COMPASS MAGAZINE #10
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SCHIFFBAU DAS JAHRHUNDERT DER MEERE

Die Meere spielen bei der Globalisier- ung der Weltwirtschaft eine entscheidende Rolle und sorgen dafür, dass dieses Jahrhundert mehr als alle anderen zuvor auf die Seefahrt ausgerichtet ist.

Schon im 15. Jahrhundert bedrohten die von Vasco de Gama erschlossenen Seerouten die etablierte Macht der Venezianer, weil direkt nach Lissabon gelieferte chinesische Produkte nur ein Fünftel des Preises kosteten, den man in Venedig verlangte. Das unterstreicht die Bedeutung des Seehandels. Heute werden 90% der weltweit gehandelten Waren – das entspricht Einnahmen von insgesamt 1.500 Milliarden Euro – auf dem Seeweg transportiert. Damit hängt die Wirtschaft unseres Planeten stark vom Seehandel ab. Der Schiffsverkehr hat sich während der vergangenen 30 Jahre verfünffacht und wird sich bis 2020 noch einmal verdoppeln¹ . Heutzutage kostet die Verschiffung von 20 Tonnen Ware von Asien nach Europa weniger als ein Flugticket in der Economy-Klasse!

Von diesen wirtschaftlichen Aspekten abgesehen liegt die Zukunft der Erde in den Meeren, in Bereichen wie Energie, Lebensmittel, Pharmakologie und Mineralienvorkommen, die tief in den Ozeanen zu finden sind. Nach heutigen Schätzungen wurden bis jetzt nur 10% der ozeanischen Flora und Fauna und nur 5% der Unterwasserböden überhaupt entdeckt. Die Ozeane gehören zu den wichtigsten Ressourcen unseres Planeten, aber ihnen droht die Auszehrung. Jedes Jahr kippen die Menschen mehr als 6 Millionen Tonnen Müll in die Gewässer dieser Erde, allein im Mittelmeer befinden sich Milliarden Teile an Plastikmüll – von denen 80% von Einzelpersonen stammen² – deshalb ist der Umweltschutz so wichtig.

„DIE ZUKUNFT DER ERDE LIEGT IN DEN MEEREN, INSBESONDERE IN BEREICHEN WIE ENERGIE, LEBENSMITTEL, PHARMAKOLOGIE UND MINERALIENVORKOMMEN."

FRANCIS VALLAT PRÄSIDENT DES CLUSTER MARITIME FRANÇAIS UND DES EUROPEAN NETWORK OF MARITIME CLUSTERS.

Globalisierung ist aber auch eine wundervolle Chance. Blicken wir zum Beispiel nach Frankreich. Dort sorgt der Seefahrtssektor für ca. 310.000 Jobs (die Hafenindustrien und den Tourismus an den Küsten nicht einmal mitgezählt) – mehr als die gesamte Automobilindustrie im Land – und erbringt über 50 Milliarden Euro an Produktionswert. Frankreich spielt damit im weltweiten Seehandel eine wichtige Rolle. Das französische Fachwissen und die herausragende Qualität, die in den 11 großen Seefahrtsberufen³ zu finden sind, bilden einen großartigen Schutz gegen das Offshoring von Arbeitsplätzen.

Über Frankreich hinaus ist ganz Europa mit vielen Wirtschaftsgütern an der Branche beteiligt und kann von ihrer Entwicklung profitieren. Die jährliche Wertschöpfung beträgt 484 Milliarden Euro, 5,4 Millionen Arbeitsplätze gibt es in diesem Sektor (bis 2020 werden es 7 Millionen sein⁴). Das Konzept der „blauen Entwicklung“, bekannt gemacht durch die Erklärung von Limassol⁵, basiert auf diesen zahlreichen Vorteilen: der Bedeutung der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), der Dynamik des Seefahrtssektors der Europäischen Union in allen Bereichen, und einer Handelsflotte, die mehr als 40% der weltweiten Seefahrtsbranche ausmacht, ein Sektor, der auch in diesen Zeiten der Wirtschaftskrise unglaubliche Wachstumsraten erreicht.

Dies unterstreicht, dass das Meer eine zentrale Rolle bei der Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung spielt, und zwar in jedem Sinne dieser beiden Wörter: „nachhaltig“ und „Entwicklung“.

¹ Anmerkung der Redaktion: Quelle OMI

²  Anmerkung der Redaktion: Quelle Unesco

³ 11 Haupberufe in der Seefahrtsbranche: Klassifizierung, Linien, Schiffs- und Yachtbau, Zivil- und Militärbau mit starkem Mehrwert, Offshore (Öltanker, offene See, Hochsee), Seismik, Seeversicherung, Schiffsfinanzierung, Maklergeschäfte (insbesondere Ankauf/ Verkauf neuer Schiffe), Meeresforschung und die nationale Seeflotte.

⁴ Anmerkung der Redaktion: Schätzung der Europäischen Kommisison in ihren vorläufigen Dokumenten für die Konferenz zur „Blauen Entwicklung“ im Oktober 2012.

⁵  Limassol: Erklärung der für die Integrierte Meerespolitik zuständigen europäischen Minister und der Europäischen Kommission zu einer meerespolitischen Agenda für Wachstum und Beschäftigung.

⁶ Eine AWZ ist eine Seezone nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, innerhalb der ein Staat besondere Rechte zur Erkundung und Nutzung maritimer Ressourcen hat.

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von Francis Vallat