stationen bereit. Und das ist nur eines von insgesamt 19 Fahrradverleihsystemen, die es derzeit in China gibt. Vorgesehen ist die Erweiterung des Systems auf 175.000 Räder bis 2020.

Währenddessen startet NYC Bike Share 2013 ein neues Fahrradverleihprogramm in New York City. Bei Citi Bike handelt es sich um ein Selbst- bedienungssystem, das Mitgliedern einfachen Zugang zu einem Netz aus Tausenden Fahrrädern bietet. Der Dienst besteht aus 600 Stationen und 10.000 Rädern in den Stadtteilen Manhattan, Brooklyn und Queens.

Und dann gibt es da noch Vélib – das öffentliche Fahrradverleihprogramm in Paris. Das im Juli 2007 an den Start gegangene System umfasst inzwischen ca. 16.000 Fahrräder und 1.200 Fahrradstationen in ganz Paris sowie einigen Gemeinden im Umland. Es wird von der französischen Werbefirma JCDecaux betrieben.

Auch London verfügt über ein Fahrradverleihprogramm. Es wird von der Barclays Bank betrieben. Die Räder werden umgangssprachlich als ‘Boris Bikes’ bezeichnet, nach dem Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der dieses Angebot ins Leben rief.

von Karen McCandless Zurück zum Seitenbeginn
von Karen McCandless