COMPASS MAGAZINE #10
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LUFT- UND RAUMFAHRT Das Know-how der Luft-/Raumfahrt- und Verteidigungsbranche ist durch Pensionierungen und Entlassungen in Gefahr

Weil Verteidigungsetats immer weiter gekürzt werden und immer mehr erfahrene Mitarbeiter der Luft- und Raumfahrtindustrie sich dem Rentenalter nähern, läuft die Branche Gefahr, Jahrzehnte undokumentierten Wissens zu verlieren. Laut Fachleuten ignorieren viele Unternehmen die Gefahr, während andere intensiv nach Lösungen suchen.

Spezialisiertes Know-how, das über viele Jahre in der beruflichen Praxis erworben wurde, zu bewahren, ist eine Herausforderung für alle Branchen. Statistiken zeigen jedoch, dass der Luft-/Raumfahrt- und Verteidigungssektor stärker vom Wissensverlust bedroht ist als andere Branchen.

Laut der jährlichen Arbeitskräfteumfrage 2012 des Magazins Aviation Week & Space Technology wird sich bis 2015 die Zahl der Software- und Systemingenieure im rentenfähigen Alter in Luft- und Raumfahrtunternehmen fast verdoppeln, während die Verluste unter Mitarbeitern der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, Programm- Managern und Fertigungsarbeitern um 50% steigen werden. Zudem befindet sich die Branche in einem Schrumpfungsprozess; 2012 konnten die Luft- und Raumfahrtunternehmen nur die Hälfte ihrer offenen Stellen besetzen.

„Die Luft- und Raumfahrtbranche ist einmalig“, sagt Ronald D. Sugar, ehemaliger Vorsitzender und CEO der Northrop Grumman Corporation sowie Vorstandsmitglied bei drei multinationalen Unternehmen. „Nicht nur der Entwicklungszyklus für komplexe Waffensysteme ist sehr lang, die Lebensdauer eines solchen Systems kann manchmal so lang sein wie ein ganzes Menschenleben. Dies stellt natürlich besondere Herausforderungen an die Luft- und Raumfahrtbranche.“

SCHRUMPFENDE VERTEIDIGUNGSETATS

Luft-/Raumfahrt- und Verteidigungsprojekte brauchen Jahre bis zum Abschluss; Teams aus vielen verschiedenen Disziplinen verschieben dabei die Grenzen des Machbaren. Dabei werden immer seltener neue Programme angestoßen, besonders für staatliche Auftraggeber. Im Ergebnis wird zum bereits stattfindenden Verlust fähiger Mitarbeiter durch Pensionierungen wohl noch eine Entlassungswelle hinzukommen. Dadurch geht substanzielles Wissen verloren: Wissen, das sich nur durch jahrelange Fachausbildung, Arbeitserfahrung und auf dem Versuchsprinzip basierende technische Entwicklung erreichen lässt.

Viele Luft- und Raumfahrtunternehmen haben noch keine Systeme eingerichtet, um solches Fachwissen zu sichern, was angesichts des jüngsten Risikoindex von Lloyd's of London überrascht. Eine weltweite Umfrage unter mehr als 500 Unternehmensleitern und Vorstandsmitgliedern ergab, dass fehlende Talente und Fertigkeiten das zweitgrößte Risiko sind, dem Unternehmen heute gegenüberstehen. Nur der Verlust von Kunden wird als bedrohlicher angesehen.

Für Edward J. Hoffman, Leiter der Academy of Program/Project and Engineering Leadership der US-amerikanischen National Aeronautics and Space Administration (NASA) und bei der Behörde als Chief Knowledge Officer für die Bewahrung von Know-how zuständig, ist das ein bekanntes Bild. „Wir erhalten zahlreiche Bitten aus dem Privatsektor, beim Wissensmanagement Unterstützung zu leisten, aber die meisten Anfragen kommen von außerhalb der Luft- und Raumfahrtbranche“, sagt er.

Hoffmann vermutet, dass Luft- und Raumfahrtunternehmen die Risikominimierung selten als ein so dringendes Problem betrachten wie die Kostenkontrolle oder den Umgang mit Ausfuhrbestimmungen. Dort sei auch Verschwiegenheit eher ein Teil der Unternehmenskultur, um das Know- how im Unternehmen nach außen hin zu schützen. „Die Belegschaften der Luft- und Raumfahrtunternehmen haben viele Stärken, sind tendenziell aber eher individualistisch eingestellt und blind gegenüber den Fehlern der Vergangenheit, die eigentlich zu mehr Offenheit und Weitergabe des Gelernten führen müssten“, so Hoffman. Während viele Luft- und Raumfahrtunternehmen bei der Bewahrung von Wissen zurückliegen, ist dies für andere eine vorrangige Aufgabe; sie versuchen mittels vielseitiger Programme, Fertigkeiten zu sichern und messen die Wirksamkeit ihrer Anstrengungen. 

