COMPASS MAGAZINE #10
COMPASS MAGAZINE #10

GEWINNE DURCH EINHEITLICHKEIT Die Baubranche wendet sich der Cloud zu für verbesserte Effizienz und Rentabilität

Die schnell wachsende, globale Bauindustrie leidet an Fragmentierung, die Risiken erhöht, unwirtschaftliche Praktiken erlaubt und die Projekterfüllung wie auch die Interessen der Stakeholder negativ beeinflusst. Die cloudbasierte Zusammenarbeit ersetzt traditionelle Praktiken mit neuen Geschäftsmodellen, die bessere Gebäude erträumen, gestalten und bauen helfen.

Vom Construction Intelligence Center bis hin zur Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers: Die meisten Industriebeobachter sind sich einig, dass die Baubranche boomt. Ein von PwC finanzierter Bericht mit dem Titel „Global Construction 2030“, veröffentlicht von Global Construction Perspectives und Oxford Economics, prognostiziert ein Wachstum des Bausektors bis 2030 um insgesamt 85% auf 15,5 Billionen US-Dollar. Aber die Industrie ist laut Expertenmeinungen so stark fragmentiert – Architekten, Ingenieure, Baufirmen und viele kleine und große Gewerbe – dass sie mit so einer Expansion gar nicht zurechtkommt.

EIN JURISTISCHES DURCHEINANDER

Javier Glatt, Mitbegründer und CEO, CadMakers Virtual Construction, einer integrierten Bautechnologiefirma in Vancouver sagt, dass die Fragmentierung letztendlich auf der rechtlichen Verantwortung beruht. „Ursachen für die Fragmentierung sind Risiko- und Haftungsfragen, und wie die Industrie mit diesen umgeht“, fügt er hinzu.

Gebäude werden immer größer und komplexer, sodass in jeder Phase immer mehr Fachkompetenz benötigt wird. Die vielen Subunternehmen werden nicht nur angeheuert, um die Arbeit zu erledigen, sondern auch, um einen Teil des Risikos zu tragen. Glatt sieht eine Fehlausrichtung der Anreize zwischen Projektbeteiligen und Vertragspartnern; einige versuchen, die Kosten zu senken, andere möchten von Budget-Erhöhungen profitieren.

„Die Daten zeigen, dass eine integrierte
Projektführung mit signifikanten
Leistungsverbesserungen und besserer
Wirtschaftlichkeit korreliert.“

DONNA LAQUIDARA-CARR INSIGHTS RESEARCH DIRECTOR, DODGE DATA & ANALYTICS

Sogar der Designprozess wird immer fragmentierter. Unterschiedliche Subunternehmer sind für Strukturen, Fassaden, Visualisierung, Analyse und mehrere Bausysteme verantwortlich. Die frohe Botschaft ist, dass es viel Raum für Verbesserungen gibt.

„Automatische Prozesse und die Herstellung von Fertigbauteilen reduzieren das Risiko, die Kosten, Verschwendung und Fehler“, sagt er. „Die Arbeit mit einem einzigen einheitlichen 3D-Modell, auf das alle Zugriff haben, hilft bei der Lösung vieler Probleme, die entstehen, wenn die Vertragspartner nicht miteinander kommunizieren wollen oder können.“

Wenn alle Vertragspartner ein eigenes Modell erstellen und eigene Daten nutzen, steigt die Wahrscheinlichkeit für Fehler und Fehlkommunikation. Mit einem einheitlichen Projektmodell, so Glatt, „verstehen die Bauunternehmer ihre Rolle im Projekt und die Wechselwirkungen mit anderen Vertragspartnern sehr viel besser. Daher können sie sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren, Probleme lösen und besser bauen.“

VORTEILE IN ZAHLEN

Erkenntnisse aus der Marktforschung von Dodge Data & Analytics, dem führenden Anbieter für Daten, Analytik und Intelligenz im Bereich der nord- amerikanischen Bauindustrie, bestätigen diese Beobachtungen. Donna LaquidaCarr, Direktorin des Bereichs Insights Research, Dodge Data & Analytics, verweist auf die Analyse von Daten aus Architektur, Ingenieurwesen und Bauindustrie im Rahmen einer Studie, die zusammen mit dem Lean Construction Institute durchgeführt wurde. Demnach sind 92% der „typischen“, d.h. fragmentierten Projekte von Verzögerungen, 85% von Budget-Überschreitungen und 63% von Qualitätsdefekten betroffen.

„Die Daten zeigen, dass eine integrierte Projektführung mit signifikanten Leistungsverbesserungen und besserer Wirtschaftlichkeit korreliert“, sagt Laquidara-Carr. „Immer wieder hören wir, dass eine frühzeitige Zusammenarbeit der Schlüssel zu solchen Vorteilen ist.“ Gemäß der Daten nutzen nur 1% der Eigentümer typischer Projekte Tools zur Projektintegration, sagt sie, doch diese Tools werden bei 22% der „Projekte mit den besten Ergebnissen“ eingesetzt. Folglich wurde eine positive Atmosphäre im Team bei 68% der „besten Projekte“, aber nur bei 10% der „typischen Projekte“ berichtet. Bei 61% der „besten Projekte“ seien die Teams gut integriert und nur bei 9% der „typischen Projekte“.

