COMPASS MAGAZINE #10
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DIGITALE TRANSFORMATION Hightech verändert die personalisierte Gesundheitsvorsorge

Das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) verändert alle Branchen. Noch bremsen Bedenken bezüglich Sicherheit, Integration und Verdichtung von Intelligenz die Entwicklung. Jedoch ebnen Hightech-Unternehmen den Weg und lenken das IoT in eine Richtung, von der die gesamte Menschheit profitieren wird.

Der Ladenbesitzer Ko Min Min aus Myanmar hat Glück gehabt. Im Jahr 2011 war er nach einer zweijährigen, strapaziösen Behandlung, die mit Appetitlosigkeit, Schwindelgefühl und Gelenkschmerzen einherging und ihn sehr schwächte, von einer multiresistenten Tuberkulose (TB) geheilt. Die Entstehung dieser neueren, tödlicheren Form der TB sowie die über 1,3 Millionen Todesfälle jährlich durch alle Arten der TB – die eigentlich heilbar ist – sind größtenteils darauf zurückzuführen, dass Patienten ihre Behandlungspläne nicht korrekt befolgen.

Deshalb hat das Startup-Unternehmen Proteus Digital Health in Redwood City, Kalifornien, einen einnehmbaren Sensor entwickelt, mit dem sich die Einhaltung der vorgeschriebenen Medikamenteneinnahme kontrollieren lässt.

Dieser sandkorngroße Sensor kann in jede Pille eingebettet werden. Nach der Einnahme reagiert die Magensäure mit den chemischen Elementen im Sensor, und es wird eine elektrochemische Reaktion ausgelöst, die von einem digitalen Pflaster, das auf der Haut klebt, registriert wird. Dieses zeichnet auf, welches Medikament wann und in welcher Dosis eingenommen wurde. Die Daten sowie die Vitalwerte werden dann von dem Pflaster per Bluetooth an eine Smartphone-App übermittelt, die dem Patienten die Werte anzeigt und Feedback gibt; sie können aber auch mit Zustimmung des Patienten an Ärzte und Pfleger weitergeleitet werden.

Diese „digitale Pille“, wie Proteus sein hybrides Medizinprodukt nennt, ist ein Symbol für den tiefgreifenden Wandel im Gesundheitswesen, der durch bezahlbare Minisensoren, -prozessoren und -sender, preiswerte Funknetze und mobile Geräte ermöglicht wird.

Gemeinhin als das Internet der Dinge (IoT) bekannt, verändert diese digitale Revolution sämtliche Branchen, von der Produktion über die Versorgungswirtschaft und die Transportindustrie bis hin zu den Konsumgütern und nun sogar den Gesundheitssektor – angefangen bei Medikamenten und Operationen bis hin zu implantierbaren medizinischen Geräten und der häuslichen Pflege.

SICHERHEIT JETZT, NICHT SPÄTER

Christian Riou, Leiter von Infrastruktur und Sicherheitsprojekten bei der eHealth-Initiative der französischen Regierung, wirkt verhalten, wenn er an das Potenzial des IoT für die Verbesserung der Gesundheitsvorsorge denkt. „Ich denke an einen älteren Patienten auf dem Land, der für die Kontrolle seines Herzschrittmachers einen weiten Weg auf sich nehmen muss, und an die Eltern, die ihr Baby auf der Neugeborenenstation wegen all der angeschlossenen Kabel nicht in die Arme nehmen können, und an all die anderen Umstände, in denen das IoT enorme und offensichtliche Vorteile bringen könnte – aber es gibt noch Hindernisse.“

Er fragt sich, wer die Lasten für die Lösung dieser Probleme in der IoT-Technologie tragen wird. „Wie gewährleisten wir Datensicherheit? Wie können wir die sichere Übermittlung kritischer Daten über WLAN-Netze garantieren? Und wie können wir solch hochentwickelte Technologien einführen, wenn viele Kliniken schon bei der Modernisierung ihrer Informationssysteme Mühe haben?“

Laurent Fournier, Senior Director für Business Development von Qualcomm Europe, versteht Rious Bedenken. „Durch den Einzug des Internets der Dinge ist ganz klar, dass jede Branche zu einer Hightech-Branche wird. Einige sind besser auf diesen Wandel vorbereitet als andere, aber unser Bestreben bei Qualcomm ist es, ihnen allen das Potenzial des IoT für ihr Geschäft und die dadurch möglichen Kundenerlebnisse aufzuzeigen. Darum wollen wir schon im Vorfeld möglichst viele grundlegende Probleme des IoT lösen, wie Sicherheit, Zuverlässigkeit, moderne Technologie und Wirtschaftlichkeit.” Qualcomm legt seinen Fokus auf kleine „All-in-one“-Halbleiterchips, die viele Teile des IoT-Puzzles, wie Konnektivität, Kommunikation, Sensorik, Navigation, eingebettete Intelligenz und Bildverarbeitung, in sich vereinen. Grundsätzlich werden IoT-Produkte durch viele auf einen Chip integrierte Komponenten kleiner, intelligenter, billiger, energieeffizienter und sicherer. Integration erleichtert auch den IoT-Entwicklern das Leben, weil sie mehr Bandbreite zur Verfügung haben, um höhere Funktionalität und Systemintegration bieten zu können.

