COMPASS MAGAZINE #10
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ARCHITEKTUR & BAUWESEN DIE ZUKUNFT DES BAUENS : Manager von Balfour Beatty erwartet Großes für die Zukunft der 3D-Technologie

Balfour Beatty ist mit ca. 50.000 Mitarbeitern weltweit als Weltklasseunternehmen für sogenannte Infrastruktur-Lifecycle-Services bekannt. Compass hat mit Dr. Chris Millard, Direktor für Geschäftseffizienz bei der britischen Bausparte von Balfour Beatty, über integrierte Projektabwicklung und kollaboratives Bauen gesprochen.

COMPASS: Können Sie uns Balfour Beatty und Ihre Rolle im Unter­nehmen kurz beschreiben?

CHRIS MILLARD: Hauptsächlich befasse ich mich bei Balfour Beatty mit Innovation, Nachhaltigkeit und Lieferkapazitäten. Ich arbeite im gesamten Unternehmen mit Teams aus allen möglichen Fachgebieten von innerhalb und außerhalb des Konzerns. Wir arbeiten an Projekten aus dem Verkehrswesen, der Energiegewinnung, der sozialen Infrastruktur für Bildung, Gesundheit und Sport, Versorgungseinrichtungen, Wohnen und Freizeit sowie Einzelhandels­immobilien. Ich führe Management- und Leadership-Prinzipien und Praktiken ein, die die Effizienz verbessern und die Verschwendung von Ressourcen in Projekten um 60% verringern.

Was sind die größten Heraus­forderungen, vor denen die Baubranche derzeit steht?

CM: Wegen einer schwächelnden Konjunktur und Kürzungen der Ausgaben für die öffentliche Infrastruktur müssen wir allen Beteiligten einen höheren Wert bieten. Dies geht nur, wenn die Konzentration auf Aspekte der Nachhaltigkeit auch einen erkennbaren Wert für die Kunden mit sich bringt. Die Abfallmengen in Projekten zu verringern, bringt finanzielle und ökologische Vorteile. Für die Anwendung optimaler Verfahren ist es unabdingbar, dass die Kosteneffizienz durch integrierte, systematische Verbesserungen gesteigert wird. Es ist wichtig, die Punkte, an denen sich Informationen stauen, aufzubrechen und Teams so zu integrieren, dass sie erfolgreich und wirtschaftlich erstklassige Projekte entwickeln können.

Wie wirken sich diese Verbesserungen auf die Beteiligten von öffentlich­privaten Partnerschaften (Public Private Partnerships – PPP) und sogenannten Private Finance Initiatives (PFI) aus?

CM: Eine der wichtigsten Anforderungen bei der Beteiligung an PPP und PFI ist, Wert über alle Projektlebenszyklen hinweg zu optimieren und zu demonstrieren. Wenn wir den Beteiligten schon in einem frühen Stadium des Projekts mit 3D-Simulation und Visualisierungs­technologie den Stand der Dinge zeigen, so dass jeder das Endergebnis sieht und begutachten kann, dann können wir ihre Bedürfnisse genauer erkennen und durch Innovationen erfüllen. Die Modellierung und Simulation von Projekten und Budgets über alle Lebenszyklen hinweg bildet die Grundlage für Transparenz. Virtual Reality stärkt auch das Vertrauen der Beteiligten, weil wir dadurch in die Lage versetzt werden, die Funktionen von Gebäuden festzulegen und zu erweitern und dabei die Betriebs- und Wartungskosten zu minimieren.

Auf welche Weise profitiert die Baubranche von integrierter Projekt­abwicklung und kollaborativem Bauen im Vergleich mit herkömmlichen Prozessen?

CM: Die Baubranche ist traditionell stark fragmentiert mit einander nachgelagerten Prozessen: Kurzdarstellung, Kosten­schätzung, Ausschreibung, Neuentwurf, Neuausschreibung, Erstellung von Leistungspaketen, Ausführung usw. Viele Unternehmen arbeiten noch auf diese Weise, bei der ganz klar Ressourcen verschwendet werden. Wir schaffen echten Mehrwert, indem wir die Projekt­abwicklung und unsere Lieferpartner bereits in die Entwurfsphase einbeziehen. Multidisziplinäre Teams planen gemeinsam in einem iterativen Prozess, um die bestmöglichen Lösungen zu finden.

