COMPASS MAGAZINE #10
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KLIMAWANDEL Während die Politik noch diskutiert, arbeiten die Technologie-Experten längst

Der Schwerpunkt der Klimakonferenz 2015 in Paris (COP21) lag zwar auf der Verabschiedung rechtlich verbindlicher Vereinbarungen zur Bekämpfung des Klimawandels. Gleichzeitig forderten Technologen aber auch lautstark die schnelle und breite Implementierung bewährter Techniken.

Während der Weltklimakonferenz 2015 in Paris (auch COP21 genannt) haben die 195 Vertrags- staaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) das erste rechtlich bindende globale Klimaabkommen – das Übereinkommen von Paris – verab- schiedet. Stefaan Simons, Dekan der Fakultät Ingenieurwissenschaften an der Brunel University, London, interessierte sich jedoch weniger für das Abkommen als für die ungewöhnlichen Teilnehmer, die aus seinen Veranstaltungen herausströmen: eine begeisterte Gruppe von Ingenieuren, die überzeugt sind, bereits
jetzt viele Antworten für den Kampf gegen den Klimawandel zu kennen.

" „Die Teilnehmer hatten das Gefühl einer Bewegung von unten nach oben“, so Simons über die COP21, bei der die Regierungen strenge Auflagen für die Kohlendioxid (CO2)-Emissionen in den nächsten Jahrzehnten beschlossen. „Es waren viele Gruppen anwesend, die Ingenieurnetzwerke repräsentieren und die sagen: ‚Ja, wir haben die Technologie. Packen wir es an. Wir sind die Spezialisten mit praktischem Wissen und wir bekommen das hin.‘ Man kann skeptisch auf so etwas reagieren – und viele Leute sind skeptisch – aber bei der COP21 gab es das Gefühl, dass wir die Dinge anpacken müssen.“"

EINE WELT VOLLER IDEEN

Beispiele, wie passende technische Lösungen die Auswirkungen der Menschheit auf den Planeten reduzieren können, sind zwar begrenzt, aber inspirierend und tauchen überall auf.

In Simbabwe, wo die täglichen Temperaturen im afrikanischen Veld zwischen 2 und 40 Grad Celsius schwanken, bauen Termiten hohe Hügel, in denen die Lufttemperatur im Inneren sorgfältig reguliert wird, um den Pilz, von dem sie sich ernähren, zu züchten. Bei dem Design des Eastgate Einkaufs- und Bürokomplexes in Harare, der größten Stadt des Landes, orientierten sich die Architekten und Techniker an den selbstkühlenden und selbstwärmenden Termitenhügeln. Die entstandene Struktur braucht weniger als 10% der Energie eines herkömmlichen Gebäudes vergleichbarer Größe.

Treibhausgase sind drastisch reduziert, Mieten liegen 20% unter dem Preis für vergleichbare Räume in herkömmlichen Gebäuden in der Umgebung, und die Eigentümer sparen jährlich Millionen bei den Kosten für die Klimaanlage.

Eine halbe Welt davon entfernt, 4.100 m über dem Meeresspiegel in der Altiplano-Hochebene der Anden, blickt die bolivianische Großstadt El Alto 500 m hinunter auf die Hauptstadt La Paz. Die Fahrt mit dem Bus in die Hauptstadt, wo Kleinanbauer ihre Erzeugnisse ver- kaufen oder einkaufen, kann eine Stunde dauern. Dank des neuen Luftseilbahnnetzes konnte diese Fahrt nun auf 10 bis 17 Minuten verkürzt werden – wobei nur ein Bruchteil der Kosten einer Zug- bzw. Busfahrt anfällt.

In den belebten Straßen von Barcelona nutzen die Stadtplaner das Internet der Dinge, um Computer und Sensoren in Bussen, an Bushaltestellen, in Fahrzeugen, Parkplätzen und Straßenlaternen ein dynamisches, zentrales Management- system zu integrieren. So können die Risiken von Verkehrschaos und Fahrzeugemissionen gesenkt, Energiekosten reduziert, die Abfallentsorgung verbessert und die Reaktionszeiten der Notfalldienste optimiert werden.

