COMPASS MAGAZINE #10
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Dienstleistungen und Finanzwesen KOMPLETT DIGITALISIERT: Automatisierung im Bankenwesen ist unerlässlich

Während Regulierungsbehörden mehr Transparenz fordern und Anteilseigner eine höhere Effizienz verlangen, sind Finanzdienstleister in vielen Bereichen ihres Geschäftsalltags noch immer auf umständliche manuelle Vorgänge angewiesen. Um alle Arbeitsschritte so effizient und übersichtlich wie Routinetransaktionen zu gestalten, benötigen Banken einheitliche Systeme, die sowohl Prozesse wie auch deren Dokumentation digital verarbeiten.

Tagtäglich fließen bis zu 74 Billionen US-Dollar entlang einer finanziellen Lieferkette, von der Milliarden von Menschen in 190 Ländern abhängig sind. Doch trotz großer Erfolge bei der vollauto­matischen Abwicklung (Straight-Through Processing = STP) von Zahlungen und Transaktionen bereitet es den Banken Schwierigkeiten, viele grundlegende Verwaltungsvorgänge, von Regelungsver­fahren bis zur Produktentwicklung, vollständig zu automatisieren.
Aber die Erwartungen der Kunden, der Regulierungsstellen und der Anteilseigner haben sich verändert und damit den Startschuss gegeben. Die Bankaufsichtsbehörden wollen mehr Transparenz, Regelkonformität und Übersicht; die Anteilseigner verlangen nach Kosteneffizienz und die digital versierten Kunden wünschen sich perfekten Service über viele Kanäle.

„Die Ereignisse von 2008 waren ganz eindeutig der Auslöser“, sagt Kevin Sullivan, Leiter der IT-Architektur bei State Street Global Advisors, der zweitgrößten Vermögens­verwaltung der Welt, in Anspielung auf den Zusammenbruch von Lehman Brothers, der beinahe das gesamte globale Finanz­system zerstört hätte. „Diese Ereignisse führten zu einer stärkeren Regulierungsaufsicht, die Risiko- und Auditkontrollen eine klare Priorität einräumten und damit auch eine höhere Automatisierung bedeuteten.“

 „Diese Ereignisse führten zu einer stärkeren Regulierungsaufsicht, die Risiko- und Auditkontrollen eine klare Priorität einräumten und damit auch eine höhere Automatisierung bedeuteten.“

GROSSE HÜRDEN, GROSSE VORTEILE

Robuste digitale Systeme haben unzählige Vorteile: verbesserte Transparenz, Nach­verfolgbarkeit und Datenzugriff; geringeres Fehler- und Manipulations­potenzial; mehr Innovation; kürzere Markteinführungszeiten und enorme Kosteneinsparungen.

„Ich würde schätzen, dass wir noch rund 35% bis 40% der restlichen manuellen Prozesse im Bankengeschäft automatisieren könnten, insbesondere an den Schnittstellen zwischen verschiedenen Systemen, wo manuelle Eingaben erforderlich sind“, sagt Nancy Atkinson, Senior Analyst bei der Aite Group, einer Beratungsfirma für Finanzdienstleistungstechnologie und -regulierung. „Es gibt also noch genügend Verbesserungspotenzial.“

Andere nennen sogar noch höhere Zahlen. „Obwohl wir bereits eine Vielzahl manueller Anweisungen aus dem System entfernt haben, glaube ich, dass noch rund 50% der übrigen manuellen Prozesse automatisiert werden könnten“, sagt Sullivan von State Street. „Durch die Automatisierung hat sich auch die Sicherheit erhöht, weil die Anzahl der Personen, die für manuelle Tätigkeiten einen Sicherheitszugang be­nötigten, reduziert werden konnte. Ich bin der Meinung, dass wir die Sicherheitsrisiken um über 30%, wenn nicht sogar um 50%, verringern konnten.“

Jan Paul van Pul, Leiter der Marktinfra­struktur bei der niederländischen Bank ABN Amro, sagt, dass ein Großteil der derzeitigen IT-Investitionen bei den Finanzdienstleistern durch die Regulierung erforderlich wurde. „Rund 50% bis 70% der strategischen IT-Investitionen von Banken entfallen auf Bereiche, die von Regulierungsvorschriften betroffen sind“, sagt er. „Der Rest dient der Kosten­optimierung, der Verbesserung der Kosten-Nutzen-Verhältnisse und der Innovationsförderung.“

PAPIER WIRD ÜBERFLÜSSIG

Viele zentrale Bankprozesse erfordern noch manuelle Tätigkeiten – insbesondere dort, wo Betriebs- und Verwaltungsabläufe, die Einhaltung regulatorischer und ge­setzlicher Bestimmungen und Steuerungs­abläufe informell gehandhabt werden.

