COMPASS MAGAZINE #10
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ETHISCHE KLEIDUNG Nachhaltigkeit ist der heißeste neue Modetrend

Modemarken erkennen, dass ausgefeilte Systeme zur Nachverfolgung einer nachhaltigen Lieferkette nicht nur positive Auswirkungen auf die Menschen und die Umwelt haben, sondern auch im Umgang mit den gut informierten Konsumenten von heute unverzichtbar sind. 

Modeunternehmen sind daran gewöhnt, dass sich die Wünsche der Kunden bezüglich ihrer Produkte schnell verändern. Doch mit der beispiellosen Verfügbarkeit von Informationen über die geschäftlichen Aktivitäten einer Marke und die mediale Berichterstattung über Ereignisse wie in Bangladesch – den Brand in der Textilfabrik Dhaka 2012 und den Einsturz des Rana­-Plaza­-Gebäudes 2013 – hinterfragen die Verbraucher verstärkt die Lieferantenkette ihrer Mode.

„Durch die allseits zunehmende Forderung der Kunden nach höheren Sozial-­ und Umweltstandards wurde es notwendig, die Lieferkettentransparenz in den Vereinigten Staaten und in Europa zu erhöhen und damit die Messlatte für soziale und ökologische Leistungen anzuheben“, sagt Maximilian Martin, Gründer von Impact Economy, einem Impact Investing und Strategie­unternehmen mit Sitz in der Schweiz und Vertretungen in Nord­- und Südamerika. 

KOMPLEXE HERAUSFORDERUNG 

Nachhaltigkeit zu gewährleisten, ist für Modemarken ein vielschichtiges Unterfangen.

„Globale Lieferketten stellen Unternehmen, die sich dem ethischen Handel verpflichtet haben, vor enorme Herausforderungen“, sagt Esme Gibbins, Leiterin der Medien­- und Kommunikationsabteilung bei Ethical Trading Initiative (ETI), einem globalen Zusammenschluss von Unternehmen, Gewerkschaften und Nichtregierungs­organisationen, der für die Rechte der Arbeiter eintritt. „Beispielsweise sind Probleme des Arbeitsrechts, die in vielen Lieferketten bestehen, häufig tief verwurzelt, weit verbreitet und extrem komplex und dadurch von einer Modemarke oder einem Händler allein nur schwer zu bekämpfen.“

Führende Marken bemühen sich um Nachhaltigkeit, indem sie auf Tools und freiwillige Verhaltensrichtlinien setzen, die von Organisationen wie ETI, Sustainable Apparel Coalition und Solidaridad angeboten werden.

Mit der Einführung des Plans A 2020 hat zum Beispiel der britische Mode-Einzelhändler Marks & Spencer seinen nachhaltigen Businessplan auf alle seine Geschäftsbereiche weltweit ausgedehnt. Neben ihren individuellen Nachhaltigkeitsversprechen haben sich die schwedische Modekette H&M und Inditex, die spanische Modegruppe hinter Zara, gemeinsam dazu entschieden, die Sicherheit in ihren Fabriken zu erhöhen und keine Viskose aus Holz aus gefähr­deten Wäldern mehr für ihre Kleidung zu verwenden.

„Um ein nachhaltiges Modeunternehmen voranzubringen, muss man ganz bewusst Ziele setzen und sich dann konsequent daran halten“, sagt Leslie Hand, Forschungsleiterin beim globalen Beratungsunternehmen IDC Retail Insights. „Lieferketten-­IT unterstützt dies, indem sie Einblicke in Audits der Fabriken ermöglicht, bevor Bestellungen aufgegeben werden, in Bezugsquellen für Materialien, in die Wege der Waren sowie in den CO2­-Austoß bei jedem Arbeitsschritt, damit die Ökobilanz der Produkte berechnet werden kann. Sie ermöglicht außerdem eine effiziente und kluge Auswahl und Nutzung der Materialien.“

Die Gewährleistung der Nachhaltigkeit entlang der Lieferkette mache schon große Fortschritte, sagt Hand. „In Sachen Design muss man beispielsweise schon beim Entwurf der Kleidung den Schutz der Natur im Sinn haben, recycelte oder natürliche Fasern bevorzugen, Abfall reduzieren sowie den Verbrauch von Wasser und Strom senken, um nachhaltig zu sein. 3D­-Design und Visualisierung sowie andere Tools zur Nachverfolgung der CO2­-Emissionen können dabei helfen. Product Lifecycle Management (PLM) ermöglicht effizientes Design, Minimierung des Abfalls und Reduzierung der Musterteile. Und Analyseprogramme helfen den Unternehmen dabei, ein erfolgreiches Design für die Produkte zu entwickeln, damit diese sich gut verkaufen und weniger auf der Mülldeponie landet.“

Um die Auswirkungen über den Lebens­zyklus eines Kleidungsstücks oder Schuhs zu messen – wie Material, Produktion, Verpackung, Gebrauch und Nutzungsende – bedarf es einer Gemeinschaftsanstrengung, um alle Daten aus der Wertschöpfungskette zu erfassen. Neben der Verbesserung von Design und Produktion wird es den Lieferanten, Markenherstellern und Händlern durch PLM auch ermöglicht, sich auf einer gemeinsamen Plattform für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zusammenzutun. 

SAUBER UND SCHLANK 

Die Systeme, die Nachhaltigkeit för­dern, können auch bedeutende Ge­schäftsvorteile bieten. Im Bericht „Supply Chain Top 25 for 2014“ lobte das globale Beratungsunternehmen Gartner die ausgefeilten Technologien, die den aggressiven Wachstumskurs von H&M unterstützen, sowie das schnelle Prototyping und die kurzen Markteinführungszeiten von Inditex, während es auch die Nachhaltigkeits­verpflichtungen der beiden Firmen würdigte. 

„WIR MÜSSEN ANFANGEN, NACHHALTIGKEIT ALS SCHLÜSSELFAKTOR ZU BETRACHTEN, MIT DEM WIR SOWOHL GESCHÄFTLICHEN ERFOLG ALS AUCH LANGFRISTIGEN WERT FÜR DIE GESELLSCHAFT ERZIELEN .“ 

MAXIMILIAN MARTIN GRÜNDER, IMPACT ECONOMY

Laut Bericht „nutzt die hochintegrierte Lieferkette von Inditex/Zara soziale Netz­werke und Warenknappheit, um den Bedarf zu ermitteln und zu beeinflussen“ und die Lieferkette von H&M wurde als „Schlüsselelement“ für das Unter­nehmenswachstum ausgemacht.

„In der Nachhaltigkeit liegt eine enorme versteckte Chance zur Wertschöpfung“, sagt Martin von Impact Economy. „In vielen Fällen könnte der Wasserverbrauch in der Bekleidungsherstellung um bis zu 50%, der Stromverbrauch um ein Drittel und der Chemikalieneinsatz um ein Fünftel verringert werden. Diese Veränderungen könnten massive Werte freisetzen und gemeinsam mit modernen Managementtechniken, die auch die Arbeiter einbeziehen, die wirtschaft­liche Basis für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und des ökologischen Fußabdrucks legen.“  

von Jacqui Griffiths Zurück zum Seitenbeginn
von Jacqui Griffiths