STÄDTE IM BLICKPUNKT

„Großstädte haben unser Schicksal in der Hand, sie sind das Zentrum aller wirt- schaftlichen Aktivitäten und des Klima- wandels“, so Brian Swett, Direktor des Bereichs Großstädte und nachhaltige Immobilien in Nord-, Mittel- und Süd- amerika für Arup Group, ein globales Unternehmen für Städtebau, -planung und -technologie, Beratung und technische Dienstleistungen. Die Arup Group, die auch das von Termiten inspirierte Eastgate Zentrum in Harare entwarf, hat vor kurzem im Zusammenhang mit der C40 Cities Climate Leadership Group eine Studie vorgestellt. Diese beschreibt die spezifischen Schritte, die 66 Groß- und Megastädte bereits implementiert haben, um den Klimawandel zu beeinflussen.
„Bürgermeister übernehmen mehr und mehr führende Rollen und waren auch bei den COP21-Gesprächen federführend“, so Swett. „Es war die größte Versammlung von Staatschefs und Bürgermeistern. Phänomenal.“

Experten sagen voraus, dass bis 2050 9,5 Milliarden Menschen die Erde bevölkern werden. 70% bis 80% dieser Menschen werden in Großstädten leben. Großstädte bedecken nur 3% der globalen Landfläche, stoßen aber 80% der globalen Treibhausgase aus, konsumieren 75% aller natürlichen Ressourcen und erzeugen die Hälfte der globalen Abfälle. „Wir haben eine einzige Generation Zeit, dieses Problem zu lösen“, so Swett.

CLEVERE TECHNIK FÜR DAS KLIMA

Intelligentes Wohnen bis hin zum intelligenten Autofahren: Technologien und die Menschen, die diese benutzen, tragen bereits heute auf vielfache Weise zur Klimaverbesserung bei. Experten sagen, dass es nun darauf ankomme, erfolgreiche Technologien drastisch zu skalieren.

„Beim intelligenten Wohnen und bei intelligenten Gebäuden sorgen digitale Technologien für eine Senkung des Energieverbrauchs und eine bessere Integration von erneuerbaren Energiequellen“, so Roberta Bigliani, Associate Vice President und Direktor für Europa, Mittlerer Osten und Afrika bei IDC Energy Insights. „Denken Sie nur an die sehr aktive Rolle, die viele globale Versorgungsunternehmen bei der Entwicklung von elektrischen Fahrzeugen und der zugehörigen Ladetechnologie mittels erneuerbarer Energiequellen, einschließlich dezentraler Quellen, spielen.“

„ES GIBT DREI GROSSE HEBEL, MIT DENEN WIR DEN WANDEL, ÜBER DEN WIR SPRECHEN, IN GANG SETZEN KÖNNEN: TECHNOLOGIE, FINANZEN UND POLITIK.“

JOEL MAKOWER VORSITZENDER UND CHEFREDAKTEUR, GREENBIZ GROUP

San Diego Gas & Electric in Kalifornien plant z.B. die Installation von 3.500 miteinander verbundenen Ladestationen für Elektroautos (EV), um das Ziel dieses US-Bundesstaates von 1,5 Millionen emissionsfreien Fahrzeugen bis 2025 zu erreichen. „Versorgungsunternehmen spielen eine grundlegende Rolle bei der Dekarbonisierung der Gesellschaft“, so Bigliani. „Sie können das Verhalten der Verbraucher positiv beeinflussen.“

Energieinnovationen erlauben außerdem, die Landwirtschaft in die Städte zu holen, was auch Transportkosten und damit zusammenhängende Kohlendioxidemissionen senkt.

