COMPASS MAGAZINE #10
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OFFENE INNOVATION Ideen von außen können Innovationen in Unternehmen beflügeln

Genau wie Individuen entwickeln auch Unternehmen erprobte und bewährte Methoden, um mit Herausforderungen umzugehen und Chancen zu beurteilen. Egal wie erfolgreich diese „Standardbetriebsabläufe“ sind, sie versperren manchmal wie Scheuklappen die Sicht auf neue Ideen und bessere Arbeitsweisen. Die Miteinbeziehung von Außenstehenden – ein Prozess, der auch als „offene Innovation“ bekannt ist – kann dabei helfen, Innovationen anzuregen, Risiken zu reduzieren und Lösungen schneller zu erkennen und umzusetzen.

Vier Augen sehen mehr als zwei. Dieses Konzept ist bekannt und erklärt, warum Brainstorming in modernen Unternehmen so beliebt ist. Je mehr Menschen über ein Problem nachdenken, desto eher findet sich eine innovative Antwort.

Offene Innovation – ein Ansatz, den Henry Chesbrough, Gastprofessor an der Haas School of Business der University of California, Berkeley, in seinem Buch „Open Innovation: The New Imperative for Creating and Profiting from Technology“ aus dem Jahr 2003 erstmalig beschrieb – wendet diese Idee nicht nur für Menschen, sondern auch für Unternehmen an. Offene Innovation, auch bekannt als externe oder vernetzte Innovation, erlaubt Unternehmen, von einem geschlossenen Innovationsprozess, der nur auf interne Ressourcen zurückgreift, zu einem Ansatz überzugehen, der Innovation fördert, indem externe Ressourcen beteiligt werden.

„Offene Innovation ändert die heutige Geschäftswelt drastisch“, sagt Sandy Carter, General Manager für IBM Ecosystems und Social Business Evangelism. „Nicht nur für unsere Kunden, sondern auch für uns bei IBM intern.

MULTIPLIKATOREFFEKT

Mit der Ergänzung der intellektuellen Leistungsfähigkeit innerhalb eines Unternehmens durch Beiträge von Partnern, Kunden, Beratern, staatlichen Laboren, Crowdsourcing usw. vergrößern sich die Optionen für den gesteigerten Input und die Chancen, eine wirklich innovative Lösung zu finden, exponentiell. Mehr verfügbare Denkkraft zu haben, ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Unternehmen andere Unternehmen aufkaufen und strategische Partnerschaften bilden – um neue Ideen und neue Arbeitsweisen in eine etablierte Kultur zu bringen.

„Unternehmen können es sich nicht länger leisten, alleine zu werkeln“, schrieb Martin Curley, Vice President und Director von Intel Labs Europe, in „The Evolution of Open Innovation“, seinem „Letter from Industry“ an das Journal of Innovation Management. „Tatsächlich ändert sich der Wettbewerb dahingehend, dass es häufig nicht mehr darum geht, wie gut ein einzelnes Unternehmen oder eine einzelne Organisation ist. Jetzt ist es vielmehr die Stärke des Ökosystems, an dem sie beteiligt sind, die oft der entscheidende Faktor für großen Erfolg, Mittelmäßigkeit oder sogar Scheitern ist.“

Doch warum ist eine 12 Jahre alte Idee heute so relevant? Ein Grund ist die sich ändernde Art des Wettbewerbs. „Die historischen Methoden a la Kaizen, Innovationen zu iterieren, reichen einfach nicht mehr, um heute sein Geschäft vor den radikal denkenden und deutlich verschiedenen Newcomern im Markt zu verteidigen“, meint Gary Barnett, CTO des gemeinnützigen Umwelt- Startups AirSensa mit Sitz in Großbritannien.

„DIE STÄRKE DES ÖKOSYSTEMS, AN DEM [UNTERNEHMEN] BETEILIGT SIND, IST OFT DER ENTSCHEIDENDE FAKTOR FÜR GROSSEN ERFOLG, MITTELMÄSSIGKEIT ODER SOGAR SCHEITERN.”

MARTIN CURLEY VICE PRESIDENT UND DIRECTOR, INTEL LABS EUROPE

Ein zweiter Grund: Durch die Entstehung sozialer Netzwerke (intern wie extern), Social Listening Tools, Dashboards, unstrukturierte Datensuche, Crowd-Sourcing, Big Data-Analysen und ähnlichem ist es schneller und einfacher geworden, Input von Partnern, Kunden und der breiten Öffentlichkeit einzuholen, zu sammeln, zu analysieren und zu integrieren. Mit diesen Tools ist offene Innovation für fast jeden und fast überall möglich und erschwinglich geworden.

