COMPASS MAGAZINE #10
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Maschinen- und Anlagenbau INTELLIGENTE MASCHINEN: Das Internet der Dinge revolutioniert die Maschinenbaubranche

Dampf, Strom und Elektronik waren die Triebfedern der ersten drei industriellen Revolutionen. Jetzt befeuert das Internet die Industrie 4.0, indem es durch vernetzte, intelligente Maschinen die Industrieanlagen und die zugehörigen Dienstleistungen revolutioniert und die Gewinne der Maschinenbauer um bis zu 30% steigert.

Bis 2020, werden rund 30 Milliarden Geräte – von Düsenflugzeugen bis zu Verpackungsmaschinen – drahtlos mit dem Internet verbunden sein, laut ABI Research, einem in New York City (USA) ansässigen Marktforschungs- und Beratungsunternehmen. Dieser Trend hat enorme Auswirkungen auf die Maschinenbaubranche. Denn indem sie ihre Maschinen mit Intelligenz und Konnektivität ausstatten, können Originalgerätehersteller (OEM) die von ihnen angebotenen Dienstleistungen erweitern, die Zufriedenheit ihrer Kunden enorm steigern und gleichzeitig höhere Umsatzerlöse generieren.

Wenn eine Maschine ans Internet angeschlossen ist, kann sie ihrem Hersteller diverse Informationen übermitteln, angefangen beim Verschleiß bis hin zu Produktions­mustern. Anhand dieser Informationen kann der Hersteller proaktive Service­leistungen anbieten, die dem Kunden Ausfallzeiten ersparen und den Produktionsvorgang optimieren.

„In vielen Fällen sind Dienstleistungen viel wichtiger als das Produkt selbst“,sagt Dieter Spath, der kürzlich seine Stelle als Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO aufgegeben hat, um Vorstandsvorsitzender eines Hightech-Unternehmens zu werden. Das Fraunhofer IAO vereint Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft. „Die Industrie 4.0 nimmt in allen Industrienationen Fahrt auf, weil sie den Herstellern die einmalige Chance bietet, die Macht des Internets auszunutzen, indem sie Dienstleistungen für vernetzte Produkte anbieten.“

Wenn sie sich dieses Potenzial zunutze machen, können Anlagenbauer ihren Kunden mehr Service zur Optimierung der Maschinen bieten. „Um wettbewerbs­fähig zu bleiben, stellen die Firmen den Service in den Mittelpunkt ihres Angebots“, sagt Spath. „Es ist sogar denkbar, dass Produkte und Geräte kostenlos oder preisreduziert abgegeben werden, um Bedarf für lukrativere Dienstleistungen zu schaffen. OEMs müssen mit ihrem Serviceangebot nur innovativ und anpassungsfähig sein.“

DER WERT DES WISSENS

Geräte, die kontinuierlich ihren Zustand überwachen und diese Daten an den Hersteller senden, bieten den OEMs auch die Chance, mehr darüber zu erfahren, wie ihre Kunden die Maschinen nutzen.

30 Milliarden

ABI Research schätzt, dass bis 2020 rund 30 Milliarden Geräte drahtlos mit dem Internet verbunden sein werden.

„Anhand dieser Erkenntnisse können sie dann ihren Anwendern bessere Maschinen und Services anbieten“, meint Spath. „Beispielsweise wird es bald möglich sein, tausende Maschinen weltweit von einem Standort aus zu überwachen, zu steuern und zeitlich abzustimmen. In einem ver­netzten System können Maschinen Defekte selbst diagnostizieren und automatisch Ersatzteile bestellen. Es werden sich neue Dienstleistungen herausbilden, die Maschinen und Systeme überwachen, steuern und modernisieren und somit deren latenten Wert freisetzen.“

