COMPASS MAGAZINE #10
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DATENFLAUTE Die Unmengen an Daten in der Schifffahrtsbranche werden kaum zur Betriebsoptimierung genutzt

Mit beinahe 91.000 Schiffen verbindet die globale Schifffahrtsbranche weltweit Länder, Gesellschaften und Ökonomien. Eine Grenze hat sie jedoch noch nicht überwunden: die zu Big Data. Dank besserer Konnektivität und höheren Übertragungsraten sind Schiffe immer stärker Teil einer Datenrevolution, die neben Effizienz auch Kosteneinsparungen verspricht. Doch welcher Impuls fehlt noch, um die Branche ins digitale Zeitalter zu katapultieren?

Frank Coles, CEO von Transas, einem Anbieter von IT-Sonderlösungen, bringt den Einfluss von Big Data auf die globale Schifffahrtsbranche auf den Punkt: „Big Data sind all die Daten, die wir aktuell von einem Schiff erhalten“, so Coles. „Bei Smart Data geht es dagegen darum, in der Lage zu sein, diese Daten auch zu durchsuchen und sie für Analysen nutzbar zu machen.“

Diese Unterscheidung ist wichtig, gerade in einer Branche, die gemeinhin als zurückhaltend gegenüber neuen Technologien gilt und von der es heißt, dass sie bei der Datenanalyse für einen effizienteren und günstigeren Schiffsbetrieb noch weit entfernt ist. Führende Köpfe wie Frank Coles wollen dies ändern.

„Es werden noch immer ‚Noon-Reports‘ in Papierform erstellt“, erklärt Coles in Bezug auf den Usus, mittags die Schiffsberichte an die Zentrale zu übermitteln. „Der Schiffsführer (bzw. Kapitän) ertrinkt immer noch in Bergen von Papier. Das sollte längst automatisiert sein. Wir müssen bestimmte Einstellungen ändern. Ich denke, dass der Wandel mit der nächsten Generation (von Reedern) kommen wird, da sie anders denken.“

Wozu überhaupt eine Veränderung? Weil sie gut für das Geschäft ist.

„Die Schifffahrt ist sehr konservativ, voller Emotionen und Menschen, die am Althergebrachten hängen“, sagt Jonathan Dowsett, Senior Fleet Performance Manager, Eagle Bulk Shipping. „Jetzt kommen plötzlich neue Technologien zum Einsatz und neue Herangehensweisen. Man kann also nicht einfach so weiterarbeiten wie bisher.“

Unternehmenskonsolidierungen, eine immer stärker vernetzte Logistikkette und junge Reeder, die mit der digitalen Welt vertraut sind, führen zusammen dazu, dass Schiffseigner und -betreiber neue Lösungen übernehmen. Dazu trägt auch die stetig steigende Übertragungsrate von VSAT-Transceivern bei.

Kreuzfahrt- und Containerschiffe, erstere wegen ihrer Wurzeln im Gastgewerbe und letztere wegen ihrer Rolle in der hochautomatisierten globalen Logistikkette, sind die ersten beiden Segmente, die Big-Data-Lösungen aggressiv nutzen. Der Grund hierfür ist in beiden Fällen Druck von außen. Zusammen machen Container- und Kreuzfahrtschiffe allerdings weniger als 12% der 91.000 Schiffe aus, die weltweit im Einsatz sind.
Es ist also noch viel zu tun.

Warum jetzt die richtige Zeit dafür ist? Weil die Möglichkeiten nun vorhanden sind, wie Howard Fireman, Senior Vice President und Chief Technology Officer vom American Bureau of Shipping (ABS), einer führenden Schiffsklassifizierungsgesellschaft, betont.

„Die Schifffahrtsbranche ist immer stärker abhängig von Daten sowie von deren Kontrolle und Analyse, und zwar in Echtzeit“, erklärt Fireman. „Wir leben in einer datenfokussierten Welt. Daten bringen uns voran, daher ist es besonders wichtig, wie wir sie für künftige Chancen nutzen und auswerten. Unsere Branche befindet sich an einem Wendepunkt. Uns stehen Datenanalysetools zur Verfügung, mit denen wir Vorhersagen und bessere Entscheidungen treffen können.“

EIN WEG AUS DER FRACHTERKRISE

Man könnte meinen, dass Schüttgutfrachter, praktisch, robust und in der Regel vergleichsweise günstig mit weniger Hightech-Ausstattung, der letzte Bereich wären, wo man in moderne Datenlösungen investieren sollte.

Das Gegenteil ist der Fall.

