COMPASS MAGAZINE #10
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ENERGIE & PROZESSTECHNIK ENERGIE EINFANGEN

Alina Bakhareva, beim Beratungsunternehmen Frost & Sullivan zuständig für die erneuerbaren Energien in Europa, im Bereich Energy and Environment Business Practice, schaut über die schlechten Nachrichten der Vergangenheit hinaus und verweist stattdessen auf die Erfolge der Windenergiebranche.

COMPASS: Wächst der Markt für Windenergie?

ALINA BAKHAREVA: Das Wachstum ist sichtbar, wenn man die im Jahr 2009 weltweit in neuen Anlagen produzierten 38 Gigawatt (GW) mit den 45 GW aus 2012 vergleicht. In Europa, insbesondere in Spanien und Deutschland, war zwischen 2005 und 2009 ein enormes Wachstum zu beobachten. In Schwellenländern wie China und Indien schnellen die installierten Kapazitäten nach oben. China verfolgt einen Fünfjahresplan zur Entwicklung sauberer Energien. Das Land hat so dem weltweiten Markt Auftrieb verschafft und wurde 2011 und 2012 die Nummer 1 bei neuen „grünen“ Energieanlagen. Die USA verfügen dank ihrer Größe über ein riesiges Potenzial, aber so richtig kommt der Markt dort nicht in Gang. Sind ausreichend öffentliche Subventionen verfügbar, boomt er. Aber wenn der Kongress eine Verlängerung erst im letzten Moment unterzeichnet, so bremst das die Entwicklung wieder aus.

Braucht der Markt immer noch Unterstützung vom Staat?

AB: Die Haltung der Politik ist der Schlüssel für jeden neu entstehenden Markt. In Deutschland brachte das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) den Durchbruch.

Die mit dem EEG eingeführte Einspeisevergütung hat sich als das beste Modell für die Förderung der Branche erwiesen, es zieht Investoren an und ist vertrauensbildend.

Jedes Land prüft gerade kritisch das jeweilige gewählte Förderungsmodell. In Deutschland und Großbritannien untersucht die Regierung alle 1 bis 2 Jahre, wie viel Förderung in jede einzelne Art der erneuerbaren Energie geflossen ist. Dabei werden Kapitalkosten und Betriebskosten verglichen, um zu sehen, wie viel Geld eingeplant werden muss, um Windenergie wettbewerbsfähig und für Investoren attraktiv zu machen. Ich glaube, das Gleichgewicht stimmt, allein schon deshalb, weil die Windenergiekapazität weiter wächst.

Da Wind stoßweise auftritt, kann man die Energie speichern?
AB: Die Energiespeicherung ist derzeit eines der heißesten Themen. China, das bei weitem den fortschrittlichsten Markt hat, was die Entwicklung der Netz- und Systemregeln betrifft, erprobt gerade die Speicherung von Energie auf Netzebene in Lithium-Ionen-Akkus (Li-Ion-Akkus). Die langfristige Lösung ist ein mit Li-Ion-Akkus (bis zu 32 Megawatt) gefüllter Container in einer einzigen Anlage. Bei wirklich starkem Wind kann man diese Energie speichern und sie später, bei großer Nachfrage oder wenn die Kraftwerksunternehmen nicht ausreichend Energie bereitstellen, in das Netz abgeben.

Was gibt es über den Offshore- Windmarkt zu berichten?

AB: Windenergie aus Offshore-Anlagen befindet sich immer noch im Frühstadium. Die Kosten sind nach wie vor hoch, aber wenn mehr und mehr Windparks den Betrieb aufnehmen, kann die Branche weitere Erfahrungen sammeln, und im Ergebnis werden auch die Installationskosten sinken. Der Offshore-Windmarkt muss noch eine Menge von den Offshore-Gas- und -Ölmärkten lernen. Das sind sehr gut etablierte Branchen mit bewährten Verfahren bei Instandhaltung und Betriebssicherheit. Nun muss man herausfinden, wie sich dieses Wissen effizient auf andere Hochseebranchen übertragen lässt

Vor welchen Herausforderungen stehen die Hersteller?

AB: Der Wettbewerbsdruck ist im Moment sehr hoch. Die meisten Entwickler großer Projekte ziehen derzeit den Kauf von Windenergieanlagen von einem Hersteller erst in Betracht, wenn dieser bereits eine bestimmte Megawatt-Kapazität in bestimmten geographischen Lagen installiert hat. Man möchte sehen, wie die Anlagen laufen und ob sie auch unter verschiedenen Windbedingungen Energie liefern können, so wie es auf dem technischen Datenblatt steht. Sonst gibt es wenig Vertrauen in die Technik.

Die zweite Herausforderung besteht in der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Um mit herkömmlichen Energiequellen konkurrieren zu können, müssen die Hersteller ihre Anlagen leichter machen und den Wirkungsgrad erhöhen, damit ein Windenergiepark als Einheit effektiver in der Stromerzeugung wird.

Wie sieht die Zukunft der Windenergie aus?

AB: Viele Länder arbeiten daran, ihre nationalen Netze flexibler zu machen, um die verschiedenen anfallenden Energieeinträge aus Windenergieanlagen aufnehmen zu können und dennoch für jeden Nutzer gleichbleibende Flexibilität, Sicherheit und Zuverlässigkeit zu gewährleisten. In Dänemark ist es vergleichsweise einfach: Dort muss man nur die Norweger bitten, ihre Wasserkraftwerke umzustellen, die jederzeit angeworfen werden können. Pumpspeicherkraftwerke sind als bewährte und wartungsarme Technologie nach wie vor die wirtschaftlichste Lösung.

In der Türkei jedoch verlangt die Regierung, dass jeder Windanlagenbetreiber seine Windenergieproduktion 13 Stunden im Voraus ankündigt, damit man weiß, wie viel Energie ins Netz eingespeist werden wird. Wird der vorhergesagte Betrag über- oder unterschritten, werden Strafen fällig. Wenn die Betreiber ihre Windenergieparks mit Speicherlösungen ausstatten, könnte die Energieeinspeisung kontrolliert werden, um die Vorhersage einzuhalten.

Aber Energiespeicherung kostet Geld. In China sind die Bedingungen und die starken Winde im Norden des Landes ideal für die Entwicklung der Windenergie, der Hauptanteil des Energiebedarfs fällt jedoch im Süden an. Die Lösung: China baut an einem Hochspannungsstromnetz, das den Norden mit dem Süden verbindet.

PROFIL

Frost & Alina Bakhareva, Expertin für erneuerbare Energien bei Frost & Sullivan, verfügt über Erfahrung in Forschung, Beratung und Projekt- management in einer breiten Reihe von Energie- und Strommärkten. Mit dem Hauptaugenmerk auf Energie- und Umweltunternehmen hat sie Markt- bewertungen für neue Produkte und Anlagen durchgeführt, Beschaffungsstrategien und optimale Verfahren untersucht und Marktchancen über die Wertschöpfungskette hinweg bewertet.

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von Rachel Callery