GESUNDER DIALOG

Besonders die sozialen Medien haben die Kommunikationskanäle weit geöffnet. Nie war es einfacher, auf das zu hören, was Kunden und Partner sagen, und entsprechend zu handeln. Intern eingesetzt helfen Tools im Stil der sozialen Medien Mitarbeitern dabei, Experten im Unternehmen zu finden oder Ideen in Umlauf zu bringen und Feedback aus der ganzen Firma zu bekommen. Es wird mehr kommuniziert, besonders zwischen Menschen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben, und so sprudeln Innovationen einfacher und häufiger an die Oberfläche.

Unternehmen müssen allerdings auch erkennen, dass diese Instrumente nur in einer Kultur funktionieren, die freies Denken und freies Reden fördert. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie zensiert, ausgeschlossen oder beurteilt werden, beteiligen sie sich nicht. Die Beteiligung muss außerdem transparent sein. Jedes Feedback ist wertvoll, niemand sollte mit seinem Beitrag abgewiesen werden.

Ein Weg, um die Beteiligung in Organisationen, denen offene Innovation noch fremd ist, anzuregen, ist die Ausrichtung von Wettbewerben, wie beispielsweise die von IBM unterstützten „Hackathons“, die Open Innovation Centers von Samsung, die Open Innovation Challenge von Nokia, die Innovation Fellows Competition von Philips und die Ecomagination Challenge von GE. Macher-Bewegungen, Fab-Labs, Innovationsnetzwerke, Ideen-Zentren und Crowdfunding-Plattformen bieten zusätzliche Möglichkeiten, um Inspirationen zu sammeln und die Mitarbeiter zu ermutigen, ihre Innovationsmuskeln spielen zu lassen.

KULTURELLE HERAUSFORDERUNG

Jedes Unternehmen, das sich einem Ansatz der offenen Innovation verschreibt, muss auch auf bestimmte, öfters vorkommende Stolpersteine gefasst sein. Die professionellen Wegbereiter von Innovation kennen diese Situation sehr gut. „Die interne Kultur kann beispielsweise eine wesentliche Herausforderung für das Fördern einer innovativen Umgebung sein“, sagt Martin Duval, President und COO des französischen Dienstleisters für offene Innovation Bluenove.

Interne Innovatoren und Beeinflusser sind von entscheidendem Einfluss, doch jahrelange Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge können zu Voreingenommenheit und Widerstand führen. Sandy Carter von IBM erzählt die Geschichte eines nicht-amerikanischen Unternehmens, das ein Team entsandte, um sich offene Innovation bei Unternehmen aus dem Silicon Valley anzuschauen. Das Team kehrte von seinem Besuch zurück, voller Ideen für Verbesserungen – und stieß auf eine Mauer des Widerstands. Ein Jahr später hatte jeder einzelne von ihnen, frustriert durch die Widerstände und das Desinteresse in seinem Unternehmen, aufgegeben.

„Wir müssen jedem zuhören, der redet, und mit jedem reden, der zuhört“, erklärt Barnett. Besonders wichtig ist es hierbei, den jüngsten Mitgliedern eines Unternehmens zuzuhören. „Die Jungen helfen uns dabei, nicht mehr in die Falle zu tappen, immer auf die zu hören, die genauso falsch wie wir selbst liegen.“ Die Generation Y, die technisch am meisten bewanderte Generation der Geschichte, sieht häufig Möglichkeiten, die erfahrene Experten vielleicht nicht berücksichtigen – die Arten von Möglichkeiten, die radikale Veränderungen erlauben.

Letztendlich ist der beste Weg zu einer Kultur der Innovation, offen für neue Ideen, Plattformen und Methoden zu sein, die sie möglich machen. Moderne Technologien machen offene Innovation leichter als je zuvor. Am wichtigsten ist es jedoch, dass fortschrittlich denkende Menschen Chancen mit frischem, offenem Blick betrachten.

Allan Behrens ist Geschäftsführer von Taxal, einem Anbieter von Analyse-, Beratungs-, Forschungs- und Geschäftsdiensten für IT-User, Produkt- und Servicedienstleister. Er ist im Vorstand des britischen Manufacturing Services Thought Leadership Network, ehemaliger Vorsitzender des Engineering Solutions Forum und Vizevorsitzender der Computer Suppliers Federation. Behrens befürwortet die rentablere Nutzung von Technologie in der europäischen Produktion.

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