Panasonic Factory Solutions Asia Pacific hat 2015 in Singapur, wo 90% des be- nötigten Obst und Gemüses importiert werden, eine erste High-Tech-Indoor-Farm gegründet, bei der Pflanzen in Erde her- angezogen werden. Sharp Corporation betreibt eine ähnliche Anlage in Dubai, um Erdbeeren zu produzieren. Sony, Toshiba und Fujitsu haben Halbleiter- fertigungsanlagen in Japan zur Hydrokultur- Anzucht von Gemüse für lokale Märkte umgebaut, und das Gemüse wächst doppelt so schnell wie im herkömmlichen Feldanbau. Das Unternehmen Green Sense Farms kann in seiner Anlage in Indiana, USA, auf 2.800 m2 und ohne Sonnenlicht, Erde, Regen, Pestizide oder Herbizide, alle zwei Wochen grünen Salat, Grünkohl, Rukola und Kräuter ernten.

„Wir planen 100 Anlagen in China und 50 Anlagen in den USA“, so Robert Colangelo, Gründer und CEO des Unter- nehmens. „Beim Indoor-Farming spielt das Wetter keine Rolle mehr. Auch Sonnenlicht ist unerheblich.“

LÖSUNGEN FÜR ENTWICKLUNGSLÄNDER

Seit Jahrhunderten bauen die Menschen an der Malabar-Küste im Staat Kerala im Südwesten Indiens Reis in Salzfeldern an, die oft unterhalb des Meeresspiegels liegen. Diese Szene bestärkt den Elektro- ingenieur und Experten für Versorgungs- betriebe C.M.A. Nayar, der in Kerala lebt, seine Regierung und Unternehmer über den erwarteten Anstieg des Meeres- spiegels eindringlich zu beraten.

„GROßSTÄDTE HABEN UNSER SCHICKSAL IN DER HAND, SIE SIND DAS ZENTRUM ALLER WIRTSCHAFTLICHEN AKTIVITÄTEN UND DES KLIMAWANDELS.“

BRIAN SWETT DIREKTOR DES BEREICHS CITIES AND SUSTAINABLE REAL ESTATE, AMERIKAS, ARUP GROUP

Indien ist durch geschäftige Städte und entlegene ländliche Bevölkerung, eine sich entwickelnde industrielle Wirtschaft, wachsenden Reichtum und steigende Bevölkerungszahlen gekennzeichnet. Nayar glaubt, dass Indien für Technologien der Kohlenstoffabscheidung und der Umwandlung von Biomasse und Abfälle in Energie und für Brennstoffe auf Wasser- stoffbasis bereit ist.

„Viel hängt davon ab, ob wir über den Tellerrand hinaus schauen und durch F&E innovative Lösungen finden können, die CO2-Recycling ermöglichen und die Wirt- schaft in Richtung Wasserstoff vorantreiben“, so Nayar. „Dies sollte in der Klimarahmen- konvention der Vereinten Nationen die höchste Priorität haben.“

Doch die Suche nach dem Kostenträger für solche Programme ist eine große Hürde. Das Dokument „World Energy Outlook Special Briefing for COP21“ weist darauf hin, dass der Energiesektor allein in den nächsten 15 Jahren 13,5 Billionen US-Dollar investieren soll, um die Forderungen des Übereinkommens von Paris zu erfüllen. Dabei sollen 8,3 Billionen US-Dollar für die Effizienzverbesserung im Verkehr, bei Gebäuden und in der Industrieverwendet werden, der Rest ist für die Dekarbonisierung des Energiesektors vorgesehen.

Nayars Empfehlungen für Indien sind präzise: Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen, bis mindestens ein Drittel des von herkömmlichen thermalen Stromkraftwerken erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt. Investition in Programme für die Kohlen- stoffabscheidung in Biomassekraftwerken und Müllverbrennungsanlagen. Implem- entierung von rechtlichen Rahmenbeding- ungen, die Verbraucher verpflichten, ökologische Energiesysteme in Wohnhäusern und Unternehmen zu installieren. Ent- wicklung eines dezentralen Energie- versorgungssystems im ganzen Land, insbesondere in entlegenen Dörfern. Investition in saubere Kohle- und Kohlen- stoffabscheidungstechnologien, damit etablierte Versorgungsunternehmen ihre Anlagen aufrüsten können.

