COMPASS MAGAZINE #10
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ENERGIE UND PROZESSTECHNIK SCHNELLLEBIGER ENERGIEMARKT : Marktentwicklungen zwingen die behäbige Energieindustrie zu einem höheren Tempo

Kritiker sagen schon lange vorher, dass Umweltverschmutzung, Ressourcenausbeutung oder ein katastrophaler Atomunfall zu einem Ende der Energieerzeugung aus Kohle, Öl, Erdgas und Uran führen wird. Bisher sind diese Vorhersagen nicht eingetroffen. Stattdessen verdrängen Marktkräfte Atomkraftwerke und Anlagen für fossile Brennstoffe, da die Standortsuche, die Zulassung und der Bau für den sich schnell entwickelnden Energiemarkt inzwischen zu langsam sind.

Johannes Teyssen glaubt, dass es möglich sein sollte, dass ein bayrischer Landwirt überschüssige Solarenergie entweder in der Batterie seines elektrischen BMW speichert – um sie in Zeiten hoher Strompreise wieder an das Netz zu verkaufen – oder die Energie zum Wäschewaschen in der elektrischen Waschmaschine nutzt, wenn das Internet of Everything (Internet der Dinge) niedrige Strompreise berichtet.

Dies erklärt auch, warum Teyssen, Vorstandsvorsitzender des größten deutschen Energiekonzerns E.ON, im November 2014 einen kühnen Plan ankündigte: die Abspaltung des konventionellen Kerngeschäfts, d.h. der Energieerzeugung und -verteilung im Bereich Atomenergie und fossile Brennstoffe.

Diese Energiequellen sind zwar gefährlich bzw. umweltverschmutzend, weswegen Kritiker schon lange den Niedergang vorhersagen. Aber die Unternehmensentflechtung hat einen anderen Grund: Diese Energiequellen sind im schnelllebigen Energiemarkt einfach nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Umsätze liegen im Verkauf, und Teyssen will sich auf „Kundenlösungen“ konzentrieren – intelligente Messgeräte (sog. Smart Meter), Beratungsdienste und die Verteilung erneuerbaren Energien.

DEZENTRALE STROMERZEUGUNG

Die Analysten haben den Begriff „Distribution Edge“ geprägt: Dabei handelt es sich um die Schnittstelle zwischen den Stromverteilungssystemen der Energieunternehmen und der wachsenden Zahl von Steuer- und Energiemanagementsystemen, die von Kunden kontrolliert werden. E.ON hält dies für den Bereich, in dem sich der Wettbewerb im schnelllebigen Energiemarkt am ehesten lohnt.

„Wir befinden uns in sehr dynamischen Zeiten und das in einer Branche, die nicht für Dynamik bekannt ist“, gibt Andrew Spitzer zu bedenken, Kapital- und Übernahmeberater beim US-Unternehmen Harris Williams & Company. „Es wird sehr interessant zu beobachten sein, wie die Energieunternehmen reagieren. Der Energiesektor war bisher sehr schwerfällig und hat sich nur langsam neuen Situationen angepasst.“

„Wir befinden uns in sehr dynamischen Zeiten und das in einer Branche, die nicht für Dynamik bekannt ist.“ ANDREW SPITZER

ANDREW SPITZER KAPITAL- UND ÜBERNAHMEBERATER, HARRIS WILLIAMS & COMPANY

Aber ein langsamer Energiesektor ist ein Trend, der fast vorbei zu sein scheint. Verbesserte Technik zur Energieverteilung, gesetzliche Auflagen zu CO2-Emissionen, intelligente, mit dem Internet verbundene Netze (sogenannte Smart Grids) und Änderungen bei den globalen Investitionsstrategien schaffen ein günstiges Klima für erneuerbare Energiequellen und haben die Rahmenbedingungen für etablierte Atomenergie- und Fossilenergie-Konzerne umgekrempelt.

Dazu kommt der Einzug von neuen, profilierten Akteuren wie Google und Apple, also Hightech-Unternehmen, die Megawatts zu Geld machen wollen. Beispielsweise erwarb Google 2014 das Unternehmen Nest Labs, das Thermostate für Heizkörper in Privatwohnungen herstellt, die durch Verbindung zum Internet eine Steuerung des Energieverbrauchs zulassen. Die in Boston ansässige Firma EnerNOC stellt intelligente Energie-Software her und hat vor kurzem das kanadische Startup-Unternehmen Pulse Energy erworben, um die Kunden durch die Analyse der Verbrauchsdaten beim Energiesparen zu unterstützen. Das HomeKit von Apple erlaubt die Steuerung von energieverbrauchenden Vorgängen in gewerblichen und privaten Räumen.

DAS NEUE ENERGIE-REGELWERK

Die für den Energiemarkt geltenden Regeln ändern sich auch in Reaktion auf neue Akteure, die mit neuen Waren handeln. Diese Regeln beziehen sich auf Protokolle, Rechtsansprüche und Preisgebung sowie auf objektive, klar definierte Kostenzuweisungen. Im Zuge des Regelwandels beginnen Energieunternehmen und Gesetzgeber mit neuartigen Geschäftsmodellen und Marktplattformen zu experimentieren.