Willy Shih, Professor für Management­praktik an der Harvard Business School in Boston, Massachusetts (USA), fügt hinzu: „Das Sammeln großer Datenmengen aus dem tagtäglichen Betrieb wird immer e­infacher und billiger. Mittels Analyse­verfahren lässt sich daraus ermitteln, wie die Produktion optimiert, die Feh­lersuche verbessert und Abfall reduziert werden kann. Auf dem Gebiet der Datenauswertung werden sich neue Dienstleistungen entwickeln, die den Maschinenbesitzern aufzeigen, wie sie die Geräte effizienter nutzen sowie die Betriebszeit und Systemleistung steigern können, um die Produktivität zu erhöhen.“ Durch die Verarbeitung größerer Daten­sätze können Hersteller die Ursachen und Auswirkungen von Produktivitäts­kennzahlen in Echtzeit untersuchen, sagt Shih. „Noch nie hatten wir so viel Einblick. In einer komplexen, mehrstufigen Produktion kann man beispielsweise sehen, wie sich der Ertrag bei diversen Ursachen ändert. Damit lassen sich Probleme leichter isolieren und die Unternehmen können sofort Abhilfe schaffen. Weil die Kunden bereit sind, für die Verringerung der Ausfallzeiten und die Erhöhung des Durchsatzes zu zahlen, haben Dienstleistungsunternehmen viele Möglichkeiten, diese Daten zu sammeln, zu interpretieren und Handlungs­empfehlungen zu erstellen.“

DIE GLOBALE FABRIK

Diese technologischen Fortschritte „entwickeln sich für Maschinenhersteller zu einem Nährboden, aus dem profitable, neue, datenbasierte Serviceleistungen erwachsen, die ihren Kunden mehr Gewinn bescheren“, sagt John Blyler, Professor für Anlagentechnik an der Portland State University sowie Vizepräsident und Chief Content Officer beim Hightech-Verlag Extension Media.

Blyler verweist auf den Energieverbrauch in Produktionsstätten als ein Beispiel, wo vernetzte Systeme sofortige und weitreichende Verbesserungen bringen können. „Firmen, die den Maschinen­nutzern helfen, Stromkosten zu sparen, tragen auch dazu bei, dass die Her­stellungs­kosten der Produkte sinken“, sagt er. „Das heißt, man betrachtet den gesamten Produktionsprozess in einer vernetzen Fabrik und kann je nach aktuellem Strompreis sofort die Produk­t­ionsstandorte und Zeitpläne, das Produk­tionslayout, die Bearbeitungszellen und die Versorgungs­leitungen ändern, um Energie zu sparen.“

DIE GEFAHR DER UNTÄTIGKEIT

In einem kürzlich veröffentlichen For­sch­ungsbericht mit dem Titel „Embracing Digital Technology“ haben die Sloan Business School des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und CapGemini Consulting herausgefunden, dass nur 25% der befragten globalen Führungskräfte bewusst ist, welches Potenzial der digitale Wandel für die Einführung neuer Produkte und Dienst­leistungen bietet. Folglich werden die im Vorteil sein, die jetzt handeln.

„ES WIRD BALD MÖGLICH SEIN, TAUSENDE MASCHINEN WELTWEIT VON EINEM STANDORT AUS ZU ÜBERWACHEN, ZU STEUERN UND ZEITLICH ABZUSTIMMEN.”

Dieter Spath EHEMALIGER LEITER DES FRAUNHOFER-INSTITUTS FÜR ARBEITSWIRTSCHAFT UND ORGANISATION

Der Bericht nennt General Electric (GE) als ein Unternehmen, das dieses Potenzial erkannt hat. GE verfolgt aktiv eine Servicestrategie, „mit der sie ihren Kunden vermitteln können, wie man Wartungs­arbeiten planen und Bauteilversagen vermeiden kann, um so die Betriebsabläufe zu verbessern. Das Unternehmen geht davon aus, Dienstleistungen für die Wartung seiner Produkte verkaufen zu können.“ Der Plan von GE ist nur ein Beispiel aus dem Bericht, das belegt, dass „die Möglichkeiten, neue Geschäfts­felder durch digitale Technologien zu erschließen, tatsächlich gegeben sind.“

Anlagenbauer, die sich dieser Heraus­forderung jetzt nicht stellen, werden mit Sicherheit schweren Zeiten entgegengehen. Blyler prophezeit: „Diesen Trend zu ignorieren, kann sich für Anlagenbauer als fatal erweisen, weil dieser profit­trächtige Bereich dann von effizienter arbeitenden Konkurrenten und Neulingen mit innovativen Servicemodellen bedient werden wird, die mutig genug sind, diesen immer dynamischeren Sektor zu übernehmen.“

von Nick Lerner Zurück zum Seitenbeginn