Die Daten weisen darauf hin, dass die Integration aller Projektbeteiligten – einschließlich Eigentümer, Vertragspartner und Handwerker – in einem virtuellen „Raum“ die Zusammenarbeit als ein Team fördert und die Funktionstüchtigkeit der Architektur-, Ingenieurwesen- und Baubranche verbessert, so Laquidara-Carr. Der virtuelle „Raum“ steht dabei für eine einheitliche Online-Kommunikations- und Kooperationsplattform.

Building Information Modeling (BIM) wurde als Lösung gegen Fragmentierung angekündigt, die Erfahrungen der Industrie waren aber nicht immer positiv.

Tim Beckett, Direktor der britischen Beratungsfirma Beckett Rankine, spezialisiert auf marines Bauingenieurwesen, ist ein Vertragspartner für das Design des 25 km langen Thames Tideway Tunnels mit einem Durchmesser von 7,4 m. Für diesen „Super-Abwasserkanal“ wurden 4,2 Milliarden britische Pfund (5,2 Milliarden US-Dollar) bereitgestellt, und er wird eine Tiefe von 65 m erreichen.

Standardmäßige BIM-Systeme können „umständlich in der Anwendung und teuer in der Anschaffung sein sowie spezielle Fachkenntnisse erfordern“, sagt Beckett. Er sieht jedoch die Vorteile eines cloudbasierten Ansatzes, der die Vorteile und Möglichkeiten von BIM bietet, aber gleichzeitig mehr Personen mit unterschiedlichem Kenntnisstand Zugang gewährt.

„Die erwartete Betriebsdauer des Thames Tideway Tunnels liegt bei über einhundert Jahren, alle Daten müssen daher zukunftstauglich sein“, erklärt Beckett. „Eine cloudbasierte Lösung für das Projektmanagement in dieser Größenordnung würde allen Beteiligten einen einfachen, kostengünstigen, permanenten und verfolgbaren Zugang zu den Daten verschaffen, den sie heute und in Zukunft brauchen.“

VEREINTE KONTINENTE

„Visuelle Simulationen und hochauflösende Daten sind Voraussetzungen für das korrekte Durchdenken von sehr komplexen Projekten“, so John Cerone, Direktor, Virtual Design and Construction bei SHoP Architects, New York. „Das standardmäßige BIM unterstützt die traditionellen Praktiken der Bauindustrie. Bauingenieure erkennen jedoch, wie ein hochwertiger, einheitlicher, cloudbasierter 3D-Ansatz helfen kann, die Gewinne durch bessere Effizienz zu steigern.“

Die Akzeptanz der Branche für einen einheitlichen Ansatz zur Verwaltung von Bauprojektdaten sei lediglich eine Frage der Zeit, so Cerone.

„Die Bauindustrie ist ein wichtiger Bestandteil der globalen Wirtschaft. Daher können durch Effizienzsteigerungen Milliarden eingespart werden“, sagt er. Erfreulicherweise stößt SHoP auf großes Interesse bei den Bauunternehmen, die die Vorteile des einheitlichen Ansatzes nutzen wollen.

Der Ersatz von linearen Prozessen durch gleichzeitige Arbeitsabläufe, ermöglicht durch den einheitlichen Ansatz, beschleunigt den Prozess vom Design bis hin zur Herstellung und sorgt für eine größere Genauigkeit, wobei die finanziellen Vorgaben automatisch streng eingehalten werden. „Ein Auto- hersteller weiß bis auf das Mikrogramm genau, wie viel Stahl in seinem Automobil verbaut wird. Warum sollte dies nicht auch bei einem Gebäude möglich sein?“, fragt Cerone.

Im Rahmen eines aktuellen Projekts – des Botswana Innovation Hub, ikonisches Symbol für die Unterstützung von Forschung und Entwicklung in Botswana – hat SHoP eine interkontinentale „digitale Meisterschaft“ erreicht. Die Ergebnisse sind laut Cerone, „Geschwindigkeit ohne Verschwendung, hohe Präzision beim Bau und absolute Kontrolle der Finanzen.“

„Das neue auf einem 3D-Modell beruhende Paradigma – das Innovation belohnt, für höhere Profite sorgt und den Bau besserer Gebäude unterstützt – macht sich im Bereich Architektur, Ingenieurwesen und Bauindustrie breit“, sagt Cerone. „Die Branche verändert sich, und es ist sehr spannend, dabei zu sein.“ ◆

von Nick Lerner Zurück zum Seitenbeginn