Beispielsweise setzen Pilotprogramme in Dänemark und in den Niederlanden die Idee von Mikronetzen (auch Peer-to-peer-Energienetze genannt) um, bei denen lokale Energieerzeuger und -verbraucher fast in Echtzeit mit Strom handeln. In beiden Ländern werden im Rahmen der Programme Blockheizkraftwerke (BHKW), intelligente Haushalts- und Messgeräte (Smart Meter), Elektroautos und Dachsolaranlagen miteinander kombiniert. Angebot und Nachfrage in diesen Subnetzen werden dabei von einem Software-System auf einer Marktplattform aufeinander abgestimmt.

In Deutschland, in Großbritannien und in Neuseeland experimentieren die Gesetzgeber mit neuen Formen der Preisgebung und neuen Anreizen, um die Stromverteilungskosten zu senken. In der US-amerikanischen Stadt Austin, Texas, wurde ein Solartarif eingeführt, der dem Nettowert der in das Netz eingespeisten Solarenergie entspricht, d.h. Einbußen durch Leitungsverluste und Wirkungen auf Stromerzeugungs-, Übertragungs- und Verteilungskapazitäten sowie positive Umweltwirkungen werden berücksichtigt.

Viele Stromkunden in Europa können seit Jahren zwischen verschiedenen Stromanbietern wählen. In den USA ist Konkurrenz im Strommarkt jedoch ein relativ neues Phänomen: Über 13 Millionen Stromkunden in 24 Bundesstaaten (bei einer Gesamtbevölkerung von 320 Millionen Menschen) profitieren nun von gesetzlich geregelter Konkurrenz in Stromeinzelhandelsmärkten. Laut der gemeinnützigen Forschungs- und Bildungsstiftung Rocky Mountain Institute, die sich die effiziente und nachhaltige Ressourcennutzung zum Thema gemacht hat, könnten diese Märkte „eine Plattform für die Verteilung von Ressourcen und wertorientierte Transaktionen im Netz bereitstellen, falls geeignete gesetzliche Anreize bestehen“. Es geht also mit anderen Worten um ein System, das den Fluss von Informationen, Strom und Transaktionen in vielen Richtungen und zwischen Akteuren mit unterschiedlichen Rollen erlaubt. Ein solches System hätte dabei Auswirkungen auf die Stromerzeugung und -einspeisung, den Stromverbrauch, die Energiepreise, die Stromqualität und die Zuverlässigkeit des Netzes, wobei vorausgesetzt wird, dass Regierungen die Kosten durch Strategien für Neukunden, gesetzliche Auflagen und Anreize gerecht auf alle Parteien umlegt.

DIE NEUEN

Beobachter geben zu, dass die alternativen Energien immer noch von ihrer Neuheit profitieren.

„Leistungsfähige Backbone-Systeme, die – auch wenn es bedeckt ist und der Wind nicht bläst – die Infrastruktur für eine zuverlässige Energieversorgung bereitstellen, werden bei der Berechnung der Energiekosten nicht berücksichtigt“, sagt Andrew Sowder, Leiter der Technik im Advanced Nuclear Technology Program der US-amerikanischen Nonprofit-Einrichtung EPRI (Electric Power Research Institute). „Im Bereich der erneuerbaren Energien haben wir immer noch Probleme mit der Stromqualität, und damit sind wir bei der Stromspeichertechnik - den Batterien. Die Technologie der Brennstoffzellen und Batterien verbessern sich ständig. Die Erwartung einer solchen Weiterentwicklung auch für die Zukunft ist plausibel, und genau auf diese Erwartung spekulieren Investoren. Und vielleicht setzen auch Sie auf diese Karte. Aber was passiert, wenn dies nicht eintrifft?“

„Leistungsfähige Backbone-Systeme, die – auch wenn es bedeckt ist und der Wind nicht bläst – die Infrastruktur für eine zuverlässige Energieversorgung bereitstellen, werden bei der Berechnung der Energiekosten nicht berücksichtigt.“

ANDREW SOWDER LEITER DER TECHNIK, ADVANCED NUCLEAR TECHNOLOGY PROGRAM, ELECTRIC POWER RESEARCH INSTITUTE

In einem solchen Szenario, so Sowder, könnten konventionelle Atom- und Kohlekraftwerke als Schutz vor Schwankungen bei der Erzeugung von erneuerbaren Energien dienen.

Die größere Herausforderung für Energieunternehmen im schnelllebigen Energiesektor gehe über Technologie hinaus, fügt Sowder hinzu; die Energieunternehmen müssen vortreten und den Energiewandel anführen – oder beiseite treten und die Märkte über sie hinweg agieren lassen. „Die Herausforderung ist, das Interesse der richtigen Personen mit einem angemessenen Appetit für Risiko zu wecken“, sagt er. „Die kommerzielle Seite muss dabei einen Sog ausüben. Auf diese Weise entsteht eine für Energieunternehmen geschäftlich interessante Situation.“

von Dan Headrick Zurück zum Seitenbeginn