Seit beinahe einem Jahrzehnt befindet sich der Sektor der Schüttgutfrachter in einer historischen Krise. Aufgrund einer lahmenden Weltwirtschaft und tausender neuer, größerer Schiffe übersteigt das Angebot an Schiffen die Nachfrage bei Weitem. Um die Krise zu überstehen, hat sich Eagle Bulk Shipping in den USA, der weltweit drittgrößte Eigner von Supramax-Frachtern, also Schiffen mit einer Tragfähigkeit von 50.000 bis 60.000 Tonnen, Big Data zugewandt und investiert in Lösungen für erweiterte Analysen.

„Die Zeiten für Schüttgutfrachter und deren Betreiber sind schlecht. Sie müssen sich also mehr denn je von der Konkurrenz abheben. Ein Weg dahin ist Business Intelligence“, sagt Dowsett. Seine Aufgabe ist das Sammeln jeder Art von Daten und deren Umwandlung in Erkenntnisse, die zu besseren und rascheren Geschäftsentscheidungen beitragen.

DIE KRISE MIT DATEN UMSCHIFFEN

„Wir optimieren alles, von der Routenführung bis zur Antifoulingfarbe, die wir auf die Hülle auftragen, wenn unsere Schiffe ins Trockendock kommen“, erklärt Dowsett. „Wenn wir relevante Daten sammeln, können wir Modelle erstellen und unsere Entscheidungen auf der Grundlage von Daten treffen.“

Eagle Bulk Shipping besitzt und betreibt 40 Supramax-Schüttgutfrachter, wobei sowohl das kommerzielle als auch das technische Management intern erfolgen. Dowsett ist ein typischer Vertreter der neuen Generation in der Schifffahrtsbranche. Er hat einen Bachelor in Schiffbau und Schifffahrtstechnik vom Webb Institute und einen Master in Ingenieurwesen für nachhaltige Entwicklung von der University of Cambridge. Nach einer mehrjährigen Tätigkeit für die Maersk Group in Kopenhagen kam Dowsett im Januar 2016 zu Eagle Bulk Shipping.

„An Bord unserer Schiffe sammeln wir Daten zu allem, von der Fahrgeschwindigkeit über das Wetter bis hin zum Kraftstoffverbrauch“, sagt Dowsett. “Alle diese Daten werden regelmäßig an Land übermittelt, wo wir sie mitanderen Datensätzen, wie älteren Wetterdaten, kombinieren und durch mehrere Modelle laufen lassen. Das kann etwa ein Modell für optimalen Kraftstoffverbrauch bei bestimmten Parametern für Fahrgeschwindigkeit, Tiefgang und Wetter sein.“

Als Folge der computergestützten massenhaften Verarbeitung von Daten trifft Eagle Bulk Shipping mittlerweile Entscheidungen in Minuten anstatt in Wochen. Die Zusammenarbeit und das Feedback zwischen Schiff und Land erfolgen nahezu verzögerungsfrei, sodass Kapitäne schnell Entscheidungen treffen und Mehrkosten begrenzen können.

„Unsere Branche befindet sich an einem Wendepunkt. Uns stehen Datenanalysetools zur Verfügung, mit denen wir Vorhersagen und bessere Entscheidungen treffen können.“

HOWARD FIREMAN Senior Vice President und Chief Technology Officer vom American Bureau of Shipping

DIE DATENFLUT MEISTERN

Daten werden im Sekundentakt übermittelt.

„Wir können Korrekturmaßnahmen in Echtzeit ergreifen“, sagt Dowsett. „So fährt ein Schiff nicht mehr eine Woche lang mit suboptimaler Geschwindigkeit oder Trimm, sondern nur noch zwei Minuten.“

Das Sammeln möglichst vieler, guter Daten ist eine große Herausforderung, deren Verarbeitung und die effiziente Nutzung ist die Kür. „Wir bekommen so viele Daten, die wir durch etliche Modelle laufen lassen, dass wir betriebliche und technische Ineffizienzen sehen werden, von denen wir bislang gar nichts wussten“, so Dowsett. „Diese ganzen Daten, die in Echtzeit zwischen Schiff und Land übermittelt werden, eröffnen zudem spannende Vorhersagemöglichkeiten, sodass kontinuierliche Verbesserungen proaktiv anstatt reaktiv erfolgen können.“ Er resümiert: „Leute und Unternehmen,
die diesen Ansatz nicht übernehmen, könnten weit zurückfallen und auf der Strecke bleiben.“ ◆

von Gregory Trauthwein Zurück zum Seitenbeginn