FÜHRENDEN UNTERNEHMEN FOLGEN

Rockwell Collins, ein 5 Milliarden US-Dollar schweres Kommunikations- und Luftfahrtelektronikunternehmen, setzt ein System ein, das andere Unternehmen als Benchmark verwenden. „Wissensmanagement ist jeden Tag unsere brennendste Aufgabe “, sagt Lynda Braksiek, bei Rockwell zuständig für Know-how und kritische Fertigkeiten.

„Für UNS IST WISSENSMANAGEMENT JEDEN TAG UNSERE BRENNENDSTE AUFGABE.”

LYNDA BRAKSIEK MANAGER OF KNOWLEDGE AND CRITICAL SKILLS, ROCKWELL COLLINS

Rockwells unternehmensweites Programm wurde 2001 gestartet und umfasst drei Hauptelemente. Zuerst bildete Rockwell Praxisgemeinschaften, in denen Gruppen von Mitarbeitern optimale Verfahren in einer breiten Reihe von Disziplinen miteinander teilen; 60% der ca. 75 Gemeinschaften sind auf Ingenieursdisziplinen ausgerichtet. Das zweite Element ist eine unternehmensweite Wissensbasis namens „ePedia“, in der Experten ihre optimalen Verfahren in dauerhaften Aufzeichnungen eingeben; die Informationen werden dann mit formalen Schulungsprogrammen verlinkt. Schließlich bietet Rockwell eine Expertensuche an, mit der sich Fachleute für ein bestimmtes Gebiet im ganzen Unternehmen auffinden lassen.

Bereits in den 1990igern hat die United Technologies Corporation (UTC) ihr System „Achieving Competitive Excellence“ (ACE) eingeführt, um Chancen zur Prozessverbesserung zu erkennen und Weltklasse-Qualität zu sichern. Seitdem wurde ACE um Werkzeuge und Prozesse zur Ressourcenplanung und zur Wissensbewahrung über das 53 Milliarden US-Dollar schwere Unternehmen hinweg erweitert.

„Ein Programm zu Bewahrung von Unternehmens-Know-how kann nur erfolgreich sein, wenn es einfach zu nutzen und langfristig ausgelegt ist“, kommentiert Michael McQuade, Senior Vice President of Science and Technology bei UTC. „Das heißt, das Wissen muss so festgehalten werden, dass es zugänglich bleibt und leicht zu aktualisieren ist.“

Im Mittelpunkt der Anstrengungen von UTC stehen 250 sog. „Technology Fellows“, die das wissenschaftliche Know-how des Unternehmens in ihrer jeweiligen Disziplin vollständig durchdrungen haben. Diese Fellows sind dafür verantwortlich, Wissensbewahrung und -transfer innerhalb der gesamten Organisation zu ermöglichen.

BEWAHRTES WISSEN FINDEN

Wie Rockwell und UTC versucht auch Northrop Grumman (NG), ein 25 Milliarden US-Dollar schwerer Hersteller von Raumfahrt- und Raketensystemen sowie von Elektronik für den Verteidigungssektor und unbemannte Luftfahrzeuge, aktiv seine Wissensprogramme zu stärken.

„Wir verfügen über eine große Ingenieursgemeinde, und da nach und nach immer mehr Mitarbeiter der Baby-Boomer-Generation in Rente gehen, gibt es für uns eine Menge Wissen zu bewahren“, sagt Douglas Hoskins, der in seiner Rolle als strategischer Leiter der technischen Entwicklung auch das Programm von NG anleitet.

Das System von NG weist jedoch eine Schwäche auf. Seine Suchfunktion erlaubt es den Nutzern nicht, Informationen schnell zu finden oder die Information mit dem größten Wert einzukreisen – eine Lücke, die das Unternehmen schließen möchte. „Das wird eine wichtige Verbesserung werden“, ist Hoskins überzeugt.

Aber Sugar, früherer CEO bei NG, glaubt, dass Wissensbewahrung allein zu eng gedachtist.„Die eigentliche Frage ist: Wie sorgen wir für eine Kultur der ständigen Innovation, wie sie sich im Ethos von Unternehmen wie Apple ausdrückt?“

Sugar merkt an, dass auf Toptalente nichts so anziehend wirke wie die Verheißung aufregender Forschungs- und Entwicklungsprojekte. „Natürlich ist es für die Unternehmen wichtig, rezeptartiges Wissen zu bewahren. Zu einer Siegerstrategie gehört aber auch, eine fruchtbare Umgebung zu schaffen, die für eine ständige Folge herausfordernder, kleinerer Projekte sorgt, in denen die Technologen kreativ involviert sind“, so Sugar. „Nur so baut man langfristige Werte auf, sichert sich eine motivierte Belegschaft und bleibt ein wettbewerbsfähiges Unternehmen.“

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von Tony Velocci
  • Tony Velocci, ehemaliger Chefredakteur des Magazins Aviation Week & Space Technology, hat zahlreiche journalistische Auszeichnungen erhalten, unter anderem den renommierten McGraw-Hill Corporate Achievement Award for Editorial Excellence.