„Dies sieht vielleicht wie Herkulesarbeit aus“, so Nayar. „Wenn wir einen integrierten Ansatz zur Abfallentsorgung und Stromerzeugung haben, ist diese Aufgabe aber durchaus zu bewältigen. Indiens Fähigkeit, auf den Klimawandel zu reagieren, hängt genau wie bei anderen Ent- wicklungsländern auch von den reicheren Ländern ab, die über die finanziellen Mittel und Technologien verfügen, die die armen Länder brauchen.“

POTENZIAL IN DER DRITTEN WELT

Joel Makower, Vorsitzender und Chef- redakteur der GreenBiz Group, Kalifornien, die auch den jährlichen Bericht „State of Green Business“ herausgibt, traf bei der Konferenz in Paris mit vielen CEOs zusammen. Er ist nicht nur davon überzeugt, dass Unternehmen verpflichtet sind, weniger reichen Ländern beim „Go Green“ helfen, sondern glaubt auch, dass diese Unternehmen davon wirtschaftlich profitieren werden.

„Viele Unternehmen haben extrem lange Lieferketten, die bis in Dörfer in Asien, Afrika und Südamerika reichen. Diese Dörfer stellen nämlich Produkte her, die wir in den USA, in Europa und in Japan kaufen“ so Makower. Diese Märkte befinden sich an der Basis der globalen wirtschaftlichen Pyramide und stellen gleichzeitig die zukünftigen Absatzmärkte dar. „Milliarden Menschen kommen neu in der Mittelklasse an, nicht in den USA sondern in Afrika, Indien und Südostasien“, so Makower. „Eine Lebensverbesserung dieser Menschen ist ganz einfach auch eine Verbesserung zukünftiger Märkte.“

Makower weist darauf hin, dass die Kon- ferenz in Paris sich in einem wichtigen Punkt von den anderen Konferenzen unter- schied. „Bei den Konferenzen in der Ver- gangenheit ging es vorrangig darum, wie viel dies alles kosten wird“, so Makower. „Dieses Mal ging es größtenteils um die Möglichkeiten. Es gibt drei große Hebel, mit denen wir den Wandel, über den wir sprechen, in Gang setzen können: Technologie, Finanzen und Politik. Ich glaube nicht, dass die Technologie eine Barriere darstellt, und eine Finanzbarriere sehe ich auch nicht. Daher ist die Politik der Bereich, um den wir uns kümmern müssen.“

DIE UHR TICKT /header>Einen Monat nach Rückkehr der COP21Delegierten haben Wissenschaftler vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien berichtet, dass die Hälfte der von Menschen seit 1865 verursachten Erwärmung der Ozeane in den letzten 18 Jahren erfolgte. Diese Erkenntnis verleiht der Arbeit der Klimakonferenz noch mehr Dringlichkeit. Die von Menschen verursachte Temperaturbelastung ent- spricht der Energiefreisetzung einer Hiroshima-Bombe pro Sekunde über 75 aufeinander folgende Jahre. Laut einem Artikel in CBC Canada gab das Lawrence Livermore-Team an, dass die Ozeane über 90% der von Menschen verursachten zusätzlichen Wärmeenergie absorbieren und immer weniger Energie aufnehmen können. In 2018 werden sich die Nationen, die sich in Paris getroffen haben, erneut zu- sammenfinden, um die bei der COP21 diskutierten Ideen zur Beschränkung der Emissionen erneut zu betrachten. Technologen in der ganzen Welt sind sich jedoch einig, dass viele der benötigten Lösungen bereits existieren. Was die Welt am meisten braucht, ist der Wille, diese Technologen global zu implementieren.

von Dan Headrick Zurück zum Seitenbeginn