Solche informellen Prozesse machen forensische Untersuchungen kostspielig und zeitaufwändig. Entscheidungen nach­zuverfolgen, die aufgrund von Telefonaten, E-Mails und Faxen getroffen wurden und die auf Tabellen basieren, bei denen nur wenige oder keine Vermerke darüber enthalten sind, was, warum von wem geändert wurde, bergen auch große Risiken für die Entscheidungsträger.

„ES IST MITTLERWEILE SEHR SCHWER, NEUE PROZESSE EINZUFÜREN, BEI DENEN MANUELLE ARBEITSSCHRITTE ERFORDERLICH SIND.”

SAILESH PANCHAL Leiter Funktionsbereich Zahlungsgestaltung, Lloyds Banking Group

Jedoch kann eine Bank, deren Führungs­kräfte auf einer einzigen Plattform zusammenarbeiten können, die auf strikten digitalen Protokollen und eingebetteten Dokumentationsverfahren einschließlich digitalen Signaturen gründet, leichter das Vertrauen der Regulierungs­behörden wecken. Umfangreichere digitale Prozesse bieten auch Vorteile für den Kundenservice und das Kundenverständnis.

„Papier wird nach und nach überflüssig“, sagt Sailesh Panchal, Leiter des Funktions­bereichs Zahlungsgestaltung bei der britischen Lloyds Banking Group. „Es ist mittlerweile sehr schwer, neue Prozesse einzuführen, bei denen manuelle Arbeitsschritte erforderlich sind. Innerhalb der Banking Group gibt es sehr strenge Richtlinien dagegen und man muss ein Zustimmungsverfahren durchlaufen, in dem man gute Be­gründungen dafür liefern muss.“

RENDITE DOKUMENTIEREN

Die Lloyds Banking Group in Großbritannien hat viel in die Überarbeitung ihrer IT-Systeme investiert. „Mit dem Upgrade auf integrierte IT-Systeme wurde in ungefähr 50 Fällen ein kompletter Austausch der bestehenden Dienste erforderlich“, sagt Panchal. „Einige Ergebnisse waren spektakulär. Beispielsweise dauerte das Eröffnen oder Schließen eines Kontos früher einige Stunden und jetzt nur noch wenige Augenblicke.“

Solche IT-Maßnahmen in ökonomisch unsicheren Zeiten zu rechtfertigen, war keine leichte Aufgabe. „Wir haben erkannt, dass es sich nicht zu rechnen scheint, wenn man jeden Prozess einzeln betrachtet“, so Panchal. „Aber als wir sie gruppiert haben, ergaben sich große Leistungspotenziale und genau dort machen wir Fortschritte.“

Banken, die sich voll vernetzen und digitalisieren, profitieren von der hohen Transparenz, dem Informationsaustausch und der Übersichtlichkeit. Zugleich eliminieren sie die Risiken und Kosten, die durch nicht verknüpfte, nicht nachvoll­ziehbare manuelle Prozesse entstehen. In fünf Jahren werden Banken wie ABN-Amro, State Street und Lloyds, die schon früh in die Digitalisierung ihrer Betriebsabläufe investiert haben, zu den Gewinnern gehören – und diejenigen, die die Automatisierung vernachlässigt haben, werden die Verlierer sein.

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von Charles Piggott

Charles Piggott ist Chefredakteur von Global Risk Regulator, a Financial Times publication on bank supervision and regulation. His articles have also appeared in The Banker, EuromoneyBusinessWeek, The Independent and The Wall Street Journal.

Charles Piggott ist Chefredakteur von Global Risk Regulator, einer Publikation der Financial Times über Bankenaufsicht und -regulierung. Seine Artikel sind auch in den Zeitschriften The Banker, Euromoney, BusinessWeek, The Independent und The Wall Street Journal erschienen.