60%

Balfour Beattys kollaborative Bauverfahren senken die Abfallmenge um bis zu 60%, den CO2-Ausstoß um 42% und den direkten Wasserverbrauch um 54% (2010-12).

Können Sie ein Beispiel nennen?

CM: Für das Aquatics Centre der Olympischen Spiele 2012 in London kamen multi­funktionale Teams aus den Bereichen Hochbau, Maschinenbau, Architektur, Versorgungstechnik und Bodenmechanik zu einem äußerst innovativen Projekt zusammen, das viele technische und betriebliche Herausforderungen bot.

Zu den Schwierigkeiten zählten bei­spielsweise das Einrammen von Pfählen neun Meter unter dem Grundwasserspiegel auf engem Raum oder die technische Planung und Konstruktion der hohen selbsttragenden und doppelt gekrümmten Dachstruktur. Die Schönheit, die Funk­tionalität und das Vermächtnis des Aquatics Centre sind Beleg für die Vorteile kollaborativen Bauens im Rahmen einer integrierten Projektabwicklung.

Wie viele der Projekte nutzen heutzutage die integrierte Abwicklung und kollaboratives Bauen?

CM: Ehrlich gesagt: zu wenige. Gut informierte Sektoren der Branche erkennen jedoch bereits die Vorteile der Prozessverbesserung und profitieren davon. Wenn die Konjunktur wieder anzieht, werden die Unternehmen mit den passenden Prozessen vorbereitet, bereit und in der Lage sein, ihren Vorteil zu maximieren, während die anderen nicht mehr mithalten können.

Was müssen Unternehmen tun, um sich diese Vorteile zu verschaffen?

CM: In einigen Ländern erhalten Unternehmen, die Programme zur integrierten Projektabwicklung für sich übernehmen wollen, staatliche Unterstützung. Hilfe gibt es von führenden Akteuren der Branche und potenziellen Partnern. Partner für die Umgestaltung von Unternehmen machen kollaboratives Arbeiten immer populärer und helfen dabei, durch Technologie Mehrwert freizusetzen. Auch was das Verständnis und Engagement der Unternehmensführer in der ganzen Branche anbelangt, wurde mittlerweile eine kritische Masse erreicht.

Wie verändern integrierte Projekt­abwicklung und die kollaborative Handhabung von Projekten die Erfahrungen der Menschen?

CM: Diese Ansätze helfen, das Ver­ständnis der Menschen grundlegend zu verändern. Die Möglichkeit, die Anforderungen aller Beteiligten vollständig zu erfassen, führt zu innovativeren, fristgerechten und kosteneffizienteren Lösungen. Bei einem Projekt ist es wichtig, dass die Beteiligten uneingeschränkten Zugang zu 3D-Daten erhalten. Die 3D-Simulation verändert die Wahrnehmung und erlaubt den Menschen, bessere und vor allem besser informierte Entscheidungen zu treffen.

„Von integrierten, kollaborativen arbeitsmodellen können sowohl unternehmen als auch die gesellschaft, die volkswirtschaften und unsere umwelt nachhaltig profitieren.“

Chris Millard Balfour Beatty Construction Services, Grossbritannien

Wie sieht es mit möglichen Bedenken der Eigentümer bezüglich der Folgekosten aus?

CM: Wenn man die Eigentümer mit voll­funktionalen 3D-Modellen einbindet und künftige Immobilien realistisch virtuell darstellt, dann führt das zu einem fruchtbaren und frühzeitigen Dialog. In komplexen Einrichtungen können Eigentümer dank 3D die Instandhaltung ohne Gebäudeschließungen planen. Eigentümer legen viel Wert auf Budgettransparenz und leichten Zugang zu Informationen. Mit 3D werden diese Vorteile von Beginn an in die Projekte integriert.

Wie sieht Ihre Vision für die Baubranche aus?

CM: Die Ausarbeitung und Ausführung eines Plans auf der Grundlage einer einheitlichen und kollaborativen Erfahrungsplattform bietet riesige Vorteile. Wir brauchen nachhaltige, anpassungsfähige, neukonfigurierbare Gebäude und Infrastrukturressourcen. 3D, digitale Modellierung, Prozess­veränderung und Technologien zur Integration und Zusammenarbeit ermöglichen es, dieses Ziel zu erreichen und zum Wohle der Gesellschaft beizutragen. Ich würde mich freuen, wenn die Baubranche diesen Ansatz stärker verfolgte.

von Nick Lerner Zurück zum Seitenbeginn
von Nick Lerner