COMPASS MAGAZINE #10
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ENERGIE UND PROZESSTECHNIK SCHIEFERGAS: Bohren nach technologischer Revolution

Der Beitrag von Schiefergas zur Erholung der US-amerikanischen Wirtschaft gibt Anlass dazu, von „günstiger Energie“ auf weltweiter Ebene zu träumen. Doch Experten sind sich einig, dass die Ausweitung dieses Booms effizientere und umweltverträglichere Lösungen bei der Gewinnung erfordert.

Schiefergas boomt in den Vereinigten Staaten, wo seit 2007 mehr als 2 Millionen Bohrungen vorgenommen wurden. Der sprunghafte Anstieg des Angebots hat Erdgas in den USA dreimal so günstig wie in Europa und viermal günstiger als in Japan gemacht. Fürsprecher schätzen, dass eine
globale Entwicklung die weltweiten Gasreserven verfünffachen könnten. Doch Experten warnen davor, dass der Nutzen von Schiefergas aufgrund der Art und Weise, wie es gewonnen wird, nur von kurzer Dauer sein wird.

Im September 2013 schlussfolgerte eine Studie der Stanford University, dass die langfristigen Auswirkungen von Schiefergas für die amerikanische Wirtschaft „marginal“ seien. Ein Bericht französischer Experten vom Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen (IDDRI) kritisiert die Goldgräberstimmung, die kurzfristige Profite vor langfristige Produktion stellt.

HOHE RENDITEN, KURZLEBIGE BOHRUNGEN

Der US­amerikanische Schiefergas­ Boom wird von kleinen, häufig spekulativen Investoren angetrieben. 80% der Ressourcen einer Bohrung sind im Schnitt nach nur zwei Jahren erschöpft. Während sich Erschließungs ­ unternehmen darauf konzentrieren, ihre Kosten niedrig zu halten, hat sich der hydraulische Abbauprozess seit der bahnbrechenden Arbeit des amerika­ nischen Ingenieurs George Mitchell im Jahr 1991 nur wenig weiterentwickelt.

80%

der Ressourcen einer Schiefergas-Bohrung sind im Schnitt nach nur zwei Jahren erschöpft.

 „Es ist viel komplizierter, als es aussieht, weil wir in Bereichen bohren müssen, die sich oftmals über mehrere Kilometer erstrecken und unter 30 oder 40 Schichten Stein liegen“, erklärt Atanu Basu, Gründer von Ayata aus Austin, Texas (USA), der das Gestein vor dem Start der Bohrungen mit Big­Data­ Technologie analysiert. „Heute kommen geschätzte 80% des nordamerikanischen Schiefergases von nur 20% der Fracking­Bohrplätze.“

Catherine Gautier ist Professorin für Geologie an der University of California in Santa Barbara und Co­Autorin von Shale Gas: New Eldorado or Dead End? „Das derzeit in den USA genutzte Betriebsmodell muss vor dem sehr günstigen Hintergrund niedriger Kosten, ausgedehnter Bohrregionen und konzilianter Vorschriften gesehen werden“, sagt Gautier.

Wie schwierig es ist, das US­Modell zu exportieren, zeigt sich in Polen, wo sich die Total Gruppe im April 2014 aus ihrem polnischen Schiefergas­ Projekt zurückgezogen hat. Es ist das neueste Beispiel für die unsichere Zukunft des Fracking.

DIE SUCHE NACH SICHEREREN TECHNOLOGIEN

Gegner behaupten, dass Fracking den Boden verschmutzt und Methan, das zur globalen Erwärmung beitragen soll, freisetzt. „Ein Austritt von 4% oder 5% während des Produktionszyklus könnte den Gasabbau genauso schädlich wie Kohle machen“, erklärt Gautier.

Doch in einer Welt, die nach Energie hungert, wird das Fracking vermutlich weitergehen. Daher sind Wissen­ schaftler jetzt auf der Suche nach besseren Produktionsmethoden, um seine Auswirkungen zu reduzieren. „Wenn wir Schiefergas zu einer nachhaltigen Säule in unserem Energie­ Mix machen wollen, müssen wir zuverlässigere und umweltsicherere technologische Lösungen entwickeln“, so Jean­Louis Fellous, Atmosphärenphysiker und Co­Autor von Gautier. „Heute ist der Abbau ein Riesenproblem und die Universitäten verfügen nicht über die notwendigen Mittel.“

Thierry Bros, Senior European Gas and LNG Analyst der französischen Bank Société Générale und Autor von After the US Shale Gas Revolution , glaubt, dass eine Regulierung die Industriellen auf den Plan rufen wird. „Die Vorschriften sind zu zwingend für sie“, erklärt er. „Sie sollten die Transparenz und eine größere Kontrolle ihres Abbauprozesses unterstützen. Wenn Europa die Heraus­ forderung annimmt, könnte es ein echtes alternatives Produktionsmodell für Schiefergas vorantreiben und dieses Know­how in andere Märkte exportieren.“ ◆

 

3D-TECHNOLOGIEN: MACHEN NEUE ENERGIE SICHER

3D-Technologien tragen zur Entwicklung von unkonventionellen Energiequellen bei.

„Die Öl- und Gasindustrie nutzt bei der Suche nach Ressourcen komplexe 3D und sogar 4D-Technologie“, erklärt Jill Feblowitz, Vice President bei IDC für Energy Insights, Utilities, Oil and Gas. „Sie sucht nach neuen Wegen, wie Technologien der seismischen Verarbeitung und Lagerstättensimulation auf das Bohren und die Gewinnung von Schiefergas, Tight-Öl und anderen unkonventionellen Ressourcen angewandt werden können. Letztendlich wollen Ölund Gasunternehmen und Regierungen, die Neuem gegenüber aufgeschlossen sind, ihre Produktion rationalisieren und gleichzeitig das Umweltund Sicherheitsrisiko minimieren.“

Auch die Rechenleistung und Simulationsprogramme helfen dabei, die Präzision zu steigern und die Effizienz und Sicherheit bei der Extraktion zu optimieren.

 
Régis de Closets ist ein französischer Wissenschaftsjournalist, der Dokumentationen für das französische Fernsehen produziert und für Le Figaro, Le Nouvel Economist und die internationale Management­ Zeitschrift Outlook geschrieben hat.
Outlook.

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