„DURCH DEN EINZUG DES INTERNETS DER DINGE IST GANZ KLAR, DASS JEDE BRANCHE ZU EINER HIGHTECH-BRANCHE WIRD.“

LAURENT FOURNIER SENIOR DIRECTOR FÜR BUSINESS DEVELOPMENT, QUALCOMM EUROPE

Hillary Sillitto, Fellow des International Council on Systems Engineering (INCOSE) und Autor des Buchs Architecting Systems: Concepts, Principles and Practice, stimmt dem Ansatz von Qualcomm zu. „Die größte Herausforderung für das Internet der Dinge besteht darin, Belastbarkeit und Sicherheit zu garantieren“, sagt er. „Aber wir wissen, wie das geht. In der Luftfahrt und beim Militär werden kritische Funktionen in Form von Embedded Software effektiv eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschottet. Und die Systeme sind so programmiert, dass sie bei Ausfall der Konnektivität ihre kritischen Funktionen weiterhin ausführen können.“

Doch bisher, sagt Sillitto, würden solche modernen Fähigkeiten noch nicht im IoT eingesetzt. „Viele stürzen sich ohne Erfahrung in das Feld der hochkritischen und hochintegrierten Systeme“, sagt er. „Darum besteht der beste Schutz darin, auf Hersteller zurückzugreifen, die einfache, robuste, hochintegrierte Kernelemente anbieten, die von IoT--Entwicklern nach dem Baukastenprinzip zusammengesetzt werden können. Diesen Weg müssen wir gehen, denn wenn wir nicht von Grund auf Belastbarkeit und Sicherheit in das IoT integrieren, wird dies später nicht mehr möglich sein.“

Was Sillitto hier als „Kernelemente“ bezeichnet, sind Komponenten, die sowohl IoT-Geräte als auch Netzwerke zur Kommunikation nutzen. Auch hier arbeiten führende Unternehmen der Mobilfunkbranche daran, sichere IoT-Übertragungen über bestehende Funk und WLAN-Netze zu gewährleisten und Fortschritte bei den Hybridstandards der neuen Generation, wie 5G, zu erzielen, mit denen wesentlich mehr Intelligenz, Agilität und Sicherheit direkt in die globalen Netze integriert werden soll.

PERSONALISIERT DURCH INTELLIGENZ

Fournier von Qualcomm weist darauf hin, dass man erst dann personalisierte Erlebnisse erschafft, wenn man die Intelligenz der Netzwerke und Geräte, einschließlich der künstlichen Intelligenz, näher am einzelnen Nutzer ausrichtet. „Wir personalisieren jetzt zwar auch schon, aber die Empfehlungen (die Nutzer erhalten) sind nicht wirklich persönlich“, sagt Fournier. „Alles basiert darauf, dass große Unternehmen wie Google oder Amazon riesige Datenmengen in die Cloud ziehen, diese mittels prädiktiver Analyseverfahren verarbeiten und dann ‚personalisierte‘ Empfehlungen geben. Erst wenn wir die Datenerfassung und intelligente Verarbeitung, einschließlich künstlicher Intelligenz, direkt am Nutzer platzieren, werden wir in der Lage sein, in Echtzeit wirklich personenbezogene Empfehlungen zu geben. Im Grunde verleihen wir damit jedem Menschen einen sechsten Sinn und reagieren auf ihn, als hätten wir einen sechsten Sinn.“

Ko Min Min konnte nicht von einem solchen technologischen sechsten Sinn profitieren. Seine Behandlung war hauptsächlich deshalb erfolgreich, weil ihn zweimal täglich eine Pflegekraft zu Hause besuchte, die von UNITAID finanziert wurde und auf die Einnahme der Medikamente achtete. Eines Tages wird vielleicht das IoT digitale Helfer hervorbringen, die sich um Patientenkümmern, die Entstehung resistenter Krankheitsstämme unterbinden und Behandlungen ermöglichen, die sich kontinuierlich an jeden Patienten und dessen persönliches Umfeld anpassen, so dass sich alle sicher und schnell erholen können.

von Laura Wilber Zurück zum Seitenbeginn
von Laura Wilber

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